Steven Pinker Gewalt

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Inhaltsangabe zu „Gewalt“ von Steven Pinker

Die Geschichte der Menschheit – eine ewige Abfolge von Krieg, Genozid, Mord, Folter und Vergewaltigung. Und es wird immer schlimmer. Aber ist das richtig? In einem wahren Opus Magnum, einer groß angelegten Gesamtgeschichte unserer Zivilisation, untersucht der weltbekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker die Entwicklung der Gewalt von der Urzeit bis heute und in allen ihren individuellen und kollektiven Formen, vom Verprügeln der Ehefrau bis zum geplanten Völkermord. Unter Rückgriff auf eine Fülle von wissenschaftlichen Belegen aus den unterschiedlichsten Disziplinen beweist er zunächst, dass die Gewalt im Laufe der Geschichte stetig abgenommen hat und wir heute in der friedlichsten Epoche der Menschheit leben. Diese verblüffende Tatsache verlangt nach einer Erklärung: Pinker schält in seiner Analyse sechs Entwicklungen heraus, die diesen Trend begünstigt haben, untersucht die Psychologie der Gewalt auf fünf innere Dämonen, die Gewaltausübung begünstigen, benennt vier Eigenschaften des Menschen, die den inneren Dämonen entgegenarbeiten und isoliert schließlich fünf historische Kräfte, die uns heute in der friedlichsten Zeit seit jeher leben lassen. Pinkers Darstellung revolutioniert den Blick auf die Welt und uns Menschen. Und sie macht Hoffnung und Mut. 'Pinkers Studie ist eine leidenschaftliche Antithese zum verbreiteten Kulturpessimismus und dem Gefühl des moralischen Untergangs der Moderne.' Der Spiegel 'Steven Pinker ist ein Top-Autor und verdient all die Superlative, mit denen man ihn überhäuft' New York Times' Die Argumente von Steven Pinker haben Gewicht […]. Die Chance, heute Opfer von Gewalt zu werden, ist viel geringer als zu jeder anderen Zeit. Das ist eine spannende Nachricht, die konträr zur öffentlichen Wahrnehmung ist." Deutschlandfunk 'Steven Pinker ist ein intellektueller Rockstar' The Guardian 'Der Evolutionspsychologe Steven Pinker gilt als wichtigster Intellektueller' Süddeutsche Zeitung 'Verflucht überzeugend' Hamburger Abendblatt

Ein ausserordentliches, ein wichtiges Buch, weil es Dinge sagt, die sonst nicht gesagt werden.

— PhilippWehrli
PhilippWehrli

Klug und menschlich, bitter und hoffnungsvoll. Daten komponiert zu einer Geschichte, die die Menschen hinter den Zahlen nicht vergisst.

— Ein LovelyBooks-Nutzer
Ein LovelyBooks-Nutzer

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  • Nie war die Welt so friedlich wie heute.

    Gewalt
    PhilippWehrli

    PhilippWehrli

    29. August 2017 um 13:13

    Dieses Buch hat mir richtig gut getan! – Die Menschheit wurde über die Jahrhunderte und Jahrtausende immer friedlicher. Wir leben in der friedlichsten Zeit seit Menschengedenken. Diese Behauptung hat mich überrascht. Aber sie ist wohl begründet. In allen Bereichen unseres Lebens hat die Gewalt abgenommen: Nie gab es so wenige Kriege, nie gab es –im Verhältnis zur Bevölkerung- so wenige Kriegsopfer, nie so wenige Gewaltdelikte, nie so wenig Gewalt gegen Frauen und Kinder. In Pinkers Worten: „Der Rückgang der Gewalt dürfte die bedeutsamste und am wenigsten gewürdigte Entwicklung in der Geschichte unserer Spezies sein.“Da schüttelt wohl manch ein Leser verwundert den Kopf. Aber schauen wir doch einige Beispiele an:- Kleinkriminelle werden bei uns nicht mehr gekreuzigt.- Katzenverbrennen ist keine Volksbelustigung mehr.- Wir gehen mit unseren Kindern nicht mehr ins Amphitheater um mit ihnen beim blutigen Völkermord zuzuschauen.- Der Kasperle im Kasperletheater bringt keine Babys mehr um.- An unseren Strassenrändern stehen keine Galgen mit erhängten Dieben.- Wir verbrennen keine Hexen mehr.- Wir müssen nicht unseren Onkel ermorden, um Gemeindepräsident zu werden.- Wir machen kein tödliches Duell, wenn der Nachbar sagt, mein Hund werde alt.- Kriege bestehen nicht mehr darin, so viele Untertanen des Feindes wie möglich umzubringen und deren Ernte und Gebäude zu zerstören, um dem feindlichen Ritter die Einnahmequelle zu rauben.Pinker belegt seine These aber nicht nur mit Einzelbeispielen, sondern auch mit einer ganzen Reihe sorgfältig ausgewerteter Statistiken. Dabei stellt sich die Frage, welche Zahlen relevant sind. Ist es schlimmer, wenn in einem Krieg 5'000 von 10'000 Menschen getötet werden, oder ist es schlimmer, wenn 50'000 von einer Million sterben? Als Soldat habe ich im zweiten Fall wesentlich bessere Überlebenschancen und das ist wohl, was mich in diesem Moment interessiert. Deshalb vergleicht Steven Pinker jeweils nicht die absoluten Zahlen (5'000 gegen 50'000), sondern die prozentualen Anteile (50% gegen 5%).Was sagen also die Statistiken? – Eine Auswahl aus den reichen Daten:- Unter den prähistorischen Leichen finden wir praktisch keine, die nicht Spuren von Gewalt trägt.- Zwischen 14'000 und 1770 v.u.Z., bevor staatlich organisierte Gesellschaften entstanden, starben im Durchschnitt 15% der Menschen einen gewaltsamen Tod- In Jäger- und Sammlergemeinschaften blieb der Anteil gewaltsamer Todesfälle bis in die jüngste Zeit auf diesem hohen Niveau.- Bei vorstaatlichen Gesellschaften, in denen teils gejagt und gesammelt und teils Ackerbau betrieben wird, ist die Gewaltrate am höchsten: Im Durchschnitt sterben da 24,4% an Gewalt.- Durch die Gründung von Staaten sank die Gewalt auf einen Drittel bis einen Fünftel: Nur noch 5% der Menschen wurden von anderen Menschen getötet.- Seither ist die Gewaltquote stetig, mit einigen Rückschlägen, weiter gesunken. Die blutigsten Jahrhunderte Europas seit der Gründung moderner Staaten waren die Religionskriege im 17. Jh., als 2% der Bevölkerung durch Gewalt starben, und die zwei Weltkriege, in denen es 3% waren.- Heute sind die Anteile der Kriegsopfer weltweit bei etwa 0,03%. Wenn man für die USA auch die Zivilpersonen dazu zählt, die durch eigene Landsleute umgebracht werden, kommt man auf 0,8%. In anderen westlichen Staaten sind es noch weniger.- Die Morde in verschiedenen Gegenden von England vom 13. bis zum 20. Jahrhundert sind um den Faktor 10, 50 und in manchen Fällen um 100 zurückgegangen – zum Beispiel von 110 Morden pro 100'000 Einwohner pro Jahr im Oxford des 14. Jahrhunderts auf weniger als einen Mord pro 100'000 Einwohner Mitte des 20. Jahrhunderts in London.Pinkers Botschaft ist aber natürlich nicht, dass wir uns nun beruhigt zurücklehnen sollten. Die heutige Gewalt wird nicht dadurch besser, dass es früher noch viel schlimmer war. Vielmehr analysiert er die Ursachen für die Gewalt und für die Verbesserungen und untersucht wie Kriege geschlichtet werden können. Als „fünf innere Engel“, die uns dabei helfen, ortet er:1. Den Leviathan (vor Pinker kannte ich nicht einmal diesen Ausdruck): Eine solide Gesetzgebung und eine Polizei, von denen sich die breite Bevölkerung und auch die Minderheiten vertreten fühlen. Gar nicht gut zu sprechen ist Pinker dagegen auf die Kultur der 60er Jahre, in der die Forderung nach Ruhe und Ordnung als spiessbürgerlich verhöhnt wurde, was zu wesentlich mehr Gewalt führte.2. Sanfter Handel: Kein vernünftiger Geschäftsmann wird seine Handelspartner und Kunden bekriegen.3. Verweiblichung: Frauen sind friedlicher als Männer. Durch die Frauenbewegung wurde unsere Welt friedlicher.4. Der sich erweiternde Kreis: Durch den internationalen Handel und den kulturellen Austausch sinkt die Bereitschaft, andere Völker zu bekriegen.5. Rolltreppe der Vernunft: Menschen sind im Laufe der Zeit im Sinne der Aufklärung immer vernünftiger geworden. Pinker zeigt an einer Reihe von Hinweisen, dass Lesen (auch Romane), wissenschaftliches Denken und Allgemeinbildung friedfertig macht. Er sieht dabei einen Rolltreppen-Effekt: ist einmal ein erster Schritt in Richtung Vernunft getan, läuft die Entwicklung von alleine in diese Richtung weiter, sofern sie nicht durch eine massive Katastrophe rückgängig gemacht wird.Es ist ein ausserordentliches, ein wichtiges Buch, weil es Dinge sagt, die sonst nicht gesagt werden. Ob man sich für die über 1000 Seiten Zeit nehmen will, ist eine andere Frage. Sicher wäre auch das ein Schritt zu mehr Friedfertigkeit.

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  • ein anderer Ansatz

    Gewalt
    dominona

    dominona

    21. October 2014 um 23:15

    Pinker schreibt zwar wissenschaftlich, jedoch nicht trocken. Die gestellte Aufgabe ist keine leichte, deshalb ist das vorliegende Buch auch so umfangreich. Leider wird man zwischenzeitlich von den vielen Zahlen und Diagrammen erdrückt. Der Spagat zwischen wissenschaftlich-historisch und populär ist nur bedingt gelungen. Nichtsdestotrotz ist die Herangehensweise interessant mit Abstechern ins Philosophische. Ein Buch zum immer mal wieder drin schmökern, vergleichen und drüber nachdenken.

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  • Rezension zu "Gewalt" von Steven Pinker

    Gewalt
    Sokrates

    Sokrates

    11. March 2012 um 09:08

    Ich will dem Buch nicht Unrecht tun, aber irgendwie fällt es mir hier schwer, eine adäquate Bewertung zu finden... Pinker hat ein wares Opus geschrieben, dass vom Leser viel Sitzfleisch und pures Interesse für den Stoff verlangt. Der Schwerpunkt der Darstellungen liegt auf soziologischen und psychologischen Fragen, umwoben von historischen Ereignissen und Fakten. Um seine These - wonach es eigentlich friedlicher geworden ist unter den Menschen des 21. Jhs. - zu belegen, sammelte Pinker eine schier unüberschaubare Materialfülle; unzählige Einzelfakten, Beispiele, historische Ereignisse. Dazu stützt er sich auf die aktuelle Sichtweise der Psychologie, der Soziologie und natürlich der Evolutionsbiologie, aus deren Mechanismus auch viele Entwicklungen erklärbar sind, die im menschlichen Verhalten wurzeln. Allein hierfür verdient der Autor die volle Punktzahl; darüber hinaus war mir das Buch allerdings zu weitschweifig. Für so viele Beispiele, so weitgehende Ausführungen hat bei mir schlichtweg das Interesse gefehlt. Ich habe deshalb an vielen Stellen - verlustlos - weitergeblättert.

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  • Rezension zu "Gewalt" von Steven Pinker

    Gewalt
    Gospelsinger

    Gospelsinger

    22. December 2011 um 03:08

    Schon wieder ein Amoklauf. Schon wieder ein mörderischer Anschlag. Schon wieder ein tätlicher Angriff im öffentlichen Nahverkehr. Schon wieder Tote und Verletzte. Jeden Tag lesen wir von neuen Gewalttaten. Es wird immer schlimmer, unsere Gesellschaft wird immer gewalttätiger. Stimmt nicht, sagt Pinker, im Gegenteil. Er vertritt die These, dass die Gewalt sogar abgenommen habe. Und diese These belegt er in diesem zu Recht als Standardwerk bezeichneten Buch sehr gründlich und ausführlich. Pinker betrachtet die langfristige Entwicklung der Gewalt und stellt erst einmal sehr plastisch die alltäglichen Gewalterfahrungen in früheren Gesellschaften dar. Das Mittelalter beispielsweise, das uns so sehr fasziniert, dass sich historische Romane hervorragend verkaufen, war kein gemütlicher Ort. Da wurde gefoltert, als öffentliche Belustigung zu Tode gequält, Kinder wurden misshandelt und getötet, Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung, die kleinsten Vergehen zogen drastische Strafen bis hin zum Tod nach sich. Auch die Ritter des Mittelalters waren nicht gerade die edlen Männer, als die sie gemeinhin dargestellt werden. Sie schützten ihre Minnedamen nur davor, von anderen Rittern geraubt zu werden, nicht vor der eigenen Brutalität. Das gleiche trifft auf alle anderen früheren Gesellschaften zu, wie das alte Rom oder das antike Griechenland. Im alten Rom wurden Folterungen zum öffentlichen Schauspiel. Im berühmten Kolosseum kamen fast 500 000 Menschen auf grausamste Arten um, unter den Augen eines begeisterten Publikums. Auch die Bibel bildet da keine Ausnahme. Sie forderte in erster Linie Gehorsam gegenüber der Autorität Gottes, ein Menschenleben hatte demgegenüber keinen Wert. Eine der schlimmsten Foltermethoden, die Kreuzigung, wurde zum Sinnbild der christlichen Religion, deren Führungskräfte die systematische Folter in Europa salonfähig machten. Die Bibel ist so voller brutaler und ausführlicher Gewaltbeschreibungen, dass sie nach heutigen Kinderschutzmaßstäben erst ab einem Alter von 18 Jahren gelesen werden dürfte. Das Gleiche gilt für Grimms Märchen, in denen es vor Gewalttaten nur so wimmelt. Mord, Kindesaussetzung, Kindesmord, Kannibalismus, Vergiftung, Verstümmelung, Verbrennung und sexueller Missbrauch sorgen für nicht so süße Träume nach Vorlesen der Gutenachtgeschichte. Selbst noch im 20. Jahrhundert war Gewalt in der Ehe keine Straftat, und das Verprügeln von Kindern war eine anerkannte Erziehungsmethode. Massive Gewalt war zu allen Zeiten und in allen Gegenden der Welt ein ganz normaler Bestandteil des Alltags. Aber wodurch hat sich das geändert? Wie kommt es, dass wir heutzutage nicht mehr davon bedroht sind, gepfählt oder aufs Rad geflochten zu werden? Wie kommt es, dass Folter und die Todesstrafe in weiten Teilen der westlichen Welt verpönt sind? Warum werden heute Menschen für geringe Vergehen nicht mehr an den Pranger gestellt, wo sie ohne Nahrung aushalten müssen und mit Exkrementen beworfen werden? Warum werden kluge Frauen nicht mehr als Hexen verbrannt? Pinker erklärt das unter anderem mit dem Aufkommen und Erkämpfen von Rechten und mit der Entwicklung des Mitleids. Der Autor teilt den Prozess des Gewaltabbaus in mehrere Phasen ein: Dem Befriedungsprozess, dem Prozess der Zivilisation, der Humanitären Revolution, dem Langen Frieden, dem Neuen Frieden und der Revolution der Rechte. Im Befriedungsprozess fand der Übergang von der Steinzeitgesellschaft der Jäger und Sammler hin zu den sesshaften Gesellschaften statt. Pinker macht es sichtbar Spaß, mit romantischen Vorstellungen aufzuräumen, denn die ursprünglichen Gemeinschaften waren nicht natürlich, edel und gut, sondern wesentlich gewalttätiger als ihre Ackerbau und Viehzucht betreibenden Nachfahren. Besonders hart wurde um Frauen gekämpft, natürlich ohne deren Mitspracherecht. Der Prozess der Befriedung senkte das Risiko eines Mannes, Opfer einer Gewalttat zu werden, um ein Fünftel. Der Zivilisationsprozess hatte das Merkmal, dass die Gewaltausübung institutionalisiert und auf den Staat übertragen wurde. Der Gewaltrückgang fand überwiegend in den oberen Schichten statt, denn vor allem dort wurde sie ausgeübt. Unterstützt wurde dieser Prozess durch den Handel, der es notwendig machte, über den eigenen Tellerrand zu sehen, sowie durch einen Wandel in der Psyche hin zu mehr Selbstkontrolle und besserem Benehmen. Bei Fischern, Bauern und Viehzüchtern entwickelten sich informelle Normen. Ein wichtiger Motor des Zivilisationsprozesses war die Heirat, denn Frauen haben offensichtlich eine friedensstiftende Wirkung auf Männer. Zentral war die Humanitäre Revolution. Die Aufklärung sorgte für ein Umdenken. Tötungen aus Aberglauben, wegen Gotteslästerung und wegen Ketzerei wurden abgeschafft, Grausamkeit und Folter, auch gegenüber Kindern und Tieren, wurden geächtet, die Rechte der Menschen wurden wichtig. In dieser Phase wurde auch die Sklaverei abgeschafft. Die Wertschätzung wendete sich nicht mehr Seelen, sondern Leben zu. Das erforderte die Fähigkeit, für die anderen Menschen Mitleid zu empfinden. Ermöglicht und verstärkt wurde dieser Prozess durch das Aufkommen der Wissenschaft, durch die Verbesserung der Hygiene, die Menschen weniger abstoßend machte, und vor allem durch die Verbreitung des Lesens. Die Alphabetisierungsrate stieg, und als immer mehr preiswerte Bücher zur Verfügung standen, stieg auch die Motivation zum Lesen. Dazu kam die „Leserevolution“, nämlich die Veränderung des Leseverhaltens. Statt religiöser Texte wurden säkulare gelesen, und die Bandbreite der Textarten nahm zu. Der Horizont der Lesenden erweiterte sich über die unmittelbare Umgebung des eigenen Dorfes hinaus und führte, besonders durch die Lektüre von Romanen, zu einer größeren Fähigkeit, sich in die Denkweisen anderer Menschen einzufühlen und den eigenen Standpunkt, die eigenen Gewohnheiten und Sitten zu relativieren. Kein Wunder, dass der Klerus Romane auf den Index der verbotenen Bücher setzte! Die Periode des Langen Friedens bezieht sich auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Nie in der Geschichte gab es weniger Kriege als in dieser Phase. Pinker hat in diesem Kapitel eine herrlich plastische Art zu zeigen, wie Wahrscheinlichkeiten berechnet werden und welche Fallstricke in solchen Berechnungen lauern. Dieser Teil ist sehr statistiklastig, aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der 2. Weltkrieg historisch gesehen wirklich nur ein statistischer Ausrutscher war. In diesem Teil zeigt sich nämlich auch, wie schwierig es ist, Kriegsopfer gegeneinander aufzurechnen. War der Völkermord in Ruanda wirklich so viel weniger schlimm als andere Genozide? Zurzeit sind wir in der Phase des Neuen Friedens, in dem auch der Kalte Krieg überwunden wurde. Ob es so friedlich bleibt, kann niemand voraussagen, dazu ist diese Phase einfach noch zu kurz. Aber immerhin haben wir es bisher geschafft, dass keine der so zahlreich vorhandenen Atomwaffen auch wirklich eingesetzt wird. Bleibt zu hoffen, dass auch die Regierungen des Irans und Nordkoreas diese Vernunft zeigen. Pinker rückt in diesem Abschnitt auch das Ausmaß der Terrorgefahr in die richtige Dimension und zeigt, dass die Gegenmaßnahmen der Regierungen, aber auch die Angst der Bevölkerung, völlig überzogen sind. Durch den Verzicht auf das Fliegen und den Umstieg aufs Auto sind mehr Menschen gestorben, als bei den Anschlägen am 11. September. Die übersteigerte Angst ist den Regierungen gerade recht, können sie doch so ungestraft die persönlichen Freiheiten gesetzlich beschneiden. Sehr plausibel finde ich die Ausführungen Pinkers, warum die Humanitäre Revolution noch nicht in den islamischen Ländern angekommen ist, nämlich wegen der Ablehnung der Buchdruckpresse im Mittelalter und dem Widerstand gegen den Import von Büchern und gegen das freie Denken. Der arabische Frühling wird das hoffentlich ändern. Ein weiterer zentraler Prozess für den Rückgang der Gewalt sind die Revolutionen der Rechte. Ehemals unterdrückten Minderheiten werden Rechte zugestanden, die ihnen lange verweigert wurden. Die Erklärung der Menschenrechte, die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die gewaltlose Erziehung von Kindern, der Tierschutz, all das hat zu einer vorher undenkbaren toleranten Gesellschaft geführt. In früheren Zeiten wäre beispielsweise eine offen gelebte Homosexualität lebensgefährlich gewesen (in einigen Ländern ist sie das bis heute), heute sucht ein Bauer im Fernsehen einen Mann. Zurzeit übertreiben wir es fast schon mit dem Einsatz für vermeintlich Unterdrückte, wie einige Auswüchse der political correctness zeigen. Wahrscheinlich haben wir auch deshalb den Eindruck, dass die Gewalt zugenommen hat, weil einfach mehr darüber berichtet wird. Um die Mechanismen von Gewalt zu verstehen, sieht Pinker sich die inneren Dämonen an. Die neuesten Erkenntnisse aus Hirnforschung, Verhaltensbiologie und Psychologie werden anhand der Beschreibung von Experimenten dargestellt. Wurzeln der Gewalt sind demnach Raub, Dominanzstreben, Rache, Sadismus und Ideologie. Der von Pinker beschriebene Flynn-Effekt ist meiner Meinung nach hervorragend geeignet, um die Mechanismen von Rassismus zu erklären. Diesen Teil fand ich am spannendsten zu lesen, zeigt er doch, wie dünn unsere zivilisatorische Schicht ist, wie unzuverlässig unsere Selbsteinschätzung ist, was in unseren Gehirnen abläuft, wenn wir wütend sind, und wie anfällig wir für Gruppenzwang, pluralistische Ignoranz und Gradualismus sind. Letzteren Mechanismus hat auch Götz Aly in seinem Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ beschrieben. Die Existenz der heutigen Besseren Engel ist für Pinker in erster Linie eine Folge der Vernunft. Für ihn ist die Vernunft der zentrale Faktor, der für den Rückgang der Gewalt verantwortlich ist, und somit noch wichtiger als Empathie. Zur Untermauerung seiner Thesen wendet Pinker statistische Verfahren an, wodurch seine gründlichen Ausführungen sehr anschaulich werden. Trotz des sehr umfangreichen Zahlenwerks, der vielen Tabellen und Graphen schafft Pinker es, gut lesbar zu bleiben. Überhaupt hat mir der Schreibstil sehr gut gefallen, besonders im letzten Absatz des Buches, in dem Pinker seine Gefühle beschreibt. Immer wieder wird der Text durch lockere Bemerkungen und satirische Seitenhiebe aufgelockert, zum Beispiel, wenn es um US-Präsidenten oder um die Veränderungen der Kindheit geht: „Ein weiteres Sakrament ist die Kampagne, mit der man Kinder noch von dem leisesten Hauch einer Spur einer Ahnung einer Erinnerung an Gewalt abschirmen will.“ (S. 656). Dem kann ich nur zustimmen. Ende der sechziger Jahre konnte ich mich noch mit einem Klassenkameraden prügeln, ohne verklagt zu werden. Heute reicht schon ein kleiner Schubser in der Sporthalle für eine Anzeige wegen Körperverletzung. Die Sorge um das Wohl der Kinder ist völlig hysterisch geworden, nicht nur bei amerikanischen Eltern. Überwältigend fand ich die Fülle der Fachgebiete, die Pinker heranzieht. Geschichte, Politikwissenschaft, Psychologie, Verhaltensbiologie, Statistik und Kulturwissenschaft vermengen sich zu einem großen Ganzen, einem Standardwerk eben. Besser kann Interdisziplinarität nicht gelingen. Allerdings sieht Pinker für mein Empfinden die Gewalt zu stark quantitativ und zu wenig qualitativ. Die Opferzahlen früherer Kriege sind kaum zu berechnen, zu unterschiedlich sind weltweit die Definitionen, ab wann von einem Krieg gesprochen wird. Noch schwieriger zu berechnen sind die indirekten Todesfälle, die deshalb von Pinker nicht berücksichtigt werden. Ich kann auch Pinkers Argument, dass die geringere Zahl von Zivilopfern ein Indiz für eine sinkende Brutalität sei, nicht uneingeschränkt folgen. Der medizinische Fortschritt dürfte meiner Meinung nach eine viel größere Rolle bei der sinkenden Zahl der Zivilopfer spielen. Außerdem hat Pinker einen halbblinden Fleck, wenn es um Afrika und Indien geht, besonders im Hinblick auf die Situation der Frauen. Genitale Verstümmelung und Mitgiftmorde werden in wenigen Sätzen abgehandelt, was mir angesichts des Umfangs dieses Buches entschieden zu wenig ist. Zugute halten muss man Pinker aber, dass er die besondere und zentrale Rolle der Frauen sowohl als Gewaltopfer als auch als Friedensstifterinnen erkennt. Meiner Meinung nach sieht Pinker auch die Marktmechanismen zu positiv. Dass der internationale Finanzmarkt und die ungleichen Voraussetzungen der Staaten auf dem Weltmarkt Kriege zur Sicherung der Märkte, Ungerechtigkeiten, Armut, Umweltzerstörung und eine immer größere Spaltung zwischen Arm und Reich verursachen, blendet er weitgehend aus. Auch die Thesen des Utilitaristen Peter Singer hat Pinker meiner Meinung nach zu unkritisch wiedergegeben. Die behindertenfeindlichen Auswirkungen dessen Thesen hat er nicht berücksichtigt. Die These Pinkers, die Frauen seien heutzutage von der Last der Hausarbeit befreit, trifft leider ebenfalls nicht zu. Trotz Berufstätigkeit verbringen Frauen immer noch mehr Zeit mit Hausarbeit als Männer, und die Haushaltsgeräte haben zwar die Dauer einer einzelnen Arbeit verringert, dafür aber die Ansprüche erhöht, zum Beispiel, jeden Tag frisch gewaschene Bekleidung zu tragen, während sie früher ausgelüftet wurde. Sehr sinnvoll hingegen finde ich Pinkers moralpsychologischen Lösungsansatz für den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Ich denke, so könnte es wirklich funktionieren. Vorausgesetzt, jemand lässt den politisch Verantwortlichen das Buch zukommen und zwingt sie zum Lesen. Bei der Buchvorstellung in der Urania wurde deutlich, dass der Autor, dessen Buch einen höchst umfangreichen Anhang mit Nachweisen und Quellenangaben besitzt, sicherlich nicht geguttenbergt hat, so kompetent und intelligent hat er die Fragen beantwortet. Trotz der kleinen Kritikpunkte, die angesichts des Umfangs nicht ins Gewicht fallen: Dieses Buch ist nicht nur ein Standardwerk, sondern auch glänzend und intelligent geschrieben, und somit unbedingt lesenswert.

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  • Rezension zu "Gewalt" von Steven Pinker

    Gewalt
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    05. December 2011 um 14:58

    Die Entwicklung der Gewalt vom Anfang bis heute Kann es tatsächlich sein, dass die Gewalt weniger geworden ist im Lauf der Geschichte, wie es Steven Pinker behauptet? Aber er behauptet ja nicht nur. Der Psychologieprofessor der Harvard Universität legt auf knapp über 1000 Seiten aus entwicklungspsychologischer Sicht eine „Weltgeschichte der Entwicklung der Gewalt“ vor, wie sie umfassender kaum an anderer Stelle zu finden sein wird. Und nimmt den faszinierten Leser mit auf die Reise in das „fremde Land“ der Geschichte. Beginnend zu Urzeiten mit der Vorgeschichte der Menschheit, die einzelnen Entwicklungsschritte der Zivilisation schildernd und immer wieder darauf verweisend, wie gefährlich und gewalttätig das Leben in der überwiegenden Zahl vergangener Epochen war. So gefährlich und gewalttätig, dass unsere Epoche tatsächlich (relativ!) als die Friedlichste angesehen werden kann. Ein „relativ“ muss allerdings betont werden. Denn auch wenn man Pinkers exzellenten Darlegungen leicht mit Einsicht folgen kann, sich verschärfende Spannungen sind dennoch nicht wegzuleugnen und zudem gilt, was zu allen Zeiten galt. Wird der Mensch erst ohne Rahmung losgelassen, dann taucht fast umgehend auch das grausame Tier wieder auf. Folterpraxis auch in „zivilisierten“ Ländern, Kriegsgräuel und vieles mehr sprechen auch heutzutage in diese Richtung noch eine klare Sprache. Wohl aber ist aus Pinkers Darlegungen deutlich abzulesen, welche Entwicklungen zu einem „Rückgang“ offener und verdeckter Gewalt im Lauf der Neuzeit geführt haben. Entwicklungen, an denen für die Zukunft der Weg zu einer Welt mit weiterhin abnehmender Gewalt abzulesen wäre. Allein für diese Klarheiten lohnt sich die Lektüre des Buches bereits. Immer aber muss der Leser sich gewahr bleiben, dass hier kein Historiker eine Geschichtsschau abliefert, sondern ein Psychologe sich eines konkrete Themas der „menschlichen Natur“ zuwendet und wohl auch mit einer (fast) fertigen These sich im Buch an eine Art „Beweisführung“ gemacht hat. So fällt auf, dass er nicht „absolute“ Zahlen von Gewaltopfern ins Feld führt, sondern dies je in Relation zur Weltbevölkerung setzt. So nur erklärt sich, dass das 20. Jh. als eines der unblutigsten gelten kann, obwohl von den absoluten Zahlen her die meisten Opfer durch Gewalt im Verlauf der Geschichte in diesem Jahrhundert festzustellen sind. In ähnlicher Weise „springt“ Pinker durchaus hier und da auch assoziativ durch Geschichten, Geschichte und Traditionen. Bis Pinker zur Schlussfolgerung gelangt, dass eine „düstere Weltsicht“ voller apokalyptischer Sorge zumindest was die Gewalt unter den Menschen angeht letztlich nicht gerechtfertig ist, sondern durchaus „Dankbarkeit“ in den Raum treten könnte. Zumindest zu einem gewissen Teil in der Rückschau, das viele „Formen der Gewalt bis heute zurückgegangen sind“. Dies stellt Pinker als Folge „sozialer, kultureller und materieller“ Bedingungen dar, die sich sprunghaft im Blick auf die Menschheit verbessert haben und, gemeinsam mit sozialen Übereinkünften, vielen „Gewalten“ die Spitze genommen haben. „Bleiben diese Bedingungen bestehen, wird auch die Gewalt gering bleiben“. Für diese These führt Pinker eine immense Vielfalt an Argumenten, Zahlen und Beobachtungen an, die dennoch subjektiv gefärbt bleiben. Wie schnell roheste Gewalt sich Bahn brechen kann auch in Zeiten, die von Humanismus und Aufklärung bis in die Verfassungen hinein geprägt ist, davon zeugt der ganz normale Alltag bereits. Das dies unter Umständen nur mehr „Ausrutscher“ oder „Ausnahmen“ quasi unbezähmbarer, aber immer vereinzelter auftretender „innerer Dämonen“ sind,, das will man gerne glauben, kann aber die Augen nicht davor verschließen, dass noch längst nicht an allen Orten der Welt Ratio und Aufklärung wirklich Fuß gegriffen haben. Dennoch legt Pinker ein beachtenswertes Werk vor, in dem vielfach sich jene Entwicklungslinien herausschälen, die es zu fundieren und weiter zu verfolgen gilt, um der rohen Gewalt (noch mehr) Einhalt zu gebieten. Ein umfassendes, breites und durchaus mit Tiefe versehenes Werk, das nicht immer strikten wissenschaftlichen Formen folgt, mit Assoziationen arbeitet, Verbindungen knüpft, die hier und da ein wenig zu gewollt wirken, in dem dennoch aber wesentliche Erkenntnisse der „Minderung von Gewalt“ auf gesellschaftlicher Ebene klar herausgearbeitet werden. Ganz eindeutig sprechen Pinkers Zahlen und Betrachtungen, Berechnungen und Beobachtungen davon, dass seit 1945 diese Welt deutlich unblutiger (und damit friedlicher) geworden ist als in allen Jahrhunderten zuvor (nicht nur berechnet auf die Gesamtbevölkerungszahl). Eine gute, aber eben auch eine brüchige Entwicklung, die stetig vor Augen gehalten werden will, um ihre Kraft nicht zu verlieren.

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