Für mich ist diese Schmuckausgabe eine Mogelpackung. Der Titel verspricht Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere Gruselgeschichten, doch die berühmte Novelle nimmt überraschend wenig Raum ein. Stattdessen dominieren andere Erzählungen, die thematisch und atmosphärisch nicht immer stimmig zu Stevensons Klassiker passen.
Den Auftakt bilden „Der Leichenräuber“ und „Markheim“. Während ersterer dank seines historischen Hintergrunds noch eine gewisse Faszination für mich besitzt, verliert sich schon jetzt Stevenson in ausschweifenden und schwammig formulierten Passagen, die den Grusel eher verwässern als verstärken.
„Markheim“ hingegen empfand ich als ausgesprochen zäh. Die Dialoge wirken überladen, die Sprache schwurbelt um moralische Fragen, ohne je wirklich auf den Punkt zu kommen. Zwar lässt sich das Motiv des gespaltenen Geistes bereits erahnen, doch literarisch bleibt die Erzählung für mich schwer zugänglich.
Umso größer ist nun meine Sorge, dass auch Dr. Jekyll & Mr. Hyde unter dieser Trockenheit leiden könnte. Doch zum Glück werde ich positiv überrascht.
Die Novelle entfaltet eine beeindruckende Vielschichtigkeit. Verschiedene Perspektiven schaffen ein komplexes Bild von Dr. Jekylls Wirken und dessen Verhalten. Das Mysterium um Mr. Hyde wird raffiniert aufgebaut und es schwingt zwischen den Zeilen eine interessante Gesellschaftskritik mit. Besonders gelungen finde ich die düstere Londoner Atmosphäre, die Stevenson mit wenigen, präzisen Bildern heraufbeschwört. Einzig die räumliche Anordnung von Dr. Jekylls und Mr. Hydes Wohnsituation bleibt für mich unklar.
Ein echtes Highlight ist die Beilage „Dr. Jekyll & Mr. Hyde auf der Leinwand“. Die filmhistorischen Einblicke, etwa der Hinweis auf eine verschollene Verfilmung oder die Darstellung ohne Make-up und Trickeffekte, sind spannend und hervorragend aufbereitet. Diese Ergänzung wertet die Ausgabe deutlich auf.
Weniger überzeugend ist hingegen die Gestaltung. Die Illustrationen sind für sich genommen schön, aber sie fangen die Atmosphäre der Texte nicht so stimmig ein wie etwa die Bilder in den Schmuckausgaben zu Dracula oder Frankenstein. Auch die gelegentlich grüne Schrift erschwert mir das Lesen bei schwachem Licht. Bindung, Papier und Satz sind hingegen hochwertig.
Nach der Hauptnovelle folgen weitere Geschichten aus der Schaffenszeit von Robert Louis Stevenson.
„Der Flaschenteufel“ ist zwar unterhaltsam, aber thematisch weit entfernt von Dr. Jekyll & Mr. Hyde. Nicht alles wird hier umfassend beleuchtet und so bleibe ich mit einigen Fragen zurück.
„Der Selbstmörderklub“ wiederum leidet unter langatmigen Beschreibungen und zähen Dialogen, die mir die Freude am Lesen merklich nehmen. Die Plotidee finde ich genial, aber die Umsetzung spricht mich leider gar nicht an.
„Die Versprengte“ sorgt dafür, dass ich zumindest ein bisschen positiver gestimmt die Schmuckausgabe zuschlage. Die Geschichte ist leichtgängiger zu lesen und auch deutlich spannender gestaltet.
Insgesamt hinterlässt die Schmuckausgabe einen zwiespältigen Eindruck bei mir. Ich empfinde das Buch Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere Gruselgeschichten recht lieblos zusammengestellt. Auch das permanente giftige Grün passt nicht zum Inhalt. Ich habe immer Assoziationen zu Hulk, wenn ich die Schmuckausgabe sehe. Dabei ist Hulk ungefähr so weit von diesem Buch entfernt wie die Sonne zur Erde.
Fazit:
Eine an sich schön gestaltete, aber inhaltlich unausgewogene Ausgabe, die ihre Stärken vor allem in der Hauptnovelle Dr. Jekyll & Mr. Hyde und den dazugehörigen Beilagen hat. Für mich ist das insgesamt eher ein Flop.






