Teju Cole Open City

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Inhaltsangabe zu „Open City“ von Teju Cole

Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks – und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.Für seinen faszinierenden Roman über einen Flaneur des 21. Jahrhunderts ist Teju Cole international von Presse und Lesern gefeiert und mit Autoren wie Sebald, Camus oder Naipaul verglichen worden. Getragen vom Fluss seiner bewegenden, klaren Sprache, erzählt Open City eine Geschichte von Erinnerung, Entwurzelung und der erlösenden Kraft der Kunst. suhrkamp.pocket: Große Bestseller im kleinen Geschenkbuchformat

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    Open City
    BluevanMeer

    BluevanMeer

    04. September 2014 um 18:55

    Was bedeutet es also, wenn man in der Geschichte eines anderen Menschen der Bösewicht ist? (S.313) Julius ist Psychiater in New York und nimmt uns in Open City mit auf einen Stadtspaziergang der ganz besonderen Art. Julius verließ mit 16 Nigeria um in die USA auszuwandern, und behandelt jetzt als erfolgreicher Psychiater, die Menschen, denen es überhaupt nicht mehr gut geht. Und er ist schwarz. Im ersten Teil "Der Tod ist eine Vervollkommnung des Blickes" begleiten wir Julius auf seine abendlichen Streifzüge durch New York. Auf seinen Spaziergängen begegnet ihm immer wieder Alltagsrassismus der aller widerlichsten Art. Entweder sind es spielende Kinder, die ihm N-Wort hinterher rufen oder es sind Menschen, die ihn aufgrund seines Äußeren vereinnahmen wollen. Wie der Museumswächter Kenneth im Folk-Art-Museum: Ich habe mal einen Mitbewohner gehabt, damals in Colorado, der war auch Nigerianer. Yemi hieß der. Ich glaube, er war Yoruba, afrikanische Kultur hat mich schon immer interessiert. Bist du auch Yoruba? Kenneth fing an, mir auf die Nerven zu gehen. (S.75) Doch Julius, der Entwurzelte, setzt unbeirrbar seine Spaziergänge fort, trifft spannende Menschen, interessiert sich für Museen, für Kunst, für die Oper - obwohl die meisten Zuhörer_innen ,weiß' gelesen werden und er auffällt. Er fällt nicht nur auf, er bleibt einsam. Statt etwas von seinen Gedanken preiszugeben, erläutert Julius aber lieber die Geschichte der gestrandeten Wale von Manhattan, das scheint weniger schmerzhaft zu sein: Als etwa zweihundert Jahre später ein junger Mann aus Fort Orange den Hudson herunterkam und sich auf Manhattan niederließ, entschloss er sich, sein Magnum Opus über einen Albino-Leviathan zu schreiben. Der Autor, zeitweise Gemeindemitglied der Trinity Church, nannte sein Buch Der Wal; der zusätzliche Titel Moby-Dick wurde erst nach der Erstveröffentlichung hinzugefügt. Doch das Thema race lässt Julius auch unterschwellig nicht los, kann ihn nicht loslassen - allerdings verweigert er sich der offenen Positionierung. Nur beiläufig wird die Geschichte eines Bekannten erwähnt, der aus dem Sudan geflohen ist. Auch über Julius' Erfahrungen in Nigeria wissen wir wenig, allein eine schockierende Erinnerung an eine fürchterliche Prügelstrafe an der Nigerian Military School wird mit den Lesenden geteilt. Eine Grausamkeit, die Julius auf eine unnachahmliche Art trotzdem noch als heimlichen Sieg verkauft - immerhin sei er so zu einer Legende an der Schule geworden. Julius' langjähriger Mentor und Englischprofessor, einer seiner wenigen Kontaktpersonen in New York, erkrankt schwer. Julius gibt die Besuche auf. Verweigert auch hier eine aktive Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens. Stattdessen steht jetzt sein eigenes Leben auf dem Spiel, am Hudson River äußert er erste Selbstmordgedanken: "Es wäre so leicht, dachte ich, gleich hier sanft ins Wasser zu gleiten und in die Tiefe zu sinken." (S.77).Was ist los mit diesem Typen, frage ich mich beim Lesen, was verheimlicht er uns? Er, der doch gegenüber seinen Patient_innen eine wahnsinnig souveräne und sichere Haltung hat? In der Psychiatrie von allen geschätzt wird? In den Herbstferien reist Julius nach Brüssel, vorgeblich um seine Oma ausfindig zu machen, zu der er keinen Kontakt mehr hat. Doch auch hier nur lose Enden, Spontansex mit einer Touristin und immer wieder der Verweis auf die Partei Vlams Belang, eine rechte Partei, die nach rassistischen Angriffen in Brüssel durch Skinheads sogar noch Zulauf bei den Wahlen erhielt. Julius kapselt sich ab, liest Didions Das Jahr magischen Denkens oder Barthes' Die helle Kammer. Zufällig lernt er Farouq kennen, der Dolmetschen für Arabisch, Englisch und Französisch studiert und ein Internetcafé betreibt. Hier versucht Faruoq seine Vision der besten aller möglichen Welten zu leben: ein Ort, an dem die Menschen friedlich zusammen treffen können. Doch auch Farouq ist an vielem schon gescheitert, ursprünglich wollte er Kritische Theorie studieren, der nächste Edward Said werden, doch dann kam der elfte September 2001 und Farouq vermutet, dass ihm allein aufgrund rassistischer Stereotype die Promotion verweigert wurde. An einem Abend kippt die Stimmung, Farouq und ein Freund äußern klare Israel-Kritik, Julius ist unsicher, versucht sich zurückzuhalten und sich auf seinen Elfenbeinturm zurückzuziehen. Er trifft Farouq nicht wieder. Ich wollte ihm sagen, dass wir uns in den Vereinigten Staaten mit scharfer Israel-Kritik auch deshalb zurückhielten, weil sie schnell in Antisemitismus kippte, verzichtete aber darauf, weil ich wusste, dass sich meine Angst vor Antisemitismus, genau wie meine Angst vor Rassismus, so tief eingegraben hatte, dass sie längst prärational geworden war. (S.163) Doch es ist nicht nur die Begegnung mit Farouq die Julius verunsichert. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm, irgendeine Schuld kann er nicht loslassen, das fällt besonders bei Passagen auf, in denen er anderen Einwanderern begegnet: Diese Menschen waren wie junge Leute überall sonst auf der Welt. Und ich spürte die Beklemmung, die mich - auch wenn sie manchmal kaum wahrnehmbar ist - immer überkommt, wenn ich junge Männer aus Serbien oder Kroatien, Sierra Leone oder Liberia treffe. Ein Argwohn, dass auch sie getötet und erst später gelernt haben könnten, wie man den Eindruck erweckt unschuldig zu sein. (S.183) Verräterisch, dieses "auch". Gehört Julius auch zu diesen Männern? Im zweiten Teil des Buches "Ich habe in mir selbst gesucht", rückt das Thema Suizid wieder in den Vordergrund. Ein Freund von Julius berichtet von seinen Selbstmordgedanken. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass der Erzähler so viel von Anderen spricht, um nicht von sich selbst sprechen zu müssen, um seine eigene Schuld, seine eigenen Suizidgedanken hier nicht thematisieren zu müssen. Die Auflösung dieser Schuldfrage, deren Folge eventuell auch die Suizidgedanken sind, war für mich ein absoluter Schlag in die Magengegend. Erst am Ende erfahren wir, was Julius getan hat. Und müssen uns im selben Atemzug fragen: Was hat uns der eloquente und kultivierte Psychiater nicht noch alles verschwiegen? Seine letzte Möglichkeit ein Statement abzugeben, seine letzte Chance etwas wieder gerade zu rücken oder sich für uns wieder als derjenige zu präsentieren, der er am Anfang scheinbar gewesen ist, verhallt ungenutzt. Am Ende ist es wieder eine Anekdote aus New York, die er erzählt, statt endlich einmal Stellung zu beziehen. Es geht um einen Ornithologen, der die toten Vögel zählt, die ausgerechnet am universellsten Zeichen für die USA, das man sich denken kann, ihr Leben ließen: an der Freiheitsstatue. Am Morgen des 13. Oktober fand man hundertfünfundsiebzig Zaunkönige. Sie hatten die Wucht des Aufpralls nicht überlebt, dabei war die Nacht davor nicht sonderlich windig gewesen und auch nicht besonders dunkel. (S.333) Open City ist ein grandioser Roman, der seine Überzeugungskraft aus der Ambivalenz des Hauptcharakter gewinnt und mich lange nach dem Lesen noch beschäftigt hat, mich immer noch beschäftigt. Nicht nur wegen dieser unglaublich eleganten Art der Komposition, einen modernen Flaneur des 21. Jahrhunderts als Vermittler zwischen Kunst und Musik zu schalten, der uns en passant mitteilt, welche kulturellen Werke sich lohnen. Und nicht nur, wegen dieser wunderschönen Sprache. Und nicht nur, wegen der deutlichen und harten Beschreibungen von Alltagsrassismus, die sich "weiß" gelesenen Menschen wohl kaum vollständig erschließen wird. Open City hat in der Art der Auflösung ein wenig von Filmen wie Fight Club oder The Machinist, die mit genialer Treffsicherheit gerne als "mind-fucking movies" angepriesen werden. Und diese Qualität merke ich auch in Open City. Wie kann das sein, frage ich mich, dass dieser mir so sympathisch gewordene Psychiater, so ein Mensch ist? Was wurde mir noch verschwiegen? Was kann ich dir, Julius, noch glauben? Absolut zu Recht wurde der Roman 2013 mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet.

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  • Rezension zu "Open City" von Teju Cole

    Open City
    Boris

    Boris

    "Überall in dieser Stadt trugen die Menschen unvorstellbar viele kleine Geschichten mit sich herum." Die Stadt ist New York. Der, der die Geschichten sammelt, ist Julius, angehender Psychater, Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers. Der Leser begleitet diesen Julius ein Jahr lang auf seinen Spaziergängen durch New York - und auf einer Reise nach Brüssel. Ich kann dieses Buch nicht zusammenfassen. Alles was ich schreiben wollte klingt falsch, wird ihm nicht gerecht, ich kann es nicht "fassen". Die Erzählung mäandert durch die Zeiten und die Räume. Vor einigen Seiten befand man sich in Nigeria, dann in New York in 17.Jahrhundert, dann in Deutschland während des zweiten Krieges. W.G.Sebald...ja so ähnlich schreibt Teju Cole, aber auch ganz eigen. Von W.G.Sebald wird es keine neuen Bücher mehr geben... ich warte auf neue von Teju Cole. Ich stehe sprachlos vor einem Kunstwerk! Ich verneige mich vor dem intensivsten Leseerlebnis seit langer Zeit!

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    • 3
    Ginevra

    Ginevra

    31. August 2014 um 18:16
  • Spaziergang durch New York

    Open City
    Gruenente

    Gruenente

    14. April 2013 um 17:39

    Ein junger Mann, angehender Psychiater spaziert durch New York. Er hat Nigerianisch-Deutsche Wurzeln und ist so Teil des grossen Melting Pots. Er ist kulturell sehr interessiert, kennt alle Museen, ist belesen und liebt klassische Musik. Er reflektiert viel über sein Leben, seine Familie, Freundschaften, Beziehungen bleibt meiner Meinung nach dabei immer etwas oberflächlich. Seine eigenen Gefühle sind irgendwie kaum ein Thema. In einer Szene wird ihm eine Vergewaltigung vorgeworfen,die aber gar nicht weiter kommentiert wird. Er wird überfallen und brutal zusammengeschlagen, aber auch das scheint keine wirkliche Wirkung zu zeigen. Er führt in Brüssel lange politische Diskussionen mit zwei Marokkanern aber sein eigene Ansicht bleibt für mich unklar. Die meisten Emotionen werden im Bezug auf Kunst, Musik und Literatur deutlich. Ich weiss nicht so recht, was mir dieses Buch sagen will... Der Stil ist allerdings recht elegant.

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  • Rezension zu "Open City" von Teju Cole

    Open City
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    15. November 2012 um 13:18

    Ein etwas anderes New York Der 1975 in Lagos geborene und seit seiner Jugendzeit in den USA lebende Teju Cole hat mit "Open City" einen wahrlich grandiosen Debütroman vorgelegt. Als Protagonist fungiert ein junger Psychiater namens Julius, der in seiner Einsamkeit und um dem Stress im Spital zu entkommen, damit beginnt, die Straßen New Yorks fast manisch zu durchstreifen. Ziellos, allein und stundenlang, bis zur Erschöpfung führen ihn seine Spaziergänge. Diese Spaziergänge treiben seine Gedanken zu seiner erst kürzlich in die Brüche gegangenen Beziehung zu Nadege und lassen die Metropole in einem ganz anderen Licht erscheinen, während seine Gedanken immer wieder zu anderen Themen abschweifen ... Mehrmals begegnet er auf unterschiedliche Art und Weise Menschen; Begegnungen, die natürlich unterschiedlich lang oder kurz sind, die ebenso unterschiedlich Einfluss auf seine Gedankengänge haben. So wird jede Begegnung für den Verlauf des Romans immens wichtig. Im ersten Teil von "Open City" entscheidet sich Julius dafür, seine fast vier Wochen Urlaub in Brüssel zu verbringen, wo er unentschlossen darauf hofft, seine Großmutter anzutreffen, obwohl er sich dann nur sehr halbherzig auf die Suche begibt. Auch hier stehen Spaziergänge und Kontakte zu unterschiedlichen Personen im Mittelpunkt der Handlung. Der zweite Teil des Romans konzentriert sich dann wieder zur Gänze auf New York. Immer schimmern Erinnerungen an Lagos, an seine deutsche Mutter und seinen vor achtzehn Jahren verstorbenen Vater durch, die die Frage aufwerfen, ob Julius nicht möglicherweise ein alter ego des Autors ist ... Mit frappierender Leichtigkeit verknüpft Teju Cole die verschiedensten Themen, wie zum Beispiel 9/11 und vor allem das Leben danach, sowie die Sicht auf die Vereinigten Staaten von Amerika aus der Perspektive eines in Brüssel gestrandeten Marokkaners, der ebenso interessante aber auch nicht unanfechtbare Thesen zum Palästina-Israel Konflikt hat. Gleichzeitig beleuchtet der Autor auch die Perspektive einer aus Belgien stammenden us-amerikanischen Ärztin in Rente. Literatur hat einen gebührenden Platz in diesem Roman; jene Bücher, die Teju Cole anführt, sind immer wieder Bücher, die teilweise andere oder ähnliche Facetten der diversen Fragen ausleuchten. Entwurzelung, Erinnerung und das Anderssein per se, sowie der immense Rückhalt durch die Kunst sind die komplexen Themen, denen sich der junge Autor mehr als überzeugend stellt. Beeindruckend ist auch, wie Teju Cole von Episode zu Episode wechselt, dabei jedoch nie die wunderbar gelungene Gesamtform dieses Romans aus den Augen verliert. Immer tiefer gelangt der Protagonist in das verborgene New York und am Ende sogar in die eigene, schmerzhafte und vermeintlich ausgelöschte Vergangenheit. Trotz der Vielzahl an Themen ist dieser Roman ein in sich geschlossenes Kunstwerk, ein literarisches Ereignis der Extraklasse und ein Roman, der sich in die allererste Reihe der ganz großen New York-Romane einreiht, gleich neben John dosPassos, dessen vor fast hundert Jahren entstandener Meilenstein "Manhattan Transfer" nun endlich eine wirklich ernsthafte Konkurrenz erhalten hat ... Absolute Empfehlung. (erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at)

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