Sybille Bedford Am liebsten nach Süden

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Inhaltsangabe zu „Am liebsten nach Süden“ von Sybille Bedford

Auf dem Höhepunkt ihres literarischen Erfolgs reiste Sybille Bedford im Auftrag verschiedener Zeitschriften quer durch Europa: Sie verkostete Bordeaux-Weine, hausgemachte Pasta in Rom oder Turin, probierte ländliche Hotels in der Normandie aus und Venedig im Winter. Sie testete fachmännisch die Straßen in Jugoslawien und fuhr durch Dänemark. Ihre Entdeckungen und Erkenntnisse sind von zeitlosem Charme – und bis heute zutreffend.
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  • Rezension zu "Am liebsten nach Süden" von Sybille Bedford

    Am liebsten nach Süden
    HeikeG

    HeikeG

    12. August 2008 um 15:43

    Chronistin der sinnlichen Erfahrung Sybille Bedford berichtet in acht wundervollen Essays - geschrieben Mitte des 20. Jahrhunderts - von der "sehr, sehr, sehr langsamen" Lebensart in Portugal, "elendem Gesöff" in Frankreich oder aber dem "Schlachtfeld Straße" und "Lecka Spaghetti" in Italien. Wer träumt nicht davon, der Kälte und dem ewigen Regen zu entfliehen, den Alltag hinter sich zu lassen und im warmen Süden, ohne Stress und Sorgen das Leben zu genießen, sich die immer strahlende Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen? Der Verwirklichung dieser Sehnsucht steht heutzutage kaum etwas im Weg. 48,5 Millionen Deutsche haben im vergangenen Jahr mindestens eine längere Urlaubsreise unternommen. Ein Drittel davon reiste ans Mittelmeer. In den fünfziger und sechziger Jahren war dies für die meisten nur eine schöne Illusion. Zwar wichen die Spuren von Krieg und Zerstörung immer mehr dem Wiederaufbau, wuchs die Wirtschaft und ließ durch steigende Löhne die Arbeitnehmer immer mehr am wachsenden Wohlstand partizipieren, ermöglichte jedoch nur zaghafte Schritte in die neue Welt des Konsums. Die Mehrheit der Menschen blieb zunächst noch im Lande und träumte - angeregt durch Filme und Schlager - von Sonne, Strand und Meer. Nur eine Minderheit konnte sich derartige Auslandsreisen leisten. Zu dieser gehörte die Schriftstellerin Sybille Bedford. Die 1911 in Berlin geborene Tochter einer schönen Engländerin aus der Upperclass und des exzentrischen deutschen Barons Maximilian von Schoenbeck, die ihre ersten zehn Jahre zwischen aristokratischen Salons der deutschen Hauptstadt und einem Schloss im Badischen verbrachte, war eine Kosmopolitin. In den Zwanzigerjahren verließ ihre Mutter den deutschen Mann und Vater ihrer Tochter und reiste mit dieser fortan zwischen England, Italien und Frankreich hin und her, um Anfang der dreißiger Jahre im südfranzösischen Sanary-sur-Mer, unter Malern, Dichtern und deutschen Intellektuellen, die ins Exil an die Côte d'Azur geflüchtet waren, zu stranden. Ihr Slogan: "In einer idealen Welt gibt es keine verschiedenen Nationen, nur verschiedene Orte." Die damals erfahrene Ungebundenheit war kennzeichnend für Sybille Bedfords ganzes späteres Leben. Doch um die Grand Old Lady der Literatur, die mit Klaus und Erika Mann befreundet war und deren schillernde Romane oft als "Champagner in Buchform" gepriesen wurden, war es hierzulande merklich ruhig. 2006 starb sie 94jährig in London. Humorvolle und stilistische Eleganz Nun hat SchirmerGraf acht ihrer eleganten Reiseerinnerungen, geschrieben für "Vogue" und "Enquire" in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, in einem großartigen Essayband herausgebracht: stilistisch voller Eleganz, klug, hoch amüsant und von erstaunlich zeitloser Tiefenschärfe. Stünden nicht die Jahreszahlen über den einzelnen Reiseimpressionen, man würde es kaum glauben, dass mittlerweile mehrere Jahrzehnte vergangen sind. Haben sich "Land und Leute" derart wenig gewandelt? Wohl kaum. Aber allgemeine Wahrnehmungsempfindlichkeiten bzw. Ursachen für Ärgernis und Zufriedenheit eines Reisenden scheinen dem Wandel der Zeit getrotzt zu haben, sind immer noch so aktuell wie ehedem: "Reisen bedeutet zunächst: eine Auseinandersetzung des Ichs mit der Welt. Die Welt - das sind die Verkehrsmittel, die Straßen, die Leute hinter den Schaltern, die einem Fahrkarten, Post, fremdes Geld, Schlüssel aushändigen; die Portiers, die Kellner, die Tourismusindustrie, die Einheimischen, das Wetter. Die Welt ist ein hydraköpfiges Wesen, so alt wie die Felsen und so unbeständig wie das Meer, rätselhaft. Das Ich will sicher und pünktlich ankommen. Es will Vergnügen, Abwechslung, Ruhe, starken Kaffee, starke Drinks geboten bekommen, funktionierende Streichhölzer und mit einem großen Geldschein bezahlen können. Es will ein bezugsfertiges Zimmer vorfinden, nicht überheizt und nicht zu kalt, mit Kleiderbügeln, (...) und reichlich frischen Handtüchern. Es will, dass die Geschäfte geöffnet sind, und außerdem mal um halb sieben, mal um halb elf zu Abend essen. Es will besänftigt, beruhigt, versorgt, in Ruhe gelassen werden. Es will nicht angestarrt werden. Es möchte sich kompetent, großzügig, klug und einigermaßen gutaussehend fühlen. Es will alle wie erwartet vorfinden, nur besser. Es will auch das Unerwartete finden, das aber nicht irritieren darf. Und das alles will es sofort haben." (aus "Die Kunst des Reisens" [1961]) Exzellentes Zeitdokument und Reiseimpression der besonderen Art "Am liebsten nach Süden" führt den Leser nach Frankreich [1961/1978] und Italien [1948/1961/1967], in die Schweiz [1953], nach Dänemark [1962] (was zugegebenermaßen im Norden liegt, aber man bedenke, Sybille Bedford lebte zu dieser Zeit bereits in London), Portugal [1958] und durch Jugoslawien [1965]. In prachtvollen Bildern lässt Bedford Land und Leute erleben. Sei es eine Nacht am offenen Fenster auf Capri, in der sie - gemeinsam mit ihrer Freundin Martha Gellhorn, der Ex-Frau Ernest Hemingways - den Duft nach Jasmin, Zitrusfrüchten, Oleander, warmen Steinen und dem Meer genießt oder aber den Zauber am "Ort ewigen Begehrens" - auch oder gerade im Winter erlebt: "Da ist sie also, gewissermaßen enthüllt, ohne das Blendwerk, den Zierrat, die goldenen Banner des Hochsommers, nackt und bloß - die ewige, die geheimnisvolle Schönheit Venedigs." Dabei erweist sich die Autorin als exzellente Beobachterin, benötigt jedoch kaum ausschweifende und opulente Schilderungen, sondern meist genügen nur wenige Worte und Sätze, um die besondere Atmosphäre oder Stimmung eines Landes einzufangen. Sie beschreibt lukullische Gaumenfreuden derart real, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft oder treibt Tränen in die Augen, wenn sie mit unglaublich charmantem Humor von Zeit zu Zeit über landestypische Affinitäten berichtet: sei es nun über den motorisierten "Balztanz" der Italiener oder aber diverse Sprachbarrieren der Portugiesen: "Man vergesse alles was man vom Spanischen und Italienischen kennt oder gehört hat, lasse die Vokale am Wortende weg und von den anderen so viele, dass sich eine gewisse Trägheit vermittelt, ziehe die übrigen in die Länge, verschleife die Konsonanten, spreche alle »s« wie doppelt »sch« aus, bemühe sich um einen nasalen Tonfall (sagen wir Cockney und mediterranem Französisch), vorgebracht in walisischem Singsang und mit Zischlauten wie im Polnischen, und füge noch eine Prise Niederländisch hinzu. Zum Beispiel Lissabon: Lschbooa. Das Dumme ist nur, das die Einheimischen unempfänglich sind für die Verständigungsbemühungen von Touristen." "Am liebsten nach Süden" entpuppt sich als vergnüglich zu lesende Milieuschilderung und Reiseimpression der besonderen Art, ist aber gleichzeitig ein exzellentes Zeitdokument, gepaart mit vielen präzisen Beobachtungen, die versteckt in scheinbar nebensächlichen Details liegen. Fazit: Ein Satz aus den "Sommerlichen Wochen zwischen Genf und Luzern" kann stellvertretend für das gesamte Diktion des Buches stehen: "Manchmal schluckten schweigende Wälder das grelle Mittagslicht; manchmal war alles Raum und Form." Ein großartiges Buch mit acht ebenso großartigen Reise-Essays.

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