Svenja Leiber Das letzte Land

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Inhaltsangabe zu „Das letzte Land“ von Svenja Leiber

Anfang des 20. Jahrhunderts in Norddeutschland. Ruven Preuk, jüngster Sohn des Stellmachers, verfügt schon als Kind über eine außerordentliche musikalische Begabung: Er sieht Töne, und auf seiner Geige spielt er sonderbare Melodien. Das bringt ihm auf dem Dorf nicht nur Bewunderung ein. Schließlich erkennt auch der alte Preuk, dass mit seinem Sohn nichts anzufangen ist. Verzweifelt versucht er, ihm die Töne aus dem Leib zu prügeln. Dann lässt er ihn ziehen.
In der Stadt lernt Ruven beim Juden Goldbaum, in dessen Enkelin Rahel er sich ebenso verliebt wie in den Glauben an eine strahlende Karriere. Kunst bedeutet Freiheit und Anerkennung, aber die Nazis legen schon die Gewehre an. Als sein Durchbruch unmittelbar bevorsteht, reißt der Zweite Weltkrieg Deutschland in den Abgrund. Und Ruven muss erneut seinen Weg finden, am Ende aller Melodien.
Mit Das letzte Land legt Svenja Leiber einen kapitalen Bildungsroman vor: Während um ihn herum ein ganzes Land in sich zusammenfällt, folgt ein außergewöhnlicher Musiker gegen alle Widerstände seiner Begabung.

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  • Die Farben der Musik

    Das letzte Land

    Wortwelten

    Es ist fast alles nach innen verlegt, was man nicht leben kann oder darf. (S. 291) Von Talent erwartet man nicht, dass es in einem einfachen Bauernjungen schlummert, irgendwo im Norden Deutschlands zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch Ruven Preuk besitzt Talent. Er sieht Töne in Farbe und muss eine Geige nur berühren, damit sie ihre Geschichte erzählt. Und weil auch der Vater nichts dagegen unternehmen kann, erhält Ruven bereits in jungen Jahren Unterricht, erst im Dorf, dann in der Stadt, bei dem jüdischen Musiker Goldbaum, dessen Enkelin in Ruven eine Liebe hervorruft, die ebenso unsterblich wird wie die Musik, die er spielt. So viel Talent wird seinen Weg finden, denkt man, doch das Leben schlägt gern Haken und die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist keine gradlinige. Eine Karriere als Musiker lässt sich nicht nebenbei gewinnen, schon gar nicht, wenn man arm ist. Immer wieder muss Ruven kämpfen, immer wieder fällt er zurück, und zwischen all den Schicksalsschlägen das im Herzen zu behalten, das man braucht, damit die eigene Musik lebt, erweist sich manchmal als nahezu unmöglich. Ja, du hast Ohren, denkt Ruven, du hast schöne und gute Ohren. Und er geht noch einmal um den Teich mit den Schwänen und nimmt innerlich Abschied von Rahel, oder versucht es wenigstens: Das wird nun leider nichts, denkt er. Nicht in diesem Jahr und auch nicht im nächsten oder übernächsten. Man muss wissen, was man wollen kann und was nicht. (S. 87f.) Svenja Leiber erzählt Ruvens Lebensgeschichte und die seiner Zeit wie nebenbei, in einer Sprache, die zu den dörflichen Lebensbedingungen passt. Ihre Töne sind dabei wunderbar leise und zart mit einer unaufdringlichen Weisheit, die auch ihre einfachsten Figuren verströmen, oder gerade sie, weil sie so nah am Leben und so nah am Tod ihren Alltag eingerichtet haben. Ebenso vielseitig entwickelt sich auch das Stimmungsspektrum des Romans, changiert zwischen warm und behaglich und wunderschön bis zu traurig und düster und bitter beklemmend. Mit präzisem Blick für die Feinheiten zwischenmenschlicher Beziehungen, für die Sehnsucht nach Glück und die Unmöglichkeit, es zu leben, für die Unfassbarkeiten des menschlichen Charakters fesselt die Autorin den Leser mit einer unaufgeregten Erzählweise und einer subtilen Spannung, die aus dem Protagonisten selbst und den Figuren, die ihn umgeben, entsteht. Vierundsechzig Jahre Lebens- und Zeitgeschichte fließen an einem vorüber, von 1911 bis 1975, mal im Zeitraffer, dann wieder langsam, gedehnt, und gerade in den unaufdringlichen, vorsichtigen Sätzen geschieht besonders viel. Wisst ihr, es hat sich alles sehr verändert. Ich brauch vielleicht schon keine Geigen mehr. […] Aber eine Sache lässt mich einfach nicht los, nämlich, was ist mit dem Geiger? Was ist, wenn er vor lauter Musik vergessen hat zu lieben? Einen Mann, der Berühmtheit erlangt hat, verzeiht man so was. Man sagt, er musste sich ganz seiner Sache widmen. Aber wenn einer nichts Großes wird. Was war dann sein Leben? (S. 285) An manchen Stellen, besonders im letzten Drittel des Romans, verliert sich die Handlung ein wenig, scheint die Dramatik ein bisschen zu konstruiert, wirklich stören tut das allerdings nicht. Ruven kämpft und stolpert und fällt und gleitet durch sein Leben, und manchmal ist er schwer zu verstehen, so sehr ist er vergraben in seiner eigenen Art und Weise, sein Dasein zu empfinden, und so wenig bemerkt er manchmal, dass niemand für sich allein lebt, dass am Ende zählt, was das eigene Leben für andere bewirkt. Doch so traurig und schön, wie seine Geschichte erzählt wird, kann nur eine Geschichte über die Musik erzählt werden, mit Figuren, für die wenige Worte reichen, um sie lebendig werden zu lassen, und in einer Sprache, die sich warm und sicher um den Inhalt schmiegt. Trotz kleinerer etwas stolperhafter Abschnitte passt an diesem Roman alles zueinander, und zwar so sehr, dass man das Buch am Ende nur widerwillig aus der Hand legt.

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    • 6

    Wortwelten

    29. August 2014 um 23:14
  • Sehr bewegend

    Das letzte Land

    urwort

    27. March 2014 um 21:22

    „Auch Ruven nimmt Abschied, aber davon weiß er noch nichts, weil man mit neun immer nur weiß, dass was kommt, und darüber das Gehen nicht merkt.“ Anfang des 20. Jahrhunderts, ein Dorf im Norden Deutschlands. Ruven Preuk, der jüngste Sohn des Stellmachers Niels Preuk, zeigt schon im Kindesalter eine große musikalische Begabung, die dem Zufall sei Dank entdeckt wurde. „Gespannt wie sein Bogen drückt der Streicher das Kreuz durch und schwenkt die Geige, als könne nun die Musik nicht anders, als sich ihm aufs Instrument zu werfen.“ Ruven ist besessen, nahezu abgekapselt vom restlichen Geschehen und nimmt zunehmend eine Sonderstellung im Dorf ein. Anfänglich mit Spott übersät, bleibt ein gewisser Stolz auf Kultur auf dem Land nicht verborgen. So gehen die Jahre dahin, die Geige scheint mit dem Jungenkörper verwachsen, so untrennbar sind sie beide. Der erste Weltkrieg bricht aus und Niels Preuk, sowie andere Männer des Dorfes brechen auf. „Dem Bien geht es nicht gut. Passen wir auf uns auf, mein Junge, damit uns nicht auch die Sonne verloren geht. Unserem Land leuchtet schon längst nichts mehr.“ Ruven wird erwachsen, zieht in die Stadt, verschreibt sich gänzlich der Geige, kommt zurück, geht wieder und zieht nach Hamburg. Doch der nächste Krieg lässt nicht allzu lange auf sich warten. Und nimmt Ruven mit. Seit Kindheit an ist der Protagonist ein sehr stiller Charakter, denkt in Noten, ein Perfektionist, unausgeglichen, unzufrieden mit der Welt. Svenja Leiber versteht es all die Charaktere sensibel zu umfassen, ihre Skizzen lassen erahnen, doch schreiben nie vor: „Das war ein ganz und gar anderer Ruven, als der, der am Vormittag in die Stadt aufgebrochen war. Und etwas kroch sie dabei an, und sie musste einmal kurz in die Speisekammer und sich mit der Schürze übers Gesicht, weil da dieser große Abschied also an die Tür klopfte, und abends, als ihr im Bett nochmals die Augen überliefen, da hat Niels neben ihr gelegen und an die Decke geschaut, und dann hat er nach ihrer Hand gegriffen, wie seit Jahren nicht, und sie hat gesagt, das sei eben das Schlimme am Muttersein, dass man seit der Geburt immer nur Abschied nehme.“ Man wird sanft in die Szene hineingeschoben, als wäre man beteiligt, als bräuchte man den exakten Wortlaut nicht, dass die Mutter weint, denn die Augen sind Zeugen genug. Drum wird es umschrieben, jedoch durch eine Blume, die zauberhaft duftet – und dank des Dialekts dennoch so bodenständig ist. Eine herrlich schöne Mischung. „Nicht Kraft, sondern Mut braucht man, um wirklich anzufangen. In dem Moment, wo du anfängst, tritt der Ton vor dich hin, und du hörst deine eigene Musik. Du hörst das, was an dir Musik ist. Es kann einen um den Verstand bringen, weil man plötzlich ahnt, was wir sind – ja, ich glaube nämlich, wir sind zum größten Teil Musik!“ Das Jungtalent wird erkannt und gefördert, ihm haftet eine Seele an, die berührt und dennoch bleibt Ruven ein Künstlergenie im Stillen. Traurig erinnert man sich an zahlreiche andere Künstlerportraits und möchte ihn berühmt sehen, dass all sein inneres Leid nicht umsonst gewesen war. Oder nicht? Ist es nicht die Stille, die an Wahrhaftigkeit allem voraus ist? „Wir glauben immer, wir müssten uns die Zukunft einkaufen. Aber ich sage dir, die Zukunft, die kriegen wir umsonst. Die kommt mit langen Beinen.“ So begegnen wir in der Lektüre auch einem Kunstsammler, der zu Zusammenkünften einlädt, die Reichen und Schönen durch seine Galerie führt, auch Maler mit großem Vergnügen bei sich speisen lässt. Zu letzteren Gästen gehört ein norwegischer Künstler, der die Atmosphäre mit einer dunklen Melancholie beschwingt. Philosophie und Politik dominieren die Tischgespräche, die den Roman im Zeitgeschehen platzieren: „Das Entscheidende ist aber, dass man die Langeweile selbst nur schwer erträgt. Da fängt man lieber einen Krieg an, zur Not gegen sich selbst. Man greift an, um nicht von etwas Unerhörtem angegriffen zu werden.“ Die Autorin schuf ein Künstlerportrait in der Spanne eines gesamten Lebens, begleitete den Protagonisten durch jede Lebensphase hindurch und beschreibt minutiös Gedanken, Gefühle, Handlungen ohne dem Leser je etwas wegzunehmen: seine Phantasie! Das Gefährliche an Musikerromanen ist das Aufzwängen eines Charakters in dessen Instrument – Klischees, die bedient werden und trotz aller musikwissenschaftlichen Kenntnisse des Autors nicht berühren. Doch hier ist es anders. Man wird beladen mit Aphorismen, wir schreien nach Nachschub, denn wir sind als Leser beteiligt und genießen den Rausch an Phantasie, die freigesetzt wird – minder aufgrund der Geschichte selbst – die ohne Frage sehr berührt – sondern vielmehr weil sich die Autorin der Sprache als Kunstwerk selbst bedient. „Der Tod ist das Nadelöhr, durch das der Mensch hindurchmuss, um an die Sonne zu kommen.“ Der Dialekt und all die blumigen Umschreibungen im Kontext unseres heutigen Sprachgebrauchs sind anfänglich gewöhnungsbedürftig, doch es verzaubert, lächelnd liest man ungewohnte Passagen ein zweites, drittes Mal und versucht sich diese Wortverzweigungen zu verinnerlichen, einzuschließen in seine Gedanken um zur rechten Zeit Gebrauch von ihnen zu machen. Der Tod schleicht sich verkleidet immer wieder heimlich in die Geschichte hinein, hält die Zeit an und kitzelt den Künstler, fordert ihn heraus, spielt mit ihm, hält ihm den Spiegel vor – sehr zum Leid des Künstlers – doch bewegende Höhepunkte für den Leser. Ein Roman, der mit Vorsicht zu genießen ist, denn man fühlt, ja leidet gar mit dem Protagonisten, den man von seiner Kindheit bis ins Totenbett begleitet.

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  • Ein Roman über Kriege und Musik, abgrundtief menschlich

    Das letzte Land

    VeraPestel

    Es beginnt im August 1911, wir treffen auf Ruven, den zweiten Sohn eines Stellmachers, der abseits vom Dorf steht und horcht, Takte zählt, zur Natur dirigiert. Er hat eine besondere Gabe, die von dem durchziehenden Spielmann Joseph erkannt wird: die Musik. Ruven kann Töne sehen, sie haben Farben für ihn, überall sieht er Melodien und Rhythmen. Joseph schenkt ihm seine Geige, nachdem der Vater ihn verprügelt hat. Weil der Sohn nicht stirbt, erlaubt er ihm das Musizieren. Zunächst erhält er Unterricht im Dorf, als das nicht mehr ausreicht, geht es für ihn immer weiter fort, immer der Musik nach, die sein ganzes Leben bestimmen wird. Bis ins Jahr 1975 reicht Svenja Leibers Roman, umspannt damit 64 Jahre. Wir begleiten Ruven und seine Familie, beginnen in einem kleinen Dorf im Norden, in dem das Leben einfach und bäuerlich geprägt ist. Ruven fällt mit seinem Talent aus dem Rahmen. Man beäugt ihn kritisch. Aberglaube herrscht oft noch vor. Er ist nicht gemacht für handwerkliche Arbeiten, seine Hände und sein Geist sind zu fein für grobe Arbeiten, seine Welt ist die Musik. Lange Wege nimmt er für sie in Kauf, übt stundenlang, zieht sich zurück in sich. Die Stellmacherei übernimmt sein älterer Bruder. Der Erste Weltkrieg beginnt. Vater und Bruder melden sich freiwillig. Ruven geigt weiter. Viel passiert in der Welt. Die Monarchie in Deutschland wird zur Republik. Die Faschisten marschieren auf. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Im Dorf sind diese Umwälzungen nur langsam spürbar. Man scheint weit weg, bis die Ersten mit ihren Ideologien kommen, die Dorfbewohner beobachten und einschüchtern. Verluste sind zu betrauern. Leben bedeutet nicht nur Musik, es bedeutet auch Veränderung, das lernt Ruven in jenen Tagen. Die Welt kann man nicht draußen lassen. Mittlerweile ist er Schüler eines Professors in der Stadt, hat einen reichen Mäzen, der ihm eine wertvolle Geige zur Verfügung stellt. Doch auf das Talent folgt nicht der erhoffte Erfolg. Der Krieg zieht ihn ein, er muss das Geigen aufgeben. Der Krieg tötet nicht nur Menschen, er stoppt Lebensläufe. Ruven kommt nach dem Krieg nicht mehr in die Musik hinein. Er kann zwar in einem Orchester spielen, die Liebe zur Musik ist ihm jedoch abhandengekommen. Er kann die Farben nicht mehr sehen. Musik ist für ihn mechanisch geworden. Der Roman glänzt mit emotional abgeschlossenen Szenen. Man stürzt sich gierig auf sie. Svenja Leiber erzählt nicht nur, sie entwirft Bilder, sie entwirft die Zeit neu mit ihrer lebhaft drängenden Sprache, die bei mir in Sepia hängen bleibt. Die Figuren werden vom Kontext zusammengeschweißt. Ich wurde im Laufe des Romans immer gieriger nach ihrer Sprache. Sie erzählt vom Krieg neben dem Krieg, hebt die Lebensläufe hervor und durchzieht sie mit Tönen. Ihr Erzählton ist immer gewaltig und kommt auf den Punkt, nicht zu ausschweifend, damit noch Platz für den Leser bleibt. „Das letzte Land“ ist ein Kriegsbuch, ein Familienroman und ein Bildungsroman, die Familie überdauert verändert. Es geht immer weiter. Aber gegen das Schicksal und die höhere Gewalt kommt die Musik sowie der Mensch manchmal nicht an.

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    • 3

    Arun

    25. March 2014 um 10:14
  • *+* Ruvens Leben *+*

    Das letzte Land

    Irve

    *+ Ruvens Leben +* Beschreibung: Ein Roman über den Klang der Zeit, der ein ganzes Künstlerleben umspannt und fast das gesamte 20. Jahrhundert in Deutschland  »Wer Sturm sät, erntet keine Sonne.« Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen Norden. Ruven Preuk, jüngster Sohn des Stellmachers, verfügt schon als Kind über eine außerordentliche musikalische Begabung: Er sieht Töne, und auf seiner Geige spielt er sonderbare Melodien. Das bringt ihm auf dem Dorf, wo das Leben hart und einfach ist, nicht nur Bewunderung ein. Schließlich erkennt auch der alte Preuk, dass mit seinem Sohn nichts anzufangen ist. Verzweifelt versucht er ihm die Töne aus dem Leib zu prügeln. Dann lässt er ihn ziehen. In der Stadt lernt Ruven beim Juden Goldbaum, in dessen Enkelin Rahel er sich ebenso verliebt wie in den Glauben an eine strahlende Karriere. Kunst bedeutet Freiheit und Anerkennung, aber die Nazis legen schon die Gewehre an. Als sein Durchbruch unmittelbar bevorsteht, reißt der Zweite Weltkrieg Deutschland in den Abgrund. Und Ruven muss erneut seinen Weg finden, am Ende aller Melodien. Mit ihrem neuen Buch legt Svenja Leiber einen kapitalen Bildungsroman vor: Während um ihn herum ein ganzes Land in sich zusammenfällt, folgt ein außergewöhnlicher Musiker gegen alle Widerstände seiner Begabung. Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/das_letzte_land-svenja_leiber_42414.html Das Cover: Es ist sehr ansprechend gestaltet. Ein blätterloser Strauch, über dem Vögel kreisen, nimmt einen großen Teil der Fläche ein. Der Hintergrund ist sandfarben, er ist ein wenig schattiert, weist auch Risse auf. Das alles wirkt ein bisschen deprimierend und hoffnungslos auf mich. Diese Stimmung wird allerdings ein wenig durch den Aufdruck des Titels in orangeroten Lettern aufgehoben, lässt so etwas wie einen Keim der Hoffnung entstehen. Ich finde das Cover sehr gelungen, es greift die verschiedenen Stimmungen, die ich während des Lesens oft spürte, sehr gut auf. Meine Meinung: „Das letzte Land“ ist sehr individuell, was den Inhalt sowie dessen Umsetzung betrifft. Ein Geiger, der Geräusche als Farben wahrnimmt, ist die eigentliche Hauptperson des Romans. Von 1911 bis 1975 begleitet der Leser Ruven, erhält aber auch zum Schluss hin tiefe Einblicke in das Leben seiner Tochter Marie. Ruven ist der Sohn eines Stellmachers und er schlägt ein wenig aus der Art, denn er geht nicht nach seinem Vater. Sein Herz schlägt für die Musik, er kann Töne sehen. Vater Nils lässt Ruven gewähren und dank seines Talentes wechselt der Junge von einem Lehrer zum nächsten, um in seinen Geigenkünsten fortschreiten zu können. Mit dieser zunehmenden Perfektionierung ändert sich Ruven. Ich hatte den Eindruck, dass seine Entwicklung noch dadurch verschärft wird, dass er die Frau, die er liebte, wegen unüberwindbar scheinender Hindernisse nicht heiraten konnte. Sein Leben besteht zunehmend aus der Musik und er verliert immer mehr den Zugang zum Leben. Selbst als er später geheiratet hatte, war es ihm nicht möglich, seiner Familie, vor allem seiner Tochter Marie, gerecht zu werden. Einerseits konnte ich ihn wegen seines mangelnden Bezugs zur Realität überhaupt nicht verstehen. Er hat die menschlichen Chancen, vor allem in Form seiner Tochter, nicht nur nicht genutzt. Aus Unfähigkeit hat er seiner Tochter das Leben auch unnötig schwer gemacht. Meine Sympathien galten allein Marie und nicht ihm. Andererseits tat er mir schon sehr leid. Vielleicht hätten andere Umstände im Leben ihn zu etwas anderem gemacht und die Fokussierung auf sein Geigenspiel und der „Abschied vom echten Leben“ wäre nicht so extrem ausgefallen. Eine der schlimmsten Stellen für mich war, als Ruven kriegsverletzt zurück in die Heimat kam und er entsetzt feststellte, dass er die Farben der Töne nicht mehr sehen konnte. Dieser eine Satz setzte mehr in mir in Gang als in manchen anderen Büchern seitenweise detaillierte Darstellungen über das Kriegsgeschehen. Ganz wunderbar dazu passt dann auch der von einer Protagonistin geäußerte, erschütternde Satz „Krieg kann man nicht erzählen.“ „Das letzte Land“ stimmte mich sehr oft nachdenklich und es ging mir beim Lesen bei weitem nicht so locker von der Hand wie viele andere Bücher. Erschwerend machte dies zusätzlich die – stimmig zu Ruvens Gefühlslage und Verbissenheit im Geigenspiel – immer knapper und nüchterner werdende Erzählweise ....bis kurz vor Schluss. Da wendet sich einiges und viele Kreise schließen sich. Die Autorin beschreibt nicht sehr ausschweifend. Sie schreibt eher sachlich und beschreibend, würzt aber an einigen Stellen – so unvorhersehbar wie das Leben eben ist – mit einer teils makabren Prise Humor. Vieles wird nur angerissen und angedeutet. An manchen Stellen war mir dies zu wenig und ich konnte weder dem Geschehen noch den Gedankengängen richtig folgen. So fehlte mir manchmal das I-Tüpfelchen, weshalb mein Kopfkino hin und wieder ins Stocken geriet. Sehr gut gefallen haben mir sprachlichen Highlights, einige Sätze wie vom anderen Stern. Wenige Wörter, einfache Sätze eigentlich, die dennoch mehr offenbaren als seitenweise Beschreibungen. Formulierungen wie „Wir spüren nichts mehr. Es muss alles immer stärker werden, intensiver, salziger.“ oder „Ihr Händedruck ist kurz, aber Ruven ist, als gehe etwas von ihr in ihn über.“, um nur 2 Beispiele zu nennen, ließen mein Literatur-Herz jubeln. Was ebenfalls sehr gut gelungen ist, ist die Übertragung der Gefühlslage Ruvens auf mich als Leser. So fragte ich mich z.B. an einer Stelle, worauf dies jetzt hinauslaufen soll. Kurz darauf fragt Ruven seine Tochter, wo es jetzt mit ihnen hinginge. An anderer Stelle, als mir das Buch so gar nicht recht von der Hand gehen wollte, „hörte die Gesellschaft nicht auf, ihn zu ermüden.“ Der Roman schien mir oft sehr konstruiert, denn die Personen kamen und gingen, fanden Erwähnung, tauchten manchmal auch wieder auf. Dieses sehr Zufällige gefiel mir zwar eher nicht. Es ist aber notwendig, um das Buch so enden zu lassen, wie es das tut. Vor allem in Bezug auf Ruvens Läuterung, die er zum Ende hin durchläuft und versucht, „innerlich aufzuräumen“. Mein Fazit: Dieser Roman hat mir gefallen, allerdings holperte ich an einigen Stellen und konnte der Sprachform nicht immer folgen, was es mir gelegentlich erschwerte, den Sinn des Geschriebenen zu erfassen. Ich vergebe 4 von 5 Sternen. Infos zum Buch: „Das letzte Land“ von Svenja Leiber ist am 10.03.2014 unter der ISBN-Nr. 978-3-518-42414-8 im Suhrkamp/ Insel-Verlag erschienen. Es ist gebunden, umfasst 320 Seiten und ist auch als eBook erhältlich. (Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/das_letzte_land-svenja_leiber_42414.html)

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    • 2

    Arun

    09. March 2014 um 20:10
  • Mal was anderes... Aber definitiv Lesenswert

    Das letzte Land

    unclethom

    08. March 2014 um 11:32

    Der Klappentext: Ein Roman über den Klang der Zeit, der ein ganzes Künstlerleben umspannt und fast das gesamte 20. Jahrhundert in Deutschland »Wer Sturm sät, erntet keine Sonne.« Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen Norden. Ruven Preuk, jüngster Sohn des Stellmachers, verfügt schon als Kind über eine außerordentliche musikalische Begabung: Er sieht Töne, und auf seiner Geige spielt er sonderbare Melodien. Das bringt ihm auf dem Dorf, wo das Leben hart und einfach ist, nicht nur Bewunderung ein. Schließlich erkennt auch der alte Preuk, dass mit seinem Sohn nichts anzufangen ist. Verzweifelt versucht er ihm die Töne aus dem Leib zu prügeln. Dann lässt er ihn ziehen. In der Stadt lernt Ruven beim Juden Goldbaum, in dessen Enkelin Rahel er sich ebenso verliebt wie in den Glauben an eine strahlende Karriere. Kunst bedeutet Freiheit und Anerkennung, aber die Nazis legen schon die Gewehre an. Als sein Durchbruch unmittelbar bevorsteht, reißt der Zweite Weltkrieg Deutschland in den Abgrund. Und Ruven muss erneut seinen Weg finden, am Ende aller Melodien. Mit ihrem neuen Buch legt Svenja Leiber einen kapitalen Bildungsroman vor: Während um ihn herum ein ganzes Land in sich zusammenfällt, folgt ein außergewöhnlicher Musiker gegen alle Widerstände seiner Begabung. Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/das_letzte_land-svenja_leiber_42414.html Die Autorin: Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und lebte einige Zeit in Saudi-Arabien. Heute wohnt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin. 2005 erschien der Erzählungsband Büchsenlicht, 2010 der Roman Schipino. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Das letzte Land ist ihr erstes Buch im Suhrkamp Verlag. Quelle: http://www.suhrkamp.de/autoren/svenja_leiber_12691.html Die Rezension: Svenja Leiber ist mit „Das letzte Land“ ein großartiger Roman gelungen, der ganzen Generationen den Spiegel der Gesellschaft vorhält. Sie beschreibt den Weg eines jungen Musikers durch die Wirrungen der Weimarer Republik und später durch das dritte Reich. Sprachlich ist der Roman in meinen Augen ganz großes Kino, der vor allem auch durch die Frauenbilder der Zeit zu überzeugen weiß. Es fiel mir sehr schwer den Abgabetermin meiner Meinung abzuwarten, denn lange lag das Buch hier und wollte gelesen werden. Insbesondere auch Liebhaber von geschichtlichen Romanen werden mit diesem Buch ihre wahre Freude haben. Es ist ein Buch, ich kann es nicht anders ausdrücken, dass man nicht einfach so nebenher lesen kann. Es ist schon ein Buch welches man mit allen Sinnen genießen muss. Es ist allerdings auch ein Buch, wo man mit den Protagonisten mitleidet und einen kleinen Einblick in die damalige Zeit bekommen kann. Ich habe das Buch sehr genossen und ich freue mich das Buch mit 5 von 5 Sternen zu bewerten. Obendrein gibt es noch eine Leseempfehlung.

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