In Thea Mengelers Roman „Öffentlicher Nahverkehr“ geht es um eine ehemals erfolgreiche Influencerin, deren Exfreund gegen ihren Willen ein intimes Video ins Netz stellte. Während es für ihn keine Folgen hatte, musste sie mit Hasskommentaren und Drohungen fertig werden. Also flieht sie in eine neue Stadt, ohne Smartphone, ohne Internet; ihre Social Media Accounts schließt sie.
Um Einsamkeit, Scham und Angst zu entgehen, flüchtet sie sich in die öffentlichen Verkehrsmittel, der Bus mit der Ringlinie 100 wird ihr Zufluchtsort. Während sie täglich im Kreis fährt, beobachtet sie ihre Mitmenschen, erfindet Namen für sie und stellt sich deren mögliche Leben vor:
„Ich sehe euch. Ich stelle Vermutungen über euch an. Ich bewerte euch nach dem flüchtigen Eindruck, den ich von euch bekomme in der kurzen Zeit zwischen zwei Orten. Ich gebe euch Namen [...] Habt ihr ein Problem damit?
Sorry, die Kommentarfunktion ist bei diesem Beitrag deaktiviert.“
Ihre Mutter weiß bisher nicht, was passiert ist – als sie es dann erfährt, war das eine Szene, die mich unheimlich mitgenommen hat:
„‘Warum hast du uns nichts gesagt?’
Ich muss nicht fragen, was sie meint. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie es erfahren musste.
[...]
‘Warum gibt es überhaupt so ein Video von dir?’, fragt sie.
Ich antworte nicht.
‘Damit muss man doch rechnen. Das weiß man doch.’“
Nach und nach setzt sich die Geschichte zusammen. Und man fühlt mit der Protagonistin mit, die alles verloren hat, unfreiwillig alles hinter sich lassen musste und nun ein Leben führen soll, das sie so nicht wollte. Erst als sie eine ältere Frau kennenlernt, findet sie den Mut, sich ihr Leben zurückzuholen …
„@everyone, ich bin zurück.
Nicht für euch, sondern für mich. Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass es Räume gibt, die ich nicht mehr betreten kann.
Die meisten von euch wissen, warum ich verschwunden bin. Für alle, die es nicht wissen: Es wurde ein intimes Video von mir veröffentlicht. Shoutout an alle, die es geschaut und mich dafür geshamed haben.
Und ich war beschämt. Ich war so beschämt, dass ich verschwunden bin.
Aber mir ist klar geworden, dass die Scham bei mir nicht an der richtigen Stelle ist.
Es ist Zeit, das richtigzustellen.
Es ist Zeit, die Scham umzuverteilen.“
Der Schreibstil von Thea Mengeler ist einzigartig, ebenso der Aufbau des Buchs: In einer Art inneren Monolos spricht die Protagonistin in Gedanken mit ihren Mitreisenden. Das hat mich emotional tief berührt.
Die Autorin verwebt auf außergewöhnliche Weise eine beeindruckende Themenvielfalt: digitale Gewalt und die Mechanismen der sozialen Medien, Hass, Scham, Frausein, Schönheitsideale, sexistische Rollenbilder, alltäglicher Sexismus, Angst, Trauma, Sprachlosigkeit und die Macht der Worte; aber auch Familienstrukturen und Sozialisierungen, mit denen wir aufwachsen - dieses Buch ist so tiefgründig und vielschichtig, dass es mich absolut sprachlos zurücklässt.
„Man erzieht uns zur Scham. Wer sich schämt, macht sich klein, wer sich schämt, bleibt leise. Mit unserer Scham kontrolliert ihr uns.
Die Scham lebt davon, dass sie im Verborgenen bleibt. Sie wird größer, je weniger man über sie spricht.
Aber wir können uns der Scham verweigern. Wir tun es, indem wir über sie sprechen.“
„Öffentlicher Nahverkehr“ ist ein sehr vielschichtiger, intensiver, bewegender Roman, der noch sehr lange in mir nachhallen wird. - Absolutes Jahres-Highlight !!!
Vielen Dank an den Wallstein Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚