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Babscha

vor 10 Monaten

(36)


Es ist Anfang Februar 2012, als die fünfundzwanzigjährige Alice Salmon unter ungeklärten Umständen in ihrer Studienstadt Southampton an einem Wehr im eiskalten Fluss Dane ertrinkt. War es ein Unfall, Selbstmord oder gar ein Verbrechen? Die Polizei steht vor einem Rätsel und die Spuren verwischen immer mehr. Über viele aneinandergereihte, aber konsequent strukturierte und verschachtelte Briefe, Blogeinträge, Forenstränge, Protokollauszüge usw. verschiedenster Beteiligter aus Alices Umfeld (anstelle eines stringenten Handlungsstrangs in klassischer Romanform) gewinnt die Figur der jungen Frau zunehmend an Form und der Leser lernt sie mit all ihren Stärken und Schwächen und inneren wie äußeren Dämonen immer besser kennen. Aber auch sehr genau die ihrer Freunde, Bekannten, ehemaligen Professoren und Familienmitglieder. Und da tun sich teils Abgründe auf, die weit in die Vergangenheit zurück reichen.

Richmond ist mit seinem Erstlingsroman ein echt guter und auf dem zeitgemäßen Level der heutigen Kommunikationstechniken angesiedelter Wurf gelungen. Die ständig wechselnden Berichts- und Erzählebenen lockern das Ganze auf und machen die Lektüre interessant, auch wenn der Autor hier fast schon etwas zu viele Zufälle, schicksalhafte Begebenheiten und Verflechtungen reinpackt. Neben seiner offenkundigen und ideenreich vorgetragenen Kritik an den sensationsgeilen und korrupten englischen Medienlandschaften, die in ihrem Kommunikationswahn jede Spekulation und Vermutung so lange biegen, bis sie dem Konsumenten als Fakt präsentiert wird (aber das können andere ja auch), zerrt er hier auch so ziemlich jede denkbare menschliche Schwäche und Verfehlung über seine Protagonisten ins Rampenlicht. Eine klare Trennung zwischen Gut und Böse findet nicht statt, alle versuchen, mit ihren ganzen eigenen Zwängen, Trieben und Neurosen in der Grauzone menschlichen Brackwassers den Kopf oben zu halten. Auch wenn man hier manchmal meinen könnte, dass gerade englische Jugendliche absolut nichts anderes im Kopf haben als Party, Sex und Komasaufen. Na ja, bisschen Klischee muss eben auch sein. Interessantes Buch, auch wenn mich das Ende dann irgendwie nicht so ganz zufrieden stellen konnte.

Autor: T. R. Richmond
Buch: Wer war Alice
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