Am Morgen des 29.4.1968 stand Dina Pronitschewa aus Kiew in Darmstand als Zeugin vor Gericht, im nach dem Hauptangeklagten genannten „Callsen-Prozess“. Sie war eine der wenigen Überlebenden des Massakers von Babyn Jar in der Ukraine Ende September 1941. Bei diesem Massaker wurden innerhalb von zwei Tagen mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder brutal ermordet.
Die damals 14-jährige Susanne Röckel stellt sich vor, dass sie am Weg zur Schule der Zeugin, die sie im Roman Vera nennt, begegnet sein könnte. Dass sie ihren Blick aus dem Auto aufgefangen hat, während sie auf dem Fahrrad saß. Diese Begegnung wäre zeitlich gesehen möglich gewesen.
Susanne Röckel stellt sich weiters vor, wie Vera überlebte, wie sie sich in die Grube fallen ließ, die voll von erschossenen Leichen war, wie sie sich daraus in der Nacht befreite und Angst hatte, erwischt zu werden.
Susanne Röckel setzt sich in ihren Gedanken auch damit auseinander, wie es für Vera gewesen sein muss, in Deutschland als dem Land der Täter, die dieses Massaker verursacht haben, einzureisen. Sie imaginiert, wie Vera durch die Passkontrolle geht, von einem hohen Beamten des Justizministeriums abgeholt und ins Hotel gebracht wird, dann dort die Nacht vor dem Prozess alleine verbringt. Und sie stellt sich vor, am nächsten Tag, am Weg zum Prozess, Susanne Röckel begegnet zu sein. Sie fragt sich, wie es für Vera in Deutschland war, wo doch bereits alle Spuren des Kriegs beseitigt worden waren, sich niemand mehr an den Krieg und die Verbrechen der Nazis erinnern wollte?
Vera ist ein Roman, der fiktive Gedanken ineinanderfließen lässt, so nach dem Motto: es wäre möglich gewesen, vielleicht war es auch so. In den Text fließen auch immer wieder kurze Auszüge aus dem Gerichtsprotokoll ein.
Ich fand diesen Versuch des Romans ausgesprochen gelungen, sprachlich großartig und inhaltlich äußerst anspruchsvoll.
Susanne Röckel

Lebenslauf
Alle Bücher von Susanne Röckel
Der Vogelgott
Vergessene Museen
Der Vogelgott
Vera
Rotula
Chinesisches Alphabet
Palladion
Aus dem Spiel
Zur Fragerunde mit...
Susanne Röckel ist spätestens seit Oktober 2018 den Lesern in ganz Deutschland bekannt. Mit ihrem Roman „Der Vogelgott“ schaffte sie es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018, der jedes Jahr im Rahmen der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Aber bereits ihre erste Erzählung, „Palladion“, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Für ihre Leser auf LovelyBooks hat sich Susanne Röckel Zeit genommen und Antworten auf die Fragen gegeben, die ihre Fans ihr gestellt haben. Das ganze Interview könnt ihr hier nachlesen.
Liebe Frau Röckel, wie funktioniert Ihre Recherche? Ist da zuerst eine Hintergrundrecherche und dann erst beginnen Sie zu schreiben? Oder kommen das Nachforschen und Überprüfen während des Schreibens? Oder anders gefragt: wächst die Idee mit dem Wissen oder das Wissen mit der Idee?
Eigentlich recherchiere ich gar nicht groß. Am Anfang steht die Idee, das heißt, ein Gedanke, eine Konstruktion oder eine Form, und dann, während des Schreibens, denke ich, da fehlt mir noch was, und dann lese ich ein bisschen rum (zum Beispiel, als ich das Märchen vom Vogel Greif schrieb, habe ich mich wieder etwas in die Grimmschen Märchen eingelesen), sonst nichts Besonderes. Allerdings habe ich die ganzen ornithologischen Details (im Prolog) mit einem Freund, der ein großer Vogelkenner ist, besprochen. Anders gesagt: Bei mir wächst das Wissen (nein, eigentlich kann man es gar nicht "Wissen" nennen, es ist weniger als das) mit der Idee, sie steht im Vordergrund, ihr gilt die Arbeit.
Welcher Autor hat Sie am meisten geprägt und eventuell sogar literarisch beeinflusst?
Einen einzigen Autor könnte ich gar nicht nennen - oder das ist je nach Phase unterschiedlich. Ich liebe viele Autoren und bin sicher, dass sie mich beeinflusst haben und immer noch beeinflussen - wie stark, kann ich nicht beurteilen. Als ich den Vogelgott schrieb, habe ich viel Lovecraft gelesen, und ich glaube, ich wollte auch ein bisschen von diesem Feeling, diesem kosmischen Grauen, das er immer wieder beschwört, in meinem Buch haben. Das war so eine Phase. Immer wieder kehre ich zu den Russen zurück, Tschechow, Gogol und Leskow, das sind meine Götter und meine großen Tröster in allen Lebenslagen. Aber auch Hebel und Keller und überhaupt viele deutsche Klassiker.
Womit könnte Ihnen ein Leser eine Freude machen, wenn er seine Eindrücke nach der Lektüre von „Der Vogelgott“ in einem Satz zusammenfassen sollte? Ist Glaube für Sie persönlich und für eine Gesellschaft wichtig?
Ich würde mich freuen, wenn ein Leser sagt, dass ihn das Buch beeindruckt hat, dass er eine Erkenntnis über sich selbst gewonnen hat. Die Auseinandersetzung mit Glauben und Religion ist für mich immer wichtig gewesen, allerdings würde ich nicht sagen, dass ich gläubig bin. Ob das gesellschaftlich relevant ist? Vielleicht ist es gesellschaftlich relevant, dass man sich von Prinzipien der Menschlichkeit und des Mitgefühls leiten lässt. Ob die von einem Gott kommen oder nicht, ist vielleicht nicht das Wichtigste.
Gibt es ein absolutes Lieblingsbuch, das Sie immer und immer wieder lesen könnten?
Immer wieder lesen könnte ich Gogols Erzählung „Der Mantel“.
Wie sind Sie auf so ein außergewöhnliches und düsteres Thema wie in „Der Vogelgott“ gekommen und wie sah die Umsetzung dazu aus? Wie lange haben Sie daran gearbeitet?
Ich bin auf mein Thema gekommen, weil ich mir immer wieder Gedanken machte über Gewalt und Krieg, die es in anderen Teilen der Welt gibt und die es bei uns vor nicht langer Zeit auch gab. Die Arbeit am Text dauerte, alles in allem, ca. anderthalb oder zwei Jahre.
Der Titel ihres Buches „Der Vogelgott“ ist auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich, jedoch ein Titel, der in Erinnerung bleibt. Wieso haben Sie sich dabei für die Zusammensetzung eines tierischen und eines menschlichen Charakters entschieden? Was für eine Bedeutung haben die Wörter „Vogel“ und „Gott“ für Sie?
Der Titel ergibt sich aus dem Inhalt des Buches. Ein sinistres und böses Wesen, das Menschen als Gott anbeten, bringt sie dazu, alle möglichen sinistren und bösen Taten zu begehen. Das Wesen ist eine Phantasie, ein Bild, eine menschliche Konstruktion, nichts Wirkliches.
Sie arbeiten als Übersetzerin mit anderen Autoren zusammen. Was reizt Sie an dieser Tätigkeit? Sie benutzen auch das Pseudonym Anne Spielmann. Grenzen Sie damit Ihre Übersetzungstätigkeit von Ihren eigenen Werken ab? Was hat Sie bewogen, ein Pseudonym zu benutzen?
Das Pseudonym benutze ich meistens deshalb, weil ich ein übersetztes Buch aus verschiedenen Gründen nicht in zu große Nähe mit mir selbst und mit meiner schriftstellerischen Arbeit bringen will.
Neue Rezensionen zu Susanne Röckel
Im Alter von 14 Jahren hatte die Autorin, gelinde gesagt, gewisse Probleme, die weit über das hinausgingen, was sie damals auch nur ansatzweise verstehen konnte.
"Jenes geisterhafte Teenager-Ich" trieb sie zu einer Verzweiflungstat, welche sie ebenfalls in ihrer Tragweite nicht gänzlich begreifen konnte. 50 Jahre später sieht sie die Dinge anders, denn da erfuhr sie die Geschichte einer anderen, für sie sehr bald maßgeblichen Person.
Sie gab ihr den Namen "Vera", welche aus guten Gründen 1968 in Darmstadt ihren Weg kreuzte. Ihre Gedanken, die um eine diffuse Dunkelheit kreisten, erzeugten damals abgründige Ahnungen. Sie glaubte, etwas zu spüren
"... von jenem Schrecken, der noch keine Form und keine Sprache hatte, aber mächtig genug war, um Beunruhigung auszulösen, Angst auszulösen, Schlaflosigkeit."
Jenes "Schattenwesen", das in sie "einfiel", wollte sie dazu überreden, "in der Nähe zu bleiben...", auch wenn es ihr völlig klar ist, dass die Geschichte ihrer pubertären Irrungen und Wirrungen im Vergleich zu Veras ungeheurem Schrecken gerade mal als eine unwesentliche Randnotiz gewertet werden kann.
Dina Pronitschewa, die sie Vera nennt, trat im Callsen-Prozess, 1968 in Darmstadt, als Zeugin auf. Sie überlebte unter unvorstellbar grausamen Umständen das Massaker von Babyn Jar in der Ukraine vor den Toren Kiews.
Susanne Röckel wagte das Experiment, nicht nur aus dem Protokoll ihrer Aussage zu zitieren, sondern jene Zitate mit ihrer eigenen und der nachempfundenen Geschichte der 1977 verstorbenen Überlebenden zu verweben. Ihre eigenen Vorstellungen stellt sie hierbei unzweifelhaft infrage, Veras allerdings nicht, auch wenn deren Befindlichkeiten "nur" in ihrer Vorstellung existieren.
"Sie weiß, dass sie nicht träumt."
Mit diesen scheinbar unvereinbaren Widersprüchen müssen sich Leserinnen und Leser auseinandersetzen. Aber Susanne Röckel geht noch viel weiter.
Wie muss es für Vera gewesen sein, in das Land der Mörder einzureisen? Allein die Passkontrolle am Flughafen Frankfurt und das Abholen durch einen Fahrer und einen Abgesandten des Gerichts, die sie in ein Frankfurter Hotel und am nächsten Tag nach Darmstadt begleiteten, muss eine Flut von Erinnerungen und Assoziationen ausgelöst haben.
Susanne Röckel ging das Wagnis ein, genau dieses nachzustellen. Einen Beweis für den kurzen Blickkontakt an jener Kreuzung in Darmstadt gibt es nicht, doch aus gutem Grund bleibt sie dabei.
"Ich rücke nicht davon ab. Ich will, dass es diesen Blick gegeben hat, der mich mit ihr verbindet, mein Leben im Nirgendwo mit ihrer Geschichte verknüpft..."
Eine vielleicht seltsam ungewohnte Mischung auf den ersten Blick, aber ein faszinierendes literarisches Experiment auf den zweiten. Deshalb hat die Autorin ständig auch den Sinn des Ganzen im Fokus und sie hinterfragt sich selbst, um Wege zu finden, die eine Begegnung, die niemals stattfand, zu rechtfertigen.
Immerhin hätte es ja wirklich sein können, sich an jener Kreuzung tatsächlich über den Weg gelaufen zu sein. Zumindest der Zeitrahmen passte und immerhin hat dieses imaginäre flüchtige Zusammentreffen eine ungeheure Wirkung entfacht.
Was bleibt, ist vielfältig und angesichts dieses literarischen Schwergewichts kaum oder nur vage zu beschreiben und in Worte zu fassen. Neben einer kaum fassbaren Betroffenheit steht gleichberechtigt die Bewunderung für eine derart kunstfertige Verschränkung der Ereignisse, der schonungslosen Auseinandersetzung mit sich selbst, deutscher Geschichte und die Erinnerung an eine Frau, die Unsägliches überlebte.
"Als ich die Luft spürte, bekam ich wieder Lust zum Leben."
Im Prinzip besteht dieser Roman aus vier Episoden, einleitend die Schilderungen des Vaters, eines Hobby-Ornithologen, der den Kontakt zum Vogelgott, einem nach Aas stinken Greif mit durchdringenden Augen, zu Papier bringt. Dies ist der Prolog. Dem folgen drei Episoden, die jedes einem der drei Kinder des Ornithologen widmet, die als eher jüngere Erwachsene in eher erfolglosen Lebensphasen stecken und jeder auf seine Art mit dem Vogelgott konfrontiert und psychische von dieser "Idee" vereinnahmt werden. Wobei vereinnahmt zu harmlos ist ... Der jüngste, Theo, lottert nach abgebrochenem Medizinstudium vor sich hin, bis er durch eine dubiose NGO in einem nicht näher bezeichneten afrikanischen Landstrich landet, wo er als Arzt einem Missionskrankenhaus tätig ist, wo der Kult um den Vogelgott beheimatet ist. Seine Schwerster Dora plant eine Promotion, in deren Mittelpunkt ein übermaltes Gemälde eines Malers steht, das sie ebenfalls in den Kult um den Vogelgott abdriften lässt, während ihre Ehe und ihre beruflichen Pläne dabei zerstört werden, und der älteste - ebenfalls gestrandet, aber in einer unglücklichen Ehe und frühen familiären Verpflichtungen, wird im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit damit konfrontiert.
Die knapp 270 Seiten sind erzählerisch sehr kompakt, auch deshalb weil die (in meiner Ausgabe) im Blocksatz formartierten Sätze kaum durch Absätze oder mal einer Leerzeile unterbrochen sind, die mir als Leser erlauben mal durchzuschaufen, man wird mit dem Lesefluss so durch die Ereignisse getrieben. Das unterstreicht natürlich einerseits die Sogwirkung, die die Protagonisten in ihrer Auseinandersetzung mit dem Vogelgott erleben, ist aber auch sehr anstrengend zu lesen, gerade, wenn an dem Inhalt nicht allzuviel abgewinnen kann. Ich persönlich zum Beispiel tue mir schwer, zu einem Urteil zu finden. Sprachlich hat es mir gut gefallen und viele Stellen habe ich auch interessiert gelesen, etwa den Prolog oder die Ereignisse rund um das Missionskrankenhaus. Dann fand ich es wiederum aber häufig auch einfach nur sehr anstrengend und langatmig. Sicherlich ist das ein anspruchsvolleres Buch und kein Mainstream, was tatsächlich schade ist, da die Idee spannend ist. Mir hätte es geholfen, wenn es einfach konkreter erzählt gewesen wäre.
Gespräche aus der Community

Wir freuen uns sehr, den Deutschen Buchpreis 2018 bei LovelyBooks begleiten zu dürfen! Nachdem wir die Leseproben der zwanzig Longlist-Titel diskutiert haben, stellen wir euch nun die sechs Titel der Shortlist vor.
Heute habt ihr die Gelegenheit, Susanne Röckel Fragen zu stellen und mit etwas Glück eins von zwei Exemplaren von "Der Vogelgott" zu gewinnen!
Stellt eure Fragen an die Autorin heute am 21.09.2018 über den blauen "Jetzt bewerben"-Button und landet damit automatisch im Lostopf für unsere Verlosung.
Unter allen Usern, die an mindestens 3 Aktionen zu den Shortlist-Autoren teilnehmen, verlosen wir außerdem ein signiertes Exemplar des Deutschen Buchpreis-Gewinners!
Da die Autoren der Shortlist aus zeitlichen Gründen nicht alle Fragen beantworten können, werden wir Susanne Röckel ausgewählte Fragen zukommen lassen und ihre Antworten nachreichen.
Mehr zum Buch
Hier hat eine große Erzählerin aus einer grimmigen Geschichte einen grandiosen Roman gemacht. Die Mitglieder einer wissenschaftlich orientierten Familie werden durch eine zufällige Entdeckung auf einem Kirchenbild in den schwer durchschaubaren Mythos eines Vogelgottes hineingezogen – mit einem Sog, dem sie so wenig widerstehen können wie der Leser dieser Geschichte. Spätestens als sich herausstellt, dass dieser Mythos eben nicht nur ein Mythos ist. Es ist eine sagenhafte, aber elende Gegend dieser Erde, wo die Verehrer des Vogelgotts leben, die ihm allerdings weniger ergeben als vielmehr ausgeliefert zu sein scheinen.
In diesem unwiderstehlichen Roman entpuppt sich eine geheime Welt als die unsere, in der die Natur ihre Freundschaft aufkündigt und wir ihrer Aggression und Düsternis gegenüberstehen.
Das ist nicht die übliche Jung und Jung Literatur, werden manche denken. Beim Lesen und vor allem Weiterlesen fragt man sich, warum man das Buch nicht aus der Hand legen kann, zumal hier nicht mit altertümlichen Spannungselementen gearbeitet wird.
>> Zur Leseprobe
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Zusätzliche Informationen
Susanne Röckel wurde am 14. Juli 1953 in Darmstadt (Deutschland) geboren.
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