Böse Geister stellt die Neuübersetzung von Dostojewskis die Dämonen durch Swetlana Geier dar - für mich ist es der vierte Roman von Dostojewski und der dritte der 5 Großen (nach Verbrechen und Strafe, der Spieler und der Idiot). Im Gegensatz zu den bisherigen versucht sich Dostojewski nicht mehr nur in einer Charakterstudie, sondern im Zeichnen eines spezifischen Gesellschaftsbildes das von nihilistischen Gedanken zerfressen wird. Ich habe hier eine Kurzmeinung vorgeschlagen bekommen, bei der dies als „Darstellung der damaligen Gesellschaft“ beschrieben wurde - das erachte ich für falsch. Bei Dostojewski spielen im Geiste der ursprünglichen Akkumulation und der aufgebrochenen Ständegesellschaft sowohl das finanzielle Vermögen als auch die bürgerlichen Gepflogenheiten eine extrem große Rolle und gelten als Verkörperung des zivilisierten Lebens. Erst vor diesem Hintergrund werden seine psychologischen Charakterstudien zu Gedankenexperimenten, die von den massenhaften Lesern der Zeitungsromane emphatisch nachvollzogen werden können. In böse Geister wird keine einzelne Charakterstudie mehr präsentiert, sondern eine gesellschaftliche Situation gezeichnet in der (dem klassischen Vorwurf der Modernisierung nach der sich bis heute hält) die junge Generation einem Werteverfall erliegt und in ihrem Handeln letztlich auf die gesellschaftliche Selbstzerstörung zusteuert. Es ist natürlich richtig, dass Dostojewski durch den nihilistischen Anarchismus Netschajews mehr als nur inspiriert wurde - er übernimmt dessen Verbrechen in die Handlung - dennoch beschreibt es die Angst vor dessen Durchsetzung und nicht die bestehende Situation.
Die komplex verwobenen Charaktere stellen sicherlich die Schreibstärke des Autors heraus, für mich gab es in diesem großen Werk leider trotz seiner Länge und einer etwas ausgewogeneren Verteilung der Perspektiven nur wenige Situationen die mir in Erinnerung geblieben sind. Oftmals hab ich nicht verstanden warum etwas so ausführlich geschildert wird, insbesondere einfache Hintergrundinformationen, da es für den weiteren Handlungsverlauf dann letztlich komplett irrelevant war. Für mich trotzdem ein gutes Buch, aber gerade für heutige Verhältnisse einfach ungerechtfertigt langwierig, sodass ich es nur wenigen Menschen mit viel Enthusiasmus beim Lesen empfehlen würde.
Swetlana Geier
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Mal wieder ein großartiges Werk von Dostojewski. So kurz, und doch steckt so viel drin. Stilistisch unterscheiden sich die beiden Teile grundlegend: Der erste Teil ist eher essayistisch angelegt, wohingegen der zweite Teil erzählerisch ist. Der namenlose Protagonist ist geprägt von Widersprüchen: Er sehnt sich nach Anerkennung von einer Gesellschaft, die er eigentlich ablehnt und hasst. Er sagt das Eine, handelt aber ganz anders. Einige Gedanken sind eher sprunghaft, doch als Leser kann man ganz gut die Zwiespältigkeit, die ihn plagt, verfolgen. Das Buch weist Parallelen zu "Schuld und Sühne" auf, wobei in dem Roman ein auktorialer Erzähler die psychologische Tiefe mit erzeugt und kommentiert, wohingegen bei den "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" ein Ich-Erzähler berichtet, wodurch unsere Sicht eher beschränkt ist, und man sich ggf. Dinge selbst erklären muss. Auch interessant finde ich, dass er im ersten Teil mehrfach betont, für sich selbst zu schreiben und dass niemand seine Notizen lesen wird, aber dennoch immer wieder ein Publikum mit "meine Herren" anspricht. Kurz gesagt: Sehr lesenswert und auch zu empfehlen, wenn man Bücher wie "No longer human" und "Der Steppenwolf" bereits kennt oder noch lesen möchte.
Dostojewskij hat mit den „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ ein Meisterwerk der literarischen psychologischen Studien geschaffen. Und das sicher nicht nur, weil Nietzsche sie als eben diese würdigte. Dostojewskij hat einen Protagonisten entworfen, der die Persönlichkeitsbeschreibungen Erich Fromms zum sadomasochistischen Charakter vorweggreift, besser bekannt als der autoritäre Charakter. Im Alltagssprachgebrauch ist die Radfahrermentalität eingegangen: nach oben buckeln nach unten treten.
Dostojewskij beschreibt die gesamte F-Skala, wie sie Adorno et al in den 50er Jahren, also etwa 90 Jahre später, entwarfen. Die Verabscheuung des Weiblichen, des Schwachen und die Verehrung alles Mächtigen, Starken, Kriegerischen. Und wie Diederich Heßling im Untertan, so bewundert auch Aufzeichnende im Keller, die Offiziere, das Militär, das Autoritäre. Und zugleich verachtet er seine Unterlegenheit, seine Minderwertigkeit.
Die Bedeutungs- und Sinnlosigkeit des eigenen Selbst bricht sich in Wut und Hass Bahn. Sie richtet sich gegen sich selbst und gegen die noch Schwächeren. Denn das eigen Schwache muss externalisiert werden. Selten wurde es so eindringlich beschrieben, wie im zweiten Teil der Aufzeichnungen. „Ohne Macht und Tyrannei über einen Anderen kann ich nicht leben.“ Der Vernichtungswille des autoritären Charakters, der die Gründe für das eigene Scheitern ausschließlich bei anderen sucht. Und diese anderen müssen leiden, mehr leiden, als er es selbst getan hat.
Es ist die literarische Vorwegnahme des Wutbürgers. Ein Lehrstück, das zur Pflichtlektüre gehört.
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