Lyrik von Schwarzen Menschen vor dem 20. Jahrhundert ist selten zu finden. Hermlin hat sich in der sowjetischen Besatzungszone nach dem zweiten Weltkrieg aufgemacht schwarze Dichterinnen und Dichter zu entdecken und ihre Werke für die Nachwelt auch in deutscher Sprache zu erhalten. Nun ist diese etwas in Vergessenheit geratene Sammlung neu herausgebracht worden, mit Anmerkungen der Herausgeber, Biografien der Dichter und Einordnungen versehen sowie einem Nachwort von Heinrich Detering ergänzt .
Den Herausgebern geht es hier nicht um eine qualitative Einschätzung, sondern mehr um die Wichtigkeit dieser Texte und der genausten Übertragung aus dem Original. Gleich zu Beginn lesen wir eine Einordnung, bezogen auf die historische Genauigkeit des Werks, auch was die abwertende Wortwahl betrifft, die von den Lyriker*innen in Selbstbezeichnung verwendet wurde. Die Herausgeber tragen dem Rechnung, indem sie vom Untertitel des Originals abweichen und bei ihren Ergänzungen auf diskriminierende Wortwahl verzichten. Ein abgedrucktes Faksimile des Originals gibt wieder, wie die Ausgabe 1948 aussah. Es ist also ein altes Buch in neuem Gewand, welches auch im neuen Jahrtausend als historisch wichtiges Dokument erhalten bleiben soll. In den Anmerkungen finden wir genaustens wiedergegeben, welche Bedeutung einzelne Worte haben, wo die Gedichte vor 1948 erschienen sind und welche Anpassungen damals schon vorgenommen wurden.
Doch kommen wir mal zur Poesie und ihren Urhebern. In deutscher und in englischer Sprache werden hier Werke schwarzer Männer und zwei schwarzer Frauen wiedergegeben, die in erster Linie Gewalt und Unterdrückung widerspiegeln. Dabei kommen sie oft mit solcher Macht und Sprachgewalt über mich, dass ich den jahrhundertelangen Leidensweg der Afro Americans nachempfinden konnte. Die Demütigungen, Schmerzen und das Elend so wie der Ruf nach Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit sind in jedem Text mindestens metaphorisch enthalten. Manche Gedichte wirken einfach gestrickt, doch die meisten üben eine Anziehung durch die drastische Wiedergabe von Erlebtem aus. Die aufgeführten, folkloristischen Werke wirken wie Lieder, die in der Wiederholung ihre Massivität entfalten. Wir finden den Singsang der schlagenden Hämmer ebenso gut wiedergegeben wie die Lebensweise schwarzer Menschen während des Sklaverei auf den Plantagen. „Momentaufnahmen aus dem Baumwollsüden“ ist eines der Gedichte, die fast schon was essayistisches haben. Das titelgebende Gedicht hat mich ebenso beeindruckt wie „Gesang des Sohnes“, in dem der Begriff Purpurpflaumennacht verwendet wird, dessen Schrecklichkeit sich erst in den Anmerkungen enttarnt.
Erstaunt war ich über das Gedicht „Mehr Licht!“ welches sich Goethes letzten Wort widmet und dabei eine den Werken des Meisters ähnliche Sprachmelodie wählt. Wie die Autorin ein Bezug zu Goethe bekam, steht ebenfalls in den Anmerkungen.
Überhaupt helfen mir die dazu passenden Biografien bei der Einordnung des Geschriebenen. Exemplarisch sei hier George Moses Horton erwähnt, der selbst noch Sklave war und der für die reiche Herrschaft Liebesgedichte verfasste, mit denen sie dann die Angebetete beeindrucken konnten. Er hoffte sich mit dieser Arbeit freikaufen zu können und scheiterte.
Natürlich war es für mich am Anfang sehr bedrückend und auch befremdlich in den Werken häufig auf das N*Wort als Selbstbezeichnung zu treffen. Auf der anderen Seite macht es die abwertende Haltung der herrschenden Klasse viel deutlicher. Es ist eben ein historisches Dokument.
Mir gefällt der Gedanke, diese Art der Lyrik für die Nachwelt zu erhalten, die wenig bekannten Dichterinnen und Dichter zugänglich zu machen und damit das Leid und die Ungerechtigkeit einer ganzen Bevölkerungsgruppe auch lyrisch zu zu dokumentieren.
Eine Empfehlung für alle, die sich für Lyrik interessieren und/oder auch historisch ein literarisches Augenmerk auf die Unterdrückung der afro amerikanischen Bevölkerungsgruppe legen möchte.
Meine Rezensionen geben immer ehrlich meine eigene Einschätzung wieder, unabhängig davon, ob ich das Buch selbst gekauft habe oder es mir vom Verlag oder den Autoren zur Verfügung gestellt wurde









