Steffen Mensching

 4 Sterne bei 23 Bewertungen
Autor*in von Jacobs Leiter, Lustigs Flucht und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Steffen Mensching, geb. 1958 in Berlin, studierte an der Humboldt-Universität Berlin Kulturwissenschaft und arbeitete viele Jahre als freiberuflicher Autor, Schauspieler und Regisseur. Mit Hans-Eckhardt Wenzel tourte er mit Clownsprogrammen. Seit 2008 ist er Intendant am Theater Rudolstadt. Für seinen Roman »Schermanns Augen« (2018) – Christoph Hein nannte ihn einen »Jahrhundertroman« – erhielt er den Erich-Fried-Preis und den Preis der Uwe Johnson-Gesellschaft. 2022 wurde ihm der Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung verliehen.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Steffen Mensching

Cover des Buches Lustigs Flucht (ISBN: 9783746623054)

Lustigs Flucht

 (5)
Erschienen am 01.02.2007
Cover des Buches Hausers Ausflug (ISBN: 9783835353053)

Hausers Ausflug

 (4)
Erschienen am 27.07.2022
Cover des Buches Schermanns Augen (ISBN: 9783835333383)

Schermanns Augen

 (4)
Erschienen am 30.07.2018
Cover des Buches In der Brandung des Traums (ISBN: 9783835339385)

In der Brandung des Traums

 (1)
Erschienen am 08.03.2021
Cover des Buches Mit Haar und Haut (ISBN: 9783351030742)

Mit Haar und Haut

 (1)
Erschienen am 01.03.2006
Cover des Buches Ohne Theo nach Lodz (ISBN: 9783937088044)

Ohne Theo nach Lodz

 (0)
Erschienen am 01.03.2006
Cover des Buches Pygmalion (ISBN: 9783746621746)

Pygmalion

 (0)
Erschienen am 01.09.2005
Cover des Buches Schermanns Augen (ISBN: 9783442718559)

Schermanns Augen

 (0)
Erschienen am 09.08.2021

Neue Rezensionen zu Steffen Mensching

Cover des Buches Hausers Ausflug (ISBN: 9783835353053)
AlexanderPreusses avatar

Rezension zu "Hausers Ausflug" von Steffen Mensching

Ein groteskes Szenario - spannend erzählt
AlexanderPreussevor einem Jahr

Was für eine Situation! David Hauser, Begründer und CEO eines Unternehmens namens Airdrop, findet sich unversehens in seinem eigenen Produkt wieder. Eine Kiste, die aus einem Flugzeug vollautomatisch über dem Zielort abgeworfen wird, an einem Fallschirm zur Erde gleitet und dort den Insassen möglichst unversehrt absetzt. Bei dem Insassen handelt es sich gewöhnlich um einen Flüchtling, der in seine Heimat abgeschoben wird.

Nun findet sich Hauser selbst in dieser Lage wieder. Natürlich vermutet er eine heimtückische Aktion hinter seinem Schicksal; es liegt auf der Hand, dass diese Art der Rückführung massive Kritik ausgelöst hat, auch in seinem persönlichen Umfeld.Der altlinke Vater etwa, Schriftsteller, der sich über seinen Sohn aufregt, dennoch seine finanzielle Unterstützung klaglos annimmt - Mensching nimmt das zum Anlass, bigotte Welthaltungen ein wenig aufs Korn zu nehmen.

Die Haupthandlung schwankt zwischen völliger Orientierungslosigkeit, Action, grotesken Situationen und einer endlosen Kette an Fragen und Vermutungen. Auf diese Weise wird die Isolation Hausers wunderbar in Szene gesetzt, der Leser darf daran teilhaben und sich mit wohligem Schauder ausmalen, wie es ihm selbst wohl in ähnlicher Lage ergehen würde.

Spoilern werde ich hier nichts. Den Handlungsverlauf und das Ende finde ich gelungen und in seiner Entwicklung sehr gut nachvollziehbar. Hausers Ausflug ist inhaltlich weit weg von Menschings Opus Magnum, Schermanns Augen, er hat es mit Hausers Ausflug geschafft, sich davon zu emanzipieren.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung!]

Cover des Buches Hausers Ausflug (ISBN: 9783835353053)
Julia79s avatar

Rezension zu "Hausers Ausflug" von Steffen Mensching

Rollentausch
Julia79vor einem Jahr

David Hauser ist als CEO der Firma AIRDROP ein erfolgreicher Geschäftsmann. Dass er sich Feinde mit dem Unternehmen, das Transportboxen für die Heimführung unerwünschter oder krimineller Asylbewerber in ihr Herkunftsland gemacht hat, wird ihm spätestens bewusst, als er in einer ebensolchen Box irgendwo im nahen Osten abgeworfen wird. Er trägt fremde Kleidung, sein Pass weist ihn als syrischen Staatsbürger namens Walid Said aus. Ausgestattet mit der üblichen Notration an Nahrungsmitteln kämpft der Ausgestoßene schon bald ums Überleben. Seine einzige Chance ist der Weg in irgendeine Art Zivilisation, doch wenn er hier im Nirgendwo auf Menschen trifft, werden sie Freund oder Feind sein?  


Nach anfänglichen Schwierigkeiten aufgrund der kurzen Sätze, der Sachlichkeit der Sprache und der Ausführlichkeit der Schilderungen in allen Einzelheiten (da ist allerhand Unappetitliches dabei) bin ich nach um die 60 Seiten in einen Lesesog geraten. Die Sachlichkeit zeigte sich nun als Ausdruck von Hausers Naturell, die Beschreibung der Ausscheidungen und dergleichen gehörte zum Gesamtbild dieser Odyssee. Ich war mit David Hauser in der kargen Landschaft unterwegs. Mithilfe der personalen Erzählperspektive lernte ich ihn und seine Ansichten währenddessen sehr gut kennen. Zunächst hat man rasch ein Urteil gefällt über den Erfinder einer Abschiebebox, mit der Flüchtlinge und Straftäter, die ihr Heimatland nicht zurückhaben möchte, schlicht dorthin liefert. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. 

Zeitpunkt der Handlung ist die nahe Zukunft, das Jahr 2028. Was sich bis dahin flüchtlingspolitisch auf der ganzen Welt abgespielt hat, wird angerissen. David Hauser mag eine verachtenswerte "Lösung" für das Problem gefunden haben, doch er hat diesen Bedarf nicht geschaffen. Ist er verantwortlich? Schnell ist man versucht, eine moralische und ethische Einordnung vorzunehmen. Was für ein verabscheuungswürdiger Mensch! Aber wäre die Welt nicht, wie sie ist, würden solche Boxen keine Anwendung finden.. Mehrmals wird einem die eigene Meinung von Steffen Mensching vor Augen geführt, ein klares Urteil erschwert. Was ist Menschlichkeit? Habe ich Mitleid mit David Hauser oder bin ich doch teilweise schadenfroh? 

Cover des Buches Schermanns Augen (ISBN: 9783835333383)
AlexanderPreusses avatar

Rezension zu "Schermanns Augen" von Steffen Mensching

Episch in jeder Hinsicht
AlexanderPreussevor 2 Jahren

Rezension von meinem Blog www.schreibgewitter.de

Es fällt nicht leicht, eine passende Begrifflichkeit für diesen Roman zu finden. Epos ist treffend, aber auch etwas abgeschmackt. Monster erscheint zu negativ, obwohl das Monströse des Lebens zwischen faschistischem Amboss und stalinistischem Hammer eine wesentliche Rolle spielt. 

Außerdem fiele dabei unter den Tisch, wie die beiden Protagonisten aus ihrer eigenen, zum Teil lichteren Vergangenheit berichten, während sie in einem der unzähligen sowjetischen Gulags ihr Dasein fristen. Denn „Schermanns Augen“ von Steffen Mensching ist nur zu einem (großen) Teil Lagerliteratur und spielt in der menschenverachtend brutalen, absurden Welt der Zwangsarbeitscamps. 

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter.“

Bergwerk nannte es die Süddeutsche Zeitung – eine Notlösung, die immerhin den Vorzug hat, Dimension und Unerbittlichkeit des Inhalts anzudeuten. Viele andere Reaktionen nutzen ein feuilletonistisches Vokabular, das viel zu meinen scheint, in diesem Fall eher hilft,  eine gewisse sprachliche Hilflosigkeit zu überdecken. 

Der Roman hat mich in seinem Ausmaß überwältigt und gefesselt, zum Weiterlesen getrieben, wie es nur außergewöhnliches Erzählen schafft. Während des Lesens habe ich das Bedürfnis gespürt, „Schermanns Augen“ gleich nach dem Ende noch einmal von vorn zu beginnen. Eine Seltenheit. 

„Wäre das die Wahrheit, müsste am Ende alles falsch sein. Das ganze Land. Nur Theater.“

Der Klappentext von Schermanns Augen hat mich dabei gar nicht so sehr angesprochen. Rafael Schermann, titelgebender Protagonist, ist Psychographologe, der – boshaft formuliert – Handlesen aus der Schrift betreibt. Wahrsagerei aller Art, Spintisieren sind mir zuwider, ich mag keine Clowns, auch nicht jene, die mit Glaskugel, Kaffeesatz oder Handlinien hantieren. Und auch Schermanns Ansatz, aus der Schrift Dinge herauszulesen, die Auskunft über die Persönlichkeit ihres Urhebers zulassen, ist mir nicht geheuer.

Doch hat der Autor Steffen Mensching einen gestalterischen Geniestreich vollbracht und Schermann den in Stalins Schattenreich geflohenen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn als zweiten Protagonisten zur Seite gesellt. Im Paradies der Arbeiter und Bauern macht dieser bald einschlägige Erfahrungen mit dessen real existierendem Unterdrückungs- und Vernichtungsregime.

„Du, Otto Haferkorn, bist dagegen nur ein Stück Scheiße.“

Eine Buddy-Geschichte entfaltet sich, ein gläubiger Materialist und ein von allem naiven Glauben längst abgefallener Schriftdeuter werden von den Umständen, dem Zufall und dem Kommandanten des Lagers Artek zusammengezwungen und müssen sich in der lebensfeindlichen Umwelt behaupten. 

Ein wundervolles Setup für unendlich viele Erzählungen innerhalb der Geschichte, kurze und weite Schleifen in die Vergangenheit und Fingerzeige auf die hanebüchene Zeit und ihre fürchterlichen Folgen für die Menschen, die das Unheil erdulden mussten.

Mit ungeheurer Eindringlichkeit erlebt der Leser den Beginn des Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen im September 1939. Mensching schildert die Ereignisse in den Tagen vor und nach Kriegsbeginn aus der Sicht Schermanns, der versucht, sich und seine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch wo gäbe es so etwas wie Sicherheit in einem Land, das nur noch wenige Wochen existieren sollte? 

„Treffen sich zwei Juden auf der Brücke nach Przemysl, in der Mitte des Flusses, der eine läuft nach Osten, der andere nach Westen, rufen sich beide im Chor zu: Meschuggener, spring doch gleich ins Wasser, du rennst in dein Unglück.“

Auch die Flucht in den Osten Polens, in den Stalins Rote Armee einmarschiert ist, bietet keinen Schutz. Im Gegenteil: Hüben wie drüben beginnt für die Menschen in dem ausgelöschten Staat, nicht nur für die Juden, jahrelanges Leid. Für Schermann und seine Frau war es zu spät für eine Flucht und und sie landen im sowjetischen Lagersystem, werden getrennt und Schermann spült es in das Lager Artek. 

Die Erzählung wirft ein Schlaglicht auf Erfahrungen, die gegenwärtig so viele Menschen rund um die Welt machen – die Ablehnung und völlige Ignoranz ihrem Leid gegenüber eingeschlossen. Die Stimmung, das Chaos, Verzweiflung und jener unendlich gestufte Strauß an einander ausschließenden Hoffnungen entfalten eine gehörige Wucht. Wie schnell eine Welt zerbrechen kann, die eben noch unzerstörbar schien! 

An einigen Stellen gibt es zu viel Schlagsahne. Eine zu große Masse an Namen, ein etwas zu ausschweifender Rückblick, der zu weit vom Geschehen fortlenkt und den Leser aus dem Erzählstrom wirft. Es wäre nicht nötig gewesen, so weit ins Detail zu gehen, um die Welt, die schon zwischen 1914 und 1918, aber endgültig nach 1939 untergegangen war, mit dem Dasein in der sowjetischen Lügenwelt zu kontrastieren. 

„Der Feldscher würde, ohne mit der Wimper zu zucken, den Totenschein ausfüllen. Exitus durch Schwächung der Herzmuskulatur. Das Standardbulletin. Passte bei Typhus, Ruhr, Pellagra, Wundbrand, Schädelfrakturen, Quetschungen, inneren Blutungen, Schussverletzungen, auch bei Würgemalen am Hals.“

Im Lager geht es zu, wie es in allen Lagern rund um den Erdball zugeht, mit einer unverkennbar landestypischen Note, in diesem Fall der stalinistischen. Häftling Otto steht oft ohne Erklärungen oder bestenfalls mit einem bunten Strauß von Vermutungen und Zweifeln im Angesicht von Entwicklungen in- und außerhalb der Stacheldrahtzäune. 

Gerüchte, Vermutungen und Geschwätz ersetzen Wissen oder gaukeln es vor, hilflose Machtspielchen der Ohnmächtigen. So erfahren die Häftlinge erst zwei Wochen nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion von dem Überfall. 

Inmitten dieser menschenverachtenden Welt hat Mensching jene kostbaren zwischenmenschlichen Ausnahmen eingestreut, von denen die Erinnerungen vieler Lagerinsassen zeugen. Auch das macht „Schermanns Augen“ zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis. 

„Schermanns Augen“ ist ein wundervolles Spiel mit dem Begriff der Lüge. Das gesamte stalinischte Sowjetreich basierte auf ideologischen „Wahrheiten“, die in einer Flut von verlogenen Begriffen über die Menschen niederging und ihre Lebensrealität in einem erbarmungslosen Unterdrückungs-, Vernichtungs- und Zwangsarbeitssystem verhöhnten. Schermann ist eigentlich ein „Lügner“, ein Gaukler, der jedoch so oft die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt. 

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