Von nichts träumt der ehrgeizige Gnom Rhaflit mehr, als davon, eines Tages zu fliegen. Er ist einer der angesehensten, aber auch verrücktesten Ingeneure in der Zwergenstadt Invar und riskiert Jahr für Jahr seinen Hals bei seinen Flugversuchen. Während er wieder über beide Ohren in seiner Arbeit steckt, bricht Krieg über das geteilte Land Rhilok herein und die Zwerge sind von jeder Hilfe abgeschnitten. Plötzlich ist die Flugmaschine das einzige, das die Zwerge noch retten kann, bevor der Wächter, eine uralte göttliche Macht, erwacht und die ganze Welt mit Vernichtung überzieht…
Im Fantasy-Einzelband „Die Seele des Wächters“ nimmt uns Stephan R. Bellem mit in die mittelalterliche Welt Rhilok. Sie ist voller Leben und verschiedener Kulturen, es gibt Zwerge und Elfen, Menschen und Gnome und jede Menge Orks, die den Frieden bedrohen. Mit anderen Worten: Es erinnert ein wenig an Mittelerde. Alle Fans von klassischer, epischer Fantasy kommen hier sicher auf ihre Kosten und können sich sogar noch von einer überraschenden Portion Steampunk unterhalten lassen.
Um in der Geschichte anzukommen, muss man zu Beginn jedoch etwas geduldig sein, der Einstieg ist recht lang. Richtig in Fahrt kommt die Handlung erst nach ungefähr einem Drittel des Buches, dann geht es aber wirklich Schlag auf Schlag. Es ist dem Autor sehr gut gelungen, mit bereits bekannten Motiven eine komplexe und glaubwürdige Welt zu erschaffen, vor allem im Rahmen eines Einzelbandes. So begleiten wir nicht nur die Zwerge und Gnome in den Krieg, der über ihr Zuhause hereinbricht, wir lernen auch das Schicksal eines menschlichen Meuchelmörders kennen, der nach seiner Bestimmung sucht und verzweifeln an der Seite eines treuen Elfenkriegers, der nicht entscheiden kann, ob er sein Herz und Gewissen über seinen Schwur stellen soll. Mein einziger Kritikpunkt, abgesehen vom etwas längeren Einstieg wäre, dass es, vor allem im Bereich der Zwerge und Gnome, ähnlich wie bei Tolkien, fast keine weiblichen Charaktere gibt. Aber vielleicht sollte eben die eine Protagonistin, die mutig zur Axt gegriffen und sich gegen dieses Vorurteil gewehrt hat, auch genau das zeigen.
Man könnte meinen, es geht in diesem Buch nur darum, den Krieg zu gewinnen und die Bösen zu schlagen, doch der Autor überrascht an dieser Stelle und macht aus seinem Buch eine erstaunlich reflektierte Geschichte, in der es nicht die eine bösartige Macht gibt und die richtige Seite auch ein wenig eine Frage der Perspektive ist, in der auch die göttliche Prophezeiung nicht immer richtig liegt. So ist die Handlung nicht ganz vorhersehbar, auch wenn sie sich im bekannten Rahmen anderer Geschichten bewegt, und kann langfristig an die Seiten fesseln, mit schnellen, dynamischen Perspektivwechseln zwischen sehr vielen Protagonisten, verrückten Experimenten und dem klassischen Fantasy-Abenteuer-Gefühl.
Am Ende wird mehr als eine Schlacht geschlagen und mehr als eine Brücke gebaut und so bleibt unter dem Strich eine abenteuerliche, aber auch nachdenkliche Geschichte, die kein Blatt vor den Mund nimmt, aber die Gewalt kritisch beäugt und ein mutiges, optimistisches Ende schenkt, das das Buch perfekt abrundet. Schade, dass dieses Buch nicht bekannter ist, denn es beweist: Die klassische Fantasy ist durchaus nicht ausgestorben.




















