Szczepan Twardoch

 4.1 Sterne bei 20 Bewertungen
Autor von Morphin, Der Boxer und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Szczepan Twardoch

Perfekte Mischung von Action, Politik, Philosophie und spielerischer Leichtigkeit: Der 1979 in Schlesien geborene polnische Autor studierte Soziologie und Philosophie bevor ihm 2012 mit dem Roman „Morphin“, für den er den Polityka-Passport-Preis und den Nike-Publikumspreis erhielt, sein Durchbruch als Schriftsteller gelang. Sein hochgelobter Roman „Drach“ wurde mit dem Brücke Berlin Preis geehrt und soll ebenfalls in die schlesische Sprache übersetzt werden. Der Schriftsteller, der mit seiner Familie in Schlesien wohnt, zählt zu den herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur.

Alle Bücher von Szczepan Twardoch

Der Boxer

Der Boxer

 (8)
Erschienen am 24.01.2018
Morphin

Morphin

 (9)
Erschienen am 25.09.2015
Drach

Drach

 (3)
Erschienen am 18.08.2017
Wale und Nachtfalter

Wale und Nachtfalter

 (0)
Erschienen am 16.04.2019
Der Boxer

Der Boxer

 (0)
Erschienen am 16.04.2019

Neue Rezensionen zu Szczepan Twardoch

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Rezension zu "Der Boxer" von Szczepan Twardoch

Literarischer Faustschlag
evaczykvor 3 Monaten

Rasant, genial geschrieben und ausgesprochen brutal - in seinem neuen Roman «Der Boxer» geht der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch über zahlreiche Leichen. Er zeichnet ein - ziemlich blutiges - Sittengemälde eines Gangsterlebens der Vorkriegszeit.

Brachial, brutal, gewalttätig: Szczepan Twardochs neuer Roman «Der Boxer» ist Literatur noir mit einem schlagkräftigen Helden vom Kaliber eines Meyer Lansky. Denn der Jakub Shapiro, der Titelheld, ist nicht nur ein Boxer, er ist auch ein Gangster, die rechte Hand des «Paten» Kaplica. Der polnische Originaltitel des Buches ist «Der König» – und um zum König des kriminellen Warschaus aufzusteigen, ist Shapiro bereit, alles zu opfern.

Twardoch schreibt über Machos und Gangster, Huren und prügelnde Kunden, über Zionisten und fromme Juden. Denn Shapiro, ein Jude, hat für den Paten das Sagen in den Straßen und Gassen des jüdischen Viertels, kassiert Schutzgeld auf dem Kerelec Markt, vollstreckt brutale Strafen, rächt aber auch misshandelte Prostituierte, die unter seinem Schutz stehen. Er ist einer, der im Maßanzug rumläuft, aber auch im armen Teil des jüdischen Warschau als «einer von uns» gesehen wird. Männer bewundern oder hassen ihn, und Frauen sind ihm nur zu gerne willig.

In seiner Beschreibung des alten Muranow zeichnet Twardoch das Bild eines Warschaus, das im Zweiten Weltkrieg unterging, einer Stadt, in der Juden und Polen in zwei Welten lebten, die oft von gegenseitigem Misstrauen geprägt waren.Dieses alte Warschau existiert nicht mehr, aber für sein Gesellschaftsbild hat Twardoch sehr genau recherchiet.

Der Großteil von "Der Boxer" spielt  im Jahr 1937 –  zwei Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Es war auch die Zeit, als in Polen die Nationaldemokraten das Sagen hatten mit einer Politik, die sozusagen "Polen first" zu ihrer Maxime machte - und Pole, das hieß nur katholisch. Die vielen ethnischen und religiösen Minderheiten , die in der Vorkriegsgesellschaft ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, waren "die anderen".

In «Der Boxer» wird daher nicht nur flaschenweise Wodka getrunken und gekokst, geprügelt und gemordet – es geht auch um den 1937 eingeführten Numerus Clausus für jüdische Studenten an polnischen Hochschulen, um die sogenannten Ghetto-Bänke in Hörsälen. Die Frage der Emigration nach Palästina stellt sich auch für Shapiro – sein jüngerer Bruder, ein Zionist, drängt ihn ebenso, Polen zu verlassen, wie seine Frau Emilia. Seine ehemalige Geliebte dagegen, die Bordellschefin Ryfka, versucht ihm den Gedanken auszureden.
Das Politische und das Persönliche vermischen sich für den Boxer zu einem Durcheinander, das zu einem Strudel der Gewalt führt. Denn sein im letzten großen Kampf im Ring bezwungener Gegner gehört zu den Kämpfern der extremen Rechten, dessen Vater, ein führender Staatsanwalt, gegen den «Paten» und Shapiro kämpft. Und dann ist da noch Anna, die Schwester des Kontrahenten, die sich Shapiro als Liebhaber nimmt, um den verhassten Vater zu provozieren.

All das wäre schon temporeich, dramatisch und aktionsgeladen genug, um Leser zu fesseln. Doch Twardoch führt seine Leser auch noch mit seiner Erzählweise in die Irre. Wenn sein Ich-Erzähler Rückschau auf die Vergangenheit des Jahres 1937 hält, scheint der Verlauf der Erzählung eigentlich ganz klar zu sein.Und es gibt noch so manchen dramaturgischen Überraschungsmoment, den ich hier nicht verraten will.

Die Sprache des Buchs ist ziemlich genial, da werden Bilder gezeichnet, die Teils an die Bilder von Marc Chagall erinnern und teils an die Filme von Tarrantino.Es liegt nicht allein am Gangstermilieu, dass das Blut manchmal von den Buchseiten zu triefen scheint. Sicher kein Buch für allzu sensible Gemüter, aber sehr kraftvoll, bildstark und eindringlich.

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Rezension zu "Der Boxer" von Szczepan Twardoch

schonungslos und ehrlich
Livricieuxvor 6 Monaten

»Was willst du denn eigentlich?«
Er hörte auf zu lachen. Schwieg einen Augenblick.
»Ich will König dieser Stadt sein«, antwortete er langsam und überlegt, sprach jedes einzelne Wort sorgfältig aus. »Und ich werde König dieser Stadt sein.«
– S. 66

Im März wurde ich durch den Literatur Club von SRF auf das neue Buch von Szczepan Twardoch, Der Boxer aufmerksam. Ich war so fasziniert von der hitzigen Diskussion und dem geschichtlichen Thema des Buches, dass ich noch am gleichen Abend einen Onlineeinkauf tätigte. Und nun eine ganze Weile und diverse Lesepausen später bin ich durch mit dem Buch und hin und her gerissen, zwischen gut und schlecht, einem schonungslosen Erzähler und unerwarteten Plottwists.

Mit den Worten »Ich heiße Mojźesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und ich bin kein Mensch, ich bin ein Nichts…« beginnt die Geschichte. Wir befinden uns in Tel Aviv in einer stickigen Wohnung und ein alter Mann sitzt an der Schreibmaschine und erinnert sich an seine Jugend.
Er denkt sich zurück nach Polen ins Jahr 1937 und wie er den Boxer Jakub Shapiro kennen lernt. Dieses erste Treffen ist jedoch kein erfreuliches, Shapiro kommt nämlich im Auftrag des Paten Kaplica, weil Mojźesz‘ Vater das Schutzgeld nicht bezahlen kann. So ändert sich an jenem Tag für den Jungen alles, sein Vater stirbt auf grausame Weise, er selbst verlässt seine Familie und wird vom Boxer in dessen Familie aufgenommen. Auf diese Weise kommt der Sohn eines frommen Juden in ein kriminelles Milieu, in dem er sich vielen Formen von Gewalt gegenüber sieht, dem gnadenlosen Eintreiber von Schutzgeld, Schlägertruppen bei politischen Demonstartionen, prügelnde Ehemänner und Freier. Die Warschauer Unterwelt ist gnadenlos und nur der Stärkste überlebt.

»An dem Tag, an dem wir Marylka gerächt haben, müssen wir noch in eine weitere Wohnung eindringen, das Rad des Todes weiterdrehen, Gewalt säen und Gewalt ernten, wie beim Boxen, du steckst einen Schlag ein, gibst zurück, isst und wirst gefressen, du stammst von Gott und kehrst zu Gott zurück, du kommst aus der Erde und wirst zu Erde, wenn dich die Mikroben fressen, das ist Gewalt, alles ist Gewalt…« – S. 213

Mojźesz nimmt uns nun mit in eine Welt die von Gewalt und Unterdrückung regiert wird, zeichnet mit schonungslosen Worten Gut und Böse, Sozialisten und Nationalisten, Polen und Juden.
Den Paten Kaplica, der sein Viertel mit eiserner Hand regiert, seine Freunde unterstützt und all jene gnadenlos und brutal abstraft, die ihn verärgern.
Den in vielerlei Hinsicht begabten Boxer Shapiro, Kaplicas rechte Hand und Frauentyp, der optisch etwas hermacht und sich zu unabhängigen Frauen hingezogen fühlt. Zu Emilia, mit der er in wilder Ehe lebt, zur Bodellbesitzerin Ryfka, mit der er eine wilde Vergangenheit teilt, aber auch zur Polin Anna, der Tochter und Schwester seiner grössten Feinde.
Den Doktor Radziwilek, Kaplicas undurchsichtigen Stellvertreter, der sich nur ungern seine Finger schmutzig macht und seine ganz eigenen Pläne verfolgt.
In seiner Erzählung stockt Mojźesz Bernstein immer wieder, überdenkt seine eigenen Erinnerungen und misstraut ihnen gar. Er stellt sich immer wieder die Frage nach seiner Identität, wie bereits zu Beginn, fragt sich, ob er noch der selbe Mensch sei, wie damals.
Etwas gar merkwürdig anmuten mag das Bild des singenden Pottwals, der über den Warschauer Strassen schwebt, nur vom Erzähler wahrgenommen wird und Zweifel an dessen Ehrlichkeit aufkommen lassen.


Die vollständige Rezension kann auf meinem Blog Livricieux gelesen werden. 

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Rezension zu "Morphin" von Szczepan Twardoch

Morphin - Szcezepan Twardoch
TinaGervor 4 Jahren

Szcezepan Twardoch ist der neue Star am polnischen Literaturhimmel. Auch mir hat sein ‚Morphin’ den Atem geraubt. Ein schier unbeschreibliches Lesevergnügen. Formal vollkommen überirdisch, denn neben dem erzählenden Konstanty Willemann setzt Twardoch eine körperlose zweite Erzählinstanz, die Willemann liebt und liebkost, wie er es selbst nicht vermag. Diese Stimme kann reisen und mäandern, sie nimmt vorweg und verwirrt, sie schwankt hin und her durch die Irren und Wirren Warschaus 1939. Da ist die einst blühende Stadt plötzlich von den Deutschen besetzt und alle Freiheit erstickt. Sie ist gefangen zwischen dem verwundeten Stadtbild und den ehemals rauschenden Festen aus denen Konstanty, der Dandy, Bonvivant und Morphinist, sich nicht lösen mag. Wer ist er denn, das schöne Leben aufzugeben? Ist er nicht stolzer Pole oder doch - wie einst der Vater - Deutscher oder ganz wer anderes? Also schließt er sich dem Widerstand an und geht in den Untergrund. Eine Prüfung und auch eine Chance. Twardoch sucht und findet, er verliert seinen Protagonisten und fängt ihn wieder ein. Und das alles in dieser expressionistischen, fetten, gewinnenden Sprache, in diesen leuchtenden Bildern, die trotz Krieg und Kälte, trotz Verwüstung und Verrohung zu fesseln wissen.

Unbedingte Empfehlung und bisher unerreichtes Highlight des Jahres!

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Szczepan Twardoch wurde am 23. Dezember 1979 in Żernica (Polen) geboren.

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