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bibliophilist1985

vor 3 Jahren

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Dem Hinweis des Autors, die Nutzbarkeit der Ratschläge eher auf ein fortgeschrittenes und erfahrenes Publikum zu beschränken, ist Beachtung zu schenken. Nicht nur, dass unerfahrene und gerade erst an die Materie kreativer Schaffensprozesse herantretende Zeitgenossen aufgrund der Fülle an Ratschlägen leicht den Überblick verlieren können. Ohne ein Spektrum von zumindest ein paar begonnenen oder abgeschlossenen Arbeiten gibt es kein Übungsfeld, in dem man die Kniffe anwenden und daraus lernen kann.

Auch gibt es keine grundlegenden und als Aufbauhilfe von Schreibfähigkeiten zu verstehende Erklärungen, sondern spezifische Hilfestellungen zu ebensolchen Problemen. Wo andere Schreibratgeber sich auf ein oder wenige Themen fokussieren und diese detailliert und ausufernd schildern, wird man als Laie in diesem Werk vor vollendete Tatsachen gestellt.

Man sollte sich der Komplexität des Werkes bewusst sein, da es schade und für die eigene Entwicklung hinderlich wäre, aus zu früh begonnener Lektüre heraus in Frustration samt Leseabbruch zu verfallen und sich der vielfältigen Möglichkeiten, die sich auftun, zu verschließen. Nach überstandenen Feuertaufen und dem Aufstieg in die Riege der fortgeschritteneren Kreativköpfe hingegen kann man Waldscheidts Werk vorbehaltlos empfehlen.

Egal ob es um Dialoge, Plot, Prämisse, Charakterisierung oder organische Gesamtheit des Werks geht, jedes Themenfeld findet prägnant und unausschweifend Erwähnung. Die Beispiele vermitteln die Wirkung von Kunstgriffen und Techniken und animieren dazu, bei der Lektüre den Stil und die Dramaturgie von Autoren zu hinterfragen und die Mechanismen hinter deren Wirksamkeit zu erforschen.

Gerade den exponierten Stellen eines Romans wie Beginn, Übergängen, Dialogabschlüssen, Kapitelenden und Sprüngen zwischen den Protagonisten und Erzählperspektiven widmet Waldscheidt verstärkte Aufmerksamkeit. An den dramaturgisch essentiellsten Punkten kann ein Schriftsteller alles gewinnen oder verlieren, indem er die erwarteten Wendungen und Spannungsbögen virtuos vermischt und mitreißende Emotionen in den Lesern weckt oder durch Inkompetenz oder Faulheit die Hoffnungen des Bucheigentümers bitter enttäuscht.

Schon allein der Humor und die Art, wie er Fehler teils anhand unterhaltsamer Einbindung selbiger in die kurzen Abschnitte packt, sucht in dieser Form seinesgleichen. Von, mit dem Thema Schreibtheorie leider häufig unweigerlich als Kollateralschaden einhergehender, Trockenheit ist trotz des beträchtlichen Umfangs des Bandes nichts zu spüren. Im Gegenteil reihen sich Pointe um anschauliches Beispiel um wertvollen Tipp um ehrliche, zu Realitätsbezogenheit aufrufende Worte.

Sicher könnte man die Verwertung von Blogeinträgen zu einem Buch mokieren, nur wenn die Qualität der Beiträge von so großer Nützlichkeit ist, dass sie manch anderes Buch zu dem Thema locker in den Schatten stellen kann, ist die Doppelverwendung durchaus legitim.

Auch weil die Möglichkeit, sich jederzeit Notizen, Zeichnungen, Mind-Maps und Anmerkungen machen zu können, nur bei gedrucktem Format schnell und praktisch möglich ist. Speziell darauf zugeschnitten wurden zwischen den Absätzen breitere Abstände und freie Zeilen gelassen. Ein simpler, aber leider oft vermisster, Kunstgriff der breite Anwendung in Ratgebern finden sollte. Denn leider ist die Möglichkeit, lesbare und nicht durch Platzmangel in winziger Schriftgröße angefertigte, Anmerkungen verfassen zu können, bei nahezu allen Werken nicht gegeben. Schade und kontraproduktiv, da sich dadurch ein beträchtlicher Mehrwert dem Leser aufgrund einer unvorteilhaften Formatierung verschließt.

Weitere Auflagen des Werkes werden sicher auch mit einem Stichwortverzeichnis und einer noch besseren Gliederung nach Themen punkten können, die bei einem so umfassenden und aus Blogbeiträgen zusammengesetzten Buch schwer übersichtlich zu gestalten sind.

Pädagogisch wertvoll auch, wie Waldscheidt zwischen Mut machenden Appellen und dem Aufzeigen von Fehlern samt Lösungsansätzen pendelt und damit für eine stete Motivationssteigerung sorgt. Er betont auch die Stärken von als Beispiel angeführten Werken, die Defizite häufig nicht nur aufwiegen, sondern im besten Fall vollständig kaschieren. Damit entfernt er sich angenehm von dem leidigen Usus, allzu auf gewisse Schreibdogmen und Binsenweisheiten zu beharren, die die individuellen Stärken eines Autors mitunter mehr einschränken als Nutzen stiften zu können.

Ein von einem, dem Leser auf Augenhöhe begegnenden und mit der Materie bestens vertrauten, Autor geschaffenes Werk, dessen wiederholte Lektüre zum eigenen Nutzen nur uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Autor: Stephan Waldscheidt
Buch: Bessere! Romane! Schreiben! 1 & 2
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