Schon länger schleiche ich um Nemesis‘ Töchter herum, wenn ich bei der Arbeit in der Buchhandlung am Sachbuchtisch stehe. Die Autorin scheint auf Instagram mit ihrem Kanal Was Tara Sagt ein großes Publikum zu haben, mir war ihr Name bisher nicht geläufig – aber allein der Titel und der Klappentext machten mich neugierig. In der Bibliothek habe ich nun das Hörbuch gefunden und hatte keine Ausrede mehr, diese Lektüre aufzuschieben.
Wie der Untertitel 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhang andeutet, trieft dieses Buch vor female rage. Was das ist, wird direkt zum Einstieg erklärt. Das ist eine Eigenschaft von Nemesis‘ Töchter, die ich sehr schätze: Alle verwendeten Begriffe werden erklärt. Man muss nicht mit allen Interpretationen übereinstimmen – nur mit den faktisch korrekten Definitionen -, aber die Autorin ermöglicht es ihren Lesenden auf sehr umfangreiche Weise, ihr Verständnis einer Sache und ihren Standpunkt zu verstehen. Meiner Meinung nach ist das sehr wichtig, wenn es um solche emotionsgeladenen Themen geht wie die in diesem Buch behandelten. Zu leicht kommt es zu Missverständnissen, wenn man sich doch eigentlich einig ist.
Die historischen Personen und die fiktiven – oder fiktionalisierten – Frauen, von denen Tara-Louise Wittwer erzählt, waren mir zum Teil bekannt, zum Teil neu – und sie alle haben gemeinsam, dass ihre Geschichten von Männern erzählt wurden. Kein Wunder also, dass ich bisher nichts bis wenig über die eigentlichen Leben dieser Frauen wusste.
An manchen Stellen war für mich nicht ganz nachzuvollziehen, warum wir von einem Abschnitt zum nächsten einen so großen thematischen Sprung machten. Das kann aber daran liegen, dass ich das Hörbuch beim Pendeln zur Arbeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln gehört habe, anstatt mich daheim mit dem physischen Buch komplett auf den Inhalt zu konzentrieren.
Durch Kombinieren von historischem Wissen, der Einordnung aktueller politischer und gesellschaftlicher Trends und eigenen Erfahrungen und Ideen bietet Nemesis‘ Töchter jede Menge Stoff, um selbst wütend zu werden und sich der generationenübergreifenden female rage zu bedienen, um im eigenen Leben Veränderungen anzustreben. Er kribbelte mir geradezu unter den Fingernägeln, der Tatendrang. Ich habe damit angefangen, indem das Hörbuch zu Witches, Bitches, It-Girls von Rebekka Endler als nächstes auf meiner Liste steht und ich mein Wissen mit diesem zweiten, etwas tiefer in die Geschichte einsteigenden Buch über historische Frauenfiguren und ihre „gesellschaftlichen Hürden“ erweitere. Es kämpft sich leichter, wenn man frau ihr Schlachtfeld kennt, meint ihr nicht auch?
Das Hörbuch wurde von der Autorin selbst gesprochen. Sie macht ihre Sache gut, würde ich sagen, und verdeutlicht die richtige Menge Wut, Trauer und Freude an den richtigen Stellen. An einigen wenigen Stellen scheint die Technik nicht ganz mitgespielt zu haben, sodass der Ton vorübergehend den Hall des Raumes oder das Umblättern des Skripts aufnahm, anstatt nur die Stimme aufzuzeichnen, und an einer oder zwei Stellen hat sich die Autorin versprochen oder einen Satz wiederholt. Das Hörbuch ist also nicht perfekt, aber sowohl inhaltlich als auch technisch insgesamt sehr gut gemacht.