Steve Sem-Sandberg Die Elenden von Lódz

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Inhaltsangabe zu „Die Elenden von Lódz“ von Steve Sem-Sandberg

»Die Elenden von Lódz« ist ein einzig artiger Roman mit vielen Stimmen. Er porträtiert neben der zentralen Figur Rumkowskis das Leben zahlreicher Gettobewohner und gibt ihnen so einen Namen und ein Schicksal. »Wie ein Historiker beschwört Steve Sem-Sandberg die Vergangenheit herauf, wie ein Romancier erhöht er Geschichte ins Allgemeingültige – ein dokumentarischer Roman, der auf grandiose Weise die Stärken dieses Genres aufzeigt.« Ilija Trojanow Steve Sem-Sandberg wurde für die »Die Elenden von Lódz« mit dem schwedischen »August-Priset« ausgezeichnet , der dem Deutschen Buchpreis entspricht.

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  • Rezension zu "Die Elenden von Łódź" von Steve Sem-Sandberg

    Die Elenden von Lódz
    Ruth_liest

    Ruth_liest

    11. December 2011 um 11:56

    Das Ghetto von Łódź steht für die maßlosen Verbrechen des Dritten Reiches an seinen jüdischen Mitbürgern. Es steht aber auch für die Frage, was tun, wenn man als Mensch dem unfassbar Bösem gegenüber steht? Dieser Frage geht Steve Sem-Sandberg nach, in dem er der historischen Gestalt des "Judenältesten" Mordechai Chaim Rumkowski literarisch nachspürt. Sem-Sandberg nimmt den Leser mit auf die Reise durch das Ghetto, auf eine Reise durch die Gedanken und Gefühle der eingesperrten Elenden und ihres Anführers. Es fällt schwer, dem Autor immer zu folgen: Nicht sprachlich, sondern seelisch. Zwischendurch will man sich gerne abducken und dem Grauen entziehen. Das liegt nicht nur an den furchtbaren Szenen. Es liegt vor allem an der Auseinandersetzung mit uns selber. Welche Hoffnungen hätten wir in der Situation genährt? Wie hätten wir an Rumkowskis Stelle entschieden, als die deutschen Besatzer die Alten und Kinder forderten und im Gegenzug die Sicherung der verbleibenden Arbeiter im Ghetto in Aussicht stellten? Wären wir überhaupt an Rumkowski Stelle gewesen? Klar, die Fragen sind nicht neu. Aber sie wurden zumindest literarisch selten so eindringlich gestellt. Und vielleicht führt ein Bestseller wie dieser dazu, dass sich auch Leute diese Fragen stellen, die bisher keinerlei Verbindung zwischen sich und der Nazizeit ziehen konnten oder den Naziterror von heute für eine Randerscheinung halten, die sie ja nichts angeht. Das Buch ist in jedem Falle lesenswert, aber nur in stabiler Seelenlage empfehlenswert.

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  • Rezension zu "Die Elenden von Łódź" von Steve Sem-Sandberg

    Die Elenden von Lódz
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    21. November 2011 um 13:51

    Leben und Sterben im Ghetto von Lodz „Sechsundsechzig Jahre lebe ich nun schon und bin des Glücks, mich Vater nennen zu können, noch immer nicht teilhaftig geworden, und jetzt verlangen die Behörden von mir, dass ich alle meine Kinder opfere.“ Innerlich vor Schmerzen scheint sich der Judenälteste des Ghettos, Rumkowski, zu krümmen, als ihm die deutschen Behörden mitteilen, dass er umgehend Listen abzuliefern hat. Die Alten und Kinder des Ghettos sind nun der nächste Schritt, nachdem die Kranken bereits abtransportiert wurden. Aber krümmt er sich wirklich vor Schmerzen? Es wird sich herausstellen, dass Rumkowski beileibe kein „Widerstandkämpfer vor dem Herren“ ist und in dieser Figur, ebenso wie in vielen anderen handelnden Personen des Romans, erweist sich umgehend, dass Steve Sem-Sandberg vor allem eines nicht ist. Oberflächlich. In diesem Augenblick, mit diesem erneuten Opfer unter vielen Opfern, setzt der Roman ein und wendet sich der Geschichte des Ghettos von Lodz zu. Durchaus mit einbeziehend, aber weniger in den zentralen Fokus setzt Sem-Sandberg hierbei die äußere Geschichte des Ghettos. Sein eigentliches Interesse aber gilt dem „Innenleben“ des Ghettos, jener Atmosphäre von Not, Verzweiflung, aber auch Kollaboration und Hilfestellung für die Vernichtungsmaschinerie der Nazis, die auch Teil dieser immerwährend aktuellen Geschichte des Holocaust ist. Nicht aber nur vordergründig auf den eigenen Vorteil bedacht ist jener Judenälteste. Auch das wäre zu einfach gedacht, nicht nur im Roman. Durchaus eine Form innerer Logik wohnt ihm inne, sozusagen ein Plan, sich durch Annäherung an die deutsche Herrschaft und Verinnerlichung derer Vorgaben einen Platz für sich und „seine“ Juden zu sichern. Wobei ihm das Individuum, der einzelne, nicht von Bedeutung erscheint und auch emotional Rumkowski das Geschehen kaum nahekommt. So differenziert schwankt auch der Leser in der Betrachtung dieses Judenältesten zwischen Abscheu und Anflügen von Verständnis und erhält auf diese Weise ein direktes Empfinden für die Widersprüchlichkeit jener bedrängten Situation und jener perfiden Logik, die über das Leben im Ghetto herrschte. Und erlebt die Hilflosigkeit und Ohnmacht der Ghettobewohner hautnah mit, die, egal auf welche Art und Weise auch immer, der geplanten Vernichtung nicht wirklich entgehen können. Auch wenn Rumkowski in seiner inneren Irrung, seiner ihm eigenen Vorteilsnahme die zentrale Figur des Romans darstellt und Sem-Sandberg damit eine reale, geschichtliche Person zum Ankerpunkt seines Romans gestaltet, beileibe nicht nur um ihn drehen sich die Geschehnisse im Buch. Immer wieder setzt Sem-Sandberg andere Personen in das Scheinwerferlicht seiner Betrachtung, lässt dokumentarische Einschübe einfließen und erschafft so eine ungeheuere Nähe zum Leben im Ghetto und zum Erleben einzelner Schicksale. Eine Nähe, der sich der Leser kaum entziehen kann und in der das Leiden, die Intrigen, die Komplizenschaft und, eben, die Grausamkeit jener „Durchgangsstation“ authentisch und teils schrecklich zu lesen in den Raum tritt. Der sich der Leser gerade aufgrund der Nüchternheit, der Dokumentationsartigkeit, kaum entziehen kann. Trotz der literarischen Verarbeitung überhöht Sem-Sandberg nichts, beschönigt nichts, übertreibt nicht, sondern legt seine Personen (allesamt mit realem Hintergrund) und die Allgegenwärtigkeit des Terrors und des Verlustes eher nüchtern berichtend im Buch vor. „Die Elenden von Lodz“ ist ein romanhaftes Zeitzeugnis der besonderen Art, dass so schnell den Leser nicht mehr loslassen wird. Hart, schmerzlich, das innere Erleben und die Motive der Figuren hell ausleuchtend hält es schmerzliche Fragen nicht nur an die Geschichte, sondern auch an die Gegenwart menschlicher Verblendung und Grausamkeit offen.

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  • Rezension zu "Die Elenden von Łódź" von Steve Sem-Sandberg

    Die Elenden von Lódz
    Gospelsinger

    Gospelsinger

    28. September 2011 um 20:22

    „Gebt mir eure Kinder!“ Was ist das für ein Mann, der so etwas von seinen Mitmenschen verlangt? Der von Müttern verlangt, sich von ihren kleinen Kindern zu trennen, sie ganz allein in den sicheren Tod zu schicken? Ist dieser Mann ein Täter oder selbst ein Opfer? Chaim Rumkowski war eine widersprüchliche Persönlichkeit. Fabrikant und gleichzeitig Direktor eines Kinderheims. Retter von Kindern, die er in als Arbeiter in seiner Fabrik unterbrachte und gleichzeitig verantwortlich für die Deportation aller kleineren Kinder des Gettos. Potentat im Getto, der sogar Münzen mit seinem Konterfei prägen ließ, und gleichzeitig unterwürfiger Handlanger der Deutschen. Er wollte Leben durch Unentbehrlichkeit retten und wurde am Ende trotzdem ermordet. Das Getto von Lodz ist extrem gut dokumentiert. Die 5000 Seiten der Gettochronik listen selbst kleine Details des Alltagslebens auf und bilden daher das Rückgrat dieses Buches. Diese Berichte über den Alltag im Getto und die Handlungen der Funktionsträger werden durch fiktive Elemente und Charaktere ergänzt. An dieser besonderen Art des Schreibens liegt es, dass ich so oft eine Pause beim Lesen habe machen müssen. Während es bei einem Sachbuch einfach ist, die emotionale Ebene auszublenden, und bei einem Roman zwar die emotionale Ebene berührt wird, aber die Tatsache, dass das Gelesene Fiktion ist, einen Abstand zu den Gefühlen schafft, ist es bei diesem Buch anders. Selten kann man sich sicher sein, ob die beschriebene Szene real oder fiktiv ist. Das macht es so schwer, den Schrecken und die Emotionen auf Abstand zu halten. Schwer ist das auch deshalb, weil es so viele fürchterliche Szenen im Buch gibt, die besonders für eine Mutter schwer zu ertragen sind. Und beim Lesen regte sich mein Widerstand. Warum, zum Teufel, haben die Gettobewohner das mitgemacht? Warum haben sie ihre Kinder ausgeliefert? Warum haben sie sich gegenseitig verraten, statt zusammen gegen die Mörder ihrer Kinder zu handeln? Der Autor versucht, nicht in die Fallgrube der Sentimentalität zu fallen, und überlässt mit einer Ausnahme die Introspektion den Lesern selbst. Nicht der Autor, sondern der Text selbst soll den Lesenden sagen, was sie fühlen sollen. So muss man auch allein entscheiden, wie man zu den beschriebenen Charakteren steht. Das ist kein leichtes Unterfangen, macht die Lektüre aber besonders intensiv. „Dies ist kein Buch über das Überleben, und es ist nicht von Überlebenden geschrieben.“ Genau das wird dem Autor vorgeworfen. Er schreibt als Nicht-Jude und Nichtbetroffener ein Buch über das Leben und Sterben im Getto von Lodz. Darf er das? Und darf er Realität und Fiktion vermischen? Sem-Sandberg stellt fest, dass man auf sich selbst vertrauen müsse, weil man sonst überhaupt nicht schreiben könne. Recht hat er. Ich bin jedenfalls froh, dass Sem-Sandberg den Mut hatte, dieses berührende und hervorragende Buch zu schreiben.

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  • Rezension zu "Die Elenden von Łódź" von Steve Sem-Sandberg

    Die Elenden von Lódz
    baronessa

    baronessa

    26. September 2011 um 17:30

    Das Buch beschreibt den Alltag der Juden im damaligen Getto. Die Hauptperson dieser Geschichte ist der Judenälteste Chaim Rumkowski. In vielen Einzelschicksalen wird das Leben und Sterben verschiedener Charaktere in diesem Getto beschrieben und immer ist der Dreh- und Angelpunkt der Judenälteste. Kein Buch hat mir solche Gänsehaut verursacht, wie dieses. Es ist keine leichte Lektüre und der Autor hat mit diesem Buch verschiedene Emotionen geweckt. Angefangen über Verständnislosigkeit, Verzweiflung, Schrecken und Trauer. Die Szenen in der Geschichte sind gut dokumentiert und man merkt, dass alles gut recherchiert ist. Was ist das für ein Mensch gewesen, der seine eigenen Landsleute in den Tod schickte, der von seiner Macht und seinem Dünkel so überzeugt ist. Wohltäter oder Schlächter? Chaim steckt so voller Schuld und Überheblichkeit, dass einem wirklich schlecht wird. Jeder ist sich selbst der Nächste, auch das wurde überzeugend dargestellt. Verrat oder Selbstschutz? Das Buch wühlt auf und regt zum Nachdenken an. Das Leid und die Hoffnung vieler Tausender Schicksale ist ein Thema, was auch heute noch zeitlos ist. Zwangsarbeit, Kollaboration und Deportation waren damals nicht nur in Polen und Deutschland an der Tagesordnung, sondern auch in allen anderen Kriegsgebieten. Vergessen kann man nie, aber vergeben, denn keiner ist frei von Schuld. Auch, wer wegschaut, ist schuldig!

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