Susanna Filbinger-Riggert

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Kein weißes Blatt

Kein weißes Blatt

 (2)
Erschienen am 01.05.2013

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Rezension zu "Kein weißes Blatt" von Susanna Filbinger-Riggert

Sehr lesenswert !
wandabluevor 5 Jahren

Die Autorin will nicht kneifen, wenn es um Aufarbeitung geht, wie es der Vater getan hat, keine unbeschriebenen, weissen Blätter zurücklassen. Denn im Hause Filbinger wurde zwar viel geredet, aber auch viel geschwiegen, besonders über Gefühle und über Einzelverantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus.

Als der Vater, Hans Filbinger, 1978, von seinem Amt als baden-würrtembergischer Ministerpräsident zurücktreten muss, weil sich herausstellte, dass er als Marinerichter im Nationalsozialismus mindestes ein oder mehrere (?) Todesurteile von Deserteuren, in deren Abwesenheit allerdings, gefällt (unterzeichnet) hatte, erschüttert es die Familie. Denn der Vater, als Fels in jeder Brandung wahrgenommen, stürzt von seinem Sockel. Der Vater begreift als Jurist bis zum Ende keine persönliche Schuld, hat er sich doch an geltendes Recht gehalten, sieht sein Karriereende als katastrophale Niederlage und als Ursache Rufmord. Er veröffentlicht 1987 ein Buch in dieser Causa: „Die geschmähte Generation.“

Als Tochter eines bekannten Politikers bietet das Leben im Licht der Öffentlichkeit manche Klippe, Privatheit muss errungen werden, Aussenseitertum ist vorprogrammiert, Identität muss geklärt werden, denn Susanna war und ist eine Vatertocher und ganz aus dem Schatten und Einfluß des Vaters herauszutreten ist der Tochter bis heute vielleicht nicht ganz gelungen, gelingt natürlicherweise nie, denn „Zukunft kommt von Herkunft“, sagt der Vater, mit anderen Worten, unsere Gegenwart und Zukunft ist von unserer Vergangenheit mit bestimmt.

Von dem Weg zu sich selbst, von dem Weg über das Ausland, London, wo Susanna in Investmentbankerkreisen verkehrt und arbeitet, Washington, wo sie sich profiliert und herausgefordert sieht angesichts dessen, dass sie im sogenannten beltway, im inneren Zirkel der Macht, mitarbeitet, wo Rüstungsgeschäfte angebahnt und verhandelt werden und alle Schlupflöcher genutzt, um an der Gesetzgebung der Bundesrepublik vorbeizuschlüpfen, die die militärische Unterstützung Taiwans gegen China zum Beispiel untersagte und von Wertekonflikten, mit denen sie sich auseinandersetzen muss, erzählt dieses gut geschriebene Buch, das sehr geschickt die verschiedenen Zeitebenen des Lebens der Autorin verbindet.

Und dann sind da ja noch die Tagebücher, die Susanna bei der Auflösung des elterlichen Hausstandes vorfindet, 60 Bände Filbinger, ganz privat.  Werden nun ihre brennenden Fragen nach dem Innersten des Vaters beantwortet?

Suanna Filbinger-Riggert hat eine überaus ansprechende Vater-Tochter Autobiografie geschrieben, die mancherlei Einblicke in ihr Leben und ihre Gefühlswelt offenbaren, sie schreibt kühl und doch dringlich und berührend, stellt die Zeit des Deutschen Herbstes noch einmal vor Augen, enthüllt Spannungen in der Familie und Konflikte, die in der Person Hans Filbingers selbst begründet sind, und stellt ihren Wertekatalog, der vor allem bisher durch Leistung, Macht und Geld, definiert wurde, neu auf. Auch die Spannung zwischen Öffentlichkeitsnutzung und Öffentlichkeits(ab)scheu sowohl in der politischen Aktivität des Vates als auch der Autorin tritt zu tage, eine Spannung, die nie ganz aufgelöst werden kann.

Es fehlt diesem Buch wenig. Vielleicht das dezidierte Bewusstsein trotz aller Problematiken ein privilegiertes Leben geführt haben zu dürfen, erst zum Schluß sparsam zum Ausdruck gebrachte Dankbarkeit gegenüber dem Elternhaus, dem Schicksal , gegenüber Gott (oder wem auch immer). 

Fazit: Im Genre Biografie/Autobiografie ein sehr erfreuliches Buch. Ich gebe eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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