Steven Galloway Der Cellist von Sarajevo

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Inhaltsangabe zu „Der Cellist von Sarajevo“ von Steven Galloway

Ein Musiker trotzt dem Irrsinn des Bürgerkriegs in Sarajevo: Inmitten der Ruinen, dem feindlichen Beschuss ausgesetzt, spielt er auf seinem Cello das Adagio von Albinoni, zweiundzwanzig Tage lang … Zu Beginn der neunziger Jahre wird das belagerte Sarajevo aus den Bergen ringsum Tag und Nacht beschossen. Die Bürger der Stadt leben in Angst, Nahrung und Wasser werden knapp. Eines Tages muss ein Mann von seinem Fenster aus mit ansehen, wie eine Mörsergranate zweiundzwanzig Menschen tötet, die vor der Bäckerei unten Schlange stehen. Der Mann ist Cellist, und er trifft eine unglaublich mutige Entscheidung: Jeden Tag um vier Uhr nachmittags zieht er seinen Frack an, setzt sich mit seinem Cello auf die Geröllhalden vor seinem Haus und spielt das Adagio in G-Dur von Albinoni. Zweiundzwanzig Tage lang, zum Gedenken an die Toten. Die Bürger von Sarajevo hören ihm zu, darunter eine Scharfschützin, ein verängstigter Familienvater und ein einsamer, alter Mann. Sie alle sind verzweifelt, träumen vom alten oder einem neuen Sarajevo, wollen dem Hass und der Furcht entfliehen. Und sie alle werden vom Spiel des Cellisten berührt. Ein bewegender Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht und der inmitten von Krieg und Zerstörung Zeichen von Hoffnung und Menschlichkeit entdeckt.

Ein ungewöhnliches Buch über das, was Menschlichkeit im Krieg bedeutet.

— kcebuel
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  • Rezension zu "Der Cellist von Sarajevo" von Steven Galloway

    Der Cellist von Sarajevo
    blueberlin49

    blueberlin49

    23. November 2012 um 18:41

    In einem Wort: "bedrückend" Inhalt: 22 Menschen starben bei einem Angriff aus den Bergen durch eine Mörsergranate, als sie für Brot angestanden haben. Der Cellist wollte ebenso dort anstehen, entschied sich aber fürs Üben mit dem Cello und entging so dem Angriff. Er beschließt 22 Tage lang für jeden einzelnen Gestorbenen zu spielen und so sitzt er jeden Tag auf dem Platz und spielt für die Opfer. Von 1992 bis 1996 wurde die Stadt Sarajevo belagert und viele Menschen wurden getötet und die Stadt nahezu vollständig zerstört. Die Meisten mussten ohne Wasser und Strom und mit nur wenig zu Essen die lange Belagerung aushalten. Und immer im Hinterkopf: die nächste Granate könnte bei ihnen einschlagen oder sie könnten beim Wasser und Brot holen von Scharfschützen erschossen werden. Es wird von drei unterschiedlichen Menschen berichtet, die in diesem Chaos versuchen zu überleben. Meinung: Das Buch lag noch gar nicht so lange auf meinem Sub, aber ihr kennt das ja: Die Neuesten werden meistens auch zuerst gelesen. lach Der Titel und der Klappentext hatte mich aber dermaßen gelockt, dass ich nicht anders konnte, als dieses Buch schnellstmöglich zu lesen. Generell interessieren mich Bücher, die über Geschehnisse der Vergangenheit sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern berichten. Wenngleich auch dieses Buch nicht den genauen Sachverhalt darstellt, so kann man jedoch einen sehr guten Eindruck von der damaligen Situation bekommen. Den Cellisten, so wird es auch nochmal am Ende des Buches erwähnt, gab es wirklich, wenngleich die Charakterisierung von ihm und den anderen Protagonisten erfunden ist. Jedoch beruht die Geschichte auf Aussagen von Zeitzeugen und die machen es dadurch nur um so realistischer. Das Buch umfasst mehrere Personen, die die Belagerung auf ihre ganz persönliche Art und Weise erleben. Jeder von ihnen geht mit dem Krieg anders um: der eine zieht mit in den Krieg, der andere fühlt sich als Feigling und kümmert sich um seine Familie und wieder eine andere kämpft mit ihrem Gewissen, da sie als Scharfschützin unterwegs ist und sich jedes Mal fragt, ob sie das richtige tut. Und alle hören sie von dem Cellisten und seinem Mut sich 22 Tage mitten auf die Straße zu setzen. Er schafft es mit seinen Auftritten die Menschen ein wenig vom Alltag abzulenken, obwohl zeitgleich im Hintergrund immer noch der Krieg tobt und überall Bomben eingehen. Die ganze Szenerie hab ich als überaus betrückend empfunden und gleichsam wiederum als schön, denn es ist so absolut widersprüchlich, dass sich inmitten eines Kriegsschauplatzes ein Cellist in voller Montur hinsetzt und für die Opfer spielt. Die Leute damals müssen das als höchst surreal und schön empfunden haben. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass der Cellist etwas mehr beleuchtet worden wäre. So richtig erfährt man nichts von ihm und das finde ich etwas schade. Um so mehr fand ich die Geschichten der verschiedenen Personen interessant. Jeder für sich hat seinen eigene Art mit der Situation umzugehen und man fragt sich unweigerlich selbst, was man wohl für ein Typ Mensch man sein würde. Gleichzeitig hofft man, dass man sowas nie erleben wird. Jeden Tag mit der Angst zu leben getötet zu werden, ist grausam. Überall saßen Scharfschützen und schossen auf Menschen, die für ihre Familie Wasser oder Brot holen wollten. Jede Straßenkreuzung wurde dabei zum "Roulette von Sarajevo", denn mal schoss der Schütze und mal nicht. Man konnte sich nie sicher sein. Interessant war auch zu sehen, wie manche über sich hinauswachsen können. Auch das Ausland wurde in dem Buch natürlich adressiert und ein paar der Dinge, die geschrieben wurden, richteten sich dadurch indirekt an den Leser. Man fragte sich unweigerlich, warum einem diese Belagerung nicht in den Medien aufgefallen war. War man zu jung? Zu abgehärtet gegenüber dem Leid anderer? Oder hat man einfach vermieden hinzugucken? Aber was hätte man ausrichten können? Nicht viel vermutlich, und so kommt es, dass sich die Geschichte in den eigenen Kopf schleicht und man unterschiedliche Dinge empfindet. Von bedrückend bis schön ist alles vertreten und das machte das Buch auf jeden Fall lesenswert. Ich kann es wirklich jedem empfehlen zu lesen, der - so wie ich - ein bißchen an Geschichte interessiert ist, vor allem, wenn sie in einen schönen Roman verpackt ist.

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  • Rezension zu "Der Cellist von Sarajevo" von Steven Galloway

    Der Cellist von Sarajevo
    Lilli33

    Lilli33

    19. August 2011 um 12:00

    Im Bosnienkrieg wurde die Stadt Sarajevo von April 1992 bis Februar 1996 belagert. Strom, Wasser und Lebensmittel waren knapp, von anderen Gütern ganz abgesehen. In der Stadt wimmelte es von Heckenschützen, die auf alles schossen, was sich bewegte. Am 27. Mai 1992 schlug eine Mörsergranate beim Markt in der Vase Miskina-Straße ein. Dabei kamen 22 Menschen ums Leben, rund 60 weitere wurden schwer verletzt. Der Angriff wurde als „Breadline Massacre“ bekannt, da ausschließlich Zivilisten betroffen waren, die auf die Verteilung von Brot warteten. An den folgenden 22 Tagen spielte ein Cellist an dieser Stelle das Adagio in G-Dur von Albinoni. Soweit die Tatsachen. In Steven Galloways Roman ist der Cellist, der von seinem Fenster aus das Massaker mitansehen muss, das Bindeglied für die Bewohner der Stadt. Zuverlässig jeden Nachmittag um 16 Uhr setzt sich der 1. Cellist der Philharmonie von Sarajevo im Frack mit seinem Cello auf einen Hocker inmitten des Gerölls und spielt, 10 bis 15 Minuten lang, ungeachtet der Gefahr, in die er sich begibt, 22 Tage lang, für jeden Toten ein Tag. Er spielt zum Gedenken an die Toten, er trotzt damit dem Krieg, er lässt die Menschen ein paar Minuten verschnaufen und träumen, er bringt kurzzeitig Hoffnung. Stellvertretend für alle Bewohner Sarajevos begleitet der Leser drei weitere Menschen durch diese 22 Tage. Strijela war Studentin und Mitglied der Schützenmannschaft der Universität. Sie wurde von den Verteidigern der Stadt als Scharfschützin rekrutiert. Sie wollte nie einen Menschen töten, hatte auch vorher nie auf einen geschossen, ließ sich aber einreden, dass noch viel mehr Menschen ums Leben kommen würden, wenn sie nicht die Heckenschützen in den Bergen und in der Stadt erledigen würde. Sie kämpft einen schweren inneren Kampf. Kenan, ein Familienvater, geht alle paar Tage den weiten Weg zur Brauerei, wo es Trinkwasser gibt und schleppt die schweren Kanister nach Hause. Der Weg ist gefährlich, überall lauern Heckenschützen. Die Menschen versuchen, sich nur im Schutz von Häusern oder Containern, die extra zu diesem Zweck aufgestellt wurden, zu bewegen. Doch führt der Weg auch immer wieder über eine offene Straße, Kreuzung oder Brücke, wo die Heckenschützen leichtes Spiel haben. Man weiß nie, ob und wo sie gerade lauern, „Sarajevo-Roulette“ nennen sie das. Kenan ist kein Held, er hat Angst zu sterben, hat Angst, nicht mehr für seine Familie sorgen zu können. Auch Dragan, der Bäcker, hat Angst. Trotzdem nimmt er jeden Tag den gefährlichen Weg zur Arbeit auf sich. Seine Frau und seinen Sohn hat er zu Beginn der Unruhen nach Italien geschickt, so weiß er wenigstens sie in Sicherheit. Aber er vermisst sie. Sein missmutiger Schwager kann sie nicht ersetzen. Der Leser erlebt mit Strijela, Kenan und Dragan den schrecklichen Alltag in der belagerten und stark zerstörten Stadt. Man hat das Gefühl, wirklich mittendrin zu sein. Die Schilderung wirkt absolut authentisch. Der Roman übt einen wahnsinnigen Sog aus. Man hält förmlich den Atem an, wenn man mit den Protagonisten über die Straße geht und wartet jederzeit auf die tödliche Gewehrkugel. Die Charaktere haben eine enorme Tiefe, man glaubt jeden schon ewig zu kennen. Dabei kennen sie sich angesichts der Umstände manchmal selbst nicht wieder. Selten hat mich ein Buch so berührt wie dieses. Die Menschen lernen, mit dem Krieg zu leben, die Situation als „normal“ zu empfinden. Doch wirklich normal kann es ihnen doch nicht vorkommen. Immer wieder denken sie an früher, als alles noch in Ordnung war, und an die Zukunft, wenn hoffentlich wieder als in Ordnung sein wird. Sie arrangieren sich mit den Umständen, aber sie finden sich nicht damit ab. Für mich sind Strijela, Kenan und Dragan Helden.

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  • Rezension zu "Der Cellist von Sarajevo" von Steven Galloway

    Der Cellist von Sarajevo
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    19. July 2010 um 21:55

    Sie wollten nur Brot kaufen - an einem Tag im Jahr eins des Krieges. Eine Granate der bosnisch-serbischen Einheiten, die die Stadt Sarajevo von den umliegenden Höhenzügen belagern, beendet ihr Leben in Bruchteilen von Sekunden. Mehr als 20 Männer und Frauen sterben, rund 70 weitere werden verletzt. Ein Mann ist Zeuge jenes grauenvollen Moments, ein Cellist des Philharmonischen Orchesters, der sich wenig später mit seinem Instrument und im Anzug gekleidet auf jenen Platz setzt und zu spielen anfängt. Inmitten des Blutes und Blumen, die nach und nach als Ausdruck der Trauer und des Gedenkens niedergelegt werden. 22 Tage lang spielt der Künstler, um an das Leid zu erinnern, die Toten zu ehren. Seiner wahren Geschichte widmet sich der Roman „Der Cellist von Sarajevo“ des kanadischen Autors Steven Galloway. VIER MENSCHEN IM KRIEG Sein Stück: das Adagio des venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni. Die Gefahr: von Heckenschützen erschossen zu werden. Strijela ist Heckenschützin der bosnisch-kroatischen Truppen, die die Stadt verteidigen, und eine der besten. Ihr Auftrag ist es, den Cellisten zu beschützen. Währenddessen machen sich zwei Männer auf den Weg durch die zerstörte Stadt; der eine, Kenan, will Wasser für seine Familie und die Nachbarin holen, der andere, Dragan, Brot aus einer Bäckerei. Beide setzen sich dabei der Gefahr aus, von Heckenschützen erschossen oder von Granaten getötet zu werden. Zwischen Leben und Tod sind es nur wenige Sekunden, dass sehen beide gerade an jenen Menschen, die sterben - ob Männer, Frauen oder Kinder. LEID, GEWALT UND ÜBERLEBENSKAMPF Es ist ein Leben zwischen Trümmern, das die Menschen aufreibt. Könnte doch der heutige Tag der letzte sein. Die Angst geht um. Der Alltag wird zum Versteckspiel zwischen Trümmerteilen, zum Wettlauf mit der Zeit und zu einem Kampf ums Überleben. Ein Heckenschütze könnte dich bereits ins Visier genommen haben, und der Weg zu Nahrungsmitteln ist lang und gefahrenreich. Man lebt auf einem untersten Level, selbst Strom gibt es nur ab und an. Die friedliche Vergangenheit existiert nur noch als zarte Erinnerung, die immer mal wieder auftaucht und die Menschen berührt, Mut macht, auch wenn der Krieg unerbittlich ist. Man träumt von einem Besuch in einem Restaurant, einen Ausflug in die Berge. Während die einen sich gegenseitig helfen, Medikamente verteilen, Verletzte aus der Schusslinie bringen und versorgen, bereichern sich andere an der Not der anderen, machen krumme Schwarzmarkt-Geschäfte. Erkennbar sind sie an ihrer gut genährten Figur, an den großen Autos. Es sind gerade jene Kontraste, diesen Roman rund um das Grauen des Bürgerkriegs und den besonderen Auftritt des Cellisten inmitten Tod und Leid so besonders werden lässt. So treffen die grauenvolle Gegenwart des Krieges auf die Sehnsüchte und Erinnerungen der Bewohner, die unterschiedliche Schicksale, die der jungen Heckenschützin und des Familienvaters, aufeinander. Erst die verschiedenen Blickwinkel schaffen ein plastisches Bild der damaligen Ereignisse. Gerade in der Beschreibung der Personen, ihrer Gedanken wird die entsetzliche Atmosphäre des Krieges deutlich. Obwohl die Trümmerlandschaft und die Gewalt ebenfalls in erschütternden Bildern beschrieben werden - die Geschehnisse unmittelbar aus den Eindrücken der Personen erzählt, machen die Auswirkungen des Krieges ausdrucksvoller und ergreifender. Wer sich bisher noch nicht mit diesen jüngsten historischen Ereignissen auseinandergesetzt, wird vielleicht mit diesem ergreifenden Roman beginnen, der auf einer wahren Geschichte beruht. Der kanadische Autor hat sich ein besonderes Geschehen herausgegriffen. Vedran Smailovic hieß der Cellist, der mit seinen Auftritten nach dem Anschlag für Aufsehen sorgte. Im Buch zieht er sich wie ein roter Faden durch das Geschehen, mit seiner mutigen Tat, die den Menschen nahe geht. Es gibt kaum einen, der von der Musik nicht berührt wird. Selbst ein feindlicher Heckenschütze hört wie gebannt zu. Und es ist nicht nur dieser Krieg, der nachdenklich stimmt, es ist auch jener Gedanke, dass dieser Bürgerkrieg auf dem Balkan – es waren in den 90er Jahren mehrere Kriege an verschiedenen Orten - nur wenige Hunderte Kilometer von Deutschland entfernt stattgefunden hat. Und das über mehrere Jahre. Allein die Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1996 forderte das Leben von rund 10000 Menschen. Über 80 Prozent der Gebäude in der Stadt wurde schwer beziehungsweise teilweise beschädigt. Für das Buch hat Galloway aufwendig recherchiert, hat unter anderem mit Einwohnern der Stadt gesprochen. Zu Beginn des Romans zieht er zudem eine Parallele zu Dresden, der am Ende des Zweiten Weltkriegs innerhalb von drei Tagen zerbombten sächsischen Landeshauptstadt. Nach den verheerenden Luftangriffen soll ein italienischer Musikwissenschaftler jenes Werk Albinonis in den Überresten der Dresdner Musikbibliothek gefunden haben. DER AUTOR Steven Galloway, Jahrgang 1975 und in Vancouver geboren, hat bisher drei Romane verfasst, darunter „Der Cellist von Sarajevo“. Das Buch ist in mehr als 20 Sprachen verfasst worden und soll verfilmt werden. Galloway, der an der Simon-Fraser-University Kreatives Schreiben unterrichtet, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in New Westminster, British Columbia.

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  • Rezension zu "Der Cellist von Sarajevo" von Steven Galloway

    Der Cellist von Sarajevo
    HeikeG

    HeikeG

    19. August 2008 um 16:55

    "Das Sarajevo-Roulette" Steven Galloway hat die Belagerung Sarajevos während des Balkankrieges in seinem beeindruckenden Buch "Der Cellist von Sarajevo" literarisch aufgegriffen, gestrafft und anhand dreier Einzelschicksale sowie eines konzentrisch verbindenden Gliedes - dem Cellisten von Sarajevo - rekonstruiert. Herausgekommen ist ein bestürzendes, aber gleichzeitig großartiges Buch von hervorragend literarischer Qualität. Als 1984 das Maskottchen Vucko - ein starker mutiger Wolf - zu den Olympischen Winterspielen einlud, war die Welt in der multi-ethnischen Balkanmetropole noch in Ordnung. Wären da nicht die allseits umarmenden Berge, wähnte man sich im Sommer bisweilen in einer Mittelmeermetropole. Glanzvolle historische Gebäude, überall Straßencafés, Sehen und Gesehenwerden, Plauschen, Flirten - mediterranes Flair allerorts in dieser Stadt mit den rund einer halben Millionen Einwohnern. Doch dann kam eine Zeit unvorstellbaren Grauens - der Balkankrieg. Sarajevo hat es besonders schwer getroffen. Vom 05. April 1992 bis zum 29. Februar 1996 wurde die Stadt belagert, 10.000 Menschen getötet und weitere 56.000 verwundet. Im Schnitt schlugen 329 Granaten in die Stadt ein. Kaum ein Gebäude war nicht beschädigt bzw. wurde völlig zerstört. "Im September 2007 waren die Führer der bosnisch-serbischen Armee, Radovan Karadžić und Ratko Mladić, noch immer auf freiem Fuß, obwohl man ihnen seit 1996 Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschheit zur Last legt.", schreibt der 1975 in Vancouver geborene Autor Steven Galloway im Nachwort seines beeindruckenden Werkes. Diese Aussage ist mittlerweile nicht mehr aktuell. Im Juli dieses Jahres ist der gesuchte frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadžić nach zwölfjähriger Flucht gefasst worden. In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo wurde die Nachricht von der Verhaftung mit großem Jubel aufgenommen. Mit Autokorsos und Hupkonzerten feierten viele Menschen die Festnahme jenes Mannes, der das Grauen in Sarajevo mitzuverantworten hatte. Sachlich präzise, in klaren, beinahe unsentimental knappen Sätzen, verdichtet Galloway die Mühsal der Bevölkerung während der Belagerung auf wenige Tage. Zweiundzwanzig sind es genau, eine Zahl, die für die gleiche Anzahl Toten steht, die während eines Raketenangriffs aus den Bergen ums Leben kamen: allesamt Zivilisten, die nach Brot anstanden. Ihnen zu Gedenken spielt ein Mann jeden Tag um 16:00 Uhr Albinonis Adagio auf seinem Cello (die tatsächlich stattgefundenen Auftritte Vedran Smailović' regten Galloway zu dieser Figur an). Gewählt hat der Cellist dieses Werk, weil es nicht widerspruchsfrei ist. Denn im Jahr 1945 fand ein italienischer Musikwissenschaftler dessen Überreste in der ausgebrannten Dresdner Musikbibliothek. Die meisten Gelehrten halten jedoch die Echtheit für sehr fragwürdig, unterscheidet sich die Komposition von anderen Werken Albinonis erheblich. Doch genau dieser Widerspruch reizt den Cellisten. "Dass etwas, das von einer vom Krieg zerstörten Stadt fast vernichtet worden wäre, wiedererstehen, etwas Neues und Wertvolles werden konnte, gibt ihm Hoffnung. Eine Hoffnung, die jetzt zu dem Wenigen zählt, was den belagerten Einwohnern von Sarajevo geblieben ist. Für viele schwindet die Hoffnung mit jedem Tag. (...) Er ist sich nicht sicher, ob er überleben wird.", lässt der Autor seinen auktorialen Erzähler berichten. Für sein Überleben ist eine Scharfschützin arrangiert, Strijela (der Pfeil). Sie sorgt dafür, dass sich trotz der Gefahr, stehengebliebene Menschen für einen Moment lang in eine andere Welt entführen lassen können. Als dann tatsächlich ein auf den couragierten Musiker angesetzter Heckenschütze auftaucht, ist sogar jener von der Schönheit der Musik fasziniert und zögert den Moment seines tödlichen Schusses hinaus. Doch Strijela hat ihn fest im Visier. Zwei andere Protagonisten lässt Galloway im Wechsel mit ihr das tägliche Grauen erleben. "Er weiß nicht, wann das hier vorüber sein wird", sinniert der Familienvater Kenan Šimunović beim Anblick der zerstörten Nationalbibliothek, "ob dies das Ende ist oder erst der Anfang. Und er weiß nicht, wie die Stadt aussehen wird, wenn es endet." Auf dem Schwarzmarkt hat er die aufgrund fehlenden Stromes nutzlos gewordene Waschmaschine gegen einen Apfel und ein Ei eingetauscht. Hoffnung hält auch ihn am Leben und regelmäßig zu den wenigen Zapfstellen gehen, um dort Trinkwasser zu holen, auch wenn dies einem Tanz mit dem Tode gleichkommt. Der alten griesgrämigen, undankbaren Hausgenossin verwehrt er diesen Botendienst gleichfalls nicht. Hoffnung lässt auch den sechzigjährigen Bäcker Dragan Isović mit stundenlangen Umwegen an seinen Arbeitsplatz gelangen und das lebensnotwendige Bot besorgen. Die Gefahr, auf offener Straße von lauernden Heckenschützen erschossen zu werden, ist allgegenwärtig und beinahe täglich sieht er, wie Passanten unter Gewehrkugeln zusammenbrechen "wie Marionetten, deren Puppenspieler ohnmächtig geworden ist. Und nach ein paar Minuten kehrt wieder das ein, was man inzwischen als Normalität bezeichnet." Dragan weiß nicht "welche Version der Lüge die Wahrheit ist.", dass sein Sarajevo, "an das er sich erinnert, die Stadt in der er aufgewachsen ist, auf die er stolz und in der er glücklich war, wahrscheinlich nie gegeben hat. Wenn er sich umsieht, kann er kaum noch sehen, was einst war oder vielleicht war, und mehr und mehr kommt es ihm so vor, als wäre hier niemals irgendetwas anderes gewesen als die Männer auf den Bergen mit ihren Gewehren und Geschützen." Für die drei stellvertretenden Menschen ist der Cellist und seine Musik bindendes Glied. Eine Musik, die "verlangte, dass es auf der Welt noch Güte geben konnte. Die Töne waren der Beweis dafür." Trotz der schrecklichen tagtäglichen Grausamkeiten versinkt Galloways eindringlicher Roman nicht in Agonie und Trostlosigkeit. Auch in einer Welt, "in der die Menschen einander töten, wo Kugeln und Granaten von den Bergen herabfliegen und die Häuser einstürzen" lässt der Autor den berühmten Hoffnungsschimmer aufflackern. Heute beginnt Sarajevo wieder zu blühen. Die Balkanmetropole gilt bereits als Geheimtipp unter Reisenden, die junge Kultur- und Partyszene ist voller Euphorie. Die Stadt steht vor ihrem großen "Comeback", sie atmet euphorische Aufbruchsstimmung. Sarajevo ist wie Phönix aus der Asche aufgestiegen und hat längst wieder an die europäische Szene angedockt. Und wer erlebt, wie die Menschen heute, vorbei an den wieder aufgebauten Prachtbauten aus der österreichisch-ungarischen Monarchie, über die Fußgängermeile Ferhadija Richtung osmanische Altstadt flanieren, spürt eine Energie, der man sich nicht entziehen kann. Möge diese Energie allzeit ihre positiven Schwingungen ausstrahlen. Fazit: In "Der Cellist von Sarajevo" erzählt der Kanadier Steven Galloway vom Sieg der Menschlichkeit im Schrecken des Bürgerkriegs. Ein gekonnt in Szene gesetztes, eindrucksvolles, empathisches Werk über die Hoffnung von Musik und der Widersinnigkeit von Krieg und Gewalt, in einer großartigen Übersetzung von Georg Schmidt. "Ihr interessiert euch vielleicht nicht für den Krieg! Aber der Krieg interessiert sich für euch!" (Leo Trotzki)

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