Tanjev Schultz

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Kollaps der Sicherheit - Der Terror des NSU und das Versagen des Staates
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Neu erschienen am 20.08.2018 als Hardcover bei Droemer.

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Tanjev SchultzKollaps der Sicherheit - Der Terror des NSU und das Versagen des Staates
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Kollaps der Sicherheit - Der Terror des NSU und das Versagen des Staates
Tanjev SchultzDie Akademiker-Gesellschaft
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Die Akademiker-Gesellschaft
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Erschienen am 09.09.2013
Tanjev SchultzSchule ohne Angst
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Schule ohne Angst
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Erschienen am 01.01.2012
Tanjev SchultzKollaps der Sicherheit
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Kollaps der Sicherheit
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Erschienen am 03.04.2017
Tanjev SchultzBildung und Kleinstaaterei
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Bildung und Kleinstaaterei
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Erschienen am 01.04.2012

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Rezension zu "Kollaps der Sicherheit - Der Terror des NSU und das Versagen des Staates" von Tanjev Schultz

"Viele Sicherheitsbehörden – wenig Sicherheit" (S. 137)
R_Mantheyvor 2 Monaten

Am Ende seines Werkes erklärt der Autor seinen Lesern, dass ihm das Schreiben dieses Buches keinen Spaß gemacht hat. Weil man das gut verstehen kann, muss man ihm umso mehr danken, dass er sich der Mühe unterzogen hat, die vielen kleinen und großen Zusammenhänge zusammenzutragen, die sich beim NSU-Prozess ergeben haben. Wenn man sich also über diese Tatsachen oder Schlussfolgerungen unterrichten lassen möchte, so ist dieses Buch sicher eine sehr gute Quelle. Allerdings kann man sich gleichzeitig auch davon überzeugen, wie man Aussagen und Zusammenhänge unentwegt immer wieder von allen möglichen Seiten aus beleuchten und untersuchen kann, ohne dass dabei wirklich etwas ans Licht kommt.

Tatsächlich stehen, ohne dass dies im Buch explizit so formuliert wird, zwei entscheidende Fragen im Mittelpunkt dieses umfangreichen Textes, nämlich:
1. Wieso wurden Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nicht bald nach ihrem Untertauchen aufgespürt?
2. Wieso kamen die Ermittler nicht von selbst auf die Idee, dass hinter den zehn Morden rechtsradikale Motive standen?

Wenn ein Rätsel gelöst ist, scheinen die Zusammenhänge hinterher immer irgendwie sonnenklar zu sein. Und gerne fragt man sich dann, wieso eigentlich keiner darauf gekommen ist. Doch eine von hinten nach vorne fragende Aufarbeitung kann niemals wirklich fair sein, weil sie von einem Wissen ausgeht, dass die damals Ermittelnden nicht haben konnten. Polizeiliche Ermittlungen gehen stets vom scheinbar Naheliegenden aus und von ähnlichen Fällen. So arbeitet das menschliche Gehirn, übrigens auch das von Journalisten. Wenn irgendwo ein signifikantes Ereignis auftritt, dann kann man darauf warten, dass postwendend in einschlägigen Medien über frühere ähnliche Ereignisse berichtet wird.

Leider stehen in diesem Buch wichtige Mitteilungen ziemlich versteckt im Kontext der chronologisch aufgereihten Tatbeschreibungen. Auf die wichtige Frage, was eigentlich das grundlegende Motiv hinter dieser Mordserie war, geht der Autor nur in einigen Randbemerkungen ein. Ein gesunder Verstand kann nämlich ein solches Motiv erst einmal nicht erkennen. Und das ist ein möglicher Grund, warum die Ermittlungen so lange nicht in die richtige Richtung liefen. Die aus diesem Buch herauslesbare Unterstellung, die deutschen Behörden oder einzelne Personen wären irgendwie auf dem rechten Auge blind oder (wie der Autor später explizit behauptet) "strukturell rassistisch", ist in diesem Zusammenhang völlig deplatziert. Der Autor erklärt, Mundlos und Böhnhardt hätten mit ihren wahllosen Tötungsaktionen insbesondere die in Deutschland lebenden Türken verunsichern und zur Rückkehr in die Türkei veranlassen wollen. Auf so viel blödsinnigen Größenwahn kann man vermutlich nur kommen, wenn man ideologisch völlig verpeilt ist und sich dadurch in eine für einen normalen Menschen nicht so einfach vorstellbare geistige Enge getrieben hat. Immerhin hatten wenigstens einige Profiler recht früh die richtige Idee. Für andere Ermittler war das jedoch einfach zu weit weg von ihrem Vorstellungsvermögen, was man gut verstehen kann, wenn man fair ist und die damals unbekannten Zusammenhänge nicht in die Bewertung einbezieht. Terroristen wollen beispielsweise gewöhnlich Aufmerksamkeit. Das fehlte hier bis zuletzt völlig.

Die entscheidende Frage bleibt folglich, wie es dem Trio gelingen konnte, so lange unentdeckt zu bleiben, obwohl man nach ihnen unabhängig von den ihnen noch nicht zugeschriebenen Taten suchte. Offenbar kann man sich als gesuchter Straftäter über ein Jahrzehnt in Deutschland getarnt als ganz normaler Bürger verstecken und weitere schwere Straftaten begehen, die später als Terror eingestuft wurden. Dass so etwas ohne eine schützende Hand geht, ist nur schwer vorstellbar.

Hinter diesem Umstand ein rechtsradikales Netzwerk zu vermuten, mag zwar in gewissen Kreisen eine plausible Idee sein. Realistisch ist das nicht, weil die Überwachungsdichte dieser Szene dazu viel zu groß ist. Wäre das so gewesen, hätte man das Trio schnell gefunden. Vielmehr muss man (wie auch der Autor) eher davon ausgehen, dass der Staat in Form seiner Geheimdienste in Unkenntnis der wahren Zusammenhänge aus den verschiedensten Gründen ein Auffliegen des Trios verhindert hat. Im November 2011 schnell vernichtete Akten und Sperrfristen für noch vorhandene von 120 Jahren treiben Spekulationen in diese Richtung eher noch an. Wer soll hier geschützt werden?

Die entscheidende Frage bleibt also ungeklärt. Und leider fokussiert sich der Autor dann auch zunehmend auf Nebensächlichkeiten und dreht sich im Kreis. Ein Beispiel: Beim Mord in einem Internetcafe war ein Agent des Verfassungsschutzes unmittelbar am Tatort und will nichts bemerkt haben. Auf die wirklich entscheidende Frage, ob dieser Mensch etwas von dem gesuchten Trio wusste oder gar etwas mit ihnen zu tun hatte, geht der Autor nicht direkt ein, obwohl das doch die logisch zwingende, zentrale Frage an dieser Stelle wäre. Stattdessen kommen seitenlange Details zur Sprache, die nichts mit dem Fall zu tun haben, dafür aber kein besonders gutes Licht auf diese Behörde werfen.

Was bleibt nun von diesem Buch? Einerseits beschreibt es sehr detailliert alles Mögliche rund um den NSU und seine Mordtaten. Warum sich das Trio jahrelang unbemerkt in Zwickau bewegen konnte, bleibt völlig ungeklärt. Die ganze Geschichte des NSU und der entsprechenden Ermittlungen zeigt neben vielen anderen Zusammenhängen auch eindrucksvoll, was für ein Behördenwirrwarr in Deutschland herrscht. Behoben wurde es bislang nicht. Dazu fehlen offenbar politischer Wille und Durchsetzungskraft.

Noch während des NSU-Prozesses kam es in Deutschland zu einem Terroranschlag mit einem anderen Hintergrund und ähnlichen Opferzahlen. In diesem Fall war der Attentäter den Behörden sogar bekannt. Man hatte ihn nur angeblich aus den Augen verloren. Und auch hier gab es keine ausreichende Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Diensten und zwischen den Behörden verschiedener Bundesländern. Und es wurden nachträglich Akten verändert. Von einem Lerneffekt nach dem NSU-Desaster kann man also keineswegs sprechen. Merkwürdigerweise bringt man beide Fälle weder in der politischen, noch in der medialen Diskussion zusammen, obwohl sie dasselbe Behördenversagen offenbaren. Da es dafür keine sachlichen Gründe geben kann, müssen es wohl politische sein.

Sehr ungewöhnlich ist auch das Urteil für Zschäpe. Einen Menschen für zehn Morde zu verurteilen, obwohl kein Nachweis einer direkten Tatbeteiligung gelungen ist, wirft schon Fragen auf. Man wird sehen, ob dieses Urteil tatsächlich Bestand haben wird. Kommentiert und hinterfragt wird es im Buch nicht.

Am Ende seines Textes geht der Autor auch noch einmal auf die vielen Ungereimtheiten ein, die sich am Todestag von Böhnhardt und Mundlos und kurz danach aufsummierten. Weder ist beispielsweise deren Verhalten unmittelbar vor ihrem Tod plausibel, noch ist es die angeblich von Zschäpe organisierte Verschickungsaktion der Bekennervideos, die eine wesentliche Rolle im NSU-Prozess spielten. Der Autor kommt letztlich zu dem Schluss, dass alles so zugegangen sei, wie es offiziell erklärt wurde, obwohl auch bei ihm leise Zweifel bleiben. Irgendwie klingt das wenig befriedigend. Und dieses Gefühl bleibt leider bei der ganzen Geschichte zurück.

Das Buch ist trotz seiner Länge gut lesbar. Der Autor hätte es jedoch leicht straffen können, wenn er bei den wesentlichen Fragen geblieben wäre und nicht versucht hätte, jedes Detail hin und her zu wenden, ohne dabei etwas wirklich Substantielles herauszufinden.

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