Rezension zu "Catherine de Médicis : Le pouvoir au féminin" von Thierry Wanegffelen
Andreas_OberenderKatharina von Medici (1519-1589), Gemahlin Heinrichs II. von Frankreich und Mutter der drei letzten Valois-Könige (Franz II., Karl IX., Heinrich III.), gehört zu den bekanntesten historischen Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts. Über keine andere Frau der französischen Geschichte – Madame de Pompadour und Marie-Antoinette eingeschlossen – sind so viele Biographien geschrieben worden. Katharinas Leben stand ganz im Zeichen von Renaissance, Reformation und Religionskrieg. Ähnlich wie Philipp II. von Spanien wurde Katharina Opfer einer sogenannten Schwarzen Legende: Jahrhundertelang galt sie als herrschsüchtige, skrupellose und verschlagene Intrigantin, die ihre willensschwachen Söhne manipuliert und Frankreich ins Unglück gestürzt habe. Französische Historiker und Romanciers des 19. Jahrhunderts wie Jules Michelet und Alexandre Dumas gaben Katharina die Hauptschuld an der Eskalation des Konfessionskonfliktes zwischen Katholiken und Hugenotten und an der Bartholomäusnacht von 1572. Die Schwarze Legende erwies sich als ausgesprochen zählebig und wurde selbst in jüngerer Zeit noch einmal publikumswirksam inszeniert. In Patrice Chereaus farbenprächtigem Historienfilm "Die Bartholomäusnacht" von 1994 tritt Katharina einmal mehr als düstere, unheilvolle Figur in Erscheinung, umgeben von Astrologen, Giftmischern und Auftragsmördern. Die Geschichtswissenschaft hat dieses Zerrbild schon vor langer Zeit in Frage gestellt und größtenteils widerlegt. Ein wichtiger Meilenstein war die Veröffentlichung von Katharinas umfangreichem Briefwechsel zwischen 1880 und 1909. Zwei Historiker, Hector de La Ferrière und Gustave Baguenault de Puchesse, stellten in mühevoller Arbeit die mehr als 6.000 erhaltenen Briefe der Königin in einer zehnbändigen Edition zusammen. Erst dieses Quellenwerk ermöglichte eine sachliche, vorurteilsfreie und wissenschaftlichen Standards genügende Auseinandersetzung mit Katharina. Eine Biographie, die Katharinas Briefe nicht in größerem Umfang heranzieht, muss von vornherein als leichtgewichtig und zweitklassig gelten.
Die biographische Literatur über Katharina von Medici ist umfangreich und schwer zu überschauen. Einige wenige herausragende Biographien stehen neben vielen belanglosen populärwissenschaftlichen Büchern. Gerade für historisch interessierte Laien ist es schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Nur die wenigsten Biographien über Katharina von Medici kommen für die Verwendung im Rahmen wissenschaftlicher Arbeit in Betracht. In den letzten 25 Jahren sind in Frankreich, Großbritannien und sogar in Deutschland zahlreiche neue Bücher über die Königin erschienen. Dieser "Boom" steht in engem Zusammenhang mit der intensiven Erforschung der französischen Religionskriege seit etwa 1980. Von Bedeutung für die Katharina-Biographik sind vor allem einige Forschungsbeiträge, die Alternativen zum traditionellen Bild der Bartholomäusnacht – die Königin als Allein- oder zumindest Hauptschuldige – präsentieren. Katharinas Rolle während des Geschehens im August 1572 lässt sich nicht so klar und eindeutig bestimmen, wie frühere Historikergenerationen annahmen.[1] Sechs neuere Biographien über Katharina von Medici werden hier vergleichend rezensiert. Es handelt sich um die Bücher von Jean-François Solnon (2003), Thierry Wanegffelen (2005), Jean-Pierre Poirier (2009), Raphaël Dargent (2011), Sabine Appel (2018) und Klaus Malettke (2020).[2] Wer bereits die "klassischen" Katharina-Biographien von Jean-Hippolyte Mariéjol (1920), Jean Héritier (1940) und Ivan Cloulas (1979) gelesen hat, der wird die neuen Bücher gewiss zögerlich und mit Skepsis zur Hand nehmen. Gehen die Autorinnen und Autoren auf der rein faktischen Ebene über die älteren Werke hinaus, bereichern sie unser Wissen über die Königin um neue Facetten? Wie intensiv nutzen sie Katharinas Briefe und andere edierte Quellen? Und wie beurteilen sie Katharinas Rolle im Vorfeld und während der Bartholomäusnacht?
Der früh verstorbene Thierry Wanegffelen (1965-2009) erlangte Bekanntheit mit einigen bedeutenden Arbeiten zur Geschichte des Reformationszeitalters und zur Problematik religiöser Toleranz im 16. Jahrhundert. Seiner Katharina-Biographie kann man allerdings keinen bleibenden Wert zusprechen. Auch wenn sich Wanegffelen eingehend mit einzelnen Aspekten befasst, die in anderen Biographien unterbelichtet bleiben, weist das Buch der Katharina-Forschung keine neuen Wege. Der Schreibanlass bleibt unklar, und Wanegffelen formuliert keine originelle Fragestellung, die sein Buch von älteren Biographien abheben könnte. Anschaulicher als andere Autoren arbeitet Wanegffelen die Faktoren heraus, die zur Entstehung der Schwarzen Legende führten. Im 16. Jahrhundert galt es als "widernatürlich", wenn Frauen Herrschaft ausübten. Katharinas politisches Wirken war aus Sicht vieler Franzosen eine Anomalie, auch wenn es in der Geschichte der französischen Monarchie bereits Präzedenzfälle für die Regentschaft von Frauen gegeben hatte. Auch als "Ausländerin" und "Kaufmannstochter", als Frau von vermeintlich niederer Herkunft, weckte Katharina Ressentiments. Wanegffelen ruft in Erinnerung, dass Katharina über ihre Mutter Madeleine de La Tour d’Auvergne mit etlichen prominenten französischen Adelsfamilien verwandt war. Sie verfügte über ein beträchtliches eigenes Vermögen in Frankreich, Ländereien, die sie von ihrer Mutter und ihrer kinderlosen Tante Anne de La Tour d’Auvergne geerbt hatte. Katharina nutzte die Einkünfte aus diesem Besitz, um sowohl private als auch politische Ausgaben zu bestreiten. Schon seit Mitte des 15. Jahrhunderts bestanden enge Beziehungen zwischen dem Haus Valois und der Florentiner Bankiersfamilie Medici. Katharinas Heirat mit Heinrich von Orléans, dem zweiten Sohn Franz’ I., war keine Mesalliance, wie manche Zeitgenossen behaupteten, denn Katharina war weder mittellos noch von niederer Abstammung. Die Heirat kam auf Betreiben Franz’ I. zustande. Der König hatte schon die Ehe von Katharinas Eltern gestiftet, um die Medici als Verbündete für seine Italienpolitik zu gewinnen.
Sieht man von diesen Aspekten ab, so bietet das Buch nichts, was über ältere Biographien hinausgeht. Zum Eindruck mangelnder Originalität trägt auch der Umstand bei, dass Wanegffelen nur wenige Quellen heranzieht. Er nutzt in beachtlichem Umfang Katharinas Korrespondenz. Gelegentlich zitiert er aus den Berichten italienischer Diplomaten sowie aus den Memoiren von Pierre de Brantôme und Katharinas Tochter Margarete von Valois. Das ist freilich zu wenig, um Katharinas Leben und politischem Wirken neuartige Einsichten abzugewinnen. Wanegffelen steht der Königin wohlwollend und verständnisvoll gegenüber. Er würdigt Katharinas beharrliches Ringen um friedliche Lösungen im Konfessionskonflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Zur Irritation des Lesers bricht Wanegffelen die Erzählung mit dem Tod Karls IX. 1574 ab. Die letzten 15 Jahre in Katharinas Leben behandelt er in einem knappen Epilog. Seine Begründung: Unter Heinrich III. habe Katharina keine nennenswerte politische Rolle mehr gespielt. Wie kann es nur sein, dass frühere Autoren dies nicht bemerkt haben? Wanegffelen bezieht keine eigenständige Position zu Katharinas Rolle im Vorfeld und während der Bartholomäusnacht. Er schließt sich einfach den Thesen seines Historikerkollegen Nicolas Le Roux an. Folgt man Le Roux – und mit ihm Wanegffelen –, so steckte die Adelsfamilie Guise hinter dem Attentat auf den Hugenottenführer Coligny. Das darauffolgende Blutbad in Paris organisierten die Guisen zusammen mit Katharinas Sohn Heinrich von Anjou, dem späteren Heinrich III. Von Ehrgeiz und Eifersucht auf seinen älteren Bruder zerfressen, angespornt von radikalen Katholiken, die in ihm ihren Hoffnungsträger sahen, wollte Anjou die Toleranzpolitik gegenüber den Protestanten, die seine Mutter und Karl IX. betrieben, mit einem Gewaltakt sabotieren. Da sie Anjou nicht desavouieren konnten, hatten Katharina und Karl keine andere Wahl, als die Verantwortung für das Massaker zu übernehmen. Mit dem Verweis auf angebliche Umsturzpläne der Hugenotten wurde das Blutbad vom König nachträglich gerechtfertigt.[3]
FAZIT
Von den hier vorgestellten sechs Werken sind allein die Bücher von Solnon und Malettke lesenswert. Sie sind eine willkommene Ergänzung zu den älteren Biographien von Mariéjol und Cloulas. Die Bücher von Wanegffelen, Poirier, Dargent und Appel verdienen keine Empfehlung.
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[1] Jean-Louis Bourgeon, L’assassinat de Coligny, Genf 1992; Denis Crouzet, La nuit de la Saint-Barthélemy. Un rêve perdu de la Renaissance, Paris 1994; Jean-Louis Bourgeon, Charles IX devant la Saint-Barthélemy, Genf 1995; Arlette Jouanna, La Saint-Barthélemy. Les mystères d’un crime d’état, Paris 2007. Die Revision des herkömmlichen Bildes der Bartholomäusnacht begann schon in den 1970er Jahren mit der Studie von Nicola Mary Sutherland, The Massacre of Saint Bartholomew and the European Conflict 1559-1572, London 1973.
[2] Zwei neuere englischsprachige Biographien, die Bücher von Robert Knecht (1998) und Leonie Frieda (2003), habe ich bereits 2017 rezensiert.
[3] Nicolas Le Roux, La faveur du roi. Mignons et courtisans au temps des derniers Valois, Seyssel 2000.

