Da studiert man jahrelang die interessantesten und bedeutendsten Dinge und man fragt sich schon, warum eigentlich nicht Alle dieses hochspannende Fach studieren, und dann ist man plötzlich fertig. Und dann steht man da mit seinem Hochschulabschluss. Und dann stellt man ganz schnell fest, dass man ja eigentlich doch noch viel zu wenig weiß. Eigentlich ja sogar gar nichts. Und „wer nichts weiß, ist wie dumm. Wer nichts weiß, rennt so n bisschen blöde durch die Gegend“, wie Stephan Weiner zu erzählen weiß. Was macht man denn eigentlich mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss? Mit dem ganzen angeeigneten Weltwissen, das einem aber nicht auf die Arbeitswelt vorbereitet? Irgendwas mit Medien. Ist doch klar. Film und Fernsehen wäre gut. Aber machen nicht Alle irgendwie irgendwas mit Medien? Dann muss man sich da wohl durchsetzen. Am besten die Ellbogen ausfahren. Wenn man das denn gelernt hat – und will. Willkommen im Ellbogenland.
Die Geschichte beginnt 13 Tage nach dem Abschluss. Eigentlich ein Zeitpunkt an dem man eher noch ans Feiern denkt, ans Entspannen, Abschalten. Der Stress der letzten Jahre, gerade in den Prüfungsphasen war ja nun wirklich hoch genug. Vielleicht erstmal Urlaub machen. Ans Mittelmeer fahren. Relax, take it easy. Aber machen die Anderen jetzt auch erst mal Urlaub? Oder schreiben die schon Bewerbungen? Oder haben die sogar schon nen Job? Darf man sich jetzt zurücklehnen oder war das Studium die ruhige Zeit und jetzt geht es richtig los? Irgendwie muss ja jetzt Geld reinkommen. Na, dann eben auf in die Berufswelt. Kann ja nicht so schwer sein. Haben andere ja auch geschafft. Und mal ehrlich, die Qualifikationen, die man selber mitbringt sind schließlich nicht ohne. Man bedenke nur die ganzen Praktika und die gute Abschlussnote.
Die Menschen, die in der Disco arbeiten, sind meistens abgeschlossene Geisteswissenschaftler
Es wird zwar nicht gesagt, wo der Protagonist studiert hat, aber ich erkenne meine Brötchengeberin, wenn ich etwas über sie lese. Die kleine Unistadt hat zwar keinen Namen, weil es sowieso überall spielen könnte und überall das Gleiche abläuft, aber nennen wir die Fachwerkstadt einfach ganz unbedarft Göttingen. Aus dieser schnuckeligen (böse Zungen sagen auch verschlafenen) Kleinstadt in der jede*r fünfte Student*in ist und jede*r Dritte irgendwie mit der Uni verbandelt ist, zieht es den Protagonisten in die große weite Welt. Sprich Berlin, da wo alle hinwollen. Oder Hamburg. Das geht auch noch. Notfalls noch Köln.
Stephan Weiner, natürlich studierter Geisteswissenschaftler, nimmt uns mit in die Welt der Träumer. Das Studium wird von Sozialpsychologen nicht umsonst gerne verlängerte Adoleszenz genannt. In den vier bis nach oben offenen Jahren des Studiums lebt man in seiner eigenen kleinen Blase und das ist auch gut so. Intrinsisch motiviertes Lernen ist Persönlichkeitsbildung und natürlich die Aneignung von Weltwissen, wie es der Protagonist weiß. Leider driften die eigenen Ideale und die Markt-Reale weit auseinander. In 72 Episoden wird das erste Jahr nach dem Abschluss teils bitterböse kommentiert. Das Tagebuch von einem, der auszog, um das Ausziehen zu lernen. Dabei begegnet man nicht nur Arbeitgebern, sondern vor allem auch Mitstreiter*innen. Und ohne den Horror Eltern geht es natürlich auch nicht.
Wir brauchen mehr Ellbogenschoner
Nun schaue ich anderen ungerne beim Scheitern zu, auch wenn diese das humorvoll verpacken. Das geht anderen offenbar auch so, was vermutlich der Grund ist, warum Weiner ein „neues Ende“ hinzugefügt hat. Der kleine Verlag Container Press hat Ellbogenland nämlich ein zweites Leben verschafft. Ursprünglich 2012 in einer kürzeren Version veröffentlicht, hat der Verleger Andreas Schumacher-Rust das ewige Potenzial von Ellbogenland erkannt. Denn was 2012 galt, gilt heute genauso. Oder eigentlich noch schlimmer. Aber dieses Mal bitte mit „Happy End“.
Der Episodenroman spielt mit den Stereotypen, Erwartungen, Enttäuschungen und Hoffnungen der Generation Praktikum – ja das ist nur ein anderer Name für alle Generationen nach 1990. Vielleicht genau das richtige Buch für alle Bookstagramer und Buchblogger*innen, die immer noch davon träumen irgendwas mit Medien zu machen. Oder schon mittendrin sind in der Maschinerie. Der Roman ist äußerst unterhaltsam (nicht zuletzt weil mir einige Episoden aus meiner Biografie leidlich bekannt vorkommen), hat viele schöne und gelungene Anspielungen auf große Literatur und ist zugleich eine sarkastische Abrechnung mit dem Hamsterrad Karriere. Mir ist der Stil lediglich etwas zu sehr Poetry Slam, ansonsten ist es wunderbare Lektüre eines kleinen und feinen Verlages.






