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BookHook

vor 1 Jahr

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Allgemeines zum Thema Spielbücher:
Spielbücher haben ihre Wurzeln in den 1970´er Jahren, also weit vor der Digitalisierung der Welt im Allgemeinen und der Unterhaltungsmedien im Speziellen. Ähnlich wie die artverwandten Pen-&-Paper-Rollenspiele á la „D&D – Dungeons & Dragons“ oder auch „DSA – Das schwarze Auge“ liegt der Fokus bei Spielbüchern darauf, den Fortgang der Geschichte durch eigene Entscheidungen aktiv zu beeinflussen („willst Du links herum gehen, lies weiter bei 306, gehst Du rechts herum lies 357“). Hieraus ergibt sich eine Vielzahl von möglichen Verläufen der Geschichten, so dass man ein Spielbuch durchaus mehrmals lesen kann, ohne dass es langweilig wird.

Zum Inhalt:
Du bist der etwas abgelodderte, erfolglose Taylor, Rocker durch und durch, der in seinen Klamotten aus dem Kleiderspenden-Container gerne in „Frankie´s Music Store“ nach neuem Futter für seinen Disc-Man (richtig gelesen!) sucht, auf Konzerten rumlungert und von der großen weiten Welt des Metal träumt.
Nach einer folgenschweren Begegnung mit einem LKW machst Du gleich noch weitere schicksalhafte Bekanntschaften. Der Rock-Gott, der Lemmy Kilmister als Outfit-Vorbild diente, braucht tatsächlich Deine Hilfe, sozusagen als Urlaubsvertretung! Deine Aufgabe: aus einer total unbekannten 08/15-Metal-Combo die neuen Shootingstars der internationalen Metal-Szene zu machen. Na dann mal los…

Zum Regelwerk:
Schon in seinem Erstlingswert „Reiter der schwarzen Sonne“ hat Autor Swen Harder bewiesen, dass er sehr ausgetüftelte und detaillierte Regelwerke entwerfen kann, ohne den Leser zu überfordern. Auch bei „MHatFoR“ kommen die sehr gelungenen Regeln in homöopathischen Dosen daher, sodass der Spielspaß auch ohne großes Studium der Regeln sofort beginnen kann. Im Spielverlauf sind zwischendurch immer wieder Verweise auf das am Ende des Buches befindliche Regelwerk, und zwar genau zu den Regeln, die es in der jeweiligen Situation das erste Mal braucht. Der Spieler kann sich obendrein vor Beginn des Abenteuers für eine von drei Schwierigkeitsstufen (Pussy / Rocker / Freak) entscheiden. Ich selbst bin als Rocker im großen Ganzen problemlos durch die Regelwelt gekommen und hatte diese bereits nach den ersten zwei Kapiteln weitgehen verinnerlicht.
Da „MHatFoR“ – anders als fast alle anderen Spielbücher – kein klassisches Fantasy-Buch ist, sind die Regeln ungewöhnlich, innovativ, spannend und sehr gut passend zur Story. Die wesentlichen Elemente sind hierbei:
1. Allen voran ein sehr ausgefeiltes „Metal Logbuch“, auf dessen vier DIN-A4-Seiten (kann man sich auch downloaden -http://metal-heroes.de/?page_id=13-, wenn man nicht in das Buch schreiben möchte!) wirklich alle Aspekte des Regelwerkes sehr übersichtlich und gut strukturiert dargestellt sind.
2. Das Kernstück sind die Songs und Gigs: Deine Band muss im Verlauf die wichtigsten Spielarten des Metal für sich erschließen und beherrschen lernen (Classic, Death, Thrash, Nu, Power, Symphonic und dazu noch „Glorious Tracks“) und ein möglichst breites Repertoire an Songs erlernen. Hierzu gibt es Songpunkte zu investieren, um im Anschluss an den Eigenschaften „Anspruch“ und „Fame“ der einzelnen Songs zu arbeiten. Dieses Repertoire ist wichtig, um die zahlreichen Gigs, die die Band im Verlauf der Story haben wird, möglichst überzeugend zu performen. Kleiner Tipp: Eine sehr sorgfältig arrangierte Setlist ist schon der halbe Erfolg!
3. Wann immer es wichtig ist, etwas auf seinem „Metal Logbuch“ zu notieren, zu streichen oder zu verändern, gibt der Autor einen kleinen Hinweis im jeweiligen Text und nimmt den Leser hierbei dezent an die Hand.
4. Zur Sicherheit gibt es „Rücksetzpunkte“ („Repeat“): Wenn Du doch mal die falsche Entscheidung getroffen hast, die den „Exit“ für Taylor bedeutet, kannst Du zu dem dann jeweils angegebenen Rücksetzpunkt zurückkehren und eine andere Entscheidungskette wählen, ohne das aktuelle Kapitel oder sogar das ganze Buch nochmal von vorne durchspielen zu müssen!

Meine Meinung:
Autor Sven Harder legt mit „MHatFoR“ sein zweites Spielbuch nach dem klassischen Fantasy-Spielbuch „Reiter der schwarzen Sonne“ vor, das für mich bislang die absolute Referenz in Sachen Spielbücher ist und mit dem Jurypreis der RPC Fantasy Awards 2013 und dem Deutschen Rollenspielpreis 2014 ausgezeichnet wurde.

Dem rund 800 Seiten starken, mehr als 1.300 (!) Sprungpunkte umfassenden und in 14 Kapitel unterteilten Buch liegt noch eine sehr schön kompilierte 12-Track CD mit sehr hörenswerten Metal-Tracks aus den unterschiedlichen Sub-Genres bei (a.u. von Grave Digger, Huntress und Delain). Selbst die Tracks hat Sven Harder perfekt und abwechslungsreich in seine Geschichte mit eingebunden, was – neben einigen QR-Codes - zu einem multimedialen und sehr dichten und authentischen Lese- & Spielerlebnis führt.

Die Story an sich, die sich Sven Harder für dieses Mammutwerk erdacht hat, sprüht nur so vor Humor („Das Olymp / Unterwelt-Abkommen von 1949“), derben Worten (definitiv nicht immer jugendfrei), coolen Sprüchen (“Dein Genpool ist nicht besonders interessant für mich”), schrägen Ideen (z.B. der „Unterwelt-Elvis“ Quiffy, der wie ein Gremlin aussieht) und „Gastauftritten“ von vielen Bekannten Stars der internationalen Rock-Szene (Ozzy Osbourne, Jimmy Hendrix & noch viele mehr!). Hinzu kommen wirklich sehr gelungene, teils verschrobene, teils überzeichnete Charaktere (und auch drei echte Powerfrauen!) und ein toller Genre-Mix aus Humor mit einem Schuss Horror und Fantasy.

Das Werk sticht – wie schon sein „Vorgänger“ - gleich in mehrfacher Hinsicht aus dem leider recht kleinen Meer der Spielbücher hinaus:
-> Es ist mit seinen rd. 800 Seiten und über 1.300 Sektionen extrem umfangreich
-> Es verfügt über ein unglaublich ausgefeiltes, sehr innovatives, aber dennoch nicht überforderndes Regelsystem
-> Es hat eine wegweisende Einteilung der Geschichte in 14 (inkl. Boni) Kapitel (mit „Rückfallschutz“)
-> Es bietet eine sehr hohe Abwechslung sowohl durch den Inhalt (Gigs, Video-Drehs, CD-Produktionen) als auch durch die Art der spielerischen Herausforderungen (strategische Setlist-Planung, Einbindung der Songs von der CD, Suchbilder, Rock-Wissen)
-> Es ist gleichermaßen für Anfänger wie für Rollenspiel-Profis geeignet
-> Es hat einen sehr hohen Wiederholungsanreiz
-> Es hat zahlreiche sehr gelungene und perfekt zur Story passende Illustrationen (teilweise im Comic- / Graphic Novel-Stil) des Berliner Künstlers Fu Fu Frauenwahl, die mitunter sogar aktiver Teil der Story sind
-> last but not least gibt es drei Bonuskapitel („Bonustracks“), die man sich erarbeiten muss / kann

Ich habe es inzwischen einmal komplett durchgespielt und bin und habe dabei wirklich zahlreiche Stunden Spiel- und Lesespaß genossen. Mit Sicherheit werde ich das Buch nochmal ganz von vorne anfangen und neu spielen, um manche Story-Passagen nachzuholen, die ich beim ersten Lesen durch meine Entscheidungen verpasst habe.
Auch wenn heute das überwiegende Gros der Rollenspiele am Computer gespielt wird, hat für mich das Spielen eines Spielbuches noch immer einen ganz eigenen Reiz, den kein PC- oder Onlinerollenspiel der Welt bieten kann: Die eigene Fantasie!


FAZIT:
Für alle Metal-Fans, die schon immer mal den Verlauf einer Story im Buch beeinflussen wollten, das perfekte Buch. Für Spielbuch-Liebhaber ein ultimatives „must-have“! Aber Bleistift und Radiergummi nicht vergessen!

Autor: Swen Harder
Buch: Metal Heroes – and the Fate of Rock

Thaliomee

vor 1 Jahr

@BookHook

Super Rezension, du hat es perfekt zusammengefasst!

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