Stephan Wilhelm

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Autor von du und Der Holzschnitzer.

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du

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Erschienen am 01.09.2015
Der Holzschnitzer

Der Holzschnitzer

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Erschienen am 01.09.2015

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Rezension zu "du" von Stephan Wilhelm

Annäherung an die Lyrik per Interview
BrittaRoedervor 2 Jahren


Interview mit dem Lyriker Stephan Wilhelm auf der Buchmesse in Stockstadt
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Erstmalig gönnte ich mir den Luxus auf der regionalen Buchmesse im Ried einige Interviews zu führen. Für mich eine ziemlich perfekte Annäherung an den Gedichtband 'du'. Den Lyrik ist immer etwas speziell und daher nicht einfach zu bewerten.
Viel Vergnügen bei der Lektüre.
Vielleicht kann das aufgezeichnete Gespräch eure Interesse für die besprochenen Texte wecken.
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Als regionale Veranstaltung ist die Buchmesse im Ried zwar deutlich kleiner als ihre großen Schwestern in Frankfurt/Main oder Leipzig, auch sind die großen Publikumsverlage nur am Rande präsent, aber dafür können interessierte Messebesucher wirklich unmittelbar mit Verlagen und Autoren ins Gespräch kommen. Am Messesamstag (11.3) präsentierte Stephan Wilhelm sein Buch 'du' im Rahmen einer Lesung. Und ich nutzte die Gelegenheit, den sympathischen Lyriker aus dem nahen Einhausen kurz darauf persönlich zum Interview zu treffen.

Britta Röder (BR): Herr Stephan, zu Beginn unseres Gesprächs muss ich Ihnen ein Geständnis machen. Es war ein bestimmter Punkt in Ihrer Biografie, der mich neugierig genug machte, um mit ihnen dieses Interview führen zu wollen. Ihre Blindheit. Ich fragte mich, ob ein blinder Lyriker anders dichtet als ein sehender. Ob Ihre Wahrnehmung der Welt sich auch in Ihren Texten widerspiegelt. Stört es Sie, wenn Leute bei der ersten Begegnung - so wie ich - die Neugier für einen speziellen Punkt in Ihrer Biografie der Neugier auf Ihr Werk voranstellen?
Stephan Wilhelm (SW): Nein, Frau Röder, das stört mich nicht. Bei der persönlichen Begegnung fällt den Leuten ja auch als erstes auf, dass ich nichts sehe - meist aber nicht an mir selbst, sondern am weißen Stock, den ich bei mir trage. So lassen sich oft auch anfängliche Missverständnisse vermeiden.

BR: Sie haben durch eine angeborene Augenkrankheit Ihre Sehkraft verloren. Wann und in welchem Zeitraum passierte das?
SW: Richtig gesehen habe ich nie. Das linke Auge ist wahrscheinlich schon immer blind und rechts hat sich die Sehkraft immer weiter verschlechtert, vor ungefähr zehn Jahren konnte ich bei guten Bedingungen noch Einzelheiten erkennen.

BR: Neben den zahlreichen Aktivitäten, die Ihr Schreiben begleiten, den Lesungen, den Veranstaltungen, sind Sie ebenfalls aktiv in Organisationen für blinde bzw. sehbehinderte Schriftsteller. Brauchen blinde und sehbehinderte Schriftsteller, denn eine andere Art der Förderung und Unterstützung als Sehende? Steckt man AutorInnen und Autoren mit Sehbehinderung dadurch nicht in eine 'diskriminierende Schublade'? Ein Autor/eine Autorin möchte doch vor allem und zu Recht an seinen/ihren Texten gemessen werden.
SW: Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Betrachten wir diese Vereinigung aber als Selbsthilfegruppe. Sie diente zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch, einen großen Anteil hatte auch die Textarbeit. In einer Schreibwerkstatt können blinde oder sehbehinderte Leute kaum mitarbeiten. Dort werden meist Textübungen gemacht und da gibt es nur wenige, die über die erforderliche Technik verfügen und so gut Blindenschrift lesen können, dass sie das Geschriebene gleich vorlesen könnten. Man könnte sagen, dass in blindenspezifischen Gruppen Basisarbeit geleistet wird, also Grundlagen für das Agieren auf dem freien Markt geschaffen werden - und natürlich das Selbstvertrauen, das zu tun.

BR: Wie lange schreiben Sie schon? Waren es immer Gedichte und kurze Texte?
SW: Das hat so in den 1970er Jahren angefangen, da gab es auch die erste Veröffentlichung in einem Jahrbuch. Die kurze Form liegt mir, glaube ich, am besten. Auch die thematischen Abhandlungen zum Tag des weißen Stockes sind nicht länger.

BR: Lesen Sie selbst auch gerne Lyrik? Haben Sie Lieblingslyriker?
SW: Sehr gern lese ich Mascha Kaleko. Ilse Aichinger, Wilhelm Busch, Hermann Hesse, Heinrich Heine, Erich Fried und natürlich Altmeister Johann Wolfgang.

BR: In welchem Zeitraum entstanden die in 'du' veröffentlichten Gedichte und Texte?
SW: Sie sehen an der Art der Gedichte, dass sie aus verschiedenen Phasen stammen, ungefähr Ende der 1980er Jahre bis 2014. Anfangs habe ich es mit dem Archivieren noch nicht so genau genommen.

BR: In 'du' finden die Leser sehr unterschiedliche Texte vor. Manche 'du'-Gedichte sind ganz zart, sie klingen zärtlich, und mit ihnen wird ein Du adressiert, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass es einem realen Du in Ihrem Leben entspricht. Ist das auch so? Sind diese Liebesgedichte durch Menschen inspiriert, die Ihnen nahe stehen?
SW: Ja, das ist so, vereinzelt sind es aber auch Träumereien.

BR: Neben den Liebesgedichten gibt es Texte, die sehr nach innen gerichtet sind. Sie erscheinen mir eher wie Selbstreflexionen. (Winter, S. 39; Das Wort, S. 57; Abgefahren, S. 59) Wie passt das in einen Band wie 'du'?
SW: In "du" geht es um Beziehungen zwischen Menschen. Das können ganz reale Beziehungen sein, gewünschte, vergangene, geträumte. Was können Beziehungen bewirken oder auslösen? Assoziationen, Erinnerungen, Wünsche. Auch in wirklichen Beziehungen kann ein einzelnes Wort viel bewirken. Freude oder Ärger, zum Nachdenken anregen, die Gedanken weiterfließen lassen. Die Ansprache oder ein Wort muss dabei gar nicht unbedingt an einen Empfänger persönlich gerichtet worden sein. Ich glaube, das hat jeder schon erlebt: Man hört etwas, das kann auch ein Lied oder ein Geräusch sein, und schon setzt sich in einem etwas in Bewegung. Ja, den Text "Abgefahren" könnte man philosophisch betrachten, das Ich sagt ja auch nichts darüber, wo es herkommt oder hinfahren will.

BR: Neben den Gedichten gibt es auch Kurzprosa. In Ihrem Text 'Bild' (S. S.52) beschreiben Sie die Begegnung eines Ich-Erzählers mit einer Malerin, wobei sich dieser sicher nicht ganz zufällig selbst als Schreibenden bezeichnet. Das Zusammentreffen von Text und Bild, die Kombination von Wort mit Bildender Kunst, findet ja auch in ihrem Gedichtband statt. Dafür haben Sie mit der Malerin Elke König zusammengearbeitet. Haben Sie eine besondere Affinität zur Bildkunst? Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bilder aus, die Ihre Texte begleiten?
SW: Eine gewisse Affinität zur Bildkunst gibt es. Schon in der Schule habe ich lieber mit Bleistift gezeichnet, als mit Farben gemalt. Später auch noch, wegen des eingeschränkten Sehvermögens, und des engen Blickfeldes, habe ich vorzugsweise Miniaturen gezeichnet. So lange es irgendwie ging, habe ich auch fotografiert. Bis ich den Auslöser drückte, hat es immer lange gedauert, weil ich das Bild im Sucher richtig erkennen musste und die richtige Perspektive finden wollte. Und weil Sie den Text "Ein Bild" ansprechen: In jedem noch so konstruierten Text ist etwas Eigenes, und sei es die Wahl oder Gestaltung des Konstruktes.
Für "du" genauso wie im "Holzschnitzer", dem Buch mit weihnachtlichen Erzählungen, habe ich überlegt, wie könnten die anschaulich begleitet werden und bin auf die Federzeichnungen gekommen. Das habe ich dann mit Frau König besprochen und der Rest war ihre Arbeit. Das Motiv und die Darstellung hat Frau König anhand der Texte selbst gewählt. Wenn es mehrere Zeichnungen für einen Text gab, hat meine Frau den passendsten ausgewählt. Aus den Rückmeldungen zu schließen, haben beide eine gute Wahl getroffen.
BR: Das Sehen spielt in vielen Ihrer Texte eine sehr wichtige Rolle. In 'Feuer im Paradies' (S.33) wächst aus einem anfangs harmlosen Beobachten ein zerstörerisches sinnliches Verlangen. Mit Ihren Worten machen Sie das Sehen zu einem Erlebnis, das über das reine Beobachten hinausgeht.
Mein Text-Liebling in Ihrem Band ist HerbstEnde (S.46), den ich, obwohl er für mich einerseits unendlich traurig ist, auch wunderschön finde.
Aber auch hier: Das Sehen hat eine zentrale Funktion in dieser kurzen Erzählung. Ist es ein Klischee daraus zu schließen, dass 'das Sehen' für Sie eine besondere Bedeutung hat bzw. dass Sie sich vielleicht mehr als die meisten Sehenden dieser besonderen Bedeutung bewusst sind?
SW: Wenn, dann wirklich ganz unbewusst. In meinen Texten versuche ich, Begebenheiten, Situationen oder Eindrücke darzustellen, so weit wie erforderlich zu beschreiben. Dabei möchte ich dem Leser genügend Raum für eigene Gedanken und Empfindungen lassen. Ich habe großes Interesse an meinen Mitmenschen, der Umwelt und bin sehr naturverbunden. Vielleicht spiegelt sich das in den Gedichten, Texten und Beschreibungen wider. Sie kennen das ja selbst, Frau Röder, wie lange es manchmal dauert, bis einem die richtigen Worte einfallen, um das zu formulieren, was man ausdrücken will. Zum Beispiel das Thema von "Landschaft" hat mehrere Jahre in meinem Kopf rumort, bis ich die richtige Form gefunden hatte.

BR: Herr Wilhelm, Sie schreiben Lyrik. Zu Ihren Texten sagen Sie, dass sie keine Fast-Food-Literatur sind. Wie wichtig ist es Ihnen, die Langsamkeit in Ihrer Literatur zu bewahren?
SW:
Wir leben in einer sehr hektischen Zeit. Wenn ich mir manche Leute ansehe, dann habe ich den Eindruck, die sind nur noch unterwegs, kommen gar nicht mehr zur Ruhe. Niemand nimmt sich mehr richtig Zeit. Auch die Inhalte, die uns die Medien liefern sind überfrachtet. Im Fernsehen, im Radio, sogar in Hörspielen, alles voller Effekte, Musikuntermalung. Dabei wird es immer schwieriger herauszufiltern, was wirklich wichtig ist. In dem großen Spektrum an Informationen das Richtige zu finden. Doch dafür braucht es Zeit, Konzentration, Ruhe.
Mit meinen Texten möchte ich ohne Schnörkel, ganz komprimiert, meine Ideen ausdrücken.
So ähnelt mein Schreibprozess oft einem Streichkonzert. Ich verdichte den Text bis nur noch das Wesentliche stehen bleibt.
Doch gleichzeitig möchte ich meinen Lesern möglichst viel Raum überlassen für seine eigene Gedanken und Empfindungen. Meine Texte sollen offen sein. Ich freue mich, wenn sie etwas auslösen und zugleich den Lesern ein hohes Maß an Freiheit zur eigenen Interpretation überlassen.

BR: Vielen Dank, Herr Wilhelm, für das ausführliche Gespräch. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Zeit auf der Messe und viel Erfolg mit Ihren Texten.


-> Der Gedichtband 'du' ist 2015 erschienen und unter ISBN-13: 978-3000466533 zu erwerben.





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