Szilárd Borbély Die Mittellosen

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Inhaltsangabe zu „Die Mittellosen“ von Szilárd Borbély

<p>Ein ungarisches Dorf, Ende der sechziger Jahre: Alle diejenigen sind noch da, die »damals« mitgemacht haben, aber auch der jüdische Ladenbesitzer Mózsi, der von der Zwangsarbeit ins Dorf und in seine ausgeplünderte Wohnung zurückgekehrt ist. Über seine ermordeten Töchter wird geschwiegen. <br />An diesem grausamen und mitleidslosen Ort wächst der junge Erzähler des Romans auf. Der Elfjährige muss schwere körperliche Arbeit verrichten, er friert und hungert. Seine Familie und er sind Außenseiter im Dorf. Von der Vergangenheit darf man nicht sprechen. Sind sie Juden? Aus Rumänien vertriebene orthodoxe Christen? Warum werden sie ausgegrenzt? <br /><strong>Szilárd Borbély schildert Kindheitsszenen aus einer erbarmungslosen Welt. In der Selbstbeobachtung des Außenseiters wächst dem Jungen ein unerhörter Scharfblick zu. Gebannt und atemlos folgt man seiner Erzählung, der es gelingt, scheinbar Unsagbares in Worte zu fassen.</strong></p>

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  • Eine Kindheit in Grautönen

    Die Mittellosen
    Makollatur

    Makollatur

    29. June 2017 um 08:21

    Mit seinem Romandebüt "Die Mittellosen. Ist der Messias schon weg?" legte der ungarische Autor Szilárd Borbély eine, wie er selbst im Anhang schreibt, "eingeschränkte[...] Fiktion" vor, einen Hybriden, bestehend aus realen Kindheitserinnerungen und erdachter Handlung. In vielen kleinen Szenen, die mehr oder weniger thematisch und zeitlich miteinander verwoben sind, schildert der Erzähler, ein Junge von unbestimmten Alter, den Alltag in einem ungarischen Dorf am Ende der 1960er Jahre. In einer sprachlichen Diktion, die von unendlicher Zerbrechlichkeit und Sensibilität geprägt ist, öffnet sich dem Leser eine Welt, die zwischen Jahrhunderte alter Tradition und den Umwälzungen der kommunistischen Revolution zerrissen wird. Der Junge und seine Geschwister leben in einer Dorfgemeinschaft, die die Eltern der Kinder nicht akzeptiert, da diese "Zugezogene" sind und darüber hinaus Nachfahren von Großbauern, sog. Kulaken. Das Dorf lebt in der abgeschotteten Welt seiner eigenen Ideale und Geschwindigkeit und lehnt Veränderungen jeglicher Art strikt ab. Individuen werden nicht geduldet und ausgegrenzt, so geschehen mit den im Dorf lebenden Juden Ende 1944, so geschehen mit der Familie des Erzählers, die sich in einer sozialen Position zwischen dem Dorfkern und den Zigeunern am Dorfrand befinden. So auch geschehen mit dem Erzähler, der keinen Anschluss findet und von den anderen Kindern geschlagen und als "Jude" beschimpft wird, da das Fremde, das Unbekannte und non-konformistische Wesen der Familie eine Zuschreibung braucht, um im Kosmos der Dorfbewohner einen Platz zugewiesen zu bekommen. Die Geschichte stellt zwei Entwürfe des Zusammenlebens antagonistisch gegenüber: zum einen die Individualität, die Einzigartigkeit des Menschen, die Freiheit der Gedanken und des Handelns. Den Wunsch nach Progression und Wandel. Auf der anderen Seite Angepasstheit, Konformismus und Verlust der Souveränität: alle Frauen sind Hausfrauen und Mütter, alle Männer arbeiten und gehen nach der Arbeit geschlossen in die nächste Kneipe. Wer sich dieser Uniformität zu entziehen versucht, wird gnadenlos ausgestoßen. Das Plus des Textes, der dem Leser ein bedrücktes Gefühl der Empathie für den Erzähler beschert, liegt aber darin, dass er ohne jede Emphase auskommt; beinahe neutral gehalten und nur mit poinierten Parteinahmen des Erzählers versehen, legt "Die Mittellosen. Ist der Messias schon weg?" das Schicksal einer Familie dar, dass sich mühelos reproduzieren und auf andere Orte und Zeiten übertragen lässt. Im Anhang des Haupttextes, der von einem kurzen, mit "Verlorene Sprache" übertitelten Kommentar des Autors beginnt, spricht dieser von dem 'Wunsch, der Frage nachzugehen, wann er den Kontakt zu seinen Eltern, zu seiner Kindheit und den gemeinsamen Erinnerungen verloren hat. Und schlussfolgert, dass zu einer vollständigen Integration immer der Verrat an der eigenen Vergangenheit gehört: "Die Migranten der ersten Generation tun alles, um die Vergangenheit zu vergessen, das Milieu, die Sprache, den Ort, den sie verlassen und den sie vergessen müssen, um erfolgreiche Migranten sein zu können. Auch das Band des Heimwehs und der Nostalgie müssen sie schonungslos zerschneiden, sonst gelingt der Versuch nicht. [...] In der zweiten Generation aber schlägt all das zurück, kommt das Geheimnis ans Licht. Denn ein Geheimnis zu haben, ist kein Segen, sagt der Talmud." Das Leben in Freiheit hat seinen Preis, doch dafür einzustehen und zu kämpfen, erfordert mehr Mut und Entschlossenheit, als sich zu fügen und den eisernen Regeln einer hermetisch abgeriegelten Gemeinschaft unterzuordnen. Insofern ist dieses Buch ein Appell an die Freiheit und ein Zeugnis einer Generation, die mit den damit verbundenen Opfern wie keine andere umzugehen gezwungen war und ist.

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  • 'Das Leben ist schwarzweiß. Oder farblos und deshalb unsichtbar.'

    Die Mittellosen
    sabatayn76

    sabatayn76

    03. April 2016 um 22:28

    Inhalt: Der namenlose Ich-Erzähler wächst Ende der 1960er Jahre in einem ungarischen Dorf auf. Seine Kindheit ist geprägt von Gewalt, Armut, Hunger, Trostlosigkeit und emotionaler Abgestumpftheit. Im Dorf sind Antisemitismus und Antiziganismus an der Tagesordnung, und auch der Ich-Erzähler und seine Familie werden geächtet und ausgegrenzt. Mein Eindruck: Szilárd Borbély beschreibt in 'Die Mittellosen' eine grausame Kindheit, die man sich kaum vorstellen kann und deren Realitätsgehalt man gerne als reine Fiktion abtun möchte. Beim Lesen des Anhangs wird jedoch schnell klar: Der Roman weist autobiografische Züge auf, und die Verarbeitung seiner eigenen Kindheitserlebnisse führten beim Autor zu einer schweren Depression, die schließlich in einem Suizid endete. Mich hat das Buch beeindruckt und sehr bewegt. Oft wollte ich nicht weiterlesen, denn der Inhalt ist nicht nur grausam aufgrund des körperlichen und emotionalen Missbrauchs sowie der Vernachlässigung, die der Ich-Erzähler erfährt, sondern wird auch bestimmt von zahlreichen Szenen, in denen Tiere gequält oder ekelerregende Dinge berichtet werden. Der eindringliche Schreibstil des Autors, der mit seinen kurzen Sätzen und der oft kindlichen Sprache perfekt den Erzählstil eines Kindes eingefangen hat, führt jedoch dazu, dass man immer weiter liest und das Buch trotz des oft abstoßenden Inhalts kaum zur Seite legen kann. Das erlebte Elend wird dabei meist beiläufig erwähnt, und der naive, kindliche Schreibstil wird bisweilen von expliziter, vulgärer Sprache abgelöst. All dies sorgt dafür, dass das trostlose Leben des Ich-Erzählers glaubhaft wiedergegeben wird, dass seine Gefühle und seine Gefühllosigkeit anschaulich gemacht werden, dass der Leser einen Einblick in das Leben des Ich-Erzählers erhält, der längst fast alle seine Gefühle in sich begraben und sich an das Grauen und die Grausamkeiten gewöhnt hat. Dieser Schreibstil Borbélys hat mich oft an die großartige Trilogie von Ágota Kristóf ('Das große Heft', 'Der Beweis', 'Die dritte Lüge') erinnert, und auch inhaltlich finden sich meiner Meinung nach Parallelen. Erwähnenswert finde ich zudem die Bezüge zu Primzahlen und die vielen Wiederholungen bestimmter Phrasen, die bisweilen wie eine Litanei wirken und dem Roman zusätzlich einen besonderen Anstrich geben.Mein Resümee:Ein trauriger und faszinierender Roman, der leider keinen Nachfolger haben wird.

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  • Szilárd Borbély - Die Mittellosen

    Die Mittellosen
    *Arienette*

    *Arienette*

    29. January 2016 um 16:38

    Inhalt: Als der Ladenbesitzer Mózsi von der Zwangsarbeit ins Dorf zurückkehrt, hat er keine Ähnlichkeit mehr mit einem Juden. Er wird nie wieder einen schwarzen Kaftan tragen. Auch kein weißes Hemd. Er fragt nicht, wohin seine Ware sich verflüchtigt hat: »Aus dem Haus sind die Möbel verschwunden, aus den Regalen die Bücher, aus den Herzen das Erbarmen.« In diesem Dorf wächst Jahrzehnte später, in den 1970er Jahren, ein Junge auf, der Erzähler des Romans. Der Elfjährige muss schwere körperliche Arbeit verrichten, er friert und hungert. Nur in der Beschäftigung mit den Primzahlen findet er sich selbst – und etwas wie das Glück der Distanz. Mit seiner älteren Schwester versucht er, die Mutter vom Suizid abzuhalten. Der Vater, Traktorist in einer LPG, versäuft das Geld und prügelt. Die Familie ist stigmatisiert. Über die Vergangenheit darf nicht geredet werden. Sind sie Juden? Aus Rumänien vertrieben orthodoxe Christen? Warum werden sie ausgegrenzt? (Quelle: Verlagsseite) Der Autor: Szilárd Borbély, 1964 in Fehérgyarmat im nordöstlichsten Winkel Ungarns geboren, debütierte 1988 als Lyriker und veröffentlichte rund ein Dutzend Gedicht- und Prosabände. Er war Hochschullehrer in Debrecen und übersetzte Lyrik aus dem Deutschen und Englischen, u.a. von Monika Rinck, Robert Gernhardt und Durs Grünbein. Mit seinem Romandebüt Die Mittellosen hat er sich an die Spitze der ungarischen Gegenwartsliteratur geschrieben. Im Februar 2014 nahm er sich das Leben. (Quelle: Verlagsseite) Mein Eindruck: "Wir gehen und schweigen. Dreiundzwanzig Jahre trennen uns. Die Dreiundzwanzig kann man nicht teilen.Die Dreiundzwanzig ist nur durch sich selbst teilbar. Und durch eins. So ist die Einsamkeit zwischen uns. Man kann sie nicht in Teile zerlegen. Man schleppt sie als Ganzes mit sich." Damit beginnt der semi-autobiografische Roman des Lyrikers Szilárd Borbély, der sich 2014 das Leben nahm. Angesiedelt ist der Roman im ungarischen Nordosten in einem kleinen Dorf am "Waldrücken". Der junge Ich-Erzähler ist fasziniert von den Primzahlen - bei ihnen findet er Halt in einer archaischen Gesellschaft, in der seine Familie und er Außenseiter sind aufgrund ihrer Herkunft. Zugewandert aus Rumänien, sprechen sie ein anderes Ungarisch.Der Vater gilt als Kulakensohn und uneheliches Kind des Dorfjuden. Zu fünft teilen sie sich ein Zimmer mit nacktem Erdboden. Der Vater verliert seine Arbeit bei der LPG und muss dann nach einer Morddrohung aufgrund seiner Herkunft ins Nachbardorf ziehen. Die Mutter bleibt mit den drei Kindern im Elend zurück und versucht diese durchzufüttern. Die Kinder passen auf ihre Mutter auf, da sie immer wieder Todesgedanken verfällt und mit Selbstmord droht. Ihre Laune wechselt ständig, doch oft herrscht Stille und die ist unerträglich. Die Kinder müssen die Eltern siezen; lernen früh, den Schlägen auszuweichen und wie man Hühner schlachtet. Grausam ist man auch gegenüber Tieren, die nicht zum Spielen und Streicheln da sind. Jungkatzen und Jungvögel müssen getötet werden; Bauernkindern wird das Träumen abgewöhnt, indem man Kätzchen neben den Schlafenden langsam zu Tode schlägt. Aberglaube, Erbarmungslosigkeit , Trunksucht herrschen, das Gesetz des Stärkeren zählt. Aus kindlicher Sicht werden einzelne Szenen erzählt, der Alltag im Dorf, in der Kneipe, bei den Großeltern. Mit dem Roman geht Szilárd Borbély den Verwüstungen nach, die Krieg, Nazikollaboration und Kommunismus angerichtet haben. Im Anhang befinden sich zwei Essays des Autoren, in denen er über Sprache und Erinnerung schreibt. In ihm sind viele Fragen aufgekommen, seit seine Mutter Opfer von Raubmördern wurde. Auch sein Vater konnte keine Antwort geben. Die gemeinsame Sprache war bis dahin schon längst verloren.Szilárd Borbély fragt sich, warum seine Eltern zu Opfern wurden. Außerdem kann man im Anhang Erinnerungen der Übersetzer Heike Flemming und Lacy Kornitzer an Begegnungen mit Szilárd Borbély lesen. Der Roman hat mich noch nach dem Beenden beschäftigt und nicht nur wegen der Gedanken über die Auswirkungen auf die kindliche Psyche bezüglich der Selbstmordgedanken der Mutter oder auch solcher Sätze wie "Ich habe dich rausgeschissen. Ich werde mich doch nicht mit meiner Scheiße streiten." (S. 169)

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