Susanne Schädlich

 3.6 Sterne bei 32 Bewertungen
Autorin von Immer wieder Dezember, „Briefe ohne Unterschrift“ und weiteren Büchern.
Susanne Schädlich

Lebenslauf von Susanne Schädlich

Susanne Schädlich wurde 1965 in Jena geboren. Sie arbeitet als freie Autorin, Journalistin und Übersetzerin aus dem Amerikanischen und Spanischen. Nachdem sie elf Jahre in den USA gelebt hatte kehrte sie 1999 nach Berlin zurück.

Alle Bücher von Susanne Schädlich

Immer wieder Dezember

Immer wieder Dezember

 (21)
Erschienen am 07.09.2010
„Briefe ohne Unterschrift“

„Briefe ohne Unterschrift“

 (6)
Erschienen am 20.03.2017
Herr Hübner und die sibirische Nachtigall

Herr Hübner und die sibirische Nachtigall

 (2)
Erschienen am 01.09.2014
Westwärts, so weit es nur geht

Westwärts, so weit es nur geht

 (0)
Erschienen am 14.03.2011
Hightech Hack

Hightech Hack

 (0)
Erschienen am 01.11.2016
Nirgendwoher, irgendwohin

Nirgendwoher, irgendwohin

 (0)
Erschienen am 10.10.2007
Hightech Hack

Hightech Hack

 (0)
Erschienen am 01.11.2016

Neue Rezensionen zu Susanne Schädlich

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Rezension zu "„Briefe ohne Unterschrift“" von Susanne Schädlich

"Briefe ohne Unterschrift" von Suanne Schädlich
JayLaFleurvor 7 Monaten

Klappentext
"In London startete 1949 die BBC-Rundfunksendung „Briefe ohne Unterschrift“. Anonyme Zuschriften von DDR-Bürgern wurden darin verlesen, jeden Freitagabend, über 25 Jahre lang. Susanne Schädlich entdeckte diese einzigartigen Zeitdokumente und erzählt nun von den britischen Journalisten, die so lange der DDR die Stirn boten. Vor allem aber setzt sie den mutigen Absendern ein Denkmal, die ein hohes Risiko eingingen und der gnadenlosen Verfolgung durch die Stasi zum Opfer fielen."

Meinung
Ich bin 1993 geboren, also erst ein paar Jahre nach dem Mauerfall – ein historisches Ereignis, das ein geteiltes Deutschland wieder vereinte. Dennoch gibt es sehr viele Menschen, die die Mauer noch in ihren Köpfen haben. Ich finde diesen Umstand sehr traurig, aber es ist auch erschreckend, wie viel Feindlichkeit in manchen Worten steckt, wenn heute noch über West- oder Ostdeutschland gesprochen wird.
Umso wichtiger ist es daher, wenn es Menschen gibt wie Susanne Schädlich, Menschen, die aufklären, die die DDR und die Regierung nicht beschönigen. Menschen, die vergessene Zeitdokumente suchen und diese Briefe ohne Unterschriften im Rahmen eines Buchs veröffentlichen.

Extrem erschreckend war für mich zu lesen, wie die DDR bzw. die Stasi seine eigenen Bürger ausspioniert hat. Und bei ihnen war nicht Schluss mit der Spionage, es ging noch weiter: BBC-Journalisten wie Treharne Jones und Austin Harris wurden ebenso überwacht. Sie waren in den Augen der Stasi ein großer Störfaktor und ihre Radio-Sendung „Volkshetze“ oder „staatsfeindliche Hetze“. Jones und Harris – die beiden Mitbegründer der Sendung – wurden auf Schritt und Tritt beschattet, sobald sie in die DDR eingereist sind. Auszüge aus ihren eigenen Stasi-Akten bekommen wir in diesem Buch zu lesen.

Die ersten Briefe der DDR-Bürger, die Susanne Schädlich ins Buch gebracht hat, waren sehr ergreifend und emotional. Die Worte in den Briefen strahlen Wut aus, auf die Regierung, die Spionage. Aber sie tragen auch Hoffnung in sich, Hoffnung auf ein besseres Leben, auf ein vereintes Deutschland.

Die größten Mankos an diesem Buch sind zum einen der Schreib- und Erzählstil, zum anderen habe ich während der kompletten 280 Seiten das Gefühl nicht verloren, die Autorin wolle einen Krimi oder Thriller aus dem Buch machen. Das und der diffuse Schreibstil hat eine gewisse Hektik mit sich gebracht. Durch die permanent benutzte indirekte Rede wurde mein Lesefluss stark beeinträchtigt, wirklich genießen konnte ich das Buch leider nicht, gefühlt musste alles sehr schnell gehen. Es wirkte gehetzt.

Fazit
Nach diesem Buch bin ich sehr froh darüber, dass ich in einer Zeit der Meinungsfreiheit groß geworden bin. Teilweise ist die DDR für mich noch unvorstellbar. Dennoch kann ich „Briefe ohne Unterschrift“ leider nicht zu hundert Prozent empfehlen. Die Hektik und der Schreibstil haben mich immens gestört. Daher bekommt das Buch zweieinhalb von fünf Sternen.


Weitere Informationen
Genre: Reportage, Roman
Verlag: Knaus
ISBN: 978-3-8135-0749-2
Preis: 19,99€
288 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
deutsche Erstausgabe: 20. März 2017

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Rezension zu "„Briefe ohne Unterschrift“" von Susanne Schädlich

Anonyme Angst
SATZZEICHENvor einem Jahr

Als junges Mädchen besuchten wir öfters meinen Patenonkel in Coburg und machten mit ihm Ausflüge. Manche dieser Ausflüge gingen an die nahe Grenze zur DDR. Einmal spazierten wir dort herum, sahen auf der anderen Seite der Mauer jemanden in einem Haus hinter dem Fenster die Gardinen zur Seite schieben. Die Person winkte uns. Ich winkte eifrig zurück, dabei fiel mir mein Lieblingskuschelhase, den ich gerne bei mir trug, auf den Boden. Als ich ihn aufheben wollte, blickte ich wieder in Richtung Grenze. Die Person hinter dem Fenster war verschwunden, jemanden patrouillierte an der Mauer. Ich erinnere mich lebhaft an die Panik, die in mir aufbrauste, weil ich für kurze Zeit die irrationale Angst hatte, dieser Jemand würde mir nun meinen Hasen wegnehmen.

Banal – und trotzdem eine meiner wenigen konkreten, direkten Erfahrungen mit der DDR. Ich habe sie nie von „innen“ gesehen, als es sie noch gab, erst nach dem Mauerfall verschlug es mich einmal für eine Woche zu einer Gastfamilie nach Apolda – und es war schrecklich! Mein „Austauschmädchen“ und ich hatten uns so wenig zu sagen, dass es absurder hätte nicht sein können. Als wir uns in der peinlichen Stille der unendlich langen Woche wieder mal ein paar Sätze abrangen, berichtete sie mir von diesem Kinofilm, der so ätz-langweilig gewesen sei, dass sie mittendrin hatte rausgehen müssen. Sie sprach von meinem Lieblingsfilm: „Der Club der toten Dichter“. Spätestens da war Schicht im Schacht bei uns. Danach hatte ich für viele Jahre kaum noch Berührungspunkte mit Ostdeutschland.

Und irgendwann war dann alles plötzlich gut durchgemischt. Beim Studium hatte man Kommilitonen aus den neuen Bundesländern, Freunde studierten oder arbeiteten im Osten, Ossis und Wessis verliebten sich. Um mich herum gab es nur noch Deutsche – irgendwann schlummerte auch der Wettkampf zwischen Ost- und Westprodukten ein, man sprach nicht mehr von Ossis und Wessis. Für mich ist es tatsächlich auf eine sehr unspektakuläre Art normal, dass es mittlerweile nur noch ein Deutschland gibt. Und doch weiß ich auch noch genau, wie mein Opa früher oft sinniert hat, dass er das wohl nicht mehr miterleben würde, dass die Mauer fällt. (Hat er doch – 1989. Und er hat vor Freude geweint.)

Umso mehr hat mich der Titel „Briefe ohne Unterschrift – Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte“ aufhorchen lassen und angesprochen. Es gab eine BBC-Sendung, die man – illegalerweise – im Osten anhören konnte und die Leserbriefe vorlas, kommentierte und einander gegenüberstellte, so dass es zu einer Art indirekten brieflichen Diskussion kam? – Ich hatte keine Ahnung! Susanne Schädlich hat Recherchearbeit, wahre Sisyphusarbeit, betrieben und dieses – offensichtlich nicht nur von mir – vergessene (vielleicht sogar nie bekannte) Stück Zeitgeschichte wieder ausgegraben. Bei den Nachforschungen im Rahmen der literarischen Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte stößt sie auf eine kurze Passage zu der BBC-Sendung und wird neugierig. Schädlich ist selbst Betroffene des DDR-Regimes: Ihr Onkel, Karlheinz Schädlich, bespitzelte als Informeller Mitarbeiter (IM) der Stasi über viele Jahre lang die eigene Familie. Darüber hat sie in „Immer wieder Dezember“ geschrieben.

Doch das Radiothema lässt sie nicht los. In Reading, einer kleineren Stadt nicht weit von London, ackert sie sich durch 233 Ordner, sucht besonders interessante Dokumente heraus und stellt sie in den historischen Kontext. Die Original-Briefe werden kursiv gesetzt, die Aktenauszüge der Stasimitarbeiter in der typischen Schreibmaschinenschrift. So wird schon gestalterisch klar, welche Quelle gerade „spricht“.

Austin Harrison, der Moderator der Sendung, ist viel mehr als nur der Sprecher. Er recherchiert, reist nach Ostdeutschland, macht sich sein eigenes Bild von der Lage. Und vor allem: Austin Harrison spricht Deutsch. Um die sprachlichen Nuancen zu verstehen, versucht er immer am Puls der Zeit der Umgangssprache zu bleiben. Auch Deutsche sind Mitarbeiter beim BBC, sie helfen dem Team „Briefe ohne Unterschrift“ bei der sprachlichen Erfassung. Günter Burkhart ist einer von ihnen und Susanne Schädlich macht ihn ausfindig, spricht mit ihm.

Treharne Jones und Peter B. Johnson sind weitere BBC-Schlüsselgestalten, durch die Schädlichs Informationen abgerundet werden. Mit Jones führt sie ebenfalls Gespräche, Johnson hat einige Bücher geschrieben. Wichtigster Insider ist jedoch Karl-Heinz Borchardt. Als Schüler schrieb er anonyme Briefe an Austin Harrison und dessen Sendung und die Stasispitzel leisteten ganze Arbeit: Sie deckten seine Identität auf, spürten den gerade 18 Jahre alt gewordenen Kerl auf und steckten ihn ins Gefängnis. All seine Lebenserfahrungen fließen in Schädlichs Dokumentation ein.

Von 1949 bis 1974 stellte „Briefe ohne Unterschrift“ für viele ostdeutsche Bürger ein Ventil dar, unter großer Angst ihrem Kummer, Frust und ihren Sorgen Luft zu machen. Fragen wurden gestellt, die von Harrison manchmal beantwortet, immer aber kommentiert wurden, so dass manch einer der Zuhörer durch die Sendung ein umfassenderes Bild davon bekommen konnte, wie die Welt auf die DDR blickte, was sie in ihr sah.

Im Juli 1974 nimmt der BBC ohne Nennung von Gründen die Sendung aus dem Programm.

Im Januar 1975 meldet sich Austin Harrison noch einmal zur gewohnten Sendezeit und richtet das Wort an seine ehemaligen Hörer. Er versucht, zu erklären, weshalb die Sendung nach 25 Jahren eingestellt wurde. Doch seine Erläuterungen wirken merkwürdig blass. Fragen bleiben ungelöst. Es wird nie endgültig geklärt werden, was die wirklichen Auslöser waren: War die Sendung mit ihrem Format altmodisch geworden? Wie viel Anteil am Ende hatte die Tatsache, dass Harrison krank wurde? Hatte doch die SED die Fortsetzung der Sendung unterbunden?

Mit ihrem Buch ist Susanne Schädlich ein Zeitdokument gelungen, das Eingang in den Schulunterricht finden sollte. Zu wenige wissen heute noch, dass DDR nicht nur bedeutete, nicht reisen zu können, nicht Zugang zu allen Medien und Lebensmitteln zu haben, sondern dass es vor allem bedeutete, dass Menschen unterdrückt wurden, die Meinungsfreiheit nicht mehr existierte, vielerorts eine Atmosphäre der Angst herrschte.

Bei aller Verklärung der Vergangenheit sollte dies nie in Vergessenheit geraten. Mit ihrem Buch hat Schädlich ihren Beitrag dazu geleistet.

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pardens avatar

Rezension zu "Immer wieder Dezember" von Susanne Schädlich

Zwischen Ost und West: Der Versuch einer Neuorientierung...
pardenvor einem Jahr

ZWISCHEN OST UND WEST: DER VERSUCH EINER NEUORIENTIERUNG...

Alles sollte anders werden, als Susanne Schädlich im Dezember 1977 die DDR verließ, da ihr Vater, der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, dort schon lange nicht mehr ungehindert publizieren konnte. Doch die neue Heimat war fremder als gedacht, und der lange Arm der Stasi verfolgte die Familie bis in den Westen. Dreißig Jahre später stößt Susanne Schädlich in den Akten auf eine schlimme Wahrheit und erkennt: Geschichte vergeht nicht, sie holt einen immer wieder ein. Susanne Schädlich erzählt, wie es ist, in zwei Systemen groß zu werden und dennoch nicht dazuzugehören, von einer Generation zwischen Ost und West, die ihren Platz sucht. Und von der Erfahrung eines unglaublichen Verrats: war es doch der eigene Onkel, der im Auftrag der Stasi versuchte, ihre Familie zu zersetzen.

Susanne Schädlich gehört demselben Geburtsjahrgang an wie ich - und doch gibt es vieles, was uns unterscheidet. Sie ist im Osten Deutschlands aufgewachsen zu einer Zeit, als die Mauer noch stand, als das Pionierhalstuch zur festen Kleiderordnung der Schülerinnen gehörte und die Schlangen beim Einkaufen das Alltagsbild prägten. Ich nicht. Die Autorin kannte als Kind keine Jeans und coolen Turnschuhe, auch nicht die im Westen allgegenwärtigen Stars, die Bands und die Fernsehserien - und mir fällt es schwer, mir eine Kindheit in solch eng gesetzten staatlichen und gesellschaftlichen Grenzen vorzustellen und kann deshalb nur darüber lesen.

Susanne Schädlich ist das Kind zweier ehemaliger DDR-Bürger, die dem Regime nicht unkritisch gegenüberstanden. Spätestens seit der Vater, der Autor Hans Joachim Schädlich, eine Protestresolution gegen die Ausweisung Biermanns unterschrieben hatte, stand die Familie unter der strengen Beobachtung der Stasi und war zunehmend Anfeindungen ausgesetzt, die immer offener und kritischer wurden. Susanne Schädlichs Vater bemühte sich vergeblich, seine Werke in der DDR zu veröffentlichen, und auch sein Posten als Übersetzer wurde gestrichen. Nachdem er sein Manuskript von 'Versuchte Nähe' in den Westen schmuggeln konnte, wo es schließich im Rowohlt Verlag erschien, musste der Vater mit ernsten Repressalien rechnen - 'staatsfeindliche Hetze' konnte mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werde. Einer Verhaftung entging der Vater zwar, da seine Kontakte u.a. mit Günter Grass und der dadurch bedingte Bekanntheitsgrad wohl Schlimmeres verhinderten, doch schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als für sich und seine Familie einen Ausreiseantrag zu stellen. Der wurde 1977 genehmigt.


"Der Ausreiseantrag war eine Folge der Existenzentziehung, eine logische Konsequenz, damit die Familie weiterleben konnte. Man hatte keine Wahl, höchstens die Wahl des Zeitpunktes."


Doch der Wechsel in den Westen geriet zum Kulturschock. Obwohl dieselbe Sprache gesprochen wurde, gelangte die Familie in eine vollkommen andere Welt. Die Neuorientierung fiel nicht leicht, nach vielem sehnte man sich zurück, das Gefühl von einem Zuhause wollte sich einfach nicht einstellen. Der Bruder des Vaters, der Onkel von Susanne Schädlich, blieb das Bindeglied zwischen den Welten, hatte stets ein offenes Ohr, bemühte sich um Treffen, tröstete, sprach Mut zu. Jeder in der Familie wandte sich an diesen Onkel, der so hilfsbereit Halt bot. Doch nach dem Mauerfall kam das böse Erwachen, als die Familie Einsicht in die Stasi-Akten verlangte: gerade dieser Onkel war die übelste Laus im Pelz - ausspioniert hat er die Familie über Jahre hinweg als inoffizieller aber freiwilliger Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit. Der Verrat des Vertrauens, so viele Fragen. Und der Onkel beließ es nicht dabei, die Familie aus der DDR zu vertreiben, sondern setzte auch später noch alles daran, die Familie zu zersetzen, was ihm schließlich auch gelang. Der Vater wurde depressiv, begab sich mehrfach in Behandlung und trennte sich schließlich von seiner Familie - die Lebenswege trafen sich nicht mehr.


"Ich fühlte mich als Halbmensch. Die eine Hälfte war in der DDR, die andere in der Bundesrepublik. Darüber redete ich nicht. Niemand redete darüber. Es war ein Kampf gegen die Sehnsucht nach dem vertrauten Leben, nach dem Einfach-mal-rum-Kommen, nach dem Klingeln nur so an der Tür, nach dem Blick in den Kühlschrank, ob man aus Resten noch ein Essen kochen konnte, nach unangemeldeten Besuchen..."


Entwurzelung und enttäuschtes Vertrauen - eine Erschütterung in den Grundfesten. Und Antworten blieben oft aus. Susanne Schädlich bemüht sich in der Aufarbeitung des Gewesenen um einen sehr distanzierten Schreibstil, der mich anfangs eher gestört hat, der letztlich aber nachvollziehbar war. Eigene Erinnerungen bilden die Grundlage des Erzählten, der Geschichte vor und nach der Aussiedlung der Familie aus der DDR. Aber auch die Erinnerungen von anderen fließen hier ein, da Susanne Schädlich ihnen Fragen zu einzelnen Geschehnissen gestellt hat: den Eltern, den Geschwistern, den Freunden der Eltern. Und letztlich werden hier immer wieder auch Ausschnitte der Stasi-Akten zitiert, die den Verrat noch untermauern und den Grad der Entwurzelung noch greifbarer werden lassen.


"Es gibt Tage, an denen es leichter fällt, sich mit all diesen Dingen zu beschäftigen. Die Verfassung wechselt, je nachdem, inwieweit ich mich als Chronistin fühle oder inwieweit als Beteiligte. Beteiligt war ich, sollte es jetzt nicht sein, wenn ich schreibe, ich sollte abstrahieren, darüberstehen, kühl und sachlich. Das gelingt nicht immer."


Susanne Schädlich sah dieses Buch nie als den Versuch einer Abrechnung oder einer Richtigstellung. Ihr ging es um eine Art Standortbeschreibung, um die Annäherung an die Frage, wo sie selbst eigentlich hingehört, was das alles mit ihr, mit ihrer Familie gemacht hat. Dabei war es nicht immer leicht, sich auf die Erinnerungen einzlassen - zuweilen machte sie der Prozess müde und mürbe. Und doch war ihr klar, dass diese Arbeit wichtig ist, nicht nur für sie selbst - unter diese Vergangenheit darf nicht einfach stillschweigend der Schlussstrich gezogen werden. Und gleichzeitig war es für sie selbst wichtig, nicht endlos in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben, damit ein Voran überhaupt möglich war.


"Ich blättere in den Akten (...) Es ist die Reduzierung der Personen auf die Sache, die mir zu schaffen macht. Als sei es nie um Schicksale gegangen, sondern um Dinge (...) Wenn das Fremde lesen, Jüngere, Unwissende, oder auch solche, die es nicht anders sehen wollen, hat es fast nichts Erschreckendes. Kein Wunder also, dass es immer wieder heißt, war doch alles halb so schlimm, den Leuten ging es gut, die DDR war doch eher eine 'kommode Diktatur', in der man sich einrichten konnte. Diejenigen aber, die das Wort in die Tat zurückübersetzen können, denen sitzt der Schrecken nochmals in den Gliedern."


Susanne Schädlich wehrt sich gegen ein weichgezeichnetes Bild der DDR, gegen die Unterschlagung der zerstörten Leben und der Repressionen, von  denen auch Nichtbetroffene wussten, dass es sie gab. Sie positioniert sich ganz klar: 'Die DDR war eine Diktatur, und Diktaturen sind per se unmenschlich, sind Unrechtsstaaten.' Auch wenn als verharmlosender Vergleich gerne die deutsche Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 herangezogen wird mit der Kriegstreiberei und dem Holocaust der Nationalsozialisten, wehrt sich die Autorin gegen solch zweierlei Maß. Hierzu zitiert sie Hubertus Knabe: 'Beim Umgang mit den Diktaturen verläuft die Grenzlinie nicht zwischen schlimmen und ganz schlimmen Regimen, sondern zwischen Diktatur und Demokratie.'

Kein einfaches Buch, das Susanne Schädlich hier präsentiert - aber das hat sie auch nie behauptet. Schließlich war ihr Lebensweg durch die gezeichneten Umstände auch kein einfacher. Die Aufarbeitung iherer ganz persönlichen Vergangenheit gerät zur Aufarbeitung eines Stückes deutscher Geschichte, für das wir beginnen blind zu werden. Um dies zu verhindern, gebührt derlei Büchern großes Augenmerk. Bleibt noch, der Autorin zu wünschen, ihren Platz im Leben zu finden und wirklich anzukommen.

Von mir gibt es hier ein klare Leseempfehlung.


© Parden

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