Stephan Thome

 4.1 Sterne bei 209 Bewertungen
Autor von Grenzgang, Fliehkräfte und weiteren Büchern.
Stephan Thome

Lebenslauf von Stephan Thome

Erforscher der Fremde, Held in der Heimat: Der deutsche Autor und Philosoph Stephan Thome wurde 23.07.1972 im hessischen Biedenkopf als Stephan Schmidt geboren. Nach seinem Abitur studierte er Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie an der Freien Universität Berlin. Ab Mitte der 1990er Jahre unternahm er Reisen nach Tibet, Nepal, die Philippinen und Malaysia. Weitere Studien führten ihn nach China, Taiwan und Japan. Im Jahr 2004 schloss er sein Studium an der FU Berlin mit der Dissertation "Interkulturelle Hermeneutik und die Herausforderung des Fremden" ab, die ein Jahr später unter dem Titel "Die Herausforderung des Fremden" im deutschen Buchhandel veröffentlicht wurde und ihm ein Doktorandenstipendium der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft einbrachte. Seit dem Jahr 2005 lebt Schmidt in Taipeh, wo er als DFG-Stipendiat am Institut für Chinesische Literatur und Philosophie der Academia Sinica tätig ist. Er forscht über konfuzianische Philosophie des 20. Jahrhunderts und übersetzte unter anderem Chun-chieh Huangs Werk "Konfuzianismus: Kontinuität und Entwicklung" ins Deutsche. 2009 gab Schmidt mit "Grenzgang" sein vielbeachtetes Debüt als Romanautor, das er unter dem Pseudonym Stephan Thome veröffentlichte. Titelgebend für das Werk ist das gleichnamige Volksfest im mittelhessischen Biedenkopf, wo Schmidt geboren und aufgewachsen ist. "Grenzgang" erhielt den aspekte-Literaturpreis und war auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2012 veröffentlichte Schmidt seinen Roman "Fliehkräfte", der auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gelangte. 2018 steht Thome mit seinem Roman "Gott der Barbaren" erneut auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Alle Bücher von Stephan Thome

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Grenzgang

Grenzgang

 (71)
Erschienen am 11.04.2016
Fliehkräfte

Fliehkräfte

 (64)
Erschienen am 16.09.2013
Gegenspiel

Gegenspiel

 (33)
Erschienen am 08.02.2016
Gott der Barbaren

Gott der Barbaren

 (30)
Erschienen am 10.09.2018
Gott der Barbaren

Gott der Barbaren

 (0)
Erscheint am 20.01.2020
Fliehkräfte

Fliehkräfte

 (4)
Erschienen am 01.11.2012
Gott der Barbaren

Gott der Barbaren

 (3)
Erschienen am 20.09.2018
Grenzgang

Grenzgang

 (2)
Erschienen am 01.03.2010

Zur Fragerunde mit…

Stephan Thome ist für seine erfolgreichen Romane wie „Grenzgang“ und „Fliehkräfte“ bekannt, für die er vielfach ausgezeichnet wurde. Mit „Gott der Barbaren“ stand er 2018 zum wiederholten Male auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Schon während seines Studiums reiste Thome in verschiedene asiatische Länder und lebt heute in Taipeh. Er ist DFG-Stipendiat am Institut für Chinesische Literatur und arbeitet zudem als Übersetzer. Für LovelyBooks hat sich Stephan Thome die Zeit genommen und die Fragen beantwortet, die seine Leserinnen und Lesern an ihn hatten. Die Antworten könnt ihr hier nachlesen.

Lieber Herr Thome, Sie leben und arbeiten zurzeit in Taiwan und haben einen Roman über Chinas Vergangenheit geschrieben. Wechseln Sie Ihren Wohnsitz um näher am Ort des Geschehens zu sein oder ist es Zufall?

Für den vorigen Roman bin ich eigens für anderthalb Jahre nach Lissabon gezogen, aber in diesem Fall war kein Umzug erforderlich. Taiwan ist nach nunmehr zehn Jahren meine zweite Heimat, und Taipeh war der richtige Ort, um „Gott der Barbaren“ zu schreiben, auch weil ich von dort aus leichter meine Recherchereisen nach China unternehmen konnte.

Nach der Lektüre von „Grenzgang“ und „Fliehkräfte“ nahm man an, dass Sie ein gnadenloser Chronist der zeitgenössischen Gesellschaft in der Bundesrepublik seien. Wie kommt es nun, dass Sie sich einem historischen Thema zuwenden?

Ich wollte schon lange über China schreiben und habe nach einem Stoff gesucht, der mich richtig packt. Dann stieß ich auf ein Buch über die Taiping Rebellion (Stephen R. Platt: „Autumn in the Heavenly Kingdom“) und wusste: das ist es. Beim Schreiben habe ich mir immer gesagt, es wird ein historischer Gegenwartsroman, also ein Buch, das in der Vergangenheit spielt, aber (auch) auf die Gegenwart zielt. Diese Aktualität des Stoffes war es ja, was mich so daran fasziniert hat.

China ist nicht unbedingt bekannt für seine Offenheit. Wie schwierig ist in diesem Fall die Recherche vor Ort? Gibt es Reaktionen aus dem Land? Wird es dort auch veröffentlicht oder ist es vorgesehen?

China wird zurzeit immer unfreier, das stimmt, aber bei der Recherche habe ich davon nichts gespürt. Ich war als Tourist im Land unterwegs, einmal auch als Gast einer Universität, und die Museen und Gedenkstätten, die sich der Taiping Rebellion widmen, sind für jedermann frei zugänglich. Es handelt sich ja nicht um ein Geheimthema. Allerdings hat die Kommunistische Partei ein ganz bestimmtes Bild der damaligen Ereignisse, und von dem weicht meine Deutung ab. Die Taiping Rebellen hatten zwar viele progressive Ideen, aber sie waren auch religiöse Fanatiker und haben große Zerstörungen angerichtet. Es ist nicht leicht, das auf den Begriff zu bringen, aber es ist wichtig, diese dunkle Seiten nicht zu verschweigen zumal sie den Menschen in China nur zu bewusst ist.

Wussten Sie schon beim Sinologiestudium, dass Sie einen Roman über China schreiben wollten? Wem würden Sie raten, ein Studium in Sinologie zu beginnen? Hat Ihr Studium Sie bereichert?

Erstens: nein, wusste ich nicht. Zweitens: nicht unbedingt. Studieren Sie lieber ein Fach, das eine richtige Methode hat und eignen Sie sich die Sprachkenntnisse auf anderem Wege an, am besten in China oder Taiwan. Ich habe Sinologie im Nebenfach studiert und kann nicht behaupten, dass ich besonders viel gelernt habe. Sehr bereichert haben mich aber die Aufenthalte im Land und überhaupt der Versuch, mir auf dieses Land und seine Kultur einen Reim zu machen (das war drittens) – ein Versuch, der übrigens noch andauert.

Der Taiping-Aufstand war sehr blutig und kostete unfassbar viele Menschen das Leben. Wissen Sie, ob dieser Bürgerkrieg in China noch thematisiert wird? Dieser Krieg ist weniger bekannt als andere – wie kamen Sie auf dieses historische Ereignis?

Er wird thematisiert (wenn auch nicht so oft wie die Opiumkriege), aber meistens sehr einseitig. Die Taiping Rebellen gelten als Helden und Vorreiter der kommunistischen ‚Befreiung‘ hundert Jahre später. Ihr religiöser Fanatismus und ihr zerstörerisches Wirken werden oft übergangen, aber es gibt inzwischen auch in China historische Studien, die dieses Bild korrigieren und ergänzen. Wann ich zum ersten Mal von der Rebellion gehört habe, weiß ich nicht mehr, auf jeden Fall noch als Student. 1997 oder 98 habe ich das Buch von Jonathan Spence „God’s Chinese Son“ gelesen, das ich sehr empfehlen kann.

Religion (zumindest die christliche Religion bzw. Abwandlungen dieser) scheint in Ihrem Roman eine große Rolle zu spielen. Wie stehen Sie selbst zu diesem Thema? Sind Sie ein religiöser Mensch? War es Ihnen beim Schreiben ein Anliegen, mit Ihrem Buch generell vor religiösem Fanatismus zu warnen?

Nein, ich bin nicht religiös, aber ich nehme Religionen ernst. Ob man heute noch vor religiösen Fanatismus warnen muss, weiß ich nicht; ich wollte eher zeigen, dass er keineswegs nur ein Phänomen des Islam ist und dass er bevorzugt dort gedeiht, wo bestimmte Bedingungen herrschen, z.B. Armut, soziale Konflikte etc. Alle monotheistischen Religionen haben die Tendenz, die Welt in Gläubige und Ungläubige zu teilen, und wenn die erwähnten Faktoren hinzukommen, wird darauf schnell die gefühlte Berechtigung, gewaltsam gegen die Ungläubigen vorzugehen. Beispiele finden sich in der christlichen Geschichte in Hülle und Fülle.

Irgendwann muss ja der Gedanke entstanden sein, einen Roman zum Taiping-Aufstand zu schreiben und ihn so zu konzipieren, dass alle Seiten beleuchtet werden. Was war zuerst da, der Wunsch, über bestimmte Persönlichkeiten zu schreiben, oder die Idee, anhand eines Romans zu zeigen, dass die Bildung von „Gottesstaaten“ kein rein muslimisches Phänomen ist? Oder doch der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, die ja heute wie damals alles für barbarisch hält, was nicht ihrer Sichtweise entspricht?

Alle von Ihnen erwähnten Faktoren waren wichtig: Das Ereignis als solches, die Rolle von historischen Figuren wie Lord Elgin und Zeng Guofan, die Frage nach religiösem Fanatismus, die Parallelen zur Gegenwart… Im Rückblick kann ich nicht mehr rekonstruieren, wie sich das alles in meinem Kopf aufgebaut hat. Der erste Anstoß war 2012 ein Buch über die Taiping Rebellion, aber dann hat es noch zweieinhalb Jahre gedauert, bevor ich mit der Arbeit begonnen habe. Was am Ende herauskommen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, es war im Vergleich zu früheren Büchern ein sehr ergebnisoffener Prozess.

Sie leben aktuell in Taipeh, und das als ‚offensichtlich Fremder‘ in einer anderen Kultur. Wie begegnet man Ihnen in China fernab der touristischen Höflichkeit? Gibt es einen interkulturellen Graben, den Sie täglich überwinden müssen? Sind die Chinesen offener / toleranter als wir? Oder ist die Millionenstadt Taipeh so multikulturell, dass Unterschiede irrelevant sind?

Zunächst mal muss ich betonen: ich lebe nicht in China, sondern in Taiwan. Dort sind die Menschen sehr freundlich, oft auch sehr neugierig auf Ausländer. Ausländerfeindlichkeit habe ich noch nie erlebt, das hat aber auch mit meiner deutschen / westlichen Herkunft zu tun. Gegenüber Menschen aus ärmeren Ländern Südostasiens, die in Taiwan arbeiten, gibt es sehr wohl gewissen Ressentiments. Insgesamt leben in Taiwan – und das trifft auf China ebenso zu – nur sehr weniger Auslänger. Angst vor Überfremdung kann da wirklich nicht aufkommen. Auch Flüchtlinge gibt es nicht, es ist also eine grundlegend andere Ausgangssituation als bei uns. Mein Lebensgefühl ist so, dass ich zu einer winzigen, wohlwollend betrachteten Minderheit gehöre. Dass ich die Landessprache beherrsche, erleichtert das Miteinander zusätzlich und wird mir hoch angerechnet. In Deutschland erwartet man von Ausländern, Deutsch zu sprechen, in Taiwan sind die Menschen jedes Mal positiv überrascht. Gefühlt wurde ich diesbezüglich schon ungefähr eine Million Mal gelobt.

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Neue Rezensionen zu Stephan Thome

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Rezension zu "Gott der Barbaren" von Stephan Thome

Gott der Barbaren
Kleine8310vor 2 Monaten

Lesegrund:

Als das Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde hat mich die Thematik direkt angesprochen. Ich finde der Inhalt klingt sehr spannend und der kulturelle Hintergrund hat mich gereizt.

Handlung:

Die Geschichte beginnt in China, in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung zieht durch das Kaiserreich und hinterlässt Terror und Zerstörung. Ein junger Missionar aus Deutschland will bei der Modernisierung des Reiches helfen und ist voller Idealismus. Doch in Nanking steht er dem wahren Bild der Rebellion gegenüber und gerät zwischen die Fronten eines Krieges, der nicht nur ihm alles nehmen kann, was ihm wichtig ist …

Schreibstil:

Der Schreibstil von Stephan Thome ist angenehm flüssig zu lesen und bietet eine gute Mischung aus verschiedenen Erzählsträngen, die bei mir insgesamt einen sehr guten Gesamteindruck hinterlassen haben. Durch die verschiedenen Passagen gelingt es dem Autor eine tolle Bandbreite an Inhalten abzudecken, zum Beispiel informative, spannende und emotionale.

Charaktere:

Die Ausarbeitung der Charaktere hat mir gut gefallen. Es gibt eine Vielzahl an Charakteren und einige von ihnen sind facettenreich und mit Liebe zum Detail gezeichnet worden. Die Gegensätze und auch die Gemeinsamkeiten hat Herr Thome gut herausgearbeitet und ich fand das Zusammen – und Gegenspiel der Personen interessant.

Spannung:

Den Spannungsbogen hat der Autor gut aufgebaut und auch über weite Strecken der Geschichte schön weit oben gehalten, was mir gut gefallen hat. Die verschiedenen Erzählstränge bieten viel Abwechslung und ich habe die Entwicklungen gerne mitverfolgt.

Emotionen:

Dieses Buch hat in mir eine Menge Emotionen geweckt und dabei auch die ganze Bandbreite genutzt. Die Inhalte haben mich schockiert, traurig gemacht, meine Wut geweckt, aber auch mein Mitgefühl und irgendwie tatsächlich auch Hoffnung. Das mochte ich sehr gerne.

“Gott der Barbaren” ist eine vielschichtige und informative Abenteuergeschichte, die mir sehr gut gefallen hat und die ich daher gerne weiterempfehle.

Meine Bewertung: 4 von 5

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Rezension zu "Gott der Barbaren" von Stephan Thome

Exotisches Thema, meisterhaft, wenn auch mit Längen, erzählt!
kornmuhmevor 4 Monaten

Welcher Europäer weiß schon etwas über die Taiping-Revolution? Sinologen vielleicht. Möglicherweise China-Liebhaber. Universalgelehrte bestimmt auch. Ich nicht.

Umso begieriger wollte ich diesen Roman von Stephan Thome lesen, denn dieses Thema ist derart exotisch, dass es mir wie das erste oder letzte seiner Art erschien!

Thome widmet sich in seinem Buch der Taiping-Rebellion in China in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein vom Christentum inspirierter Führer vermag es, die einfache Landbevölkerung gegen den chinesischen Machtapparat, bestehend aus Kaiser, korrupten Hofbeamten und Militärs, aufzuwiegeln. Mit Erfolg! Wie Feuer über trockenes Grasland breitet sich die christlich-soziale Bewegung aus, schlägt das kaiserliche Heer und besetzt wichtige Knotenpunkte und Städte im chinesischen Reich. Doch nicht nur Chinesen betreten die Bühne. Auch England agiert, von Indien und Hongkong sowie Shanghai aus, und hat vor allem eines im Sinn: ungestört Opium nach China zu schmuggeln und den Handel mit China - durchaus mit Gewalt - zu erweitern.

In diesem umwälzerischen Chaos stehen drei Männer im Fokus: Lord Elgin, der britische Sonderbotschafter Ihrer Majestät, der mit dem kaiserlichen Hof Verträge aushandeln muss; Zeng Guofang, General der mächtigen Hunan-Armee, die er selbst ausgehoben hat und bisweilen der mächtigste Mann in China ist, denn ihm obliegt es nach der Niederlage der kaiserlichen Armee, den Aufstand der Rebellen niederzuschlagen; und schließlich der Abenteurer Philipp Johann Neukamp, ein geflüchteter Revolutionär aus Deutschland, der in China sein Glück versuchen will und sich letztlich auf die Seite der Taiping-Rebellen schlägt.

Mit diesen drei Protagonisten gelingt es, die Wirren in China aus unterschiedlichen Perspektiven zu beschreiben und zu bewerten. Jeder der drei Männer kommt zu Wort, verfolgt unterschiedliche Ziele und verfügt vor allem über ein reiches Innenleben, das der Autor vor seinem Leser ausbreitet. Und dies gelingt ihm richtig gut! Nicht nur, dass die einzelnen Figuren lebendig werden, auch das damalige Leben in China wird bildgewaltig ausgebreitet - mit all seinen Schönheiten und Grausamkeiten (z.B. die unzähligen Frauen mit den absichtlich verstümmelten Füßen).

Schnell wird deutlich, dass hier gleich mehrere Welten aufeinander prallen: das traditionelle, kaiserliche China, fest in der Hand von korrupten Beamten und Armee; die verarmte Landbevölkerung, meistens Bauern oder Landarbeiter, die sich der Revolution in Hoffnung auf Veränderung und Verbesserung ihrer Lebensumstände angeschlossen haben (und bitter dafür bezahlten, wie so oft ...); und das gierige England, das sich für die einzig zivilisierte Nation hielt und seine Werte doch unbedingt den armen Barbaren schmackhaft machen musste.

Besonders zu Anfang habe ich den Roman ob seiner Erzählweise, Exotik und seines Anspruchs sehr genossen - man sollte die vielen chinesischen Namen schon aushalten können! Zur Mitte hin weist die Geschichte jedoch Längen auf, zu sehr konzentriert sich der Autor auf militärische Winkelzüge inmitten einer Geografie, die ich so gar nicht kannte. Auch war es manchmal schwierig, den allzu langen und intensiven inneren Monologen von Lord Elgin und Zeng Guofang zu folgen.

Insgesamt aber entfaltet sich hier ein wahrhaft großartiger Roman, der es wert ist, geschrieben worden zu sein! Wie so oft arten Revolutionen, aus richtigen und erstrebenswerten Idealen erwachsen, in Gewalt und Willkür aus. Bis zu 30 Millionen Menschenleben hat diese gefordert ...

4 von 5 Sternen

Kommentare: 4
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Rezension zu "Gott der Barbaren" von Stephan Thome

Eine Reise in Chinas Vergangenheit
Xirxevor 6 Monaten

In der heutigen Zeit scheint China allgegenwärtig zu sein, ein Land, das alle kennen. Doch was weiß man von seiner Geschichte? Mir zumindest waren die Geschehnisse der Taiping-Revolution, von denen dieses Buch berichtet, unbekannt.
In den Jahren 1851 bis 1864 versuchten die Taiping-Rebellen die Qing-Dynastie zu stürzen, die von den Mandschu, die allgemein als grausam und korrupt galten, begründet worden war. Die Ideologie dieser neuen Bewegung gründete sich neben anderen zu großen Teilen auf christlichen Idealen, die der Gründer Hong Xiuquan vermutlich durch einen Missionar vermittelt bekam.
Stephan Thomes Roman setzt mit dem Jahr 1858 ein, wobei die einzelnen Kapitel zumindest zu Beginn nicht chronologisch aufeinander aufbauen. Ein junger Deutscher, Philipp Johann Neukamp, der sich in den Staaten des Deutschen Bundes 1848 an den bürgerlich-revolutionären Erhebungen beteiligte, flieht über die Niederlande nach China, um dort im Auftrag einer Mission den christlichen Glauben zu verbreiten. In Hongkong, wo er die ersten Jahre lebt, hört er vom Aufstand der Taiping-Rebellen, mit dem er aufgrund seiner Einstellungen sympathisiert. Als einer seiner Kollegen, ein konvertierter Chinese, die Mission verlässt um sich den Rebellen anzuschließen, folgt er ihm einige Zeit später nach.
Dies ist nur einer der drei Protagonisten, aus deren Sicht die damaligen Geschehnisse berichtet werden. Die herrschende Qing-Dynastie wird vertreten durch Zeng Guofan, den Oberbefehlshaber der Hunan Armee, die gegen die Rebellen kämpft. Lord Elgin, Sonderbotschafter der Britischen Krone, steht für die westliche Welt, die China mit allen Mitteln für den britischen Markt öffnen möchte, was auch unter dem Deckmantel 'Zivilisierung der Barbaren' gerechtfertigt wird. Daneben gibt es immer wieder Berichte einzelner Personen, die die jeweiligen Geschehnisse aus ihrer Sicht erzählen, sodass sich ein umfassendes Porträt dieser Zeit herausbildet.
Wer nun tatsächlich 'Die Barbaren' sind, die auch im Buchtitel stehen, bleibt nach dem Lesen dieses dicken Wälzers (über 700 Seiten) unklar. Die Qing-Dynastie, die rücksichtslos ihre Gegner massakriert? Die Rebellen, die grausam die Ungehorsamen und Ungläubigen niedermetzeln? Die Briten, die sich unbarmherzig ihr scheinbares Recht auf einen freien Handel erkämpfen? Oder die Missionare, die selbstherrlich ihren Glauben verbreiten und denen es egal ist, welche Folgen das nach sich zieht?
Untypisch sind die Führer der beiden großen Armeen und sich darin ähnlicher als sie ahnen, Zeng Guofan und Lord Elgin. Beide traten ihre Aufgaben mehr aus Pflichtgefühl als aus Überzeugung an und hadern den Großteil der Zeit mit dem, was ihnen aufgetragen wurde: Krieg zu führen. Man kann sie durchaus als Brüder im Geiste bezeichnen und hätten sie sich jemals getroffen und verständigen können, wären sie vermutlich sogar Freunde geworden. Auch der Dritte im Bunde, Philipp Johann Neukamp, der sich zumindest zu Beginn voller Idealismus und Begeisterung der Sache der Rebellen verschrieben hat, beginnt zu zweifeln. Wenn Etwas am Ende dieses Buches deutlich wird, dann: Nichts rechtfertigt einen Krieg, keine noch so gute Sache.
Man sollte sich schon etwas Zeit nehmen für diesen Wälzer, auch wenn die Sprache meist gut verständlich ist (nur gegen Ende hin, wenn die Protagonisten zu ihrem Lebensende hin zu philosphieren beginnen, wird es etwas schwieriger). Manche bemängeln, das Werk sei zu klischeebehaftet - doch man sollte nie vergessen, dass Klischees sich aus der Realität herausbilden. Stephan Thome beschreibt das Leben einer vergangene Epoche eines Landes, die einzelnen Figuren hingegen sind aber alles andere als klischeehaft. Und weshalb nur junge Leute dieses Buch lesen sollten, erschließt sich mir überhaupt nicht. Es ist eine Geschichte über eine Zeit in einem Land, von der mit Sicherheit nur die Allerwenigsten jemals etwas gehört haben - zur Allgemeinbildung gehört dies sicherlich nicht. Ausserdem: Ein Buch, mit dem man seinen Horizont erweitern kann und in dem einem eindrucksvoll dargestellt wird, wie überflüssig Kriege sind (auch wenn man es schon weiß), lohnt sich immer!

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Gespräche aus der Community

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Deutscher Buchpreis

Wir freuen uns sehr, den Deutschen Buchpreis 2018 bei LovelyBooks begleiten zu dürfen!  Nachdem wir die Leseproben der zwanzig Longlist-Titel diskutiert haben, stellen wir euch nun die sechs Titel der Shortlist vor. 

Heute habt ihr die Gelegenheit Stephan Thome Fragen zu stellen und mit etwas Glück eins von zwei Exemplaren von "Gott der Barbaren" zu gewinnen!

Stellt eure Fragen an den Autor heute am 24.09.2018 über den blauen "Jetzt bewerben"-Button und landet damit automatisch im Lostopf für unsere Verlosung.

Unter allen Usern, die an mindestens 3 Aktionen zu den Shortlist-Autoren teilnehmen, verlosen wir außerdem ein signiertes Exemplar des Deutschen Buchpreis-Gewinners! 

Da sich Stephan Thome derzeit auf Lesereise befindet, werden wir ihm einige ausgewählte Fragen von euch zukommen lassen und seine Antworten nachreichen. 

Mehr zum Buch
China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.In seinem packenden neuen Buch erzählt Stephan Thome eine Vorgeschichte unserer krisengeschüttelten Gegenwart. Angeführt von einem christlichen Konvertiten, der sich für Gottes zweiten Sohn hält, errichten Rebellen in China einen Gottesstaat, der in verstörender Weise auf die Terrorbewegungen unserer Zeit vorausdeutet. Ein großer und weitblickender Roman über religiösen Fanatismus, über unsere Verführbarkeit und den Verlust an Orientierung in einer sich radikal verändernden Welt.


Letzter Beitrag von  Buchraettinvor 10 Monaten
Vielen Dank nochmal, das Buch ist heute angekommen:)
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Zusätzliche Informationen

Stephan Thome wurde am 23. Juli 1972 in Biedenkopf (Deutschland) geboren.

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in 285 Bibliotheken

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von 13 Lesern aktuell gelesen

von 3 Lesern gefolgt

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