Thomas Überhoff

 3,9 Sterne bei 119 Bewertungen
Autor*in von Wo liegt Amerika?.

Lebenslauf

Thomas Überhoff studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik und arbeitete lange als Lektor und Programmleiter Belletristik beim Rowohlt Verlag. Er übersetzte unter anderem Sheila Heti, Nell Zink, Jack Kerouac und Denis Johnson.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Thomas Überhoff

Neue Rezensionen zu Thomas Überhoff

Cover des Buches Avalon (ISBN: 9783498003111)
mapefues avatar

Rezension zu "Avalon" von Nell Zink

Berührendes Porträt eines Mädchens
mapefuevor 5 Monaten

AVALON! AVALON? Wer oder was ist Avalon? Avalon ist … (komme gleich dazu).

We've been on the run
Driving in the sun
Looking out for number one
 California here we come

Es beginnt im kalifornischen Torrance, einer Kleinstadt am Pazifik mit 150.000 Einwohnern, etwa eine halbe Autostunde von Los Angeles entfernt, ist aber alles andere als ein mystischer Sehnsuchtsort – wenn ich an die Sage um König Arthur denke.
Eher liegt dieser auf der vorgelagerten Insel Santa Catalina Island mit dem kleinen „Avalon“, einem Touristenfallen-Kaff. Diese geographischen Angaben sind real, alles Folgende entspringt Nell Zinks Phantasie.

Die zehnjährige „Bran“ Brandy und ihr Halbbruder wachsen auf einer Baumschule der Pflegefamilie Hendersons, einem letzten Freund ihrer Mutter, im Hinterland von Los Angeles auf. Für acht Jahre unbezahlte Arbeit und 20.000 Dollar Kindergeld. Die Mutter verschwindet in ein buddhistisches Kloster, der Vater nach Australien.
Bran ist im letzten Highschool-Jahr, ihre Arbeitskraft wird von ihrer Stieffamilie ausbeuterisch, wenn auch als unverzichtbar ausgenützt. Sie verpasst großen exotischen Pflanzen Formschnitte dermaßen perfekt wie sonst keiner in der Firma. Sie ist klug und schafft mühelos die Highschool, was ihr in den USA allerdings ohne weitere Collegeausbildung nur Jobs mit geringster Bezahlung ermöglicht. 

Erst langsam, mithilfe von Freunden, kann sie sich aus den Fesseln der Hendersons befreien. Ohne Identitätspapiere und ohne Führerschein besorgt sie sich einen alten Mazda, um damit in die Unabhängigkeit zu starten, denn auf der schmutzigen Farm wird sie bloß als billige Arbeitskraft benützt. Unter diesen Freunden sind allesamt durchgeknallte bis schräge – im besten Fall – eigenartige Typen, wie der schwule Jay, der trotz Talentfreiheit ausgerechnet bei einer blinden Lehrerin Flamenco lernen und tanzen will, besucht später die Filmhochschule. Und der intellektuelle Studenten Peter von der Ostküste, der bereits mit einem reichen, schönen Mädchen aus einem arabischen Clan verlobt ist. Keine Chance auf eine Liebe, trotz starker gegenseitiger Anziehung.

Es wäre nicht Nell Zink, leidenschaftliche Vogelbeobachterin, die in „Avalon“ die Gesellschaftsstrukturen in Kalifornien „beobachtet“. Bran steckt fest im proletarischen Kleinstunternehmermilieu, ihr Highschool-Freundeskreis aus der wohlhabenden Mittelschicht, bald auf diverse Colleges verstreut. Wer geht wohin und mit wem? Bran kann sich keine Uni leisten, elternlos und ohne finanzielle Unterstützer. Sie kellnert, verrichtet Gartenarbeit und Poolreinigung bei reichen Leuten, beginnt ein Drehbuch zu schreiben. Bran kann gut Geschichten schreiben – soll sie eine unwahrscheinliche Karriere als Drehbuchautorin wagen?

Brans ersehnter Roadtrip kommt erst am Schluss. Mit ihrem alten Mazda auf die berühmte California State Route 1, dem Pacific Highway 1, um auf eine Party zu ihrem Peter zu gelangen.

 „‚Avalon‘ heißt ‚Ort mit Äpfeln‘, diesem gesunden Zeug, das auf Bäumen wächst. Wenn du Äpfel richtig behandelst, bleiben sie das ganze Jahr frisch. Deshalb heißt das Wort Paradies ‚Garten‘, und deshalb wurde Artus nach Avalon gebracht, um seine Wunden zu heilen.“ (Bran S.6).

Cover des Buches Avalon (ISBN: 9783498003111)
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Rezension zu "Avalon" von Nell Zink

Sozialdrama, Fantasy und ein College-Roman
nicoleklebervor 9 Monaten

„Die Hendersons behielten mich gern. Ein zehnjähriges Stiefkind bedeutete ungefähr acht Jahre unbezahlte Arbeit und 20.000 Dollar Kindergeld, falls das Finanzamt mitspielte. Aus ihrer Sicht bot ihnen meine Mutter als finanziellen Ausgleich mich an.“

Von ihrer Mutter verlassen und mit einem Vater, den sie nie kennengelernt hat, scheint Bran nichts anderes übrig zu bleiben, als auf der Bourdon-Farm, die dem Clan eines dubiosen Ex ihrer Mutter gehört, zu schuften. Sie hat weder Pass noch Sozialversicherungsnummer, Krankenversicherung oder Führerschein und bezahlt wird sie natürlich auch nicht. Aber immerhin darf sie neben der Schufterei in der Baumschule die Highschool besuchen.

Dort schlägt sie sich gar nicht so schlecht, wird Mitglied einer Clique, die aus relativ wohlhabenden Kids besteht und gibt mit diesen Schulfreunden sogar ein Literaturmagazin heraus. Was ihr einen gänzlich anderen Blick, als den des Liguster-Formschnitts, auf die Welt gewährt.

Nutzt halt nur nicht viel.

Als ihre Freunde allesamt Richtung Uni aufbrechen und es bei den Hendersons einfach gar nicht mehr geht für Bran, haut sie schließlich doch ab. Sie kampiert in ihrem uralt Auto, jobbt im Coffeeshop und was sich sonst so anbietet, immer darauf bedacht, nicht von einem Miglied des Clans gesehen zu werden. Per Handy hält sie Kontakt zu ihren Freunden und als einer von ihnen in den Ferien Peter mitbringt, ein schlauer und noch dazu gut aussehender Typ von der Ostküste, verliebt sich Bran ziemlich heftig. Auch er interssiert sich für sie und obwohl ihm der Kapitalismus ein Greuel ist und er auch keine Gelegenheit auslässt um dies lautstark kundzutun -  seine Verlobung mit einer bruneiischen Prinzessin möchte er aber doch lieber nicht auflösen. Aus recht konservativen Gründen … 

Nichtsdestotrotz entspinnt sich zwischen den beiden ein intellektueller Diskurs: Peter empfiehlt ihr
Literatur, Bran liest, sofern sie den Texten habhaft werden kann, denn Geld für einen Bibliotheksausweis hat sie immer noch keins, und sie tauschen sich über das Gelesene aus. Außerdem ist Bran in ihrer Zuneigung ausgesprochen stur. Etwas, das Peter mal mehr und dann auch wieder weniger gelegen kommt …

Cinderella  meets the american dream – oder? 

Eine sehr gelungene Mischung hat Nell Zink hier vorgelegt: Sozialdrama, ein bisschen Fantasy und ein College-Roman reichen sich in „Avalon“ die Hand. Sprachlich knapp, präzise, mit einer ordentlichen Portion Ironie und „anders“ ...

Sehr gern gelesen und eine ganz klare Leseempfehlung!


Cover des Buches Reine Farbe (ISBN: 9783498002473)
ins_lebenlesens avatar

Rezension zu "Reine Farbe" von Sheila Heti

Es geht um Glauben, Spiritualität, Philosophie, Psychologie, Klimakrise und vieles mehr. Alles wird verwoben zu einer Art neuer Schöpfungsgeschichte mit Mira im Mittelpunkt, die nach einer Daseinsform sucht, in der sie das Menschsein erträgt.
ins_lebenlesenvor 10 Monaten

Was zur Hölle ist das? Ich stolpere durch die ersten Zeilen und sehe mich erstaunt um. Was ist das für eine Form, was für ein Genre? Was erwartet mich hier? Auf jeden Fall etwas Anderes, Intensives, das langsam und mit voller Aufmerksamkeit gelesen werden will.
Zunächst erscheint Gott und tritt an Tag 6 seiner Schöpfung einen Schritt zurück, um sein Werk auf sich wirken zu lassen. Dieser Moment, in dem er seinen ersten Entwurf begutachtet dauert schon die Ewigkeit auf dieser Erde. Vielleicht ist dieser Entwurf nicht gut genug und es wird einen Zweiten geben.

Mira ist Kunststudentin an der Akademie der Kritiker. Eine von uns in DIESER Welt des ersten Entwurfs. In dieser Welt erschafft die Kunst eine zweite, in der wir (Gott) „zeigen, wie die nächste Version unserem Wunsch nach aussehen sollte.“ Mira erzählt von ihrer Ausbildung zur Kunstkritikerin, ihrem Job als Lampenverkäuferin, von der Liebe zu einer Freundin, ihrem Leben. Sie wirkt seltsam fremd, kontur- und orientierungslos, bis ihr Vater stirbt. Als seine Seele sich mit ihrer verbindet, erfährt sie den friedlichsten Moment ihres Lebens, in den sie das Bedürfnis hat, noch tiefer einzutauchen.

Es geht um Glauben, Spiritualität, Philosophie, Psychologie, Klimakrise und vieles mehr. Alles wird verwoben zu einer Art neuer Schöpfungsgeschichte mit Mira im Mittelpunkt, die nach einer Daseinsform sucht, in der sie das Menschsein erträgt.

Der Ton ist getragen, mystisch, distanziert. Doch kommt er aus tiefster Seele mit bedeutungsvollen Sätzen. Aus den kurzen Kapiteln (manchmal nur ein Satz) hängen offene Enden. An denen ich zeitweise verzweifel, weil ich sie nicht verstehe und gleichzeitig erglühe, weil sie sich auf einer höheren gefühlsmäßigen Ebene doch erschließen.

Dieser Text erfordert ein Einlassen sowie das Loslassen von Erwartungen. Er schenkt im Gegenzug Schönheit, Neudenken, manchmal auch ein Hineinfließen. Mich hat er in seiner Komplexität, besonderen Form und Sprache beglückt.

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