Man muss nichts von Literatur verstehen um manche Bücher zu lieben. Gerade diese Bücher erfüllen uns noch im Nachhinein mit einem Wohlgefühl, einer unzerbrechlichen Dankbarkeit und rühren mit ihrer unglaublichen Nähe zu uns an irgendeiner unbekannte Stelle, die nur für sie erreichbar zu sein scheint. Ohne Frage ist "Vielleicht lieber Morgen" so ein Buch, so ein Buch, dass beinahe jeder von uns in mancher stillen, aufgewühlten Stunde seiner Jugend, im Herzen schon geschrieben hat.
"Aber ich schätze, ich mache mir eine Menge Sorgen. Ich seh mir die Leute an, die Händchen halten und frage mich, was da so alles dahinter steckt. Auf Schulpartys sitze ich im Hintergrund, wippe mit dem Fuß und überlege, wie viele Paare wohl zu -ihrem Lied- tanzen. Ich sehe die Mädchen im Flur die Jacken von den Jungs tragen und denke in diesem Zusammenhang über das Besitzen nach. Und ich frage mich, ob die Leute wirklich glücklich sind. Ich hoffe, sie sind es. Ich kann es wirklich nur hoffen."
Charlie ist 15 und lebt eigentlich in sehr normalen Verhältnissen. Seine Mutter hat ihn lieb und ist bodenständig, sein Vater ist ein eher in sich zurückgezogener, einfacher Mensch, der aber stark sein kann, wenn es sein muss. Sein älterer Bruder geht schon aufs College, seine ältere Schwester geht ihm oft auf die Nerven. Seine Familie weist wie die meisten einige schwarze Flecken auf der weißen Weste und ein paar tote Winkel auf.
In der Schule ist er eher ein Außenseiter (im Original heißt dieses Buch "The Perks of Being a Wallflower"), obwohl er begabt ist und von seinem Englischlehrer sogar außerhalb des Unterrichts Bücher bekommt, über die er nach der Lektüre Aufsätze schreiben soll.
Zwei Todesfälle haben sein Leben gezeichnet: Der seiner Tante Helen vor ein paar Jahren und der seines Freundes Michael, der erst vor kurzem durch Freitod starb. Doch diese Geister der gerade erst abgeschlossenen Vergangenheit, sind natürlich kaum etwas gegen die Achterbahn von Pubertät, Freundschaft, Leben und Liebe, die ihm in diesem Jahr bevorsteht. Gefangen zwischen Adoleszenz und gerade erst ausklingender Kindheit, beschreibt und verarbeitet Charlie sein Lebensgefühl und seine Erlebnisse in Briefen an einen unbekannten Freund...
"Ich ging zu dem Hügel, wo wir früher immer Schlitten gefahren sind. Es waren viele kleine Kinder da. Ich guckte ihnen eine Weile zu. Wie sie mit den Schlitten über Hindernisse flogen und Rennen fuhren. Und ich musste daran denken, dass all die Kleinen irgendwann erwachsen sein würden. Und all die Kleinen tun irgendwann Dinge, die wir auch tun. Und alle werden irgendwann jemanden küssen. Aber im Moment reicht ihnen Schlittenfahren. Ich fände es schön, wenn Schlittenfahren immer genug sein könnte, aber so ist das eben nicht."
Chbosky hält sich wenig an literarische Stilmittel und Schematisches kann man in seinem Buch beinahe nirgends finden. Stattdessen erzählt er frei und mit einem Hang zur Abschweifung, als wäre wirklich alles aus dem Leben gegriffen. Die ganze Geschichte und jedes Detail in ihr wirkt sehr authentisch, vom Normalen bis zum Besonderen, und auch die Chancen der Briefromanperspektive nutzt er sehr gut und bringt einen dazu sich als (Brief-)Leser auch etwas zu dem zu denken, was Charlie schreibt; man fühlt sich doch öfters wie in einen tatsächlichen Dialog versetzt – allerdings eher in einen Dialog zwischen dem eigenen jugendlichen Ich und Charlie, ein Dialog, den man noch resümieren kann.
Es ist augenscheinlich kein spektakuläres Buch, dass Chbosky hier geschrieben hat. Das Spektakuläre liegt aber eben in den Zwischentönen und der unglaublichen Erlebnisnähe, die einige von Charlies Geschichten für einen selber haben; manche Szene wirkt fast wie ein Sinnbild der eigenen Erfahrung.
Es fällt mir schwer darüber hinaus meine Empfindungen zu dem Buch aufzuschreiben. Auch weil ich hoffe, dass noch viele Leute dieses Buch lesen, einfach weil es so "wichtig" ist, so echt und tiefenwirksam, als wäre es eine Jacke, die man anzieht und schon streift man wieder durch Teile seiner eigenen Jugend - viele Gefühle, ähnliche Situationen, Freunde, Geschichten, Legenden begegnen einem, zu denen man sofort die eigenen Pedanten parat hat. Und das baut wiederum eine Verbindung auf, ein leises Gefühl: Dass vielleicht alle Menschen irgendwo doch einander verstehen und das große Ganze spüren können, das uns alle zusammenausmacht und es an ein, zwei Stellen zu begreifen - und sei es nur durch das, was uns alle irgendwann mal streift, bildet, umhaut: die nahste und stürmischste Zeit des Lebens.
Man lese dieses Buch. Ich schwöre, in einigen Momenten ist man darin unendlich...