Kein Bereich in der Medizin hat so einen großen Wandel durchgemacht wie die Fachrichtung Psychologie. Wenn man sich die Verhältnisse von vor 100 Jahren anschaut, in denen Patienten oft ein Dasein fristeten, welches mehr dem von eingesperrten Tieren glich, als dem von menschlichen Wesen, so kann man nur froh sein, dass diese Zeiten vorbei sind. In „Gespensterfische“ hat die Autorin die Entwicklung psychiatrischer Einrichtungen und Behandlungsmethoden in Deutschland, sowie die gesellschaftliche Sicht darauf in einen fragmentarischen Roman eingebettet. Dabei wirft sie einen geschärften Blick auf Schicksale von Patienten, und die daraus resultierenden Reaktionen von pflegenden, behandelnden und angehörigen Personen, die je nach Jahrzehnt unterschiedlich ausfallen.
Im Zentrum steht die Lübecker Jannsen Klinik. Von den 1920er Jahren bis hinein in unsere 20er des neuen Jahrtausends begegnen wir dort immer gleichen Personen in wechselnden Lebensphasen. Eine über das ganze Buch sehr präsenter Figur ist Laura Schmidt, die selber Patientin dort war und intensiveren Kontakt zu einer anderen Erkrankten geknüpft hat. Das wiederum gewährt ihr Zugang zu Olga Rehfeld, die sich in einer nahezu lebenslangen Beziehung zum Klinikum auf ganz besondere Art literarisch damit auseinandersetzt. Laura möchte diese Texte bewahren und wählt eine gestalterische Form der Dokumentation und Verbreitung. Es tauchen weitere Figuren auf, die oft in direkter Linie zueinander stehen oder als Angehörige Querverbindungen herstellen.
Kutschkes intelligenter Roman gibt Fakten, der Historie wieder, und verwebt, diese
geschickt zu einem Bilderbogen, der nicht nur Schicksale einzelner Menschen wiedergibt, sondern im Subtext die Geschichte unseres Landes, mit der gesellschaftlichen Sicht auf seelische und geistige Krankheiten transportiert. Die Veränderungen gehen oft mit der Haltung und ideologischen Strömungen der Bevölkerung einher. Das schlägt sich besonders in der Zeit des Nationalsozialismus und der Weimarer Republik nieder. Und häufig ist es so, dass Aktion und Reaktion nicht trennscharf sind und man sich fragt, welcher gesellschaftliche Wandel bedingt psychische Erkrankungen.
Das Buch hat einen hohen Anspruch an uns, Leser*innen. Es erzählt, fragmentarisch und nicht chronologisch. Wir springen in den Zeiten zwischen Ereignissen und Personen hin und her. Der reflektive Blick einiger Protagonisten auf sich selbst oder Ereignisse, die mit anderen zu tun haben erfordern große Aufmerksamkeit, sind aber immer schlüssig und gut verständlich geschrieben. Mir ist es trotzdem des Öfteren schwer gefallen, die Protagonisten mit schon Erzähltem in Verbindung zu bringen. Wer mit wem enger verbunden ist oder was mit welcher Person zusammenhing war mir nicht immer sofort präsent, und so musste ich manchmal zurückblättern und nachschauen, um mir schon Gelesenes in Erinnerung zu rufen. Deshalb habe ich für diesen Roman sehr lange gebraucht.
Ich hatte beim Lesen schon das Gefühl, mir den Text nach und nach erarbeiten zu müssen. Am Ende hat sich das aber gelohnt, denn ich habe einen besonderen Weg entdeckt, mich mit der Thematik auseinander zu setzen. Und als Bonus bekomme ich die Message welch heilende Kraft Literatur hat.
Eine literarische Empfehlung für alle, die ein besonderes Interesse an Psychologie haben, und nicht davor scheuen Zeit und Konzentration in einen anspruchsvollen Text zu investieren.