Seit 2014 bringt der Penguin-Verlag eine Buchreihe heraus, die "Penguin Monarchs". Es handelt sich um Kurzbiographien aller englischen und britischen Könige und Königinnen seit dem 11. Jahrhundert. Die Reihe beginnt mit den letzten angelsächsischen Herrschern vor der normannischen Eroberung. Auch Oliver Cromwell ist ein Band gewidmet. Mittlerweile sind mehr als drei Viertel der 45 geplanten Bände erschienen. Bald wird die Reihe vollständig sein. Die Bücher sind kleinformatig (13x18,5 cm) und umfassen maximal 150 Seiten. Sie enthalten farbige Abbildungen, Stammtafeln und kommentierte Literaturhinweise. Auch wenn eine entsprechende Angabe fehlt, ist davon auszugehen, dass sich die Bände an historisch interessierte Laien richten, die sich rasch über das Leben der englischen Monarchen informieren wollen. Als Konkurrenz zur renommierten Biographienreihe "Yale English Monarchs", deren Bände eher für den wissenschaftlichen Gebrauch in Frage kommen, sind die "Penguin Monarchs" nicht gedacht. Interessant ist die Reihe dennoch, denn der Verlag hat zahlreiche bekannte Historikerinnen und Historiker als Autoren gewonnen. Damit ist sichergestellt, dass sich die einzelnen Kurzbiographien auf der Höhe des heutigen Forschungsstandes bewegen.
Für den ältesten Sohn eines Königs, den Thronfolger, gibt es nichts Schlimmeres, als jahrzehntelang auf den Tod des eigenen Vaters warten zu müssen. Erhält der Thronfolger keine sinnvollen Aufgaben, so kann das Leben im Wartestand zu einer zermürbenden Herausforderung werden. Die Geschichte der britischen Monarchie kennt mehrere Thronfolger, die über Jahrzehnte hinweg im Schatten ihres Vaters oder ihrer Mutter standen und ihre besten Jahre längst hinter sich hatten, als sie endlich die Krone erbten. Eduard VII. war 60, als er 1901 seiner Mutter, Königin Viktoria, auf den Thron folgte. Prinz Charles, der gegenwärtige Thronerbe, hat die 70 überschritten. Da sich seine Mutter, Königin Elisabeth II., anscheinend noch immer guter Gesundheit erfreut, ist mit einem baldigen Thronwechsel nicht zu rechnen. Zu den britischen Monarchen, die allzu lange auf die Krone warten mussten, gehört auch Georg IV. (1762-1830), der vierte König aus dem Hause Hannover. Als Georg IV. 1820 nach dem Tod seines Vaters, Georgs III., den Thron bestieg, war er bereits 58 Jahre alt. Bei seinem Herrschaftsantritt war Georg IV. ein körperlich verbrauchter, vorzeitig gealterter Mann. Seine Regierungszeit verlief glanzlos. Da er sich nicht für Politik interessierte, ließ er seinen Ministern freie Hand. Sein zügelloses und skandalreiches Leben als Thronfolger hatte ihn bei den Briten nachhaltig unbeliebt gemacht, und als er 1830 starb, weinte ihm niemand eine Träne nach. Georg IV. war den Briten peinlich; sie schämten sich für ihn.
Der schlechte Ruf, den Georg IV. zu seinen Lebzeiten genoss, wirkt bis heute nach. Georgs Exzesse und Verfehlungen als Thronfolger lassen sich nicht wegreden oder beschönigen. Nur selten war Georg IV. Gegenstand einer seriösen Biographie. Die vergleichsweise kurze Regierungszeit von zehn Jahren wirkt wie ein belangloser Epilog im Vergleich zu den vorhergehenden Jahrzehnten im Wartestand. Auch Stella Tillyard, die Verfasserin des vorliegenden Bandes, versucht sich nicht an einer Rehabilitierung Georgs IV. Ein solches Unterfangen wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Gleichwohl begegnet Tillyard dem Thronfolger und König mit Verständnis und einem gewissen Maß an Sympathie. Georg IV. war gesellig, charmant, geistreich und kommunikativ, ein feinsinniger Ästhet und Kunstsammler. Die Tragödie seines Lebens bestand darin, dass er als Thronfolger von seinem Vater keine politischen Aufgaben zugewiesen bekam. Georg III. verwehrte seinem ältesten Sohn auch eine militärische Laufbahn. Den Mangel an sinnvoller Betätigung kompensierte der Prinz von Wales mit Schlemmerei, hemmungsloser Verschwendungssucht und ungezählten Liebschaften. Sein liederlicher und anstößiger Lebenswandel rief in der Öffentlichkeit immer wieder lautstarke Empörung hervor. Mehrfach musste das Parlament hohe Summen bewilligen, damit der Prinz von Wales seine ausufernden Schulden abzahlen konnte. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war angespannt und von wechselseitiger Abneigung geprägt. Georg III. lebte bescheiden wie ein einfacher Landedelmann. Sein ältester Sohn verkörperte alles, was er ablehnte und missbilligte. Doch Georg III. erkannte nicht, dass er eine Mitschuld trug am Lotterleben des Thronerben.
Eine Biographie Georgs IV., mag sie knapp gehalten oder umfangreich sein, bietet keine erbauliche, geschweige denn vergnügliche Lektüre. Tillyard zeichnet das Porträt eines Mannes, der seine unzweifelhaft vorhandenen Talente und Fähigkeiten nicht nutzbringend einzusetzen vermochte. Das war zum einen persönlichen Schwächen geschuldet, Trägheit und Disziplinlosigkeit, zum anderen dem eigentümlichen Status als Thronfolger. Als Prinz von Wales hatte Georg keinen verbrieften Rechtsanspruch auf Beteiligung an der Herrschaft und politische Betätigung. Je länger das Leben im Wartestand dauerte, desto schwerer fiel es den Briten, den Thronerben ernst zu nehmen. Georgs Mätressenwirtschaft, kulinarische Exzesse und Schuldenmacherei boten unerschöpflichen Stoff für boshafte Karikaturen und derbe Spottverse. Die überstürzt geschlossene Ehe mit Prinzessin Karoline von Braunschweig mündete in eine Katastrophe. Bald nach der Geburt der einzigen Tochter Charlotte gingen die Eheleute getrennte Wege. Zwar führte Georg ab 1811 die Regentschaft für seinen schwer erkrankten Vater, doch politischen Gestaltungswillen legte er nicht an den Tag. Als König lebte Georg IV. notgedrungen in Zurückgezogenheit, denn gesundheitliche Probleme überschatteten seine letzten Lebensjahre. Als er im Juni 1830 starb, fand sich niemand, der ein gutes Wort für ihn hätte einlegen mögen. "Welches Auge weint um ihn? Welches Herz verspürt aufrichtigen Kummer?", hieß es mitleidlos in einem Nachruf der Londoner "Times".
Stella Tillyards Bändchen ist hervorragend geschrieben. Die britischen Könige aus dem Hause Hannover sind hierzulande kaum bekannt. Innerfamiliäre Konflikte durchziehen die Geschichte der Dynastie, vor allem Spannungen zwischen Vätern und Söhnen. Auch Georg IV. wurde zum Opfer dieser Konflikte, wie Tillyard anschaulich zeigt. Es drängt sich die Frage auf: Was für ein König wäre Georg IV. geworden, wenn er die Krone schon mit 18 oder 28 geerbt hätte, nicht erst mit 58 Jahren? Da er so ungewöhnlich lange auf den Thronwechsel warten musste, konnte er sich der Nachwelt nicht durch positive Leistungen empfehlen. Stattdessen ist er nur als Dandy, Lebemann und Schwerenöter in Erinnerung geblieben, als liebenswürdiger Taugenichts.
(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Dezember 2019 bei Amazon gepostet)

