Man gerät in eine männliche Welt. Das ist halt zu erwarten, wenn man ein Buch von einer männliche Autorenschaft ergreift. Die Sprache ist schön, nicht hektisch. Nicht alles ist wirklich so genau erläutert. Muss nicht, es ist Unterhaltung. Ich weiß von vornerein, dass ich mich im Phantastischen befinde und begreife, dass hier jemand sein Lebenswünsche und -träume verarbeitet und andere daran teilhaben lässt. Es ermuntert, es mit sich auch mal zu versuchen.
Sten Nadolny
Lebenslauf
Bedeutende deutsche Literatur: Sten Nadolny wird 1942 in Zehdenick im heutigen Brandenburg als Sohn zweier Schriftsteller geboren. Er verbringt seine Kindheit in Oberbayern und beginnt nach dem Abitur ein Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Göttingen, Tübingen und Berlin. Er promoviert an der Freien Universität zu Berlin und erhält 1976 den Doktortitel. Danach schlägt er sich mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten durch das Leben. Er fährt Taxi, arbeitet vorübergehend als Strafvollzugshelfer und wird für ein Jahr Geschichtslehrer, bis er sich schließlich als Aufnahmeleiter im Filmgeschäft betätigt. 1981 veröffentlicht er mit „Netzkarte“ seinen ersten Roman. Das Buch basiert auf einem Drehbuch, welches nie vollendet wurde. Für sein Werk „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von 1983 erhält Sten Nadolny den Ingeborg-Bachmann-Preis. Die Eigenschaft der Langsamkeit soll darin das Gefühlvolle, Menschliche und Natürliche symbolisieren, das im Gegensatz zur rationalisierten, unmenschlichen Leistungsgesellschaft steht. Sten Nadolny gewinnt zahlreiche weitere Auszeichnungen, wie 1985 den Hans-Fallada-Preis, 1995 den „Ernst-Hoferichter-Preis“ sowie 2005 den „Mainzer Stadtschreiberpreis“. Sein autobiographisches Buch „Putz- und Flickstunde - Zwei Kalte Krieger erinnern sich“ aus dem Jahr 2009, das er gemeinsam mit dem ostdeutschen Schriftsteller Jens Sparschuh geschrieben hat, erzählt die Erfahrungen beider Schriftsteller in der Bundeswehr und NVA während des kalten Krieges. Sein 2012 veröffentlichter Roman "Weitlings Sommerfrische" schafft es auf die Longlist des deutschen Buchpreises. Sten Nadolny lebt derzeit in Berlin.
Neue Bücher
Alle Bücher von Sten Nadolny
Die Entdeckung der Langsamkeit
Weitlings Sommerfrische
Netzkarte
Selim oder Die Gabe der Rede
Ein Gott der Frechheit
Das Glück des Zauberers
Ullsteinroman
Er oder Ich
Neue Rezensionen zu Sten Nadolny
Ich mochte den doch recht männerzentrierten Roman sehr. Er ist feinsinnig, reflektiert und ab und an herrlich komisch. Die alten Männer, die sich über eine Frau entfremden, scheinen zwar ab und an vorhersehbar zu handeln, aber sie sind sympathisch und nur allzu menschlich. Gelungen fand ich die Geschichte in der Geschichte, das Spiel mit dem Erzähler und Autor, die dadurch entstehenden doppelten Böden. Und zuletzt steht die Erkenntnis, dass man sich einfach nicht so ernst nehmen sollte. Freundschaften hingegen schon.
Der Schriftsteller Michael und sein Freund, der Schauspieler Bruno, teilen auf einer Bahnreise bis Venedig ein Abteil mit der jungen Kunststudentin Marietta. Sie scheint vor etwas oder jemandem zu fliehen und verschwindet nach einigen Tagen spurlos. Nach vielen Jahren taucht sie bei einer Lesung von Michael auf. Sie sitzt im Rollstuhl und Michael spürt, er will und muss sich um die traumatisierte Frau kümmern.
Diese Story ist herrlich verschachtelt und wenn man nicht gut aufpasst, kann man sich ein wenig verlaufen. Dennoch ist das Hören und sicher auch Lesen ein echter Genuss. Ein paar spitze Bemerkungen zum Zeitgeschehen, zur Politik, zum Lifestyle mögen etwas unpassend wirken, runden die Story dennoch gar nicht mal so übel ab. Zu den beiden Freunden gesellt sich ein Schulfreund, Titus, der in seiner Funktion als Drehbuchautor die Fäden der Story für den Leser und Hörer quasi zusammenknüpft.
Alles startet kurz vor dem Jahrtausendwechsel und zieht sich bis in die Gegenwart, ins Jahr 2024. Das gibt dem Autor natürlich sehr viel Spielraum für die Darstellung von all den Veränderungen, die in fast 30 Jahren doch bei jedem stattfinden, ob man das nun möchte oder nicht. Dazu nutzt er prägende, zumeist politische, Ereignisse und auch Filme. Eine gelungene und auch fordernde Strategie.
Obwohl sehr viel Humor in dieser Geschichte steckt, auch ganz viel Gefühl, Liebe, ist auch Schmerz, Melancholie, Fassungslosigkeit zu finden. Somit spiegelt sie erschreckend gut das wahre Leben wider. Noch dazu ist alles so herrlich undramatisch erzählt, dass die eigentliche Wirkung, der Effekt der harten Realität, mit Verspätung einsetzt und so noch heftiger einschlägt.
Die Wendungen machen nicht immer glücklich, doch genau so ist ja auch das Leben. Die Story ist nicht locker-flockig-leicht, aber bereichernd. Daher finde ich auch die Stellen, die weniger angenehm sind, genau richtig. Eine tolle Lektüre, besonders als Hörbuch, von Peter Kaempfe genial eingelesen. Fünf Sterne!
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Zusätzliche Informationen
Sten Nadolny wurde am 29. Juli 1942 in Zehdenick (Deutschland) geboren.
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