Sylvia Townsend Warner

 4 Sterne bei 20 Bewertungen
Autor*in von Lolly Willowes, Mister Fortunes letztes Paradies und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Sylvia Townsend Warner

Sylvia Townsend Warner, geboren 1893 in Harrow-on-the-Hill im tiefsten Herzen Englands, studierte Musikwissenschaft, wandte sich dann dem Journalismus zu. Ab 1925 veröffentlichte sie Romane, Gedichte und Erzählungen und war später Reporterin im Spanischen Bürgerkrieg. Während über vierzig Jahren war sie regelmäßige Autorin des New Yorker. Sylvia Townsend Warner starb 1978.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Sylvia Townsend Warner

Cover des Buches Lolly Willowes (ISBN: 9783038200796)

Lolly Willowes

 (16)
Erschienen am 26.08.2020
Cover des Buches Mister Fortunes letztes Paradies (ISBN: 9783293203211)

Mister Fortunes letztes Paradies

 (4)
Erschienen am 16.02.2005
Cover des Buches The Corner That Held Them (ISBN: 0140162143)

The Corner That Held Them

 (0)
Erschienen am 01.06.1996

Neue Rezensionen zu Sylvia Townsend Warner

Cover des Buches Lolly Willowes (ISBN: 9783038200796)
Elenchen_hs avatar

Rezension zu "Lolly Willowes" von Sylvia Townsend Warner

Lolly Willowes
Elenchen_hvor 6 Monaten

"Nun, jetzt sind Sie eine Hexe."

"Ja ... Das bin ich wirklich, oder?"

"Unwiderruflich."


- Sylvia Townsend Warner, "Lolly Willowes"


Laura wächst sehr glücklich auf: Mit ihrem Vater bewohnt sie ein Gut auf dem Land, sie beschäftigt sich mit dem Sammeln von Kräutern und dem Mischen von Tinkturen, in der Natur fühlt sie sich wohl. Doch dann verstirbt ihr Vater und mit 28 Jahren gilt Laura bereits als alte Jungfer. Kurzerhand wird sie zu ihrem Bruder nach London verfrachtet und ist fortan für alle nur noch "Tante Lolly". Das Leben in der Stadt zermürbt sie - und so trifft sie mit über 40 Jahren eine zu dieser Zeit überaus wagemutige Entscheidung: Sie zieht alleine in die Chiltern Hills.


Als Sylvia Townsend Warner und Virginia Woolf sich über Warners 1928 erschienenen Debütroman "Lolly Willowes" unterhalten antwortet die Autorin auf die Frage, woher sie so viel über Hexen wisse: "Weil ich selber eine bin." Als ich das in Manuela Reicharts klugem Nachwort gelesen habe, wurde mir Sylvia Townsend Warner gleich noch sympathischer, denn gerade diese Ironie und dieses Skurrile habe ich an ihrem Buch besonders gemocht! "Lolly Willowes", in der Übersetzung von Ann Anders, kommt erst wie ein ganz unaufgeregter, klassischer Familienroman daher - doch etwa ab der Hälfte wird es fantastisch und mysteriös. Mir haben beide Hälften richtig gut gefallen, ich habe sowohl gerne von Lollys Zeit auf dem Landgut und im londoner Stadthaus, als auch von Lauras Treiben als Hexe und ihrem Paktieren mit dem Teufel gelesen.


"Lolly Willowes" unterhält aber nicht nur gut, der Roman ist zugleich auch sehr feministisch: Eine Frau, die zu dieser Zeit beschließt, alleine zu leben, nach ihrem eigenen Geld verlangt und darauf besteht, ein Individuum ohne gesellschaftliche Verpflichtungen zu sein - so gut! Ich spreche sehr gerne eine Leseempfehlung aus. Eine Portion Naturbeschreibungen, eine Prise Grusel und ein großer Löffel Feminismus, wer könnte da schon widerstehen? Vielleicht merkt ihr euch das Buch ja für den Herbst vor, die Hexen- und Teufelsaison schlechthin 🧙🏻‍♀️


Hinweis: In der Übersetzung wird das Z-Wort verwendet.

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Cover des Buches Lolly Willowes (ISBN: 9783038200796)
literaturfreunds avatar

Rezension zu "Lolly Willowes" von Sylvia Townsend Warner

Lolly Willows - Sylvia Townsend Warner
literaturfreundvor 2 Jahren

„Lolly Willowes“ von Sylvia Townsend Warner handelt von einer Frau, welche sich den Wunsch eines unabhängigen, freieren, selbstbestimmten Lebens erfüllt, gegen alle Konventionen. 

Lolly steht mit 28 Jahren plötzlich ohne wirkliche Ausbildung und ohne Vater und Mutter da. Üblicherweise kommen Frauen, die in dem Alter noch nicht verheiratet sind, zu ihren Brüdern oder Verwandten. Auch Lolly wird von ihrem Bruder aufgenommen und obwohl sie von ihm und dessen Familie ins Herz geschlossen wird, fühlt sich Lolly dennoch fehl am Platz. Sie wünscht sich ein „eigenes“ Leben fernab von den Verwandten und der Stadt. So entschließt sich Lolly kurzerhand aufs Land zu ziehen. Dort angekommen trifft die Protagonisten auf einen Hexenzirkel und macht Bekanntschaft mit dem Teufel. Ob nun der Teufel am Ende eine Vorstellung von Lolly war oder Wirklichkeit bleibt offen. 

So absurd der letzte Part auch klingen mag, so schön ist dieser Sprung vom realistischen zum fantastischen. Mit dem Anschluss an die „Hexenbande“ schafft es Lolly endgültig sich von den Fesseln der Verwandtschaft zu lösen und glücklich zu werden. Ein feministischer Klassiker der feinsten Art, der nicht nur wunderbar geschrieben ist, sondern auch eine wirklich sympathische und liebenswerte Hauptperson hat. Ein sehr lesenswerter Roman in einer wunderschönen Aufmachung. 

 

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Cover des Buches Lolly Willowes (ISBN: 9783038200796)
Susanne_Probsts avatar

Rezension zu "Lolly Willowes" von Sylvia Townsend Warner

Die Geschichte einer Emanzipation…
Susanne_Probstvor 2 Jahren

„Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann“ war der Debütroman der 1893 geborenen Sylvia Townsend Warner.

Die englische Originalausgabe erschien bereits 1926.


Laura wuchs Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren zwei älteren Brüdern Henry und James bei ihrer kränkelnden Mutter und bei ihrem sie vergötternden Vater, einem Brauereibesitzer, auf dem Landsitz „Lady Place“ in Somerset auf.


Sie hatte viele Freiheiten, tobte draußen mit ihren Brüdern herum und las ohne Einschränkungen was sie wollte. 

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter musste Lolly wohl oder übel eine gesittete Dame und die Hausherrin an der Seite ihres Vaters Everard und ihres Bruders James werden.

Henry war zu dieser Zeit bereits verlobt und als Anwalt in London tätig. 


Fast 10 Jahre lang lebten die drei ihren gewohnten Alltag in Somerset. Lolly führte den Haushalt und die Männer kümmerten sich um die Brauerei. 


Einen Mann fand Lolly nicht, denn „welche Schönheiten ihres Äußeren Laura auch haben mochte, sie waren so wenig lieblich wie die Schönheiten ihres Geistes, und ihr vornehmes Auftreten ließ sie älter erscheinen, als sie eigentlich war.“ (S. 30)


Laura lebte recht zurückgezogen und wenn sie mal auf Festen erschien, war sie sehr reserviert und obwohl im heiratsfähigen Alter, war sie alles andere als bemüht charmant. 

Dem Heiraten stand sie ziemlich gleichgültig gegenüber und außerdem hielt keiner der in Frage kommenden Kandidaten dem Vergleich mit ihrem Vater stand. (S. 32) 

Vater und Tochter warteten vordergründig und vergeblich auf den „idealen Freier“ (S. 33).


Lolly liebte die Natur, das gemächlich dahintreibende Leben auf dem Land mit seinen Bräuchen, Ritualen und Familiengewohnheiten und sie wurde zu einer Expertin für Kräuter und Heilpflanzen, stellte Tinkturen her und bereitete schmackhafte, gesunde Salate zu. 

Ihre Kenntnisse hielt sie in einem kleinen Buch mit dem Titel „Gesundheit am Wegesrand“ fest.


Dann bekam Lady Place unerwartet Zuwachs, weil James die vornehme Pfarrerstochter Sibyl heiratete, die in das große Haus einzog und bald ihren Sohn Titus zur Welt brachte.


Ein Jahr später, 1902, verstarb Lollys Vater Everard an einer Lungenentzündung, 


Und jetzt wussten  alle, was für die inzwischen 28-jährige Laura das Beste war: 

Raus aus Lady Place, wo alles sie an ihren geliebten Vater erinnerte. Auf nach London, wo sie in Gesellschaft ihres eitlen, rigiden, herrschsüchtigen und konservativen Bruders Henry, ihrer resoluten, ordentlichen, unnahbaren und nüchternen Schwägerin Caroline und ihrer Nichten Fancy und Marion sein und Chancen haben würde, doch noch unter die Haube zu kommen.


Laura zog mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge zu ihnen und wurde dadurch zu Tante Lolly.

Dass sie nach dem Tod des Vaters zu einem ihrer beiden Brüder zog, war für die konservative Familie Willowes selbstverständlich. 

Laura hinterfragte das nicht und war bereit, kritiklos über sich verfügen zu lassen „wie ein Stück Familienbesitz, das im Testament vergessen worden war“. 


In London, wo das Wasser härter und der Winter kälter zu sein schien, gingen alle taktvoll und feinfühlig mit ihr um. Der wenig prickelnde Alltag kehrte ein, „die Bleigewichte hatten bereits ihren Kurs abwärts begonnen.“ (S. 56)


Gleichzeitig regten sich die vielfältigsten Gefühle in Laura, die es irgendwann satt hatte, Tante Lolly zu sein. Sie empfand Unmut, Unzufriedenheit, der hartnäckige Widerwille, sich verheiraten zu lassen, Unruhe, Sehnsucht, Abenteuerlust und Neugierde.


Eines Abends nach dem ersten Weltkrieg eröffnete die inzwischen 47-jährige Lolly der Familie nach vielen Jahren des Zusammenlebens beim gemeinsamen Essen plötzlich und bestimmt, dass sie nach Great Mop ziehen würde, einem abgelegenen und kleinen Ort in den Chilterns.


Dieser Umzug stellte für Laura DIE Chance dar, um ihren kontrollierenden und bestimmenden Verwandten zu entkommen, dem „Tantendasein zu entgehen“ (S. 237) und ein selbstbestimmtes und freies Leben zu führen, bis...

und jetzt verrate ich nichts mehr!


...außer, dass sich gegen Ende eine völlig überraschende Wendung ereignet. 

Ich fühlte mich regelrecht vor den Kopf gestoßen und war völlig perplex, denn mit so etwas hatte ich überhaupt nicht gerechnet. 

Aber nach und nach konnte ich mich auf diese neue Dimension einlassen. 

Meine ursprüngliche Begeisterung kehrte zurück und Bewunderung gesellte sich dazu. 

Es war und ist die Bewunderung für die Metaphorik und Symbolik, sowie für die Psychodynamik, die mir nun aus der Lektüre entgegenschlug.

Am Ende klappte ich den Roman beeindruckt zu.


Im folgenden möchte ich noch ein bisschen näher auf diese einschneidende und überraschende Wendung eingehen, durch die sich eine neue Dimension eröffnet. 

Die Autorin wechselt von der realistischen auf die fantastisch-imaginäre Ebene.

Fantastische bzw. psychopathologische Elemente halten Einzug. 

Man fragt sich, ob es nur die überbordende Phantasie der Autorin oder der Protagonistin ist oder ob sich in Laura eine wahnhafte Entwicklung vollzieht, was psychologisch durchaus nachvollziehbar wäre, weil sich die Schlinge um ihren Hals wieder zuzuziehen scheint.


Laura muss plötzlich um ihre erst neu gewonnene Freiheit fürchten und empfindet Angst, Wut und Ohnmacht... Gefühle, die durch eine Psychose gebündelt und aushaltbarer werden.


Laura findet Rettung in der Fantasie, eine Hexe zu sein.

Eine Hexe, die von einem wohlwollenden Satan, dem liebevollen Jägersmann, befreit und erlöst wird. 

Er setzt einem zwar Flausen und rebellische Gedanken in den Kopf, befreit und erlöst aber letztlich von einem Leben in Unterwerfung und Anpassung.


Die Symbolik ist einfach klasse und die Idee schlicht originell!

Es ist eine brillante Metapher:

Nur als Hexe entkommt man der Armenhausdiät und der Existenz, die einem von anderen zugeteilt wird. (S. 245)


Um die Lektüre auch nach dieser Wende weiterhin genießen zu können, „muss“ man sich darauf einlassen, auf diese neue Ebene zu wechseln und in diese fremdartige Dimension einzutauchen. 


Für eine Frau war es damals äußerst schwierig, selbstbestimmt und frei zu leben. 

Der Unterwerfung und der Anpassung konnte man nur mit viel Mut, Mühe und Opferbereitschaft entkommen... und mit Phantasie oder durch eine Psychose. 

Zum Beispiel, indem man eine Hexe wird. 


Will die Autorin uns sagen, dass es in damaligen Zeiten ebenso unwahrscheinlich war, als Frau ein selbstbestimmtes und freies Leben zu führen, wie es unwahrscheinlich war, eine Hexe zu werden?

Will sie uns aufzeigen, dass es damals für Frauen fast unmöglich war, die Ketten zu sprengen?


Die Frau der damaligen Zeit konnte sich nur der Religion zuwenden, was Unterwerfung und Anpassung bedeutete oder sich dem fantasierten Hexendasein und den Hexenkünsten widmen, um sich selbst zu verwirklichen, sich frei zu fühlen und der Langeweile zu entkommen.


Oder bestand die Lösung darin, sich nur äußerlich anzupassen, sich aber innerlich wie eine freie Hexe zu fühlen?


Wunderbare Gedankenspiele!


Ganz unaufgeregt und mit einer wunderschönen, eleganten und  bildhaften Sprache erzählt uns Sylvia Townsend Warner Lauras Geschichte, die gleichermaßen distanziert wie berührend geschrieben ist. 

Die Emotionen stecken weniger im Text, als dass sie im Leser ausgelöst werden.

Die Autorin war eine scharfsinnige, feinfühlige und psychologisch versierte Beobachterin, die das Beobachtete präzise, schön und sinnlich formulieren konnte.


Obwohl dieser zurecht als feministischer Klassiker bezeichnete Roman schon fast 100 Jahre alt ist, ist er nicht nur als Kritik an der damaligen Gesellschaft mit ihren Rollenklischees zu lesen. 

Er behandelt ein aktuelles, zeitloses und interessantes Thema. 

Auch wenn wir heutzutage gesellschaftlich gesehen schon um ein Vielfaches weiter sind, ist der beschriebene Konflikt doch leider allzu häufig ein individuelles Problem: innere Freiheit und Unabhängigkeit versus Befreiung und Selbstverwirklichung.

Das erlebe ich tagtäglich in meiner Praxis.


Ich empfehle „Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann“ sehr gerne weiter. 

Es ist ein unterhaltsames, tiefgründiges und bereicherndes Werk, das mir schon wegen seiner Sprache, aber natürlich auch wegen dem Plot und v. a. wegen der völlig unvorhersehbaren Wendungen großen Lesegenuss bereitete.




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