Tanja Kinkel Schlaf der Vernunft

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Inhaltsangabe zu „Schlaf der Vernunft“ von Tanja Kinkel

Die 68er Jugend-Revolution eskaliert. Die RAF entsteht. "Schlaf der Vernunft" ist der große RAF-Roman von Bestsellerautorin Tanja Kinkel.
Nach fast zwei Jahrzehnten ohne Kontakt fällt es Angelika Limacher schwer, sich nach der Begnadigung ihrer Mutter Martina auf sie einzulassen. Zu sehr lastet die Vergangenheit auf ihrer Seele: Angefangen mit dem plötzlichen Verlust ihrer Mutter, als diese in den Untergrund ging, bis hin zum Kontaktabbruch, als Martina im Gefängnis sitzend von heute auf morgen ihre Tochter nie wiedersehen wollte. Brennende Fragen nagen an Angelika: Wie konnte ihre liebevolle Mutter nur zu einer kaltblütigen Terroristin werden? Und kann sie Martina wieder gefahrlos in den Kreis ihrer Familie aufnehmen? Aber auch das Leid der Opfer verjährt nie, und so suchen auch die Söhne von Martinas Opfern nach Antworten: Warum mussten ausgerechnet ihre Väter sterben? Und wer hat damals wirklich geschossen?

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— hans-bubi

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Bibliomarie

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  • RAF: Täter, Opfer und Angehörige

    Schlaf der Vernunft

    itwt69

    02. April 2017 um 15:05

    Schlaf der Vernunft ist eine außergewöhnliche Aufarbeitung der 68-er Revolte. Nicht nur die Entwicklung vom linken Studenten zum Sympathisanten und schließlich zum Terroristen, sondern auch das Leid der Angehörigen dieses Abschnitts der deutschen Geschichte werden eindrucksvoll wiedergegeben. Schuld, Vergebung oder Rache - was begleitet die Tochter einer Mörderin oder den Sohn eines Opfers wirklich?

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  • Ein hervorragendes Buch

    Schlaf der Vernunft

    WinfriedStanzick

    26. January 2017 um 11:21

    Tanja Kinkel, geboren 1969, ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen in unserem Land.  In über ein Dutzend Sprachen übersetzt, feiern ihre Romane auch im Ausland große Erfolge. Thematisch hat sie bisher eine  große Bandbreite bewältigt: von der Gründung Roms bis hin  zum Amerika des 21. Jahrhunderts reicht ihr literarisches Spektrum.Nun hat sie sich in ihrem neuen Roman „Schlaf der Vernunft“, einer Thematik gewidmet,  die sie wahrscheinlich auch persönlich schon lange umtreibt. Die Geschichte der Rote Armee Fraktion und ihres Terrors in der alten Bundesrepublik und die Debatten um die Begnadigung verurteilter Terroristen, die Ende der neunziger Jahre die innenpolitische Debatte in der Republik für eine kurze Zeit bestimmte.Sie hat dazu Figuren erfunden, wie es sie in der Realität durchaus gegeben haben könnte. Geschickt verwebt sie hervorragend recherchierte historische Fakten und Geschehnisse mit einer intensiven Beziehungsgeschichte zwischen einer Tochter und ihrer Mutter.Die Tochter, Angelika Limacher, hat, nachdem ihre Mutter Martina Müller in den siebziger Jahren nach dem Tod von Holger Meins in den Untergrund ging, jeglichen Kontakt mit ihr abgebrochen. Als Martina Müller nun im Jahr 1998, der Gegenwartsebene des Romans, im Rahmen einer innenpolitisch motivierten Initiative der Regierung begnadigt wird, hat das Folgen nicht nur für ihre Tochter, sondern auch für die ehemalige Sympathisantin und jetzige Bundestagsabgeordnete Renate, die bei den Grünen aufgestiegen ist und sich in der möglichen neuen rot-grünen Regierung ein Regierungsamt erhofft.Folgen hat die Freilassung von Martina Müller aber auch für die Verwandten der Opfer jenes Anschlages auf den Staatssekretär Werder, für den Martina Müller verurteilt wurde und für den einzigen Überlebenden, den Personenschützer Steffen.Tanja Kinkel hat ihren Roman so aufgebaut, dass die Frage, wie sich all diese Personen ihrer Vergangenheit stellen, wie so etwas wie Verarbeitung des damaligen und aktuellen Geschehens möglich ist, verknüpft wird mit der Rekonstruktion dessen, was damals geschehen ist. In zahlreichen Rückblicken erzählt sie Martinas und auch Renates Geschichte einer politischen Radikalisierung, die für die eine im bewaffneten Kampf und für die andere im Marsch durch die Institutionen endete.Deutlich wird vor allem dem Leser, der diese bleierne Zeit nicht miterlebt hat, wie sich der RAF-Terror entwickelte und wie er lange, unverarbeitet, wie ein Schatten über dem ganzen Land lag. Vom Kaufhausbrand in Frankfurt, über die Befreiung Baaders u.a. bis hin zum Göttinger Mescaleroartikel im Jahr 1977 wird die Geschichte literarisch sehr gut aufbereitet und in eine dichte Rahmenhandlung eingewoben, in der das Verhältnis zwischen Angelika und ihrer Mutter im Mittelpunkt steht. Die vielen Gespräche, die sie nach ihrer Freilassung auf Sylt führen, wohin die beiden zunächst einmal auch gegen den Willen von Angelikas Mann Justus  gefahren sind, waren für mich der inhaltliche Schwerpunkt eines Buches, das versucht zu verstehen, wie aus einer normalen Frau eine Mörderin werden konnte, und wie alle Beteiligten nach 20 Jahren zum Teil verzweifelt versuchen, mit den Folgen dieser Tat in ihrem Leben fertig zu werden.Gibt es so etwas wie Reue und Einsicht auf der einen Seite? Und gibt es  einen denkbaren Ansatz von Versöhnung und Neuanfang auf der anderen?  Das Buch gibt keine eindeutige Antwort, aber es stellt die richtigen Fragen.Wer sich mit der Geschichte der RAF befassen will im Kleid eines spannenden und bewegenden Romans, dem sei dieses Buch sehr empfohlen.

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  • ein Buch das beide Seiten beleuchtet

    Schlaf der Vernunft

    robbylesegern

    10. December 2016 um 17:50

    Mit Schlaf der Vernunft hat sich Tanja Kinkel an die nahe Vergangenheit gewagt und ein Thema angerissen, dass in meiner Jugend sehr aktuell war und für viel Aufsehen gesorgt hat. Die Taten der RAF ( Rote Armee Fraktion ), eine Gruppe von jungen Menschen, die sich gegen die Taten der Elterngeneration und die" kapitalistischen Ausbeuter" des Systems stellte und auch Attentate folgen ließ. Ich finde auch, dass dieses Buch ein Beweis dafür ist, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und nicht für Frieden sorgt.Tanja Kinkel verbindet hier Fiktion mit historischen Fakten und herausgekommen ist ein Buch, dass mich gut unterhalten hat, da es auch einen Teil meiner Jugend widerspiegelte, die ich erlebt habe.Was ich sehr gut finde ist, dass die Autorin versucht hier alle Sichtweisen aufzuzeigen. Die der Täter, die der Opfer, die der Angehörigen von Tätern und die Angehörigen von Opfern. So entsteht ein sehr vielschichtiges Bild des damaligen Geschehens und der Leser kann zum Teil nachvollziehen, wegen Motive die Täter trieben, die ja teilweise auch nicht von der Hand zu weisen waren ( Altnazis in hohen Ämter, Waffentransporte in Krisengebiete, Konzerne, die ihre Macht ausspielen und das Hinnehmen von Dingen, die vielleicht darauf zurückzuführen waren, dass die Kriegsgeneration das Schweigen gelernt hat. ). Ich konnte den Protest der jungen Leute zum Teil gut verstehen , auch die Wut, die entstand, nachdem Studentenführer zusammengeprügelt oder getötet wurden, wie z.B. Rudi Dutschke. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Mit Gewalt hat man noch nie etwas Gutes erreicht. Aber auch die Reaktionen der Opfer, bzw. der Angehörigen der Opfer war sehr verständlich dargestellt und ich glaube es war ein Anliegen von Tanja Kinkel, diese unterschiedlichen Blickwinkel aufzuzeigen. Auch die Gefühle und Gedanken der Tochter der Terroristin, die dann nach 20 Jahren Haft begnadigt wurde, wurde gut in Szene gesetzt und letztendlich die Terroristin selbst, die sich erst nach und nach klar machte, dass nicht alles richtig war, was geschah, die aber an der Ideologie festhielt, weil ja sonst alles umsonst gewesen wäre.Ein sehr interessantes und spannendes Buch, das ich gerne weiterempfehle.

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  • Ein schwacher Roman aus der starken Zeit des Kaisers Augustus

    Venuswurf

    Filzblume

    Schwierig über ein Buch zu schreiben, von dem ich aus dem Klapptext so viel mehr erwartet habe. Es sollte eine Geschichte werden über den Aufstieg einer Sklavin. Selbst kleinwüchsig und von Individualismus geprägt kommt Tertia, so heißt sie, anfangs auf dem Sklavenmarkt nach Rom. Lycus, ein Bordellbesitzer, kauft sie. Sie wird ein Teil der Gauklertruppe und macht sich als Andromeda einen Namen. Ihr einziger Freund, der ehemalige Maler Arellius findet Gefallen an dem Mädchen und nimmt sich ihrer an. Andromeda wird jedoch von Lycus verkauft an die Herrin Vipsania Julilla und kommt so von der Subura zum Palatin. Julilla ist die Enkelin des Augustus der ihre Mutter und ihren Bruder auf ewig verbannt hat. Andromeda trifft auf Livia, der Gemahlin des Augustus. Liva, ist eine sehr gefährliche Frau, das Intrigieren beherrscht sie wie keine andere. Sie versucht Andromeda für ihre Zwecke zu nutzen gegen ihre Herrin. Hier immer wieder verlor ich mich in den langen Dialogen. Meine Gedanken schweiften ab. Ich wünsche mich weit weg. Die Charaktere hätten viel tiefer gehen können, für mich waren sie zum Teil zu blass. Aus der Sicht der Sklavin Tertia/Andromeda wurde der Roman geschrieben, vielleicht lag es daran. Was mir an diesem Buch gefallen hat, war die Darstellung der Lebensweise zu dieser Zeit. Hier wurde gut recherchiert. Auch der Stammbaum der Julier und Claudier fand seinen Platz im Buch. Leider konnte ich der Handlung nicht wirklich folgen und eintauchen in die römische Geschichte, quälte mich durch die Seiten. Deshalb nur 2 Sterne. Im Vergleich zu "Die Söhne der Wölfin", der in der Zeit von Romulus und Remus und den Beginn des Römischen Imperium spielt, war dies bisher der schwächste Roman der Autorin.

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    • 7
  • Unruhiger Schlaf der Vernunft

    Schlaf der Vernunft

    MichaelSterzik

    Die in Bamberg lebende Bestsellerautorin Tanja Kinkel, hat mit ihrem aktuellen Titel „Schlaf der Vernunft“, den Terror der „Roten Armee Fraktion“ in einer komplexen Geschichte um Schuld, Rache und Vergebung veröffentlicht. Gehen wir ein paar Jahrzehnten in der Deutschen Geschichte zurück. In den 60er und 70er Jahren, hatte die RAF – als linksgerichtete, extreme Terrorvereinigung ihre aktiven und blutigen Jahre und waren verantwortlich für ca. 34 Morde, mehrere Entführungen, Banküberfälle und Sprengstoffattentate. Als antiimperialistische, kommunistische Stadtguerilla hatten die Mitglieder durchaus ihre Sympathisanten. Besonders bei Studenten, die in der Zeit, sehr aktiv gegen den Vietnamkrieg demonstrierten, fanden sie Unterstützung. Durch Studentenbewegungen rekrutieren sich noch viele Mitglieder, die die Politik der USA kritisierten und die Vergangenheit hochrangiger Politiker polarisierte. Für die RAF waren diese entweder Imperialisten oder Nazis. Die erste und zweite Generation dieser RAF-Mitglieder waren, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof – diese bildeten die Führungsriege und galten als Idole für die anderen Mitglieder. Als Deutscher Herbst, wird diese politische Atmosphäre als ein Stück deutscher Geschichte bezeichnet – und gilt als einer der schwersten Krisen. Einige von uns können sich noch an den allgegenwärtigen Plakaten erinnern, die in Postämtern, Banken und Geschäften platziert wurden. Manchmal wurden diese schwarz-weiß Fotos durchgestrichen, wenn diese Mitglieder entweder festgesetzt oder getötet wurden. Die RAF verübte einige Morde, Jürgen Ponto (Vorstandssprecher der Deutschen Bank), Hans-Jürgen Schleyer (Präsident des Bundesverbands der Arbeitgeber) und (Generalbundesanwalt) Siegried Buback, gehörten zu den Opfern der radikalsten und kaltblütigsten Attentate. Tanja Kinkels Roman „Schlaf der Vernunft“ greift das Thema „Terrorismus“ wieder auf. Allerdings befasst sie sich weniger mit den Attentaten und Morden. Die Autorin lässt Ihre Geschichte im Jahre 1998 beginnen. Die RAF hat sich quasi selbst aufgelöst, der amtierende Bundespräsident Roman Herzog gewährt einigen Mitgliedern der RAF Amnestie und entlässt sie auch jahrelanger Haft. Ab hier und mit der Entlassung der wegen Mordes verurteilten Terroristin Martina Müller beginnt der Roman. Ihre Tochter Angelika, verheiratet wird natürlich vom Innenministerium informiert und soll als nächste Angehörige ihre Mutter wieder in die Gesellschaft integrieren. Die Hinterbliebenen der Opfer des Anschlags, an dem Martina Müller beteiligt war, erhalten ebenfalls von der bevorstehenden Entlassung Kenntnis. Tanja Kinkel lässt in ihrem Titel „Schlaf der Vernunft“ den Leser teil an den Schmerz und der Ohnmacht der Angehörigen. Auch sie sind unmittelbare und doch indirekte Opfer des Anschlages. Getrieben durch Rache, Vergebung und dem verstehen wollen, was damals wirklich passiert ist, bilden diese Protagonisten – der Sohn des Opfers, und der Leibwächter der den Anschlag überlebt hat, den Gegenpart. Die Stärke des Romans liegt genau in diesem Zusammenspiel. Lasst die Opfer sprechen – und die Täter innehalten und Reue zeigen? So einfach ist das nicht. Weder für Martina Müller, die faktisch gesehen nach jahrelanger Haft eine andere Bundesrepublik Deutschland betritt und ggf. einsehen muss, dass sämtliche damalige Ideologien und radikalen Parolen im Grund ein totaler Fehler waren!? Sehr sensibel und mit dem Blick auf die Vergangenheit der RAF und die Gegenwart von Opfern und Tätern gelingt es Tanja Kinkel eine Geschichte zu erzählen, die unter die Haut geht. Es ist eine Aufarbeitung für die Protagonisten, die in zwei Zeitzonen erzählt wird. In der ersten zeitlichen Handlungsebene wird die Vergangenheit von Martina Müller erzählt. Eine idealistische Jugendliche die Zeugin einer eskalierenden Demonstration zum Staatsbesuch des Schahs von Persien wird und damit zur Mitläuferin und späteren Täterin avanciert. Im späteren Verlauf mit der Geburt ihrer Tochter Angelika beginnt die Autorin die familiären Bande aufzubauen, die dann später in der Gegenwart einen ebenso großen Raum einnimmt. In ebendieser Gegenwart beschäftigen sich die Angehörigen der Opfer mit ihrer ganz persönlichen Vergangenheit. Selbstverständlich erzählt diese den Mutter-Tochter Konflikt, und die langsame Annäherung. „Schlaf der Vernunft“ ist eine mit viel Spannung und Gefühl versehende Story, über verlorene Ideologien, Verantwortungen und Reue. Die Stärke des Romans bezieht die Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven der Angehörigen und der Täterin. Allerdings ist Aufarbeitung der Vergangenheit sehr oberflächlich erzählt und auch Martina Müllers Part ist grundsätzlich als Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte zu kurz geraten. Die Emotionalität bleibt in diesem Roman etwas auf der Strecke. Das mag daran liegen, dass die Autorin, die Epoche der RAF nicht wirklich erlebt hat, und doch hätte ich mir persönlich gesehen mehr an emotionaler Aufarbeitung einer Martina Müller gewünscht. Vieles bleibt unausgesprochen, vieles bleibt dem Leser selbst am Ende überlassen zu interpretieren. „Schlaf der Vernunft“ ein guter historischer Thriller, der manchmal einige Chancen leider verpasst hat. Für alle Leser, die mehr über die RAF erfahren wollen, empfehle ich, dass sehr ausführliche Buch von Stefan Aust – Der Baader-Meinhof-Komplex. Für uns – und zu diesem Zeitpunkt ist der deutsche Terrorismus zum Glück kein Thema mehr. Der Terrorismus ist globaler geworden, aber es gibt noch immer Angehörige von Opfern und Tätern, die (über)lebt haben und zeitlebens eine Bürde tragen. Michael Sterzik

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    • 2

    siebenundsiebzig

    18. April 2016 um 15:04
  • Ein mutiges und wichtiges Buch

    Schlaf der Vernunft

    AnnaChi

    Vor der Lektüre des Buches war ich skeptisch. Wagt sich hier eine Autorin an ein Thema, nämlich die RAF, das ihr ein paar Nummern zu groß ist? Wird es ihr gelingen, eines der wichtigsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte in Romanform aufzuarbeiten, zumal sie selbst zu dieser Zeit ein kleines Kind war? Aber alle meine Befürchtungen konnten zerstreut werden. Tanja Kinkel ist ein beeindruckendes Buch gelungen, das auch gerade für junge Menschen, die in einem anderen Kontext aufgewachsen sind, eine Lehrstunde zum Thema "Deutscher Herbst" werden könnte. Dabei verwebt sie Rückblenden aus dem Leben der fiktiven Terroristin Martina Müller aus den 70er Jahren mit der Zeit nach ihrer Entlassung aus der Haft 1998. Dabei ist der Fokus vor allem auf die Angehörigen von Tätern und Opfern gerichtet. Wie wirken sich die Geschehnisse auf Psyche und Leben der Menschen aus, die bei einem Terroranschlag einen Menschen verloren haben? Tanja Kinkel gelingt eine Verknüpfung von hervorragend recherchierten Fakten und persönlichen (fiktiven) Geschichten, die ihr Buch zu einem einerseits informativen, andererseits zu einem berührenden Werk macht. Dabei droht die Geschichte nie ins Kitschige oder Unglaubhafte abzukippen. Unbedingt lesenswert!

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    • 3
  • Tanja Kinkel - Schlaf der Vernunft

    Schlaf der Vernunft

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    15. March 2016 um 13:58

    Kurzbeschreibung: Nach 20 Jahren Gefängnis wird Martina Müller zeitgleich mit der RAF-Auflösung begnadigt. Das "Mörder-Monster", wie die Presse bei ihrer Verurteilung schrieb. Ihre Tochter Angelika, die ihre Entschlossenheit nie verstanden hat, soll ihrer Mutter nach der langen Haftzeit beistehen, obwohl jedwede Verbindung abgebrochen war. Martina, mit 48 noch jung, muss erkennen, dass nichts erreicht wurde, jeder Mord umsonst gewesen war. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, Reue in sich entdeckt, und Teil ihrer Familie werden kann, muss Angelika Martinas Spuren folgen. Von der Sympathisantin, über die Illegalität und dem Gängelband der Stasi, bis hin zum großen Attentat. Aber nicht nur sie. Durch die Begnadigungen gibt es zwar Ex-Terroristen, aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid verjährt nie. So taucht der Sohn eines RAF-Opfers auf, der wissen will, wer damals geschossen hat. Ehefrauen, Mütter und der einzig überlebende Leibwächter: Alle haben auch nach Jahrzehnten offene Fragen. *Quelle*Zur Autorin: Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, gewann bereits mit 18 Jahren ihre ersten Literaturpreise. Sie studierte in München Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und promovierte über Aspekte von Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Thema Macht. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation "Brot und Bücher e.V.", um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen: www.brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt; sie spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Die Löwin von Aquitanien (1991), Die Puppenspieler (1993), Mondlaub (1995), Die Schatten von La Rochelle (1996), Die Söhne der Wölfin (2000), Götterdämmerung (2003), Venuswurf (2006), Säulen der Ewigkeit (2008) und Im Schatten der Königin (2010), Das Spiel der Nachtigall (2011), Verführung (2013) und Manduchai. Die letzte Kriegerkönigin (2014). Meinung: Deutschland 1998: Die Endzwanzigerin Angelika Limacher ist glücklich mit dem Zahnarzt Justus verheiratet und hat zwei Söhne, Micha und Max. Doch diese bisherige Idylle in ihrem Leben wird überschattet. Ihre Mutter Martina wird nach 20 Jahren Gefängnis begnadigt und auf freien Fuß gesetzt. Sie war Mitglied der RAF und am Mord an Staatssekretär Eberhard Werder beteiligt.Angelika gerät dadurch in einen Zwiespalt, denn einerseits ist ihr die Mutter mit ihren radikalen Ansichten und Taten fremd, sie ließ sie damals allein, um in den Untergrund zu gehen. Andererseits aber sehnt sie sich zurück nach einem normalen Mutter-Tochter-Verhältnis. Aber auch bei den Angehörigen der damaligen Opfer reißt die Entlassung Martina Müllers die alten Wunden wieder auf und jeder versucht, mit der kommenden neuen Situation fertig zu werden.Tanja Kinkel widmet sich in ihrem neuen Roman dem Thema RAF, von der Entstehung aus der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre heraus über die Kaufhausbrände in Frankfurt, der Todesnacht von Stammheim bis hin zur Auflösung der Gruppe.Die Protagonisten sind fiktive Personen, die Hintergründe aber real. Im Mittelpunkt steht Angelika Limacher, die Tochter der Ex-Terroristin Martina Müller. In zwei Zeitebenen wird einerseits über Angelika im Jahre 1998 berichtet, die sich inzwischen eine Familie und ein annehmliches Leben aufgebaut hat und die Nachricht erhält, dass ihre Mutter bald schon aus dem Gefängnis entlassen wird.Auf einer zweiten Zeitebene wird über ihre Mutter Martina berichtet, die 17-jährig Ende der 1960er Jahre auf einer Klassenfahrt nach Berlin den Schah-Besuch und die danach stattfindenden Ausschreitungen und den Mord am Studenten Benno Ohnesorg mitverfolgt. Erst als Sympathisantin der Bewegung (in dieser Zeit lernt sie Holger Meins kennen), geht sie später in den Untergrund und ist an dem Attentat auf den Staatssekretär des Justizministeriums, Eberhard Werder, aktiv beteiligt.Auch zahlreiche Nebencharaktere werden in die Geschichte miteingeflochten, die immer noch an den Folgen des Deutschen Herbstes leiden, wie z.B. der ehemalige Personenschützer Steffen Seidel, der als einziger das Attentat auf Werder überlebt hat, aber durch ein längeres Koma nie mehr ganz zu seiner alten Gesundheit zurückfand, aber auch die Familie Werders und der Sohn seines Chauffeurs, der ebenfalls zum Opfer wurde.Die zentralen Themen sind Vergebung, Reue, Schuld, Rachegefühle, das Verstehen der Motivation der Täter, aber auch die Familie. Hier hat Tanja Kinkel einwandfrei recherchiert und verbindet gekonnt Fiktives mit Realem. Vor allem der Mutter-Tochter-Konflikt steht hier im Mittelpunkt, aber auch das Täter-Opfer-Verhältnis. Wer sich für die Geschichte der RAF interessiert, wie eine Radikalisierung entsteht und welche Folgen dies für die Angehörigen bedeutet, sollte hier definitiv einen Blick riskieren.Allerdings wäre es ratsam, sich vorher weitergehender Lektüre über die RAF zu widmen, da in diesem Roman meiner Meinung nach vieles nur angeschnitten und eine gewisse Vorkenntnis vorausgesetzt wird. Zu empfehlen wäre hier Der Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust und das von mir sehr geschätzte Tödlicher Irrtum von Butz Peters.Fazit: Schlaf der Vernunft ist ein sehr lesenswerter Roman, der sich mit der Geschichte der RAF aus der Sicht einer fiktiven Ex-Terroristin, ihrer Tochter und den Angehörigen der Opfer beschäftigt. Für interessierte Leser der jüngeren deutschen Geschichte uneingeschränkt empfehlenswert!

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  • Was passiert, wenn eine Terroristin begnadigt wird?

    Schlaf der Vernunft

    Bücherfüllhorn-Blog

    29. February 2016 um 21:43

    Das Buch lässt sich gut lesen, auch wenn ich mich sehr auf die Zusammenhänge konzentrieren musste. Dennoch gab es viele Unklarheiten die daraus resultierten, dass ich mich bisher mit der RAF-Thematik noch nie befasst habe. Dieses Unwissen war für mich schon ein Nachteil, dennoch gab diese Geschichte mir als „Unwissenden“ einen kleinen Einblick. Leider wurde mir niemand so richtig sympathisch in dieser Geschichte, alle Charaktere bleiben seltsam „hölzern“. Außer Steffen, der Überlebende des Attentats. Was bleibt nach dem Lesen übrig? Das Buch lässt mich eigentlich enttäuscht zurück. Es mag vielleicht am Thema gelegen haben, ich bin mir nicht sicher. Oder daran, dass die Figuren sehr hölzern dargestellt worden. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Geschichte nicht ganz „rund“ erzählt ist. Mehr dazu könnt ihr in meinem Bücherfüllhorn lesen. Allerdings konnte ich für mich auch einen klitzekleinen Einblick erhalten, der mich neugierig auf diese Zeit gemacht hat und ich nun auch einige ehemalige deutsche Politiker  mit anderen Augen sehe. Für Leser, die diese RAF-Zeit damals mit verfolgt haben, eine interessante Lektüre.

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  • Deutsche Zeitgeschichte

    Schlaf der Vernunft

    Bella5

    Über die Autorin: Dr. Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und erhielt diverse Literaturpreise, Stipendien in Rom, Los Angeles und an der Drehbuchwerkstatt in München. Sie ist im PEN-Präsidium, veröffentlichte fünfzehn Romane, die in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt sind; unter anderem „Die Puppenspieler“, „Götterdämmerung“, „Venuswurf“, „Säulen der Ewigkeit“, „Im Schatten der Königin, „Das Spiel der Nachtigall“, „Verführung“ und „Manduchai – die letzte Kriegerkönigin“, und „Schlaf der Vernunft“. Tanja Kinkel ist Schirmherrin der Bundesstiftung Kinderhospiz. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation „Brot und Bücher e.V.“ (Quelle: Homepage der Autorin) Zum Inhalt: "Nach 20 Jahren Gefängnis wird Martina Müller zeitgleich mit der RAF-Auflösung begnadigt. Das „Mörder-Monster“, wie die Presse bei ihrer Verurteilung schrieb. Ihre Tochter Angelika, die ihre Entschlossenheit nie verstanden hat, soll ihrer Mutter nach der langen Haftzeit beistehen, obwohl jedwede Verbindung abgebrochen war. Martina, mit 48 noch jung, muss erkennen, dass nichts erreicht wurde, jeder Mord umsonst gewesen war. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, Reue in sich entdeckt, und Teil ihrer Familie werden kann, muss Angelika Martinas Spuren folgen. Von der Sympathisantin, über die Illegalität und dem Gängelband der Stasi, bis hin zum großen Attentat. Aber nicht nur sie. Durch die Begnadigungen gibt es zwar Ex-Terroristen, aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid verjährt nie. So taucht der Sohn eines RAF-Opfers auf, der wissen will, wer damals geschossen hat. Ehefrauen, Mütter und der einzig überlebende Leibwächter: Alle haben auch nach Jahrzehnten offene Fragen." Meine Meinung: Die Autorin hat hier die deutsche Zeitgeschichte literarisch verarbeitet. Reale Protgagonisten und Ereignisse des Deutschen Herbstes werden fiktionalisiert und leicht verfremdet; RAF - Terror trifft in der Erzählung auf staatliche Gewalt und deutsch - deutsche Intrigen. Das Ganze liest sich sehr flüssig & man merkt, wieviel gründliche Recherche in den Text eingeflossen ist. Auch stilistisch konnte mich "Schlaf der Vernunft " überzeugen, denn ein hohes Niveau wird durchweg gehalten. Dieses Buch bietet mehr als bloße Unterhaltung, man kann en passant auch noch etwas lernen und seinen Horizont erweitern! Darüber hinaus gefiel mir die hochwertige Aufmachung des Buches sehr gut. Das Vorhandensein eines Lesebändchens ist sehr praktisch. Die Werke der Autorin Tanja Kinkel kannte ich vorher nicht; aber ich war angenehm überrascht vom Tiefgang des Romans und der sorgfältigen Bearbeitung und Fiktionalisierung der deutschen Vergangenheit. Fazit: "Schlaf der Vernunft" kann ich guten Gewissens zur Lektüre empfehlen!

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    • 7
  • Leserunde zu "Schlaf der Vernunft" von Tanja Kinkel

    Schlaf der Vernunft

    Tanja

    Für die einen war es Terror, für die anderen Revolution. Nach zwanzig Jahren Gefängnis wird die ehemalige RAF-Terroristin Martina Müller 1998 begnadigt.  Nicht nur das Leben ihrer entfremdeten Tochter Angelika wird dadurch auf den Kopf gestellt. Alex Gschwindner, dessen Vater von Martina getötet wurde, fordert Antworten. Und auch Steffen Seidel, der einzige Überlebende eines von Martina begangenen Attentats, ist seiner eigenen Vergangenheit auf der Spur... In diesem Roman beschreibe ich ein Stück Zeitgeschichte, eine Mutter-Tochter-Beziehung und die immer noch offenen Wunden, die der sogenannte "Deutsche Herbst" hinterlassen hat. Ich würde mich freuen, wenn Ihr bei einer Leserunde zu dem Roman mitmacht. Verlost werden die vom Verlag zur Verfügung gestellten Exemplare bis einschließlich 10.11., die Leserunde beginnt dann am 15.11. Wer ist mit dabei?

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    • 539
  • Endlich wieder Tanja Kinkel!

    Schlaf der Vernunft

    Starbucks

    30. January 2016 um 19:22

    Schon in meiner Jugend war Tanja Kinkel ein Name, danach habe ich sie etwas aus den Augen verloren, aber ihre Bücher habe ich fast alle, glaube ich, ohne gerade in ihre Bibliographie schauen zu können, da ich in Ermangelung des Internetanschlusses nach einem Umzug nun meine Rezensionen nur noch offline schreiben kann und dann gesammelt online stellen muss. Zum Inhalt: In „Schlaf der Vernunft“ geht es um die ehemalige RAF-Terroristin Martina Müller, die nach langer Haftzeit begnadigt wird und den Weg in die Gesellschaft wieder finden muss. Zusammen mit ihrer Tochter, die die Mutter und ihre Taten verstehen möchte, muss sich die Ex-Terroristin ihrer Vergangenheit stellen – ihre Tochter zumindest muss die Vergangenheit verstehen, um die Zukunft leben zu können. Ich selbst war zu jung, um die RAF-Zeit damals zu verstehen. Am Rande glaube ich zumindest, einiges mitbekommen zu haben, ohne es zu verstehen. An die Terroristen, die stets am Postamt aushingen, kann ich mich aber gut erinnern. Durch den Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ und die ehemaligen RAF-Terroristen, die doch immer wieder in den Nachrichten vorkommen, hat man sich doch immer wieder einmal mit den Vorgängen befasst, aber verstanden habe ich die Motive von jungen Menschen in Deutschland, die schwerste Straftaten begangen, nie so ganz. Zum Cover: Das Cover ist erst einmal eher unauffällig, aber gut durchdacht. Man sieht im Hintergrund eine Frau, die wohl die Protagonistin darstellen soll, sowie den Titel in den Farben der deutschen Flagge. Dies gibt dem Leser oder Betrachter das Gefühl, das es sich hier um ein politisches Buch handelt. Nur das kleine Wörtchen „Roman“ zeigt eigentlich, dass es hier nicht um ein Sachbuch geht. Das Buch gewinnt durch das Cover eine gewisse Seriosität und die Vorstellung, dass es um Deutschland oder die deutsche Geschichte gehen muss, und so ist es ja auch. Meine Meinung: Tanja Kinkel hat ein schwieriges Kapitel der deutschen Geschichte als Romanthema gewählt. Wie kann man den Terrorismus in Deutschland greifbar machen – vielleicht, indem man sich durch die Augen der Täter und Opfer ganz nah heranwagt. Tanja Kinkel streut viele Informationen ein, die mir neu, aber höchst interessant und informativ waren. Was oft vergessen wird, ist, dass auch die Familien der Täter die Opfer sind. Angelikas Leben wäre vollkommen anders verlaufen, hätte sie nicht ihre Mutter an die RAF verloren. Nach so vielen Jahre soll sie nun wieder eine Mutter-Tochter-Beziehung aufbauen. „Schlaf der Vernunft“ ist ein starkes Buch, das versucht, die Vergangenheit zu erklären, zu verstehen. Es ist aber nicht nur ein politisches Buch, sondern auch eine persönliche Geschichte zwischen Mutter und Tochter. Die Autorin hat ein schwieriges Thema hier gekonnt und ideenreich umgesetzt. Das Buch hat mich sehr bewegt und bekommt dafür die volle Sternzahl.

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  • RAF Terrorismus und seine Aufarbeitung

    Schlaf der Vernunft

    Spatzi79

    22. January 2016 um 13:30

    Nach 20 Jahren Gefängnis wird die ehemalige RAF Terroristin Martina Müller begnadigt und entlassen. Diese Nachricht trifft viele Personen wie ein Schlag ins Gesicht, insbesondere natürlich die Hinterbliebenen des Anschlags, an dem Martina beteiligt gewesen ist. Damals wurde ein Staatssekretär ermordet, seine Leibwächter und sein Fahrer kamen ebenfalls ums Leben. Nur Steffen Seidel, einer der Personenschützer, hat mit schweren Verletzungen überlebt und leidet bis heute an den körperlichen und psychischen Folgen des Attentats. Er hat sich mit seinem Lebensgefährten ein ruhiges Leben aufgebaut und hat Angst davor, dass nun alles wieder aufgewühlt wird, vor allem, weil er sich selbst nicht mehr genau an die Geschehnisse von damals erinnern kann. Dann sind da noch Michael Werder, der Sohn des ermordeten Staatssekretärs, der selbst in die Politik gegangen ist sowie Alex Gschwindner, der Sohn des Chauffeurs, der heute Journalist ist. Aber auch Martina Müller hat eine Tochter, die bei den Großeltern aufgewachsen ist und sich nun ihrer Mutter stellen muss. Angelika ist glücklich verheiratet, selbst Mutter von zwei kleinen Söhnen und hat nie verstanden, was Martina damals dazu getrieben hat, der RAF beizutreten und gegen den Staat zu kämpfen. Durch die verschiedenen Figuren hindurch zeigt Autorin Tanja Kinkel die Geschichte der RAF und der Bundesrepublik Ende der 60er und in den 70er Jahren aus verschiedenen Perspektiven. Sie schildert den Weg einer ganz normalen jungen Frau aus bürgerlichem Elternhaus in die Radikalität. Sie zeigt den aus heutiger Perspektive kaum mehr nachvollziehbaren Wahnsinn der damaligen Zeit, genauso wie die schwierige Aufarbeitung gute 20 Jahre später. Aufgrund der vielen Figuren und des Stoffes, der zumindest mir nicht so wirklich bekannt ist, war das Buch keine ganz einfache Lektüre. In meiner Schulzeit endete der Geschichtsunterricht mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, deutsche Geschichte danach war kein Thema mehr. Dabei lesen sich die Geschehnisse, die ja nicht erfunden sind, wie ein Krimi. Der Autorin gelingt es meiner Meinung nach hervorragend, diese Zeit und vor allem den Zeitgeist damals darzustellen. Ich habe bei der Lektüre einiges gelernt und wurde angeregt, vieles nachzulesen, um wenigstens ein paar Wissenslücken zu schließen. Im Buch wird aber auch deutlich, wie komplex und vielschichtig die damalige Situation war. Gerade deswegen wieder finde ich es auch immer wieder faszinierend, wie Tanja Kinkel mit jedem Buch einen ganz neuen Stoff angeht. Ob es nun um eine Mongolenkaiserin geht oder um den deutschen Herbst, man spürt die genaue Recherche und das Einfühlen in die jeweiligen Personen und Gegebenheiten und hat beim Lesen das Gefühl: so könnte es gewesen sein. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, welcher Zeit und Region sie sich als nächstes literarisch widmen wird!

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  • Terror, Schuld und... Liebe

    Schlaf der Vernunft

    Louisdor

    20. January 2016 um 22:58

    Ist ein Buch über Ereignisse, die kaum 30 Jahre zurückliegen, überhaupt noch ein "Historienroman"? In jedem Fall ist es im Rahmen des Genres ein schriftstellerisches Wagnis: Bei Rittern, Römern und ruhmreichen Helden kann ein Autor aus dem Füllhorn der Phantasie schöpfen - im Zweifelsfall ist von ihnen ohnehin zu wenig überliefert, oder sie können zumindest nicht mehr protestieren. Wenn es um den Terrorismus aus den 70er Jahren geht, sind betroffene Zeitzeugen bis heute am Leben. (Und auch die Täter, wie bizarrerweise der Zufall uns gerade in jüngsten Nachrichten um die RAF-Garde der 3. Generation in Erinnerung ruft.) Ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Tanja Kinkel war schon in ihren früheren Büchern eine herausragende Vertreterin des historischen Romans, weil sie mit sehr feinen und gleichzeitig markanten Pinselstrichen Charaktere zeichnen konnte, Menschen erschaffen hat, die interessieren. Das war wohltuend in einem Genre, das gerne mal Gefahr läuft, zu blumig, zu schillernd, zu bombastisch zu werden. Wo am Ende mehr die Epoche und das Ereignis zelebriert wird, und der Charakter der Figuren verkümmert. In "Schlaf der Vernunft" richtet sie ihre Augen so stark auf die Menschen, dass das Historische fast zur Nebensache wird. Heraus kommen sehr nachdenklich stimmende Charakterstudien. Denn tatsächlich stehen eigentlich eine Handvoll Personen im Mittelpunkt und treiben die Erzählung jeweils abwechselnd durch ihre Perspektive voran. Der Clou dabei: Ein Spiel mit zwei Zeitebenen, einer "vergangenen" in den 60ern/70ern und einer "gegenwärtigen" in den 90ern. Wir erleben alle Personen in einer Vorher-Nachher-Perspektive. Die Terroristin, wie sie von der Ideologie verführt wird, und später als alternde Mutter das Gefängnis verlässt. Den Leibwächter, der erst die Karriereleiter erklimmt, und später als schuldgeplagter Mensch an sich selbst verzweifelt. Und über all dem steht die Frage: Was macht Terror mit uns, mit jedem einzelnen von uns? Mit den Tätern, mit den Opfern? Gibt es diese klare Unterscheidung überhaupt, wenn jeder Täter irgendwo auch Opfer ist, und ein Opfer sich schuldzermarternd als Täter fühlt? Schuld ist ohnehin ein zentrales Thema, denn natürlich geht es um die Schuldfrage. Wie viel Schuld hat jeder einzelne, wie geht man mit Schuld um, und: Kann man verzeihen? Die stärksten Passagen hat das Buch in den "gegenwärtigen" Szenen, wo alle diese Fragen verhandelt werden, aber gleichzeitig würden diese ohne die vergangenen Szenen viel weniger Wucht entfalten. Denn auch darum geht es, konsequenterweise: Wie wird man zur Terroristin? Warum? Letztlich bleibt uns die Protagonistin, von der (fast) alle die Antwort auf diese Frage erwarten, genau diese Antwort schuldig. Weil es gar keine einfache Antwort geben kann. Es gibt Erklärungsansätze, es gibt Verkettungen, und, tatsächlich, könnte man (beängstigenderweise) konstatieren: Man schlittert da so rein. Ein wenig aus Überzeugung, ein wenig aus dem Zufall der Umstände, ein wenig aus so banal-gewaltigen Gründen wie ... Liebe und Freundschaft. Kein Mensch wird als Monster geboren. Und, nein, das Buch entschuldigt auch nichts und banalisiert nicht. Jeder hat eine Chance, jeder trifft seine eigenen Entscheidungen. Ein zweites Thema, das man so gar nicht erwarten würde, ist Familie. Es geht um ganz viele Familien in "Schlaf der Vernunft". Zerbrochene, auseinander gerissene, gescheiterte. Zentral dafür steht die Beziehung zwischen der Terroristin Martina und ihrer Tochter Angelika. Auch hier gilt wieder: Die Szenen, in denen beide um Kommunikation ringen, um Verständnis, um zumindest eine gemeinsame Basis zu finden, sind von atemberaubender Eindringlichkeit, gerade weil sie häufig so schlicht und gleichzeitig so überzeugend gezeichnet sind. Und die Rückblicke verstärken die emotionale Wucht: Hinter einer verbitterten, harschen Frau steckte auch einmal eine ihr Kind vergötternde, junge Frau. Der Eltern-Kind-Konflikt wird nochmals gespiegelt in jenen Konflikten, die die Opferfamilien durchmachen, denn auch da kommt niemand ohne Schrammen heraus. Was macht Terror mit uns? Ein Buch, das aufwühlt. Noch einmal mehr, wenn man selbst Kinder besitzt. Unter all diesen Oberthemen stecken am Ende zwei Story-Stränge. Der erste ist relativ simpel und genretypisch: Es wird erzählt aus der Vergangenheit, es tauchen berühmte Personen auf, die Protagonisten schlittern in bekannte Szenen wie die Studentenproteste, den Schah-Empfang oder den ersten RAF-Prozess, inklusive Auftritten von Schily und Cohn-Bendit. Das lässt die Zeit Revue passieren, bereitet das Setting, wirkt aber an Stellen fast auch schon wieder zu gekünstelt. Der zweite Story-Strang hingegen ist fast schon ein Krimi. Nämlich die Frage: Wer war denn nun der Mörder? Und: Wie genau ging das alles vonstatten? Und obendrein: Welche Motive haben einige der Protagonisten in der Gegenwart? Das Ende hat dann mindestens eine sehr krimitypische, sehr gelungene Überraschung. Die eigentliche Aktualität zieht das Buch nicht daraus, dass gerade die 3. RAF-Generation wieder in den Medien ist. Die eigentliche Aktualität sind Ideologien, Mord und Schuld. Drei Begriffe, die im 21. Jahrhundert noch genauso aktuell sind, wie sie es in den 70er Jahren waren. Tanja Kinkel hat ein sehr eindringliches Buch geschrieben, das viele beängstigend aktuelle Fragen aufwirft, und Charaktere zeichnet, wie sie heute noch genauso denkbar wären. Einige Kritiker haben dem Buch offenbar vorgeworfen, es sei belanglos und man solle lieber echte Zeitzeugenberichte lesen. Diese Kritik zielt am Wesen des Romans (eigentlich: jedes Romans) vorbei: Gute Fiktion hält uns den Spiegel vor und regt zum Denken an. Genau das ist "Schlaf der Vernunft". Ein Buch mit sehr vielen Spiegeln. Ein Buch, das im besten Sinne die Phantasie und die Gedanken beflügelt. 

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  • Schuld, Reue und Vergebung

    Schlaf der Vernunft

    Havers

    10. January 2016 um 09:52

    Tanja Kinkel schreibt seit vielen Jahren Romane, die sich durch gründliche Recherchearbeit im Vorfeld auszeichnen. Ob das nun die Antike („Die Söhne der Wölfin“), das Zeitalter der Troubadoure („Die Löwin von Aquitanien“) oder England während der Herrschaft Elisabeth I. ist („Im Schatten der Königin“), es gelingt ihr immer, die jeweilige historische Epoche stimmig und unterhaltsam zu präsentieren. In ihrem neuesten Werk „Schlaf der Vernunft“ geht sie nun nicht so weit in der Zeit zurück, wie wir es üblicherweise von ihr gewohnt sind, sondern widmet sich einer Periode der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte, die als der „Deutsche Herbst“ in die Geschichtsbücher eingeht. Ausgehend von der fiktiven Biografie der Martina Müller zeigt sie den Werdegang eines Mitglieds der RAF (Rote Armee Fraktion) auf, die Politisierung und Radikalisierung einer jungen Frau und deren Abtauchen in den terroristischen Untergrund, die Entwicklung einer Sympathisantin hin zur Mörderin. Aber sie beleuchtet auch das gesellschaftliche Umfeld, den Umgang der Medien, der Politik und Justiz mit den Terroristen. Doch das besondere Augenmerk Kinkels gilt den Opfern, und zwar nicht nur denjenigen, die bei den Anschlägen der RAF ihr Leben lassen müssen, sondern auch denen aus dem familiären Umfeld, hier stellvertretend Angelika Limacher, die Tochter von Martina Müller, von der Mutter für das höhere politische Ziel im Stich gelassen. Seit deren Inhaftierung ist der Kontakt abgebrochen, aber die Behörden erwarten von ihr, dass sie nach Müllers Begnadigung und Haftentlassung die Resozialisierung der ehemaligen Terroristin begleitet und unterstützt. Diese Mutter-Tochter-Geschichte ist das zentrale Element des Romans, der gekonnt mit zwei Zeitebenen arbeitet: Anfang der siebziger Jahre wird der Grundstein für all das gelegt, was Ende der neunziger Jahre nach der Zerschlagung der RAF über Angelika, die Tochter, hereinbricht. Es stellt sich hier nämlich nicht nur die Frage nach Schuld und Reue. Das wesentliche Element ist die Auseinandersetzung mit den Taten und der Frage, ob es den Opfern und den Hinterbliebenen möglich ist, nicht nur der Mutter sondern auch der Terroristin ihre Taten zu vergeben.

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  • Herausragender Roman, spannend, emotional und noch dazu perfekt recherchiert

    Schlaf der Vernunft

    Julitraum

    27. December 2015 um 15:54

    Nach 20 Jahren wird Martina Müller, jetzt 48 Jahre alt und frühere RAF-Terroristen aus der Haft entlassen. Ihre Tochter Angelika, selbst Mutter zweier Kinder, wird vom Pfarrer der Haftanstalt gebeten, ihrer Mutter beizustehen. Angelika ist eher unentschlossen und sieht der Begnegung mit der Mutter nach so vielen Jahren mit gemischten Gefühlen entgegen. Der Kontakt zwischen den beiden ist nicht mehr vorhanden. Martina war es damals selbst, die jeglichen Kontakt verweigert hatte. Angelika weiß nicht, was für ein Mensch ihrer Mutter jetzt sein wird. Wird sie bereuen oder noch den alten Fanatismus in sich tragen? Auch andere Menschen erschreckt die Tatsache, daß Martina Müller wieder auf freiem Fuß ist. Sie war es, die mit anderen Mittätern für die Ermordung des Staatsekretärs Werder, seiner Sicherheitsleute und des Chaffeurs verantwortlich war. Für die Hinterbliebenen der damaligen Opfer beginnt damit eine neue schmerzhafte Phase. Für sie gibt es kein Leben nach der schrecklichen Tat, sie können nicht damit abschließen, den Mann oder den Vater verloren zu haben oder durch die Tat körperlich gezeichnet zu sein. Dieser Roman ist wirklich herausragend. Ich hatte bisher noch kein Buch der Autorin gelesen und war daher umso gespannter. Zudem hat mich die Zeit der RAF immer sehr interessiert, da wir dieses Thema in der Schule nie angesprochen haben und ich mein geringes Allgemeinwissen dazu nur aus Filmen oder Berichten kenne. Dennoch hat mich das Wenige immer unheimlich erschüttert,  weil ich mir Deutschland in Zeiten solchen Terrors kaum vorstellen konnte und mich immer die Beweggründe der RAF und ihrer Sympathisanten interessiert haben. Was hat sie angetrieben, was gab den Auslöser, zu Terror, Gewalt und Mord? Wie konnten ganz gewöhnliche Menschen in blanken Hass zu Mördern werden und Angst und Schrecken verbreiten? Dieser überaus gelungene Roman gibt hier einige Antworten und lässt einen auch an der Sichtweise der Terroristen teilhaben. Dabei werden excellent die geschichtlichen Fakten mit Fiktion verwoben. Das Buch hat mir viele geschichtliche Geschehnisse viel näher gebracht und dazu angeregt, einiges mit Hilfe des Internets noch genauer nachzulesen. Noch dazu werden die einzelnen Charaktere so bildhaft und lebensnah dargestellt, daß man egal ob Opfer oder Täter ein wenig in ihr Seelenleben eintauchen konnte und ihre Haltung nachvollziehen kann. Ein spannender, wendungsreicher aber auch sehr emotionaler Roman, der noch lange nachwirkt und Themen wie Schuld und Vergeben zum zentralen Thema macht.

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