Diese Dinge geschehen nicht einfach so

von Taiye Selasi 
4,1 Sterne bei51 Bewertungen
Diese Dinge geschehen nicht einfach so
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (37):
Nachtfalter89s avatar

Mein Lieblingsbuch. Absolut zu empfehlen. Es ist wunderschön geschrieben und hat eine sehr spannende und bewegende Story.

Kritisch (6):
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Abgebrochen, konnte mich so gar nicht interessieren. Aber nette Sprache...

Alle 51 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Diese Dinge geschehen nicht einfach so"

Es war das Buch des Jahres 2013, am meisten und am besten besprochen. Eine wahre Entdeckung: Sechs Menschen, eine Familie, über Weltstädte und Kontinente zerstreut. In Afrika haben sie ihre Wurzeln und überall auf der Welt ihr Leben: London, Accra, New York. Bis plötzlich der Vater in Afrika stirbt. Nach vielen Jahren sehen sie sich wieder und machen eine überraschende Erfahrung. Endlich verstehen sie, dass die Dinge nicht einfach ohne Grund geschehen. So wurde noch kein Familienroman erzählt.Taiye Selasi ist die neue internationale Stimme - jenseits von Afrika.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783596193332
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:400 Seiten
Verlag:FISCHER Taschenbuch
Erscheinungsdatum:26.06.2014

Rezensionen und Bewertungen

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    Gruenentes avatar
    Gruenentevor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Einfühlsames Buch über Heimat, Familie, Leben und Tod.
    Was bedeutet Familie?

    Meine Rezension befindet sich auf meinem Blog!
    http://leckerekekse.de/wordpress/diese-dinge-geschehen-nicht-einfach-so/

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    Corsicanas avatar
    Corsicanavor 4 Jahren
    Kurzmeinung: eine kosmopolitische Familiengeschichte
    Eine kosmopolitische Familiengeschichte mit Wurzeln in Afrika

    Ein ehemals erfolgreicher Chirurg stirbt frühmorgens im Garten seines  Hauses in seiner Heimat Ghana. Dorthin ist er nach einem dramatischen Karriereknick als Arzt in den USA zurückgekehrt und hat dafür seine Frau Fola, eine gebürtige Nigerianerin und seine vier Kinder verlassen.

    Sein Sterben wird - stilistisch sehr gelungen - für Erinnerungen an seine Kinder und an seine Frau genutzt, alleine diese Schilderungen lohnen die Lektüre.  Dies nimmt den langen ersten Teil des Buches ein, der zweite Teil handelt dann von den Kindern, die sich in Amerika treffen um gemeinsam zur Beerdigung ihres Vaters zu reisen. In diesem Teil wird auch das aktuelle Leben der Kinder erläutert - alles in wechselnden Perspektiven und in einem weiterhin eher assoziativen Stil.

    Im letzten Teil trifft sich dann die gesamte Familie in Ghana, wo die Mutter der Kinder kürzlich hingezogen ist. In diesem Teil ist die Erzählweise etwas chronologischer und trotz des Trauerfalls gibt es schöne und positive Szenen und Beschreibungen.

    In Afrika werden die Wurzeln der Familie aber auch die Gründe für die seltsame, gefühlte Heimatlosigkeit der Familie sichtbar. Und indem Geheimnisse und Wurzeln sichtbar und Thema werden, können die einzelnen Familienmitglieder ihre Situation verstehen und akzeptieren und versuchen, ihr Leben aufzubauen.

    Es gibt einiges im Hintergrund, das nie richtig angesprochen wurde: Die Flucht er Eltern aus politischen Gründen (Mutter), aus der Armut (Vater) und der Versuch, in Amerika ein klassisches Familienidyll zu gestalten. Dafür wird erfolgreich studiert, viel gearbeitet, an der Karriere als Chirurg gebastelt, die Kinder werden auf gute Schulen geschickt, irgendwann ist auch genügend Geld da für ein eigenes schönes Haus in einer guten Gegend. Aber es ist alles ein Bild, an dem gearbeitet wird, die Basis fehlt - denn bei der ersten größeren Erschütterung (der Vater verliert aufgrund eines Kunstfehlers seine Stelle) zerfällt die Familie und wird auseinandergerissen. Der älteste Sohn darf weiter auf seine teure Schule gehen, das jüngste Kind ist noch klein und darf Zuhause bleiben - nur für die beiden mittleren Kinder, Zwillinge, ist kein Geld und kein Platz, sie werden zurück nach Afrika zu Verwandten geschickt und kommen traumatisiert zurück.

    Alle Kinder versuchen, den Weg der Eltern zu vervollständigen, alle sind begabt, erfolgreich im Studium und im Beruf - und doch seltsam verloren. Erst in Ghana lernen sie mehr über sich und ihre Familie.

    Dieses Buch zeigt, wie es Menschen geht, die aus verschiedenen Gründen ihre Heimat verlassen und wie dies sich auf die nächsten Generationen auswirkt. Es wird deutlich, dass die Geschichte und die Wurzeln einer Familie wichtig sind - und dass Familiengeheimnisse geklärt werden müssen. Und, dass es nicht möglich ist  Wurzeln und Herkunft einfach hinter sich zu lassen.

    Weltweit leben und lebten immer Menschen im "Exil" - lediglich bei Deutschen ist dies in den letzten Jahrzehnten eher selten so gewesen, daher ist uns Deutschen dieses Thema recht fremd - unser Umgang mit dem "Fremden" daher unsicher.

    Dieses Buch zeigt die Problematik aber auch die Möglichkeiten der Emigration.

    Für mich war sehr interessant, dass im Buch das Kernproblem Afrikas so definiert wurde, dass dort die Väter die Familien verlassen - und auch hier verlässt der Vater die Familie - und sein Sohn wird am Ende des Buches sagen, dass er es besser machen will. Die Familie wird von den Frauen zusammengehalten - soweit es eben geht, wie auch hier in dieser Geschichte  Eine durchaus weltweit zu beobachtende Realität.

     

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    WildRoses avatar
    WildRosevor 4 Jahren
    Eigenwilliger Schreibstil; Spannung fehlt teilweise

    Nach der Lektüre von Romanen wie "Americanah" entschied ich mich, "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" ebenfalls eine Chance zu geben. Ich erwartete eine interessante, informative Familiengeschichte, in der man mehr über das Leben einer afrikanischstämmigen Familie in Amerika erfährt. Zugleich hofte ich auf eine emotionale, vielschichtige Handlung. Leider wure ich von "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" letztendlich ein wenig enttäuscht.
    Der Schreibstil der Autorin ist sehr gewöhnungsbedürftig: lange, verschachtelte Sätze lassen das Buch zwar an manchen Stellen sehr lyrisch erscheinen, doch oft wird die Handlung von diesem eigensinnigen Schreibstil in den Hintergrund gedrängt und man hat das Gefühl, wieder und wieder dieselben Passagen zu lesen. Dadurch verliert die Geschichte leider an Spannung.
    Hineinversetzen kann man sich in die Personen ebenfalls nur bedingt: Vielleicht hat die Autorin sich hier einfach zu viel vorgenommen. Vier Geschwister, darunter Zwillinge, müssen charakterisiert und auf ihrem Weg begleitet werden, hinzu kommen noch deren Eltern. Hatte man sich an eine Figur gerade ein wenig gewöhnt, wurde diese schon wieder fallengelassen und man wurde in das Leben des nächsten Protagonisten mit hineingerissen. So erhält man zwar einen ganz guten Überblick über die einzelnen Personen, kann sich aber nicht wirklich in sie hineindenken, sondern erlebt sie, als befänden sie sich hinter einer dicken Glaswand, durch die man recht angestrengt hindurchspähen muss.
    Das große "Geheimnis", auf das in diesem Buch immer wieder angespielt wird, ist zwar schockierend und aufrüttelnd, doch fragt man sich hier, ob es für die Geschichte tatsächlich notwendig war oder ob die Autorin nicht einfach nur um jeden Preis noch eine Prise Drama in die Handlung hineinzwingen wollte.
    Das Buch lässt sich zwar ganz flüssig lesen, doch leider wirken die einzelnen Personen eher eindimensional und konstruiert, auch aus der Handlung hätte man mehr machen können.

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    catbookss avatar
    catbooksvor 5 Jahren
    Eine schwere Kost...

    Schon nach den ersten 20 Seiten habe ich gemerkt, dass mir das Lesen des Buches nicht gerade leicht gefallen ist. Es ist eine recht schwere Kost, die mir durch den verwirrenden Schreibstil nicht gerade leichter gemacht wurde. Zeitlich und personell erlebt der Leser hier immer wieder einige Sprünge, die wirklich nicht immer einfach nachzuvollziehen sind. Vielleicht mag es auch eher daran liegen, dass ich meistens eher einfach geschriebene Romane lese, doch da habe ich auch Zeitsprünge und einen Wechsel der erzählenden Personen.

    Durch meine Probleme die Familienmitglieder auseinander zu halten (ein Personenregister wäre wirklich hilfreich gewesen!) bin ich zusätzlich auch nicht wirklich in Fahrt gekommen. Wer ist wer und wer wohnt jetzt auf welchem Kontinent und in welcher Stadt?!? Sorry, aber  es war wirklich anstrengend. Wenn ich mal dachte, dass ich richtig in der Geschichte drin bin, wurde meine Illusion durch die nächste Situation vollkommen zerstört, denn dann schien auf einmal wieder alles anders.  In diesen Minuten konnte ich den wirklich schönen Schreibstil der Autorin genießen! Ich hatte dennoch das Gefühl mich im Kreis zu drehen und an keiner Stelle wirklich vorwärts zu kommen. Die Zusammenführung der Familienmitglieder durch den Tod des Vaters in Afrika ist doch sehr dürftig und bei weitem weniger als das, was ich mir vorgestellt habe. Ich habe gedacht, dass mich hier ein berührender Familienroman erwartet, der im Hintergrund noch etwas über das Leben in Afrika in Bezug auf das Leben in den anderen Städten der Welt verrät. Doch von beiden war hier leider nicht immer etwas zu spüren. Sehr schade!!

    Das Cover ist jetzt nicht wirklich spektakulär und nicht besonders aussagekräftig, aber gerade die Schlichtheit mag ich. 

    Fazit:

    Ich weiß nicht so recht, ob ich das Buch empfehlen kann oder nicht. Auch wenn mir die Geschichte zu verwirrend war, so war der Inhalt trotzdem interessant und besonders diejenigen unter euch, die gerne Geschichten lesen, die in Afrika spielen, werden hier bestimmt auch auf ihre Kosten kommen. Ich kann euch an dieser Stelle einfach nur raten euch selbst ein Urteil zu bilden und zu entscheiden, ob dieses Buch etwas für euch sein könnte oder auch nicht.

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    Nils avatar
    Nilvor 5 Jahren
    Kurzmeinung: Ein fulminantes Werk, dass man lesen sollte, wenn man Familiengeschichten und gute Literatur liebt!
    Eine zerrüttete afropolitische Familie.

    Eine afropolitische Familie die es in den USA zu großem Erfolg gebracht hat, reißt es durch ein Ereignis auseinander und das Idyll ist dahin. Der Vater ursprünglich aus Ghana, die Mutter aus Nigeria. Zusammen erziehen sie 4 wundervolle, sehr begabte Kinder. Erst einen Sohn, dann die Zwillinge (Mädchen und Junge) und zum Schluss das Frühchen.

    Taiye Selasi hat mit ihrem Debütroman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ (‚Ghana must go‘) für Wirbel in der internationalen Literurkritikerwelt gesorgt. Ein hochgelobtes Werk, dass scheinbar ein Must-Read ist für jeden der gerne gute Bücher liest. Durch die vielen sehr guten Kritiken hatte ich naturgemäß eine sehr hohe Erwartungshaltung, die mir zu Beginn den Lesespaß etwas verdarb.

    Ich „quälte“ mich förmlich durch den ersten Teil „Abschied“, der von dem Tod des Familienvaters handelt. Gute Passagen, gut geschrieben und übersetzt, aber, wie schon erwähnt, durch die sehr hohe Erwartungshaltung, lies die Überwältigung auf sich warten. Im Nachhinein natürlich ein fulminanter Auftakt der sich geschmeidig in ein grandioses Gesamtkunstwerk eingliedert.

    Ab dem zweiten Teil „Aufruhr“ in dem es um die verbleibenden 5 Familienmitglieder geht und wie sie leben, was sie denken, wie sie den Tod des Vaters aufnehmen, war ich gefesselt. Vor allem ist die Erzählweise dieses Romans außergewöhnlich. Was die Familie antreibt, was die einzelnen Personen erlebt haben und wie sie zueinander stehen, dass alles wird nicht chronologisch erzählt. Nein, peu á peu erfährt man mehr und versteht die Einzelnen sehr viel besser.

    Der dritte Teil „Aufbruch“ zeigt dann die Wiedervereinigung. Auch hier sprachlich eine interessante Wendung. Es gibt dieses Mal nicht nur einzelne Kapitel, nein auch Unterkapitel die jedes Mal die Perspektive wechselt. Ein jedes Familienmitglied wird abwechselnd in den Fokus gerückt.

    Sprachlich sehr schön und mit vielen interessanten, wenn auch manchmal etwas bissigen, Beobachtungen des Lebens gefüllt. Wie beispielsweise über Ling, einer der angeheirateten Frauen: ‚Wenn sie nicht hübsch wäre, fände man sie nervig. Aber stattdessen ist die niedlich.‘ (S. 270)

    Auch mein Fazit ist, wie das vieler anderer, dass es ein sehr guter Roman ist. Vielleicht sollte man die überschäumenden Kritiken nicht allzu ernst nehmen, dann kann man den Roman als solchen besser genießen und wertschätzen.

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    Gospelsingers avatar
    Gospelsingervor 5 Jahren
    Familiengeheimnisse tun nicht gut

    Kwaku steht nachts leise auf, um seine neue Frau nicht zu wecken, steht barfuß im Garten seines ungewöhnlichen selbstentworfenen Hauses in Ghana und stirbt an einem Herzinfarkt. Diese Dinge geschehen einfach so.
    Aber in diesem Fall hätten diese Dinge nicht einfach so geschehen sollen. Denn Kwaku ist ein ausgezeichneter Bostoner Chirurg und hätte die Anzeichen eines Herzinfarkts so rechtzeitig erkennen müssen, dass noch genügend Zeit gewesen wäre, sein Leben zu retten. Und wo sind eigentlich seine geliebten Pantoffeln?
    Kwakus Tod wirft ähnlich viele Fragen auf, wie sein Leben. Warum hat er seine Frau Fola, die Mutter seiner vier Kinder, verlassen, und damit verursacht und in Kauf genommen, dass die Familie getrennt und in alle vier Winde verstreut wird? Musste er wirklich seinen guten Job in Boston verlassen, weil er einen tödlichen Behandlungsfehler begangen hat oder wurde er aus rassistischen Gründen zum Sündenbock gemacht? Denn die afrikanischen Immigranten werden zwar als „Zukunft der Wissenschaft“ gesehen (S. 150), gleichzeitig werden afrikanische Männer jedoch auch für die Rückständigkeit des afrikanischen Kontinents verantwortlich gemacht, weil sie als Väter versagen (S. 152).
    Auch Kwaku versagt als Vater, denn nach seinem plötzlichen Weggang zerfällt die vorher so heile Familie. Die Zwillinge Taiwo und Kehinde werden zu ihrem Onkel geschickt, weil ihre Mutter Fola sich die Kosten für ihre Ausbildung nicht mehr leisten kann; die kleine Sadie und der älteste Bruder Olu, der sein letztes Highschool-Jahr absolviert, dürfen bei ihr bleiben. Das hat schwerwiegende Folgen für Taiwo, denn Töchter, die von ihren Müttern verraten werden, hören auf, Mädchen zu sein, schreibt Selasi. (S. 344)
    Die Kinder wachsen zu nach außen hin erfolgreichen Erwachsenen heran, aber im Innern sind sie zerrissen. Sie alle haben Probleme mit Beziehungen und mit der Tatsache, dass sie keine familiäre Sicherheit erlebt haben, sich nirgends zuhause fühlen, nicht wissen, wo sie hingehören. Sie sind und bleiben immer Außenseiter.
    Dieses Außenseitertum, dieses Gefühl, nicht dazu zu gehören, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Kompensiert wird es durch eine Überangepasstheit, durch ein Streben nach Perfektion, in der Hoffnung, dadurch doch noch ein Gefühl des Angekommenseins entwickeln zu können.
    Zum Beispiel sind Olu und seine Freundin Ling „zwei Roboter, Titel hamsternde, Stipendien gewinnende, Gutes tuende Androide, ein Beispiel an Perfektion, Neue-Immigranten-Perfektion, belohnte Feigheit.“ (S. 161)
    Sadie fühlt sich einsam, weil sie nicht so hübsch ist, wie die anderen, und Kehinde, der mit dem Bus zu einer besseren Schule in einem anderen Stadtteil transportiert wird, steckt deswegen zwischen zwei sozialen Schichten und gehört nirgendwo richtig dazu.
    Taiwo und Kehinde sind die größten Verlierer der Trennung ihrer Eltern. Sie haben bei ihrem Onkel Furchtbares erlebt, jedoch nie darüber reden können. Das ändert sich erst, als die Familie sich zur Beerdigung Kwakus in Ghana trifft. Erst hier kann die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Fola und Taiwo bearbeitet werden.
    Die im Buch nach und nach enthüllten verborgenen Geschichten der Protagonisten zeigen einmal mehr, wie gefährlich Familiengeheimnisse sein können. Es ist schade, dass erst der Tod die Familie wieder zusammen bringt und dass die vielen Missverständnisse und Verletzungen, die bei ihrem Treffen zutage treten, nicht schon vorher beseitigt wurden. Dieser Familie fehlt der materielle Reichtum als Anker, das gemeinsame Interesse an Geld, das reiche Familien zusammen hält, konstatiert die Autorin. So konnte es geschehen, dass die Kontakte der Familienmitglieder zueinander abbrachen, dass nie über die traumatischen Ereignisse der Trennung gesprochen wurde.
    Taiye Selasi hat einen wunderbar lyrischen Schreibstil, kluge Gedanken und einen außergewöhnlichen Blickwinkel auf die Dinge des Lebens. „Der einzige Sinn einer Beziehung ist es, in Kleinformat das `ganze verdammte Drama´ von Leben und Tod durchzuspielen. Die Liebe wird geboren, wie ein Kind geboren wird. Die Liebe wächst heran, wie ein Kind heranwächst. Ein Mensch weiß genau, dass er sterben muss, aber weil er nur das Leben kennt, glaubt er nicht an den Tod. Dann erkaltet die Liebe eines Tages. Das Herz der Liebe hört auf zu schlagen. Die Liebe fällt tot um. Auf diese Weise lernt der Mensch, dass der Tod Wirklichkeit ist, dass der Tod auch in seinem Dasein existieren kann, sein eigener Tod. (…) Der Tod muss im Herzen stattfinden, damit man an ihn glaubt. Nachdem die Liebe gestorben ist, glaubt der Mensch an seinen Tod.“ (S. 381f)
    Die Autorin webt geschickt afrikanische Mythen in ihre Geschichte ein, zum Beispiel den Mythos um die Entstehung von Zwillingen und die Gewohnheit, Neugeborenen, die es nicht schaffen werden, gar nicht erst einen Namen zu geben. Auch die magische Wirkung von Trommeln und Tanz (ja, die gibt es wirklich!) spielt eine Rolle, für Sadie sogar eine entscheidende.
    Ich habe für dieses Buch ungewöhnlich lange gebraucht. Nicht, weil es schwierig oder anstrengend zu lesen oder sogar langweilig wäre, (ganz im Gegenteil!), sondern weil das Lesen dieses Buches für mich ein interaktives Erlebnis war.
    Taiye Selasi lässt die Atmosphäre Ghanas so lebendig werden, dass ich andauernd an meinen dortigen mehrmonatigen Familienaufenthalt erinnert wurde. So kamen mir also regelmäßig die Sehnsuchtstränen, wenn die Autorin beschreibt, wie gut diese (normalerweise fürchterlichen) Feinripp-Unterhemden an afrikanischen Männern aussehen (stimmt!), wenn im Buch Mangos frisch vom Baum gegessen werden (ein Genuss, der meilenweit von dem entfernt ist, was in unseren Läden als angeblich reife Mango verkauft wird!), wenn gari gegessen wird, die gesündeste und leckerste Art des Fast Food, oder soft coco, die ganz frische Kokosnuss, deren Fruchtfleisch noch weich und saftig ist und deren Kokoswasser so gut erfrischt, wenn dazu Milo (Kakao) oder Malta (Malzbier) getrunken wird, wenn die Menschen sich mit „chalé“ begrüßen (abgeleitet von „Charly“, gemeint sind die Briten) oder „I go come“ sagen, „ich gehe (kurz weg) und komme (irgendwann wieder)“, und im Roman der Song „Sweet Mother“ in meiner Lieblingsversion erwähnt wird. Kurz gesagt, die Genüsse, die Ghana zu bieten hat, werden hier plastisch geschildert, fast fühlbar. Dieses Buch ist daher ein guter Anlass, sich mit einem herrlichen Land zu beschäftigen.
    Vor allem aber zeigt dieser empfehlenswerte Roman auf, wie normal es geworden ist, sein Geburtsland zu verlassen, Verwandte und Freunde auf unterschiedlichen Kontinenten zu haben, mehrere Heimaten zu besitzen und sich seine Identität selbst aus mehreren Kulturen zusammenbasteln zu müssen. Das ist anstrengend, hat aber auch einen ganz eigenen Reiz. Und es ist für immer mehr Menschen, von Taiye Selasi „Afropoliten“ genannt, eine Realität, mit der sie tagtäglich umgehen müssen.

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    Claris avatar
    Clarivor 6 Jahren
    Familie in Not!

    Inspiriert von Toni Morrison hat Taiye Selasi sich an ihren ersten Roman gewagt. Er beinhaltet eine Familiengeschichte und ist ein seltenes Gemisch aus Trauer, Wirklichkeit und Erinnerung.

     

    Kweku Sai, ein aus Ghana stammende Arzt und Familienvater, stirbt eines Tages einfach so. Man findet ihn eines Morgens im feuchten Gras. Er ist erst 57 Jahre alt und niemand begreift, wie er so unauffällig sterben konnte. War er doch ein hervorragender Arzt, der die Vorzeichen eines Infarkts hätte bemerken können. Er lebte zuletzt in Ghana mit seiner zweiten Frau Ama.

     

    Warum ist er vor 16 Jahren zurückgekehrt in das Land seiner Väter?

    Das ist die Ausgangslage für einen Familienroman der seinesgleichen sucht.

     

    In langen assoziativen Passagen erlebt man Kweku als jungen Arzt in Amerika mit seiner Frau Fola und den vier gemeinsamen Kindern.

    Die Erinnerungen an sein Herkunftsland Ghana sind stets gegenwärtig. Seine letzte heiße, urwüchsige und einfache Behausung in Ghana steht gegen ein schönes, großes und praktisches Haus in Boston/Amerika. Kweku arbeitete leidenschaftlich gerne. Er rettete Menschen -und Säuglingsleben, so auch das seiner jüngsten Tochter Sadie.

     

    Als schweren Schicksalsschlag erreicht den berühmten und hervorragenden Arzt Kweku aufgrund einer Intrige eines Tages die Kündigung aus seinem erfolgreichen Job. Nachdem die Prozesse, die er gegen die Kündigung angestrengt hat, verloren sind, kehrt er beschämt und verarmt seiner Frau und den vier Kindern den Rücken und verschwindet unauffindbar. Er lebt bis zu seinem frühen Tod in Ghana.     

    Die Kinder machen auf verschiedene Weise ihren eigenen Weg. Die je eigenwilligen Berufswege zeigen sie als außergewöhnliche und individuelle Charaktere. Fola bleibt allein.

     

    Der Tod Kwekus führt die Familienmitglieder nach vielen Jahren alle noch einmal in Ghana zusammen.

     

    Insgesamt ist die Geschichte traurig. Die bürgerliche Ordnung, die Kweku und seine Frau anstrebten, geht unter der Infamie einer Intrige und bodenloser Beschuldigungen gegen den erfolgreichen Chirurgen zugrunde. Auch rassistische Elemente spielen hier keine geringe Rolle.

     

    Freie Assoziationen bilden den Humus, auf dem die Geschichte entwickelt wird. Es gibt keinen durchgehenden Erzählstrang. Wie im Traum folgt man Erinnertem mit Gegenwärtigem. Über Kontinente und Großstädte hinweg bleibt die Familie zwar verbunden. Innerlich jedoch geht ein Riss durch ihr Leben.

     

    Als folgte man einer sporadisch ablaufenden Gedankenkette, findet man sich in einer Erzählform wieder, in der es Wärme, Liebe und Geborgenheit neben Ehrgeiz und Erfolg und Verlorenheit gibt. Hat man sich einmal in die poetischen Feinheiten, die zwischen den Ereignissen zu finden sind, eingelesen, kann man sich der Faszination der Erzählung nicht mehr entziehen. Hingerissen lauscht man den atmosphärischen Klängen, mit denen man in die wechselnden Stimmungen und das Ambiente hineingezogen wird.

     

    Ein außergewöhnlicher Roman ist Tayie Selasi gelungen. Nicht umsonst wird sie als „neue internationale Stimme jenseits von Afrika“ gepriesen.

    Ihre Vorfahren stammen selber aus Ghana. Sie wuchs in London und Massachusetts auf. Ihre Eltern waren Bürgerrechtler und Ärzte.

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    Nachtfalter89s avatar
    Nachtfalter89vor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Mein Lieblingsbuch. Absolut zu empfehlen. Es ist wunderschön geschrieben und hat eine sehr spannende und bewegende Story.
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    gantenbeyns avatar
    gantenbeynvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Sprachlich dichte und wunderschöne Faliensaga zwischen Afrika und den USA
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    hannipalannis avatar
    hannipalannivor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine Geschichte über eine Familie aus Afrika. Über das Nicht-Ankommen, über die Liebe und den Tod. Unglaublich traurig, schön erzählt.
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    Dieser Roman ist nicht nur einfach eine lesenswerte Geschichte mit Ethno-Touch, sondern Weltliteratur, und zwar im doppelten Sinn des Wortes.

    Selasis Sprache ist ein Wunder an Emotion und Intelligenz, an Härte und Wärme, extravagant überschäumend, um die dunkelsten Winkel der Seele zum Klingen zu bringen.

    Sie schreibt so berührend, fast poetisch, dass es ihr gelingt, Fantasie und Gedanken ihrer Leser anzuregen wie es nur ein Buch vermag.

    Der Roman ist einfach voller Schönheit und grandios geschrieben.

    Umwerfend ist die Multiperspektivität, die Taiye Selasi in ihrem Roman gelingt – selten hat man so tief, weil differenziert, in eine Familie schauen können.

    Ihre Sprache ist klar, melodisch und aufgeladen wie eine knisternde Stromleitung. […] Selasi gelingt das Kunststück, den Leser mit dieser Familie mitleiden zu lassen.

    wie Taiye Selasi […] den Puls ihrer gebrochenen Herzen zum Donnern bringt, diesen versteinerten Schmerz ihrer Entwurzeltheit aufbröselt […], das ist schlicht atemberaubend.

    Selasis unglaublich stilsicheres, sprachlich hochvirtuoses Buch ist so etwas wie der erste afropolitische Roman.

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