Stephan Lohse

 3,5 Sterne bei 93 Bewertungen
Autorenbild von Stephan Lohse (©Hans Panichen / Suhrkamp Verlag)

Lebenslauf von Stephan Lohse

Stephan Lohse wurde 1964 in Hamburg geboren und lebt heute in Berlin. Nach einem Studium der Schauspielerei am Max-Reinhardt-Seminar in Wien arbeitete er an verschiedenen Theatern in Deutschland und Österreich. "Ein fauler Gott" ist sein Debütroman und erscheint im März 2017.

Alle Bücher von Stephan Lohse

Cover des Buches Ein fauler Gott (ISBN: 9783518425879)

Ein fauler Gott

 (91)
Erschienen am 06.03.2017
Cover des Buches Johanns Bruder (ISBN: 9783518429594)

Johanns Bruder

 (2)
Erschienen am 14.09.2020

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Neue Rezensionen zu Stephan Lohse

Cover des Buches Johanns Bruder (ISBN: 9783518429594)Buecherschmauss avatar

Rezension zu "Johanns Bruder" von Stephan Lohse

Der 52. Breitengrad
Buecherschmausvor 3 Monaten

Johanns Bruder ist der zweite Roman des Autors und Schauspielers Stephan Lohse. Gemeinhin gilt der zweite Roman immer als der schwierigste, besonders wenn das Debüt so viel Aufmerksamkeit erhielt und so gelungen war wie Ein fauler Gott von 2017. Stephan Lohse stellt sich der Herausforderung und wagt einiges. Zwar ist auch Johanns Bruder – der Name verrät es – eine Brüdergeschichte, diesmal packt der Autor aber noch eine schwere zeitgeschichtliche Last in seinen Text.

„Du befindest dich auf einer seltsamen Pilgerreise, um eine Schuld abzutragen, die du, offenbar ein bisschen größenwahnsinnig geworden, auf dich genommen hast.“

So spricht Johann zu seinem Bruder Paul, zu dem er einst ein sehr enges Verhältnis hatte, den er aber nun nach 28 Jahren zum ersten Mal wiedersieht. Man hat Johann verständigt, dass sein vier Jahre älterer Bruder, nachdem er in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide siebzehn Hühner getötet, geköpft und an der dortigen Bushaltestelle ausgelegt hat, in die psychiatrische Klinik in Celle eingeliefert wurde. Johanns Telefonnummer war die einzige, die in Pauls Handy eingespeichert war.

Johann befindet sich gerade in einer schmerzhaften Trennung von seinem Freund Lukas, mit dem Job steht es nicht zum Besten, er ist trotz seiner bald vierzig Lebensjahre reichlich ziellos. So fährt er auch sofort von Berlin los gen Westen.

Paul ist ein besonderer Mensch. Seit die Mutter die Familie und damit die Brüder als kleine Jungen verlassen hat, spricht Paul nicht mehr. Und auch sonst läuft sein Leben in einer etwas anderen Spur. Er arbeitet in einer Bibliothek und hat sein Leben auf den ersten Blick im Griff. Mit seiner Umgebung kommuniziert er mit einem der alten „Wunderblöcke“, einer magnetischen Schreibtafel, und unzähligen vorgeschriebenen Zetteln, die er in akribisch sortierten Plastiktüten mit sich herumschleppt. In seinem Inneren toben aber nicht nur die alten Verletzungen durch die verschwundene Mutter, sondern auch eine ganz andere Obsession.

Paul ist von der Geschichte der Shoah, von den in Deutschland errichteten Konzentrationslagern, den grausamen Verbrechen während der Nazidiktatur geradezu besessen. Besonders eine Person lässt ihn offensichtlich nicht los: SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der Organisator von Verfolgung, Vertreibung und Deportation der europäischen Juden und damit mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen. Nach Kriegsende gelang es Eichmann dank alter Seilschaften, in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide unterzutauchen.

Genau, es handelt sich dabei um eben jenes Altensalzkoth, in dem Paul unter den Hühnern wütete. Eichmann betrieb dort als Otto Heninger von 1946 bis 1950 eine Hühnerfarm, bevor er über die „Rattenlinie“ wie etliche Kriegsverbrecher nach Südamerika floh. 1960 gelang israelischen Geheimagenten in Buenos Aires die Entführung Adolf Eichmanns. Er wurde nach Jerusalem überstellt und im dortigen Prozess zum Tode verurteilt.

Dieses düstere Kapitel deutscher Geschichte treibt Paul um. Intensiv hat er sich mit den Fakten vertraut gemacht, nun will er nach seiner Entlassung aus der Klinik mit Johann eine Reise auf diesen Spuren machen. Altensalzkoth ist die erste Station, das nahegelegene Bergen-Belsen, einst Standort des Konzentrationslagers, in dem mehr als 52.000 Menschen starben, die zweite. Es ist eine Reise entlang des 52. Breitengrades, auf dem auch Celle liegt, Berlin, die Heimatstadt der Brüder und das Ziel der Reise, Bergen in den Niederlanden. Hier stand bis 1941 das Sammellager Schoorl.

Zahlreiche dokumentarische Abschnitte unterbrechen die Brüder- und Reisegeschichte. Neben Eichmann bekommen die aktiv und auf grausamste Weise in den Holocaust verstrickten Polizeibataillone 309 und 322, die Geschichte der Befreiung von Bergen-Belsen und in deren Zusammenhang ein berühmt gewordenes Foto besondere Aufmerksamkeit. Im Hintergrund steht immer die Frage, die auch Stephan Lohse nach eigener Auskunft schon als Kind beschäftigte: Kann man das Böse erkennen? In Menschen, denen man begegnet, aber auch in Landschaften, die Orte von Gräueln wurden. Beeindruckend gelungene Landschaftsbeschreibungen von Stephan Lohse sind somit auch Teil von Johanns Bruder.

Bei allem Interesse und aller Bewegtheit, mit denen man diesen Recherchen und Überlegungen folgt, stellt sich allerdings auch die Frage, wie gut das alles mit der Brüder-Geschichte verwebt ist. Ob man die Grauen der Shoah überhaupt auf diese Art und Weise in eine Art Road-Novel, die auch das Verhältnis der Brüder zueinander auslotet, integrieren kann. Die zweite Frage kann man, denke ich, mit Ja beantworten. Die historischen Fakten werden hier nicht nur zur Aufwertung einer Familiengeschichte missbraucht, sondern sind tatsächlich zentral. Im Gegenteil verblasst die Familiengeschichte dahinter, wird immer unwichtiger. Und damit beantwortet sich auch die erste Frage mit „nur bedingt“.

Dabei liegt auch in der Geschichte von Johann und Paul einige Brisanz. Nicht nur die Mutter, die ihre beiden Söhne früh verlassen und, man spürt es im ganzen Buch, traumatisiert hat, auch der streng bis fanatisch religiöse Vater, der häufig zu Gewalt gegenüber Johann, dem aufsässigeren und offensichtlich homosexuellen Sohn, neigte, trug zur Dysfunktionalität der Familie bei. Das Verstummen Pauls kommt hinzu und das Beziehungsende bei Johann. Alles ein wenig viel. Zum Glück kann sich die Leser*in aussuchen, was für sie am spannendsten ist und der Roman funktioniert auch dann noch. Bei mir waren es eindeutig die zeitgeschichtlichen Bezüge.

Als Besonderheit sind die Kapitel mit den genauen geografischen Koordinaten überschrieben, so dass man, wenn man mag, dieser berührenden, mit feinem Humor durchwirkten Geschichte auch auf der Landkarte folgen kann.

 

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Cover des Buches Johanns Bruder (ISBN: 9783518429594)N

Rezension zu "Johanns Bruder" von Stephan Lohse

Zu viel gewollt
Nina287vor 7 Monaten

Der Klappentext und das Thema des Buches hatten mich sehr angesprochen. Ich fand die Kombination aus Nationalsozialismus und einem Brüderpaar, das offensichtlich sehr verschieden ist, sehr interessant. Entsprechend motiviert habe ich begonnen das Buch zu lesen.
Paul und Johann sind beide bereits in ihren 40ern als sie sich nach vielen Jahren auf ungewöhnliche Weise wiedersehen. Johann bekommt eines Tages einen Anruf aus der Psychiatrie - er soll seinen Bruder Paul dort abholen. Dieser hat nach dem Verschwinden der Mutter vor vielen Jahren aufgehört zu sprechen und kommuniziert nur noch über Zettel und einen "Wunderblock" (so ähnlich wie die Schreibtafeln für Kinder, wo das Geschriebene anschließend per Knopfdruck wieder löschbar ist). Nach einem doch durchaus emotionalen Wiedersehen, beginnen Johann und Paul eine gemeinsame Reise. Paul hat großes Interesse an der Geschichte des Adolf Eichmann (ein Nationalsozialist; SS- Obersturmbannführer) und möchte seinen Spuren folgen.
Es werden dann parallel mehrere Handlungsebenen eröffnet. Zum Einen lernt der Leser einiges aus der Kindheit und Jugend von Johann und Paul kennen. Zum Anderen erlebt der Leser Teile des Holocaust in den Aufzeichnungen von Paul und wir folgen im Jetzt den Beiden auf ihrer Reise durch Deutschland und die Niederlande. Die Ebene über die Biographie der beiden Brüder hat mir sehr gut gefallen. Der Leser erfährt, dass Johann nach dem Verschwinden der Mutter, Opfer des Vaters wurde. Dieser hat ihn mit körperlicher Gewalt und einer sehr strengen Religion gequält und gezüchtigt. Johann bricht irgendwann aus und beginnt ein eigenes Leben ohne Kontakt zu Paul oder seinem Vater. Er lebt seine Homosexualität aus, nimmt Drogen, trinkt viel Alkohol. Ich hätte hier gerne noch mehr über die innerpsychischen Vorgänge in Johann und Paul erfahren und auch über seinen Vater wären ein paar mehr Infos interessant gewesen. Es bleibt leider oberflächlich.
Die beiden anderen Ebenen bleiben leider noch mehr an der Oberfläche und wirken in Teilen sehr konstruiert. Warum Paul die Hühner geköpft hat und welche Rolle dies für die Geschichte spielt, bleibt bis zum Schluss sehr unklar. Die Passagen über den Holocaust wirken gezwungen eingestreut und werden nicht schlüssig in die Geschichte eingewoben. Ich hatte fast das Gefühl, als wollte der Autor hier die Geschichte mit dem Thema Holocaust aufwerten, was für mich leider überhaupt nicht geklappt hat.
Darüber hinaus hatte ich durchweg das Gefühl mich mit zwei Jugendlichen durch die Geschichte zu bewegen und nicht mit zwei erwachsenen Männern. Ihr Denken, ihre Sprache und ihre Handlungen wirken sehr oft unreif, pubertär und nicht nachvollziehbar. Hinzu kommt der sehr detailreiche Schreibstil, der mich verwirrt und mir viele Passagen unverständlich gemacht hat.
Insgesamt lässt mich das Buch ratlos zurück. Ich habe keine wirkliche Verbindung zwischen den Ebenen gefunden und es wirkte auf mich, als wolle das Buch sehr viel, was es aber nicht einlösen kann. Leider ein Flop.          

       

                  

         

         


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Cover des Buches Ein fauler Gott (ISBN: 9783518425879)Y

Rezension zu "Ein fauler Gott" von Stephan Lohse

Ein fauler Gott
Yvo3vor 3 Jahren

Wir begleiten in dem Buch den 11 jährigen Ben. Vor kurzem ist sein Bruder verstorben und Ben muss mit dem Verlust klar kommen. Er kümmert sich um seine Mutter und wächst zum Teenager heran.

Der Schreibstil hat mir gefallen, aber ich fand, dass die Gefühle und Schmerzen des Verlustes des Sohnes/ Bruders zu kurz kamen. Es wird eher berichtet, wie Bens Kindheit verläuft. Das fand ich sehr schade. Man hätte aus der Geschichte mehr heraus holen können. 

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Gespräche aus der Community

"Heute Morgen schämt er sich. Er findet sich nicht traurig genug."

Gegen einen großen Schmerz hilft nur... leben!
Ben hat keine Zeit zum Trauern. Der Tod seines kleinen Bruders ändert sein Leben und das seiner Mutter, und trotzdem macht er intuitiv das Beste daraus. Wie? Das erzählt Stephan Lohse in seinem berührenden Debütroman "Ein fauler Gott".
Habt ihr Lust auf eine originelle und warmherzige Geschichte aus der Perspektive eines 11-Jährigen? Der junge Held Ben wird eine Achterbahn der Gefühle in euch auslösen - er wird euch zum Lachen, aber auch zum Weinen bringen, und vor allem: Mit seinem Charisma wird er euch in seinen Bann ziehen!

Mehr zum Inhalt
Sommer 1972. Benjamin ist vor einigen Wochen elf geworden. Im nächsten Schuljahr wird er ein Herrenrad bekommen, eine Freundin und vielleicht eine tiefe Stimme. Doch dann stirbt sein kleiner Bruder Jonas. Nachts sitzt Bens Mutter auf einer Heizdecke und weint. Ben kommt nun extra pünktlich nach Hause, er spielt ihr auf der C-Flöte vor und unterhält sich mit ihr über den Archäopteryx. An Jonas denkt er immer seltener. Ben hat mit dem Leben zu tun, er muss für das Fußballtor wachsen, sein bester Freund erklärt ihm die Eierstöcke, und sein erster Kuss schmeckt nach Regenwurm. Mit seiner neuen Armbanduhr berechnet er die Zeit.
Voller Empathie und mit anrührender Komik erzählt Stephan Lohse in seinem Debütroman vom Aufwachsen Anfang der Siebzigerjahre, von Teenagernöten und dem Trost der Freundschaft. Vor allem aber erzählt er vom Mut und dem Einfallsreichtum eines Kindes, das seine Mutter das Trauern lehrt und ihr zeigt, dass das Glück, am Leben zu sein, auch noch dem größten Schmerz standhält.


Hier liest Stephan Lohse einen Auszug aus seinem Roman:

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Hier geht es zur Leseprobe!

Zum Autor
Stephan Lohse wurde 1964 in Hamburg geboren und lebt heute in Berlin. Nach einem Studium der Schauspielerei am Max-Reinhardt-Seminar in Wien arbeitete er an verschiedenen Theatern in Deutschland und Österreich. "Ein fauler Gott" ist sein Debütroman und erscheint im März 2017.

Ihr könnt Ben und seine Mutter im Rahmen einer Leserunde kennenlernen! Zusammen mit Suhrkamp verlosen wir 30 Exemplare von "Ein fauler Gott" unter allen, die erleben möchten, wie Ben mit dieser schwierigen Situation umgeht. Bewerbt euch* bis zum 12.03. über den blauen "Jetzt bewerben"-Button, indem ihr auf folgende Frage antwortet:

Ben hat seinen Bruder verloren, seine Mama ihren Sohn. Beide trauern unterschiedlich.
Wie, glaubt ihr, kann es einem Menschen am besten gelingen, den großen Schmerz zu bewältigen, der nach dem Tod einer geliebten Person entsteht?


Wir sind gespannt auf eure Antworten und wünschen euch viel Glück!

Im Rahmen des LovelyBooks Literatursalons könnt ihr in dieser Leserunde ein weiteres Literatursalon-Lesezeichen erlesen! Ihr seid noch kein Literatursalon-Mitglied? Ihr könnt jederzeit eintreten. Alle Infos dazu findet ihr hier.

* Bitte beachtet vor eurer Bewerbung unsere Richtlinien für Buchverlosungen und Leserunden.
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Zusätzliche Informationen

Stephan Lohse wurde am 01. Januar 1964 in Hamburg (Deutschland) geboren.

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