Stephen Hunter Nachtsicht

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Inhaltsangabe zu „Nachtsicht“ von Stephen Hunter

Bob Lee Swagger auf der Jagd nach den Mördern seines Vaters.

Fängt etwas langatmig an und entwickelt dann eine große Dynamik und Spannung.

— hebersch

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    Nachtsicht

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    04. February 2016 um 04:19

    Der Action-Thriller ist nicht unbedingt bekannt für hintergründige Handlungen oder profilstarke Charaktere. Dabei ist es kein Widerspruch, lebensechte Figuren in Ereignisse zu verwickeln, die gleichermaßen turbulent wie komplex sind. Die damit verbundene Denkarbeit ist es, die viele Autoren scheuen, weil sie faul oder talentarm sind. Auf Stephen Hunter trifft beides nicht zu. Dass seine Bücher hierzulande nicht längst Seite an Seite mit denen seines »Kollegen« Lee Child die Sellerlisten stürmen, liegt u. a. an einer unglücklichen Veröffentlichungsgeschichte: Hunter scheint mindestens ein Jahrzehnt zu früh auf der Bildfläche erschienen zu sein. An der Qualität seiner Werke kann es jedenfalls nicht liegen, denn in den USA gehört Hunter zu den prominenten und vielgelesenen Autoren. Vielleicht gingen und gehen die Vorbehalte darauf zurück, dass Hunter politisch gründlich unkorrekte Thriller schreibt. Bob Lee Swagger ist generell kein sympathischer Zeitgenosse. Darüber hinaus ist er ein Scharfschütze und damit Vertreter eines offenbar notwendigen aber ungeliebten Soldatenstandes: Statt sich dem Feind Auge in Auge zu stellen, knallt ihn der Scharfschütze aus dem Hinterhalt und auf weite Entfernung ab. Nicht einmal Clint Eastwood konnte ihm mit »American Sniper« einen Glorienschein aufsetzen: Der Scharfschütze ist ein Repräsentant militärischer Drecksarbeit. Dies unterscheidet Jack Reacher, Lee Childs ansonsten ebenso gewalttätigen Ex-Militärpolizisten, von Bob Lee Swagger, der keine Hälse im Nahkampf bricht, sondern Schädel auf große Distanzen zum Bersten bringt.Drei Jahrzehnte und drei Romane Wem weder das eine noch das andere moralisches Bauchgrimmen beschert, liest einen ausgezeichneten Roman, der ungeachtet seiner gewaltigen Seitenstärke keine Längen aufweist. Stattdessen erzählt Autor Hunter seine Geschichte nicht nur auf mehreren Ebenen, sondern verknüpft zudem souverän Gegenwart und Vergangenheit. Der Bodycount fällt im Vergleich zum Auftaktband der Swagger-Serie geringer aus; eine kluge Entscheidung, denn Swagger kann nicht jedes Mal Strolche in höherer zweistelliger Zahl killen und anschließend in sein Privatleben zurückkehren. Die Freunde anschaulich in Szene gesetzter Gemetzel dürfen aber aufatmen: Swagger Senior und Junior fällen immer noch genug Pechvögel. Hunter integriert solche Shootouts inzwischen harmonischer in ein sorgfältig aufgebautes Geschehen, das auch außerhalb solcher »Action« seinen Schwung nie verliert. Hinzu kommt Hunters Gespür für die karge, gefährliche aber gleichzeitig faszinierende Landschaft des US-Südens, die ihre Bewohner zusammen mit einer explosiven Historie prägte. Das erzwungene Nebeneinander ehemaliger (schwarzer) Sklaven und ihrer ehemaligen (weißen) Besitzer und die daraus resultierenden Folgen sind keineswegs überwunden. Hunter beschreibt vor allem in jenem Handlungsstrang, der 1955 spielt, eine Welt, in der oft tödliche Rassendiskriminierung ein Alltag ist, mit dem sich sogar viele Afroamerikaner abgefunden haben. Mehr als dreißig Jahre später ist der Rassismus subtiler aber keineswegs weniger erniedrigend oder ungegefährlich geworden. An den Verhältnissen hat sich zumindest in Polk County wenig geändert. Dort herrscht wie vor dem Bürgerkrieg eine kleine Kaste reicher, weißer Familien, die sich politische Ämter zuschanzen, das Gesetz korrumpieren und sich die Taschen füllen.Eine Lanze für das Gesindel Schon sein Auftritt war so spektakulär wie ein unverhoffter Schlag ins Gesicht: Als Stephen Hunter 1992 seinen Anti-Helden Bob Lee Swagger erstmals von der Kette ließ, war es (trotz »Rambo«) noch keine Norm, dass Einzelkämpfer im Dienst der Gerechtigkeit Bösewichter im Dutzend umbrachten; dies blieb ihnen in jenen B-Movies vorbehalten, die man in finsteren Videotheken-Winkeln finden konnte. Dort symbolisierten ‚Helden', wie man patriotisch und psychopathisch sowie ohne Einwände eines lästigen Hirns aber umso schwerer bewaffnet für das sorgte, was als »Recht & Ordnung« definiert wurde. Auf den ersten Blick scheint sich Bob Lee Swagger nahtlos in diese Front tumber Haudraufs und »American Fighter« zu integrieren. Autor Hunter ist ein vielleicht widerwilliger aber deutlicher Respekt für die Hinterwäldler der US-Südstaaten anzumerken. Das sind jene »Rednecks« und »Hillbillys«, die oft als »White Trash« beschimpft und ausgegrenzt werden – Männer und Frauen ohne Bildung, Job und Geld oder Hoffnung darauf, dass sich daran etwas ändert. Stattdessen bestimmen Vorurteile, Misstrauen, (falscher) Stolz und vor allem Gewalt nach dem Motto »Heavily Armed – Easily Pissed« den Alltag dieser Menschen. Sie bekommen und erwarten nichts vom Leben, und wer sich in ihre Angelegenheiten einmischt oder ihnen gar ihre Waffen nehmen will, muss mindestens mit Körperverletzungen rechnen: »You better bring yours if you come to take mine.« Faktisch ist auch Bob Lee Swagger ein Mitglied dieser Unterschicht. In ihm dominieren allerdings die wenigen positiven Seiten: eine Naturnähe, die diese Menschen quasi mit ihrer Umgebung verschmelzen lässt, die Fähigkeit, sich mit Leib und Seele einer Sache zu verschreiben, sowie der Wille, unglaubliche körperliche Belastungen zu verkraften. Der Hinterwäldler wird bei Hunter zu einer Urgewalt, die der Zivilisation trotzt und sowohl ihre Gesetze als auch ihre Regeln ignoriert.Nie vergessen, niemals vergeben Insofern könnte man beide Swaggers – Vater und Sohn – als Verräter an der eigenen Klasse bezeichnen. Tatsächlich sind sie »Wilde« geblieben, obwohl sie als Gesetzeshüter bzw. Soldat einem Land dienten, mit dem sie sich nur bedingt identifizieren können. Die Swaggers haben sich für eine Seite entschlossen. Mit der für diesen Menschenschlag typischen Sturheit halten sie daran fest. Wehe jenen, die ihnen in die Quere kommen! Die Wüste ist weit, und die Wälder sind tief: Hier kennen die Swaggers das Land und die Menschen, hier sollte man sie lieber nicht reizen! Selbstverständlich geschieht genau das. Die typisch vertierten Profikiller, die es versuchen, dienen Hunter als Kanonenfutter. Viel interessanter ist der eigentliche Unhold »Red« Bama: ein ungehobelter Klotz, korrupt, kriminell und ungebildet – und ein Vater, der seine Kinder über alles liebt, der die Familien seiner Gegner nie bedrohen würde und dem jeglicher Sadismus fremd ist. Bama ist ein ungewöhnlicher Charakter fern der meisten Klischees. Diese Figurenzeichnung ermöglicht einen Finaltwist, der wirklich überrascht. Bama entschädigt für den deutlich konventionelleren Russell Pewtie, der eine Art Watson-Rolle spielt: Eine überlebensgroße und dabei wortkarge Figur wie Bob Lee Swagger wirkt in der kommentierten Beobachtung stärker. Swagger droht schnell zu menschlich und dabei alltäglich zu werden, wenn Hunter uns an seinen Gedanken teilnehmen lässt. Nur bedingt ist zudem die Verbindung mit zwei früheren Hunter-Werken gelungen. Nachtsicht ist eine doppelte Fortsetzung. Der Autor setzt einerseits die mit »Point of Impact« (dt. Shooter) begonnene Swagger-Serie fort und greift andererseits Figuren und Ereignisse aus seinem Thriller»Dirty White Boys« auf, was etwas zu bemüht wirkt. Dies ist jedoch eine Klage auf denkbar hohem Niveau. Sie geht nahtlos in die Hoffnung über, vom Festa-Verlag mit weiteren, ebenso gut übersetzten und schön gestalteten Swagger-Thrillern verwöhnt zu werden! (Anders als im Nachwort fälschlich behauptet, ist »Dirty White Boys«übrigens durchaus bereits in Deutschland erschienen. Der Roman trug den nichtssagenden Titel Die Gejagten und erschien gebunden 1997 im List-Verlag. Drei Jahre später veröffentlichte der Goldmann-Verlag ihn als Taschenbuch. Als »Stand-Alone«-Story ist dieses Werk sogar noch spannender und eindringlicher als der erste Swagger-Roman.)

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