Szczepan Twardoch hat sich in den letzten Jahren so unaufhaltsam durch die Epochen geschrieben, dass man sich fragen könnte, ob ihm irgendwann der Stoff ausgeht. „Sehnsucht" beantwortet diese Frage mit einer Geste, die typisch ist für den Autor: Er nimmt sich einfach noch mehr vor. Erwin Piontek, pensionierter Bergmann aus Oberschlesien, will seinen Lebenstraum einer Weltumseglung verwirklichen – im Boot auf einem Stausee, was schon für sich genommen eine hinreißend bodenständige Pointe ist. Doch kaum hat er abgelegt, reißt Twardoch die Erzählung aus den Angeln: Piontek kämpft als Soldat in Deutsch-Südwestafrika, wird von Henrik Witbooi, dem aufständischen Kaptein der Nama, gefangen genommen und gegen den Schwur einen ehemaligen Offizier der Schutztruppe zu töten, frei gelassen, ertrinkt auf der Flucht und taucht 1979 neugeboren als Double des polnischen Präsidenten wieder auf, der in einem nach rechts gerückten Europa um die Macht ringt. Ein Mann, drei Leben, ein einziges brennendes Verlangen nach Ferne und Heimat zugleich.
Wer Twardoch kennt, wird sich in diesem Buch immer wieder an vertrauten Stellen wiederfinden, ohne dass es je zur bloßen Selbstwiederholung geriete. Das oberschlesische Bergarbeitermilieu, aus dem Piontek stammt, ist unverkennbar das Terrain von „Drach" – jene Landschaft zwischen Kohle, Sprache und zerrissener Identität, die Twardoch offenbar nie ganz verlässt, weil sie ihn selbst nicht loslässt und er mutmaßlich auch Nuancen seiner eignen Familiengeschichte in seine Texte einwebt. Die Wucht der Kolonialgewalt und des Krieges als formende, oft zerstörende Kraft auf männliche Biografien kennt man aus „Der Boxer" und zuletzt aus „Die Nulllinie", wo Gewalt ebenfalls weniger Handlung als Existenzbedingung ist. Und die Idee der Reinkarnation, der Wanderung einer Seele durch mehrere Körper und Jahrhunderte, erinnert unweigerlich an „Morphium" aber auch "Drach", wo Twardoch mit ähnlicher erzählerischer Kühnheit Zeitebenen ineinanderschob. Selbst der politische Zukunftsentwurf – ein rechtsgerücktes Europa, ein Präsident im Machtkampf – setzt fort, was in „Der König von Warschau" bereits als düstere Ahnung mitschwang: Twardoch als Chronist einer Gegenwart, die er konsequent in ihre möglichen Zukünfte hinein verlängert. Auch Reminiszenzen an "Kälte" und "Demut" kann der geneigte Twardoch-Leser in "Sehnsucht" finden.
Was das Buch dennoch nicht zur bloßen Werkschau macht, ist der Ton. Twardoch erzählt mit einer Lakonie, die selbst die abenteuerlichsten Volten nie ins Alberne kippen lässt. Die Frage, die er unter der ganzen Zeitakrobatik verhandelt, ist eine denkbar ernste: Wie wird man der, der man ist, wenn man mehrfach ein anderer werden muss? Dass er diese Frage nicht auserzählt, sondern sie in der Bewegung selbst stecken lässt, ist die eigentliche Leistung des schmalen Bandes.
Ganz reibungslos liest sich das Ganze allerdings nicht. Die zweite Reinkarnation, der Sprung ins Präsidentenamt, wirkt gegenüber der sinnlich dichten Kolonial- und Bergwerksmilieu-Prosa der ersten beiden Leben stellenweise skizzenhaft, fast als hätte der Stoff für einen eigenen Roman gereicht und sei hier komprimiert worden. Wer sich auf 222 Seiten drei Leben, zwei Kontinente und mehr als ein Jahrhundert vornimmt, muss an mancher Stelle raffen. Und das spürt man. Wer aber ohnehin bereit ist, sich Twardochs Erzähltempo auszuliefern, wird auch über diese Verdichtung hinwegtragen. „Sehnsucht" ist kein Roman zum gemächlichen Verweilen, sondern einer, der einen mitreißt, bevor man merkt, dass man sich eigentlich hätte wehren wollen.