Steve Sem-Sandberg

 4.2 Sterne bei 18 Bewertungen
Autor von Die Elenden von Lódz, Die Erwählten und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Steve Sem-Sandberg

Steve Sem-Sandberg, geboren 1958, ist einer der renommiertesten schwedischen Autoren. Sein Roman »Die Elenden von Łódź« wurde mit dem schwedischen August-Preis ausgezeichnet und ist weltweit in 27 Ländern erschienen. Er lebt in Stockholm und Wien.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Steve Sem-Sandberg

Cover des Buches Die Elenden von Lódz (ISBN:9783608938975)

Die Elenden von Lódz

 (10)
Erschienen am 01.09.2011
Cover des Buches Die Erwählten (ISBN:9783442481330)

Die Erwählten

 (4)
Erschienen am 21.08.2017
Cover des Buches Der Sturm (ISBN:9783608981209)

Der Sturm

 (2)
Erschienen am 24.08.2019
Cover des Buches Die Erwählten (ISBN:9783608939873)

Die Erwählten

 (1)
Erschienen am 26.09.2015
Cover des Buches Theres (ISBN:9783608103120)

Theres

 (1)
Erschienen am 21.09.2012
Cover des Buches The Chosen Ones (ISBN:9780571288465)

The Chosen Ones

 (0)
Erschienen am 05.11.2015

Neue Rezensionen zu Steve Sem-Sandberg

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Rezension zu "Der Sturm" von Steve Sem-Sandberg

Sturm
Buecherschmausvor 3 Monaten

Keine Naturgewalten brechen über die Bewohner der Insel herein und auch die inneren Stürme bleiben relativ verhalten in Steve Sem-Sandbergs Roman Der Sturm. Worauf der Titel vielmehr anspielt ist das gleichnamige Stück von William Shakespeare. Hierzu gibt es viele Bezüge, was sich schon im Motto andeutet, auch wenn das Ganze kein Remake etwa im Sinne des „Hogarth-Shakespeare Project“ ist.

Ich-Erzähler ist Andreas Lehman. Er kehrt auf die Insel, eine der „inneren Inseln“ vermutlich des Oslofjords, auf der er Kindheit und Jugend verbracht hat, zurück, nachdem sein Ziehvater Johannes verstorben ist. Es gilt, Ordnung in die zuletzt ziemlich vernachlässigten Hinterlassenschaften im Gelben Haus zu bringen. Johannes war nicht nur alt und halbblind, sondern trank mehr als ihm guttat, zog sich auf den Dachboden zurück, ließ Haus und Garten verkommen und soff.

Gleich zu Beginn ahnt man, dass es keine ganz unbeschwerte Kindheit war, die Andreas hier verbrachte. Der Roman beginnt so:

„Ich hätte nicht zur Insel zurückkehren sollen, tat es aber dennoch.“

Die näheren Umstände und das komplizierte Sozialgefüge auf der Insel enthüllen sich der Leser*in erst nach und nach und in Gänze wie auch dem Erzähler selbst erst ganz am Schluss des Buches.

Andreas und seine ältere Schwester waren noch sehr klein, als die Eltern auf rätselhafte Weise aus ihrem Leben verschwanden. Die Amerikaner Frank und Elizabeth Lehman lebten seit einiger Zeit mit ihren Kindern Andreas und Minna in der „Nato-Villa“ auf der kleinen norwegischen Insel, als der Vater die Kleinen zu Johannes brachte. Er solle bitte ein paar Stunden auf die Kleinen aufpassen, es gäbe einen Notfall, die Mutter müsse ins Krankenhaus. Das war 1962 und von den Eltern kam nie mehr ein Lebenszeichen. Gerüchte besagen, sie wären an Bord des Flugzeugs gewesen, bei dessen Absturz kurz vor der Küste der Insel alle Passagiere ums Leben kamen. Das Rätsel wird nie wirklich gelöst.

Die Kinder bleiben in der Obhut von Johannes, der Chauffeur von Jan-Heinz Kauffmann ist. Dieser „regiert“ die Insel in gutsherrlicher Manier zusammen mit seinem Inspektor Herr Carsten. Viele der Bewohner sind wirtschaftlich von Kauffmann abhängig, hassen ihn aber, auch wegen seiner „Nazi“-Vergangenheit. Einst als Idealist mit hochfliegenden Plänen für eine gänzlich anderen Bewirtschaftung – neue Anbaumethoden, Gründung einer landwirtschaftlichen Produktions- und Wohngenossenschaft – auf die Insel gekommen, schloss er sich 1933 der Nasjonal Sammling der faschistischen Partei von Vidkun Quisling an, unter deren Regierung er dann Handelsminister wurde. Schon zu Kriegszeiten wurde die Genossenschaft dann auch als „Kolonie“ für Kinderlandverschickungen genutzt.

Während Andreas recht unauffällig bei Johannes aufgewachsen zu sein scheint, fällt die rebellische Minna durch ungehöriges Verhalten auf, weswegen sie auch zeitweise in eine Pflegefamilie kommt. Auch für ihren Bruder, der sehr an ihr hängt, ist sie ein Rätsel, bis zu ihrem Tod, von dem man relativ früh erfährt, dessen Ursachen aber auch im Dunkeln bleiben.

Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Die Rahmenhandlung, in der der Erzähler auf die Insel zurückkehrt, und anhand von Tagebüchern, Fotos, Briefen, alten Quittungen und Zeitungsartikeln versucht, seiner Kindheit, von der auch ihm vieles nicht wirklich klar ist, näherzukommen, ist in den 1990er Jahren angesiedelt. Die Rückblicke reichen in die 1960er und 70er Jahre und darüber hinaus auch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges zurück.

Andreas ist ein eher unzuverlässiger Erzähler. Viele Dinge über seine Familie, seine Kindheit, die Insel weiß er einfach nicht oder kennt sie nur vom Hörensagen oder durch die Geschichten, die ihm Johannes erzählt hat. Diese bleiben wie die Personen aus seinem unmittelbaren Umfeld auch ihm selbst oft rätselhaft, unerklärbar. Sandberg erzählt poetisch dicht, so dass die Geschichte zeitweise etwas märchen- oder traumhaftes erhält.

Dazu passen die Reminiszenzen zu Shakespeares Sturm. Wie heißt es da: „Wir sind aus jenem Stoff aus dem die Träume sind und unser kurzes Sein umfängt ein Schlaf.“ Lügen und Masken herrschen auch auf der norwegischen Insel, Grundbesitzer Kaufmann herrscht dort wie der Zauberer Prospero, lebt mit seiner Tochter Helga, die an einer unheilbaren Erbkrankheit, der spinalen Muskelatrophie, leidet und betreibt zwar keine magischen Studien wie Prospero, aber doch auch teilweise recht undurchsichtige Geschäfte. Kaufmanns Verwalter Carsten ist wie Caliban körperlich deformiert. Andreas Vater Frank wird auf die Insel gespült wie Königssohn Ferdinand und von Kaufmann unter die Fittiche genommen. Und wie im Drama der Schiffbruch, zerschellt das Flugzeug an der Insel.  Eine bedrohliche Stimmung zieht durch den Roman, wie ein Sturm, der sich zusammenbraut. Bis zum Ende, wo sich in einem unheimlichen Finale das meiste aufzuklären scheint.

Doch gerade dieses Finale ist es, was mir die bis dahin faszinierende Lektüre ein wenig verdorben hat. Zu vieles, auch unschlüssiges wird da auf zu wenig Raum aus dem Hut gezaubert. Und der Schluss macht mich mehr als ratlos. Vielleicht müsste ich das Buch nochmal lesen. Viele Bücher hinterlassen ja dieses Gefühl, doch meistens eher als Versprechen auf noch größere Einsicht in einen gelungenen Text. Hier bleibe ich nach 250 gern gelesenen Seiten mit dem unbefriedigten Gefühl zurück, etwas Grundlegendes nicht verstanden zu haben. Und das dürfte eigentlich nicht in der Absicht des Autors gelegen haben.



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Rezension zu "Der Sturm" von Steve Sem-Sandberg

Die Suche nach der Wahrheit
buecherwurm1310vor 4 Monaten

Der Tod seines Ziehvaters Johannes sorgt dafür, dass Andreas auf die Insel zurückkommt. Hier auf der norwegischen Insel hat er seine Kindheit bei Johannes im Gelben Haus verbracht. Seine Gefühle sind ambivalent. Eigentlich wollte er nicht unbedingt zurückkommen, denn rückblickend war es nicht besonders angenehm. Alle schienen alles über die anderen zu wissen, doch es wurde nicht geredet, sondern man gab sich verschlossen, besonders denen gegenüber, die nicht von der Insel waren.

Andreas und seine ältere Schwester Minna Hatten mit ihren Eltern in der Nato-Villa gewohnt. Die Kinder wurden von ihren Eltern für ein paar Stunden bei Johannes abgegeben, aber nicht wieder abgeholt. Die Fragen der Kinder beantwortet Johannes mit ausschweifenden Geschichten, die aber immer anders verlaufen. Es scheint als wären die Eltern später bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, als sie ihre Kinder abholen wollten. Andreas folgte seiner Schwester auf Schritt und Tritt und tat alles, was diese forderte. Doch als er sich schuldig machte, ließ sie ihn im Stich. Johannes lässt die Kinder gewähren, selbst dann noch, als Minnas Treiben zu heftig wurde. 

Nun ordnet Andreas den Nachlass von Johannes. Es gibt Ungereimtheiten und immer neue Fragen tauchen auf. Langsam begreift Andreas das, was er als Kind nicht verstehen konnte. Johannes hat alles Mögliche gesammelt: Quittungen, Notizhefte, Fotos und Zeitungsausschnitte. Das alles belegt, was Andreas zunächst vermutet und was sich dann als Wahrheit herausstellt. Er erkennt, was es mit den Kaufmanns auf sich hatte, die als die Herren der Insel galten und die während des Krieges eine Kolonie für Kinder errichtet und sogar Deutsche zu Gast hatten. Der Gutsverwalter Herr Carsten war genauso unbeliebt wie die Kaufmanns selbst. Andreas erkennt, dass auch Carsten, der immer noch auf dem Gut ist, obwohl die Kaufmanns längst weg sind, eine wichtige Rolle gespielt hat.

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen, denn die Zeitensprünge sind nicht immer gleich zu erkennen. Die Sprache ist klar, fast schon poetisch. 

Es ist eine sehr atmosphärische Geschichte, die teils erschreckend und manchmal auch berührend war. Lesenswert!

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Rezension zu "Die Erwählten" von Steve Sem-Sandberg

Ein Buch, dessen Tiefen nicht schwärzer sein könnten.
Freyheitvor 2 Jahren

Inhalt:


Adrian Dobrosch-Ziegler ist elf Jahre alt, als er das erste Mal nach Spiegelgrund kommt. Offiziell ist dieser Ort ein Erziehungsheim und eine Nervenheilanstalt für Kinder, inoffiziell ein Euthanasie-Zentrum und Versuchslabor der Nationalsozialisten.
Zweimal gelingt ihm die Flucht, doch auch die Freiheit verspricht grausam zu sein.

Wie viel kann eine Kinderseele aushalten?


Meine Meinung:


Ich hatte vorher noch nie etwas von der Klinik Am Spiegelgrund gehört, doch die ersten Seiten klärten mich schon über die Hintergründe dieser Klinik auf.

Das Buch handelte von dem elfjährigem Adrian Dobrosch, später Ziegler. Gezeigt wurde eine Arbeiterfamilie, die ums Überleben kämpfte. Vater Alkoholiker, Mutter Arbeiterin, die ihre ganze Familie, nebst Brüder versorgte. Unter ihnen auch ein leicht zurückgebliebener Onkel. Aus dieser Familie wurde Adrian und zwei seiner Geschwister gerissen und in Pflegefamilien gesteckt. Ich fand es erschreckend, wie einfach das zu dieser Zeit wohl war. Adrian war das Paradebeispiel eines „unerwünschten Kindes“.

Es dauerte nicht lange, bis Adrian in die Klinik Am Spiegelgrund kam und damit ein langer Leidensweg begann.

Mit jeder nun folgenden Seite wurde das Buch und auch ich immer leiser. Es vermittelte mir den Eindruck, dass erst ein Kind, dann ein Jugendlicher und schließlich ein erwachsener Mann vor mir saß und mir seine Geschichte erzählte. Sem-Sandberg verstand es auf hervorragende Weise, mich in die Tiefen einer Kinderseele mitzunehmen.
Niemals stellte ich mir die Frage, wie Adrian diese Zeit überstand, denn manche Ausführungen waren verwirrend, aber dabei derart fantasievoll erzählt, dass ich ein genaues Bild davon bekam, in welche Welt sich Adrian flüchtete. Tragisch waren die Geschehnisse, die nebenbei liefen, von kranken Kindern, über deren Behandlung und schließlich bis zu einem Selbstmord.

Zusammen mit Adrian durchlebte ich all die Gräueltaten, die man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht. Selbst nach Ende des Krieges war kein Lichtblick in Sicht.
Doch ich bekam auch einen Einblick in das Leben und der Gedankenwelt der Ärzte und der Schwestern. Auf meine Frage: „ Warum nur haben sie so viele schreckliche Dinge getan?“ bekam ich eine hervorragende, nachvollziehbare, wenn auch nicht akzeptable Antwort.
Schließlich ließ der Autor mich an gerichtlichen Prozessen teilnehmen und an dem Leben des Adrian Ziegler danach.

Diese vielen Bilder und Eindrücke sind mit soviel Lebendigkeit und Leidenschaft geschrieben, dass ich sie wohl nie wieder vergessen werde.
Ein Buch, das mich zu Tränen rührte.


Fazit:


Ein Buch, dessen Tiefen nicht schwärzer sein könnten.
Sem-Sandberg erzählt hier die Geschichte eines Jungen und einer Krankenschwester, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Still und leise erlebt man hier viele Jahre des Leidens, der Angst und des Kampfes um das blanke Überleben.
Ich empfehle es allen Lesern, die sich wie ich nicht damit abfinden wollen, dass das alles doch längst der Vergangenheit angehört. Denn wir sollten niemals die Folgen von Fremdenhass, fehlender Empathie und Ignoranz vergessen.

Dieses Buch war wohl das schwerste und bewegendste Buch, welches ich in den letzten Jahren gelesen habe.

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