Sue Black

 4.6 Sterne bei 5 Bewertungen
Autor von Alles, was bleibt, Forensik in 30 Sekunden und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Sue Black

Alles, was bleibt

Alles, was bleibt

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Erschienen am 13.09.2018
Forensik in 30 Sekunden

Forensik in 30 Sekunden

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Erschienen am 04.06.2018
Alles was bleibt: Mein Leben mit dem Tod

Alles was bleibt: Mein Leben mit dem Tod

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Erschienen am 17.09.2018

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R_Mantheys avatar

Rezension zu "Alles, was bleibt" von Sue Black

"Ich hatte nie das Bedürfnis, mit Lebenden zu arbeiten"
R_Mantheyvor 3 Tagen

Falls jemand noch irgendwelche Illusionen darüber hat, was nach seinem Tod mit ihm passiert, dann sollte er dringend dieses Buch lesen. Drastischer kann der Entzug jedenfalls wenigstens auf der theoretischen Ebene nicht sein. Ich habe mich lange vor dem Lesen dieses Buches gedrückt und musste auch zwischendrin ein paar Mal zur Seite legen, denn der Text ist mancherorts nicht gerade appetitlich. Man kann sich an anderen Stellen auch nicht mehr so einfach von ihm trennen. Er fasst einen an, und das muss man dann auch einmal eine Weile sacken lassen. Gestiegen dagegen ist meine Bewunderung für Menschen, die sich beruflich mit Toten befassen. Vielleicht muss man dafür aber auch geboren sein. Dazu später mehr.

Die Autorin ist forensische Anthropologin. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, unbekannten Toten ihre Identität zurückzugeben, meist nach Katastrophen oder Kriegen. Oder auch bei abgelegten, manchmal auch zerstückelten Leichen, bei denen keine schnelle Zuordnung zu vermissten Personen möglich ist. In ihrer Autobiografie verfolgt Sue Black (was für ein Name bei diesem Beruf) drei Erzählstränge: ihren persönlichen Werdegang, in gewissen Ausschnitten ihre berufliche Tätigkeit und immer wieder Gedanken über den Tod.

Man muss sich nicht lange fragen, was das für Menschen sind, die eine Tätigkeit verrichten, bei der bei vielen Menschen die letzte Mahlzeit ziemlich schnell rückabgewickelt werden würde. Die Autorin schreibt dazu sehr offen Folgendes: "Ich hatte nie das Bedürfnis, mit Lebenden zu arbeiten. Natürlich ist die Pflege von Kranken, die Fürsorge wichtig und bereichernd, aber mich beschlich schon früh das Gefühl, dass lebendige Patienten mühseliger seien als tote. Ich bin ein Kontrollfreak und ein Feigling, eingleisige Interaktion passt am besten zu mir – mit anderen Worten: ein Job, in dem ich die Einzige bin, die Fragen stellt."

Angehörige von bei Katastrophen gestorbenen Menschen oder von vermutlich Ermordeten wollen Gewissheit. Und die bekommen sie nur, wenn man die Leichen findet und sie eindeutig zuordnen kann. Forensische Anthropologen untersuchen deshalb auch die kleinsten Leichenteile oder Überreste, um eine solche Zuordnung zu ermöglichen. Im Text verstreut findet man dazu zahlreiche Beispiele aus dem Arbeitsalltag der Autorin. Auch spektakuläre Fälle.

Wie genau dabei vorgegangen wird, erklärt Sue Black ausführlich. Dass man dabei auch das Alter eines Verstorbenen bei Unkenntnis seiner Identität ziemlich sicher feststellen kann, überrascht nicht. Auch das wird anhand anatomischer Gegebenheiten präzise erläutert.

Auf die Frage, wie man all das psychisch verkraften kann, kommt man auch schnell. Hat man sich bis zu der Stelle vorgearbeitet, an der die Autorin darauf eine Antwort gibt, überrascht sie nicht mehr, denn man hatte bereits vorher ausreichend Gelegenheit, festzustellen, dass sich Sue Black deutlich von einem gewöhnlichen Zeitgenossen unterscheidet. Man kann tatsächlich auch zu der durchaus begründeten Vermutung gelangen, dass man für eine solche Tätigkeit eben doch Eigenschaften besitzen muss, die nicht häufig vorkommen. Sue Black leidet weder unter Schlafstörungen, noch verarbeitet sie ihre Arbeit anderweitig irgendwie negativ. Im Gegenteil. Die Toten hätten ihr noch nie Angst gemacht, schreibt sie. Und: "Es sind die Lebenden, vor denen ich mich wirklich fürchte. Die Toten sind nicht unberechenbar und deutlich kooperativer."

Offenbar besitzt sie die Fähigkeit, einen scharfen Trennstrich zwischen ihrer Tätigkeit und ihrem Ich zu ziehen: "Mein wahres Ich ist irgendwo außerhalb des Raumes, fernab der sensorischen Reizüberflutung durch die Arbeit, die im Inneren geschieht." Aber selbstverständlich verändert diese Tätigkeit einen Menschen. Sue Black kann über den Tod so schreiben, wie wohl kaum jemand, der nicht täglich damit konfrontiert wird. Ihre Ansichten sind bemerkenswert, auch wenn vielleicht nicht jeder unbedingt Lust darauf hat, sie kennenzulernen. Nicht etwa, weil sie nicht provozierend wären und ungewöhnlich, sondern weil wir den Tod aus guten Gründen so lange wie möglich aus unserem Leben verdrängen wollen. Da kann man mir erzählen, was man will, ungesund ist das jedenfalls nicht.

Man kann aus diesem Buch viel lernen. Allerdings kommt die Autorin nicht immer durchgehend schnell auf den Punkt. Meistens ist eher das Gegenteil der Fall. Aus ihrer Sicht kann man die Vermischung von Autobiografie, Gedanken über den Tod und ihrer Tätigkeit durchaus verstehen, denn schließlich erzählt sie einfach ihr Leben und schweift dabei immer ausführlich an den verschiedensten Punkten zu den anderen beiden Themen ab. Für den Leser ist das gelegentlich anstrengend. Wer sich nur die Erzählung von Fällen aus ihrer beruflichen Tätigkeit erwartet hatte, wird möglicherweise enttäuscht werden. Sie sind nur gewisser Teil dieses Buches, der obendrein auch noch über den gesamten Text verstreut wird.

Zum Tod und allen damit zusammenhängenden Fragen hat Sue Black Auffassungen, die vielleicht nicht immer konsensfähig sind. Wird man mit ihnen konfrontiert, dann fällt die Reaktion sicher von Leser zu Leser unterschiedlich aus. Das macht das Buch interessant und provokativ. Man wird einfach gezwungen, sich damit zu beschäftigen. Oder man hört mit dem Lesen auf. Ich habe zwischendrin einige Pausen gebraucht.

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Rezension zu "Alles, was bleibt" von Sue Black

Rezension: Alles was bleibt
killmonotonyvor 2 Monaten

In der Herbstvorschau des Dumont Verlags lachte mich dieses Buch sofort an. Dies ist nun eine Weile her, denn ich habe „Alles was bleibt“ von Sue Black eine ganze Weile mit mir herumgetragen und alles in allem ungefähr einen Monat lang daran gelesen. Sue Black ist forensische Anthropologin und befasst sich seit ihrer Jugend mit dem Thema „Tod“. Ausgelöst wird das Ganze durch einen Ferienjob in der Metzgerei. Klingt makaber, hat ihr aber den Weg geebnet zu ihrem Job und ihrer Forschungsarbeit. Denn Sue Black ermittelt nicht nur in kniffligen Fällen, bei denen die Identität der Toten nicht so einfach erfasst werden kann, sondern beschäftigt sich neben ihrem Beruf noch mit allen anderen Aspekten des Todes – sie begegnet ihm auf kultureller, spiritueller, biologischer und allen anderen denkbaren Ebenen und hat dieses wunderbare Buch geschrieben. In „Alles was bleibt“ finden sich jedoch nicht nur Einblicke in die verschiedenen Religionen, Brauchtümer und Kulturen und wie diese mit dem Tod und ihren Toten umgehen, sondern auch mit dem „körperlichen“ Tod: Was passiert mit dem Körper, wenn er stirbt? Wie geht der Verwesungsprozess vonstatten? (Keine Sorge, dieser Abschnitt ist relativ kurz – zum Glück!) Was geschieht mit den Leichnamen? Und wie können Leichen der Wissenschaft dienen? Sue Black sieht dem Tod ins Auge, schafft es, ihre Angst vor ihm abzulegen.

Von diesem Buch sind so unfassbar viele Dinge hängen geblieben und haben einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, meine Gedanken zu diesem Buch in Worte zu pressen. Sue Black behandelt in ihrem Lebenswerk alle möglichen Perspektiven und Sichtweisen, außer der einen: Wie kann man dem Tod ein Schnippchen schlagen? Doch da die Autorin den Tod akzeptiert und ihn als gegeben ansieht, würde dieses Kapitel wohl kaum in ihr Buch passen. Sie erzählt in verschiedenen Kapiteln von Todesfällen innerhalb ihrer Familie, wie sie damit umgeht und wie sie es geschafft hat, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sue Black ist da eher pragmatisch, schafft es, all die Dinge zu organisieren, die nach einem Tod so anfallen: Bestattungsfeier, Habseligkeiten, Erbangelegenheiten… Immer, wenn diese Seite von ihr durchgeschienen ist, fühlte ich einen tiefen Respekt, denn zu diesen Dingen wäre (und war) ich kaum in der Lage.

Lebenserwartungstabellen sind interessant und nützlich, doch sind sie auch gefährlich, denn sie schaffen Vergleichswerte und erzeugen Erwartungen, die möglicherweise nicht erfüllt werden.

Sue Black bringt dem Leser die vielen Gesichter des Todes näher, sie verrät uns aber auch, wie sie zu ihrem Beruf gefunden hat – und das ist ziemlich spannend! In ihrem Studium schneidet sie Leichen auf (wir lernen auch, wie diese am besten konserviert werden, damit sie geschmeidig bleiben) und stellt sich das Leben der Leichname vor ihrem Tod vor. Sie nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise zu den Ursprüngen der Anatomie und der Bestattung. Sue Black geht aber auch Mythen auf den Grund, wie etwa, dass wir durch die ständige Erneuerung der Zellen nach gut einem Jahrzehnt ein völlig neuer Mensch seien (Spoiler: dem ist nicht so). Mit einer Prise schottischen Humors nimmt sie uns auch in ihren Berufsalltag mit, zu den ungelösten Fällen, in denen die tote Person auch nach Jahren nicht identifiziert werden konnte. Wir lernen, welche Methoden es gibt, Leichen zu identifizieren. Sogar Sexualität und Gender spielen eine Rolle in Sue Blacks Beruf: Denn das (biologische, vom sozialen mal ganz abgesehen!) Geschlecht einer Leiche lässt sich unter Umständen nur sehr schwer bestimmen. Diesen Part über die Leichenidentifizierung fand ich persönlich am spannendsten – denn seid ehrlich: Wusstet ihr, dass man anhand eines Haars feststellen kann, in welchen Regionen sich eine Person aufgehalten hat? Oder dass es Suizid-Tourismus gibt? Oder dass es ein Rezept für Menschenblutmarmelade aus dem Jahr 1679 gibt? Oder, ganz skurril: Dass ein Harvard-Professor eine Einheit für sofortige oder kumulative Risiken erfunden hat, den Mikromort (= kleiner Tod)? So hat eine Motorradfahrt beispielsweise mehr Mikromort (10 km = 1 Mikromort), eine Zugfahrt allerdings weniger (10.000 km =Mikromort). Das finde ich äußerst spannend!

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/sue-black-alles-was-bleibt

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Buchraettins avatar

Rezension zu "Alles, was bleibt" von Sue Black

Das Thema Tod und Sterben
Buchraettinvor 3 Monaten

Das Cover zieht schon die Blicke auf sich. Ich kann schon verraten, die Autorin hat das Skelettbild auch in Bezug auf seine Kennzeichen hin ein wenig untersucht. Die Autorin des Buches hat hier ein sehr interessantes Buch geschrieben, in dessen Mittelpunkt der Tod, das Sterben steht. Dennoch ist es ihr gelungen einen zarten Humor einzuflechten und was mir sehr gefallen hat, sie hat einen wirklich tollen Erzählstil und sie berichtet auch distanziert, aber dennoch auch einfühlsam über dieses Thema.
Sue Black lebt in Schottland und ist forensische Anthropologin. Sie berät auch Krimiautoren. Ich mag in einem Sachbuch vorn ein Inhaltsverzeichnis vorzufinden. Da bekomme ich als Leser einen ersten Überblick über die Themen im Buch. Das Buch gliedert sich für mich in verschiedenen Abschnitten. Anfangs erzählt sie vom Tod. Warum wir dieses Thema gern vor uns herschieben, verdrängen, ihm Spitznamen geben, obwohl wir wissen, dass wir alle ihm irgendwann begegnen.
Sie erklärt zu Beginn auch den Unterschied zwischen Pathologen und Anthropologen, diese arbeiten in Großbritannien mehr als Wissenschaftler, als als Arzt.
Mir haben einige Szenen sehr gefallen. Wie z.B. der Mann, der später seinen Körper als Körperspende der Anatomie zur Verfügung stellen möchte, für die makroskopischen Anatomiekurse im Medizinstudium. Ich denke, dieses Buch kann ich wirklich für alle angehenden Medizinstudenten empfehlen. Ich kenne das Unbehagen, der erste Tag im Makroskopischen Anatomiekurs. Da bietet das Buch schon eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, den Umgang mit den Leichen, der Gedanke, dass es Menschen waren, das fand ich sehr gut beschrieben und es lädt zum Nachdenken ein.
Das Buch unterteilt sich in Kapitel. Abgetrennt mit einem Deckblatt findet man hier auch Fotos. Auch Fotos von verstorbenen Familienmitgliedern der Autorin und sie geht auch auf deren Sterben und dem Umgang damit ein. Sie berichtet auch sachlich über dieses Thema, aber auch immer wieder emotional und sie regt den Leser an darüber nachzudenken.
Aber auch medizinische Dinge, anatomische Details beschreibt sie. Ich denke, es ist gut ein wenig medizinisches Vorwissen zu haben, aber ich glaube, auch Laien, die Interesse an diesen medizinischen Dingen haben, können das Buch dennoch gut lesen.
Es geht in diesem Buch auch um die „Physiologie des Todes“. Wie läuft Sterben ab? Wie verwest der Körper. Für mich ist es ein wissenschaftliches Buch, es gibt für mich keine metaphysischen Details.
Sie berichtet auch von Todesfällen, auch gerade unbekannte Tote, wie wichtig es ist, für die Angehörigen, dass diese Gewissheit bekommen, was passiert ist. Im Anhang des Buches gibt es in Bezug dazu noch eine Beschreibung eines verstorbenen Mannes, wo auch um Hinweise gebeten wird mit einer genauen Beschreibung des Mannes. Hinten findet sich auch ein Register.
Sie beschreibt am Ende des Buches auch Gründe, warum sie dieses Buch geschrieben hat und führt hier auf, dass ihr Vater ein wunderbarer Geschichtenerzähler war- ich finde, die Autorin ist auch eine tolle Erzählerin. Mir hat das Sachbuch sehr gefallen. Es ist sehr interessant, informativ, macht nachdenklich und ist auch spannend und gefühlvoll erzählt.
Absolute Leseempfehlung für alle von uns, die sich genauer mit dem Thema Tod auseinandersetzen wollen, auf eine wissenschaftliche Art und Weise. Auch besonders für angehende Medizinstudenten sehr zu empfehlen.

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