Rezension zu "Philippe V, roi d'Espagne: Petit-fils de Louis XIV" von Suzanne Varga
Andreas_OberenderDie spanischen Könige aus dem Hause Bourbon sind außerhalb Spaniens kaum bekannt. Biographien dieser Herrscher aus der Feder nichtspanischer Autoren muss man mit der Lupe suchen. Eine Ausnahme bildet Philipp V. (1683-1746), der erste Bourbone auf dem spanischen Thron. Das dreihundertjährige Jubiläum des Dynastiewechsels von 1700/01 fand seinen Niederschlag in zahlreichen Veröffentlichungen über Philipp V. sowohl in Spanien als auch in anderen europäischen Ländern. Im Jahr 2001 erschien die Biographie des britischen Historikers Henry Kamen, und zehn Jahre später folgte das Buch der französischen Historikerin Suzanne Varga. Selbst Fachleute dürften spontan wenig Konkretes über Philipp V. zu sagen wissen, dabei regierte der König länger als jeder andere spanische Monarch vor und nach ihm. Philipp V. war ein Enkel Ludwigs XIV. von Frankreich. Er wuchs am Hof von Versailles auf. Sein Vater war der Dauphin Ludwig, der einzige Sohn des Sonnenkönigs. Nichts deutete darauf hin, dass Philipp, der zweitgeborene Sohn des Dauphins, eines Tages eine Krone tragen würde. Doch gegen Ende des Jahres 1700 nahm das Schicksal des erst siebzehnjährigen Herzogs von Anjou eine spektakuläre Wendung. Karl II. (1661-1700), der letzte spanische Habsburger, besaß keine Kinder. Er überging die Erbansprüche seiner österreichischen Verwandten und setzte in seinem Testament den Enkel des Sonnenkönigs als Alleinerben ein. Da sich Kaiser Leopold I. mit dieser Erbregelung nicht abfinden wollte und Ludwig XIV. durch folgenschwere Fehler Großbritannien und die Niederlande provozierte, kam es zum Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1713/14). Gekämpft wurde an mehreren Fronten, in Flandern, Deutschland, Norditalien und Spanien. Zeitweise geriet Philipp V. in ernste Bedrängnis; mehrfach drohte ihm der Verlust von Krone und Reich. Doch am Ende obsiegte Philipp im Bündnis mit seinem Großvater über die Allianz der Gegner. Die spanische Monarchie verlor zwar einige Gebiete, aber das Haus Bourbon sicherte sich dauerhaft den spanischen Thron.
Suzanne Vargas Biographie ist misslungen. Der stattliche Umfang des Buches – der Text umfasst nicht weniger als 513 Seiten – steht in grellem Gegensatz zur dürftigen inhaltlichen Substanz. Philipp V. ist als Persönlichkeit schwer zu erfassen. Selbstzeugnisse sind nicht vorhanden. Während des Spanischen Erbfolgekrieges führte der junge König einen regen Briefwechsel mit seinem Großvater und seinem älteren Bruder. Doch von dieser Korrespondenz sind nur die Briefe Ludwigs XIV. und des Herzogs von Burgund erhalten geblieben. Varga zieht keine Memoiren oder Tagebücher heran. Anders als in Versailles scheint es am spanischen Hof und in Madrid keine prominenten Tagebuch- und Memoirenschreiber gegeben zu haben. Systematische Archivrecherchen hat Varga nicht betrieben. Über Philipps Leben bis Ende 1700 lässt sich mangels Quellen nur wenig berichten, und dennoch erreicht der junge König Madrid erst auf Seite 162. Varga neigt zu ungeheuerlicher Weitschweifigkeit und barockem Wortschwulst. Sie malt den historischen Hintergrund unnötig breit aus, verliert sich immer wieder in Exkursen und Abschweifungen. Der Verlag hätte das Manuskript energisch kürzen und straffen müssen. Manche Kapitel sind auf der Ebene der reinen Faktenvermittlung so unergiebig, dass sie komplett hätten gestrichen werden können. Varga interessiert sich kaum für Politik und noch weniger für die Kriegsführung. Über den Spanischen Erbfolgekrieg teilt sie nur das Allernötigste mit; die Reformen Philipps V. in den Bereichen Verwaltung, Justiz und Militärwesen handelt sie mit wenigen Zeilen ab. Kein einziges Wort verliert sie über die Verhältnisse im amerikanischen Kolonialreich. Es wird überhaupt nicht deutlich, welchen Beitrag der König und seine Minister zur Gesundung Spaniens nach dem jahrzehntelangen Niedergang unter den letzten Habsburgern leisteten. Varga interessiert sich in erster Linie für Philipps mentale Probleme und sein obsessives Verhältnis zu seinen beiden Gemahlinnen, Marie Luise von Savoyen (1688-1714) und Elisabeth Farnese (1692-1766). Mehrfach verfiel Philipp für längere Zeit in Apathie, Melancholie und depressive Niedergeschlagenheit. Die Ursachen seiner psychischen Beschwerden sind bis heute unklar. Philipps Beziehungen zu seinen beiden Gemahlinnen trugen Züge emotionaler Abhängigkeit. Ohne den permanenten Beistand seiner Ehefrauen war der König kaum arbeitsfähig.
Die enge Fokussierung auf Philipps psychische Probleme und Eheleben macht die Biographie für die Verwendung im Rahmen wissenschaftlicher Arbeit unbrauchbar. Das Buch wird den Ansprüchen, die die Biographie eines frühneuzeitlichen Monarchen erfüllen sollte, nicht gerecht.

