Stephen Alford

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Cover des Buches Edward VI (Penguin Monarchs): The Last Boy King (ISBN: 9780141976914)A

Rezension zu "Edward VI (Penguin Monarchs): The Last Boy King" von Stephen Alford

Englands letzter Kindkönig
Andreas_Oberendervor einem Jahr

Seit Herbst letzten Jahres bringt der Penguin-Verlag eine neue Buchreihe heraus, die "Penguin Monarchs". Es handelt sich um Kurzbiographien aller englischen und britischen Könige und Königinnen seit dem 11. Jahrhundert. Interessanterweise beginnt die Reihe mit den letzten angelsächsischen Herrschern vor der normannischen Eroberung. Auch für Oliver Cromwell ist ein Band vorgesehen. Mittlerweile sind zehn von 45 geplanten Bänden erschienen. Die Bücher sind kleinformatig (13x18,5 cm) und umfassen maximal 150 Seiten. Sie enthalten farbige Abbildungen, Stammtafeln und kommentierte Literaturhinweise. Auch wenn eine entsprechende Angabe fehlt, ist davon auszugehen, dass sich die Bände an historisch interessierte Laien richten, die sich rasch über das Leben der englischen Monarchen informieren wollen. Als Konkurrenz zur renommierten Biographienreihe "Yale English Monarchs", deren Bände eher für den wissenschaftlichen Gebrauch in Frage kommen, sind die "Penguin Monarchs" nicht gedacht. Interessant ist die neue Reihe dennoch, denn der Verlag hat zahlreiche bekannte Historikerinnen und Historiker als Autoren rekrutiert. Damit ist sichergestellt, dass sich die einzelnen Kurzbiographien auf der Höhe des heutigen Forschungsstandes bewegen.

Zwangsläufig enthält die Reihe auch Bände über Monarchen, die historisch gesehen von geringer Bedeutung sind, sei es, weil sie nur für kurze Zeit regierten, sei es, weil sie als Kinder auf den Thron gelangten und starben, bevor sie das Erwachsenenalter erreichten und ihre Herrschaft tatsächlich ausüben konnten. In die letztere Kategorie fallen Eduard V. (1470-1483) und Eduard VI. (1537-1553). Nur Eingeweihte wissen mit den Namen dieser beiden Könige etwas anzufangen, die in der Geschichte keine nennenswerten Spuren hinterlassen haben. Der spätere Eduard VI. war der langersehnte Sohn Heinrichs VIII. aus der dritten Ehe mit Jane Seymour. Er starb mit knapp 16 Jahren. Was für ein König er geworden wäre, hätte er länger gelebt, darüber kann man nur spekulieren. Als Person und Individuum ist Eduard VI. schwer zu erfassen, wie Stephen Alford, einer der bekanntesten britischen Tudor-Experten, zu Beginn seiner Kurzbiographie einräumt. Alford zeichnet dennoch ein farbiges Bild vom kurzen Leben des dritten Tudor-Königs. Er nähert sich seinem Protagonisten mit sehr viel Einfühlungsvermögen. Aufgrund seines jugendlichen Alters regierte Eduard VI. nicht selbst, aber er stand einem großen und glänzenden Hof vor. Der Kindkönig führte keineswegs ein isoliertes Leben, sondern war in vielfältige zeremonielle und repräsentative Aktivitäten eingebunden. Einen Großteil der Zeit des jungen Herrschers nahm die gründliche humanistische Ausbildung in Anspruch, die schon vor seiner Thronbesteigung begonnen hatte. Eduards Lehrer waren von dem Ehrgeiz beseelt, den Monarchen zu einem umfassend gebildeten Philosophenkönig zu erziehen. Ihre Anstrengungen trugen durchaus Früchte. Eduard VI. war belesen, sprachgewandt, musikalisch begabt. Das politische Alltagsgeschäft vollzog sich weitgehend ohne sein Zutun.

Im Namen des jungen Königs herrschten machtbewusste Ratgeber und Höflinge, zuerst Edward Seymour, Herzog von Somerset (Eduards Onkel mütterlicherseits), später John Dudley, Herzog von Northumberland. Im innersten Zirkel der Macht waren Intrigen und Grabenkämpfe an der Tagesordnung. Der Dynamik dieser Machtkämpfe war Eduard VI. hilflos ausgeliefert. Seine beiden Onkel, Edward und Thomas Seymour, wanderten aufs Schafott, als sie in den Auseinandersetzungen mit ihren Gegnern den Kürzeren zogen. Der König konnte den Tod seiner Verwandten nicht verhindern. Es ist bedauerlich, dass Alford kaum auf das politische Geschehen und die konfessionellen Konflikte der Jahre 1547 bis 1553 eingeht. Er konzentriert sich zu sehr auf Eduards Ausbildung und das Leben am Hof. Dabei war Eduards kurze Regierungszeit eine wichtige Phase der englischen Reformation. Die Mitglieder des königlichen Rates instrumentalisierten den jungen Monarchen, um die "unfertige" Reformation Heinrichs VIII. weiter voranzutreiben. In der Bevölkerung regte sich jedoch Widerstand gegen die Weiterführung und Zuspitzung der Reformation; es kam zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen werden mussten. Die Anhänger der Reformation beeinflussten Eduard so erfolgreich, dass der junge König kurz vor seinem Tod Vorkehrungen traf, seine beiden Halbschwestern Maria und Elisabeth von der Thronfolge auszuschließen. Zur Thronerbin bestimmte er seine Cousine Jane Grey, die dem Lager der radikalen Reformer angehörte. Als Eduard VI. im Sommer 1553 starb, war die Zukunft der englischen Reformation weiter ungewiss. Der Thron fiel schließlich doch an Eduards Halbschwester Maria I., die sich an einer gewaltsamen Rekatholisierung Englands versuchte und als "Maria die Blutige" in die Geschichte einging. Auch Marias Herrschaft währte nur wenige Jahre; ihre Regierungszeit blieb ebenso eine Episode wie die Eduards VI. Deshalb stehen Eduard und Maria bis heute im Schatten ihrer Halbschwester Elisabeth, der es gelang, den konfessionellen Konflikt zu entschärfen und Englands inneren Frieden zu sichern. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Juni 2015 bei Amazon gepostet)

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