In diesem Buch setzt sich der schwedische Autor und Journalist Stig Dagerman mit dem Nachkriegsdeutschland 1946 auseinander. Von Oktober bis Dezember bereist er verschiedene Städte und bringt in einer Mischung von anekdotischem Erzählen und literarischen Berichten die Schicksale verschiedener Menschen zu Papier. Dabei geht er sehr reflektiert vor.
Anschließend sind viele seiner Briefe an seine Familie in Schweden abgedruckt, was eine spannende Ergänzung zu den Berichten darstellt. Diese Zusammenstellung hat die Neuauflage im Guggolzverlag auf jeden Fall verdient.
Ich konnte mich nur schwerlich von den Seiten lösen und verstehe gut, warum die Romane des Autors so gut angekommen sind, sein Schreibstil ist einfach fesselnd. Auch die biographischen Einordnungen am Ende des Buches waren gut, damit ich selbst das Geschriebene verorten konnte.
Das Leben in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg ist und bleibt ein herausforderndes Thema, über das aber nicht geschwiegen werden sollte.
Stig Dagerman
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Unser nächtlicher Badeort
Der Mann, der nicht weinen wollte
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Neue Rezensionen zu Stig Dagerman
„Ich selbst jage Trost wie ein Jäger Wild“
1951 schreibt Stig Dagermann für eine schwedische Hausfrauen-Zeitschrift einen programmatischen Artikel: „Unser Bedürfnis nach Trost ist unstillbar“. Stig Dagermann ist damals bereits der aufgehende Stern am nordischen Literaturhimmel, der mit seinen Werken, u. a. einer Reportage über das zerstörte Deutschland, schnell bekannt wurde.
Der Titel seines Essays gibt seine grundsätzliche Haltung bereits wieder: Er ist und bleibt untröstlich. Er leidet unter Schreibblockaden, weil er sich durch seinen schnellen Erfolg unter Druck gesetzt fühlt, er sich aber andererseits nach Anerkennung sehnt. Er fühlt sich zerrissen und sieht sich bedroht von „den gierigen Mündern der Maßlosigkeit“ einerseits und der „kleinlichen Verbitterung“ der Askese andererseits, und es gelingt ihm nicht, für sich einen gangbaren Mittelweg zu finden. Er leidet am Leben, obwohl doch das Leben, wie er schreibt, ein Trost für den Tod sein könne. Die Religion bietet ihm keinen Trost. Er kann sich nur einen einzigen wirklichen Trost denken: die Erkenntnis, dass er ein freier Mensch ist, „eine in meinen Grenzen souveräne Person“. Diese innere Freiheit findet er jedoch nicht, weil er Furcht empfindet: Furcht vor dem Verlust seines Talentes und grundsätzlich Furcht vor dem Leben. Der einzige Ausweg aus seiner Trostlosigkeit und zugleich der einzige Beweis für die Freiheit des Menschen ist seiner Ansicht nach der Selbstmord.
Mit diesen Ansichten rückt er sich in die Nähe der damals populären Existenzialisten, aber er ist kein Philosoph, wie er selber sagt. Er kann die Trostlosigkeit nicht zum Programm erheben und sie in sein Leben integrieren, sondern sehnt sich zeit seines Lebens nach Tröstungen. Gelegentlich findet er sie, wenn er die Schönheit eines Augenblicks wahrnimmt. Hier gelingen ihm äußerst anrührende Sätze, die seine sprachliche Könnerschaft glänzen lassen.
Zum Nachwort von Felicitas Hoppe: Frau Hoppe hat unbestritten ihre literarischen Verdienste, aber ihr Nachwort verflacht inhaltlich und auch sprachlich die faszinierenden und selbstquälerischen Ausführungen Stig Dagermanns. Sie beendet ihre Ausführungen mit einem Selbstzitat: „Ich bin nicht glücklich und habe nicht die Absicht, es zu werden.“
Da kann ich nur sagen: Si tacuisses...
Warum bereiten uns Begriffe wie die Ewigkeit oder Lebenszeit Sorgen? Stig Dagerman findet mit „Trost“ tröstende Worte für den Schmerz, den uns das Leben bereitet:
„Kurz ist mein Leben nur, wenn ich es auf dem Richtblock der Zeitrechnung platziere. Begrenzt sind meine Lebensmöglichkeiten nur, wenn ich die Wörter oder Bücher zähle, die ich noch erschaffen werde, bevor ich sterbe. Aber wer bittet mich eigentlich zu zählen? Zeit ist ein falsches Maß für Leben. Zeit ist ein grundsätzlich nutzloses Messinstrument, denn es erfasst nur die Äußerlichkeiten meines Lebens.
Doch alles Wesentliche, was mir geschieht und meinem Leben seinen wunderbaren Inhalt gibt: die Begegnung mit einem geliebten Menschen, die Liebkosung der Haut, die Hilfe in der Not, der Mondschein in den Augen, der Segeltörn auf dem Meer, die Freude über ein Kind, das Schaudern angesichts von Schönheit spielt sich ganz und gar außerhalb der Zeit ab. Denn ob ich der Schönheit eine Sekunde oder hundert Jahre lang begegne, ist unerheblich.“
Zeitlebens jagte Stig Dagerman selbst dem Trost hinterher:
„Ich selbst jage Trost wie ein Jäger Wild. Wo immer ich ihn in den Wäldern auftauchen sehe, schieße ich. Häufig treffe ich nur ins Leere, aber manchmal fällt eine Beute zu meinen Füßen. Da ich weiß, dass die Beständigkeit des Trosts so kurz ist wie die des Winds in einem Baumwipfel, eile ich, mich meines Opfers zu bemächtigen.“
Leider war seine Jagd am Ende vergeblich, denn der Schmerz, den ihm das Leben bereitete, war letztlich stärker und er beging 1954 mit nur 31 Jahren Suizid. 1923 wurde er nördlich von Uppsala/Schweden geboren und führte in seinem kurzen Leben einen beständigen Kampf gegen seine schweren Depressionen und wurde von existenziellen Krisen gebeutelt.
Schreiberisch beschäftigte er sich mit seinen persönlichen Krisen und auch seine prägenden Nachkriegserfahrungen (als Reporter) ließ er in seine Texte, Essays, Theaterstücke, Reportagen und Bücher fließen. Er wurde als Stern am Literaturhimmel gefeiert und erlangte schnell Bekanntheit. Doch er hatte nicht nur produktive Schreibphasen, stets hatte er auch mit Schreibblockaden zu kämpfen.
Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens hadert Stig Dagerman mit Gesellschaftsnormen, wünscht sich mehr individuelle Freiheit. Er ist nicht gläubig und denkt, ihm bleibe aufgrund dessen sein persönliches Glück verwehrt. Trost zu finden sieht er nicht nur für sich selbst als immer unerreichbarer, sondern auch für die Menschheit an sich. Was für ein armer, getriebener Geist er doch war!
Die Berliner Autorin Felicitas Hoppe erläutert und ergänzt mit Ihren Erläuterungen Stig Dagermans autobiografisches Vermächtnis, seine Gedanken und Worte.
Sprachliebhaber*innen aufgepasst: Dieses kleine Büchlein „Trost“ von Stig Dagerman ist ein wahres Sprachjuwel! Seine destruktive Gedankenwelt und innere Zerrissenheit spiegeln sich wunderschön in seiner Sprache wider. Eine klare Leseempfehlung für alle, die den Schmerz des Lebens etwas lindern wollen, indem sie sich von der Schönheit der Sprache trösten lassen!
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