Thomas Arzt

 3,9 Sterne bei 10 Bewertungen
Autor*in von Die Gegenstimme, Das Unbehagen und weiteren Büchern.

Lebenslauf

geboren 1983 in Schlierbach (Oberösterreich), lebt in Wien. Studierte Drehbuch an der Filmhochschule München und Theaterwissenschaft in Wien. Zählt seit „Grillenparz“ (2011) am Schauspielhaus Wien zu den meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern Österreichs. Neben Publikumserfolgen wie „Alpenvorland“ (2013), „Johnny Breitwieser“ (2014) oder „Die Österreicherinnen“ (2019) wurden seine Arbeiten zu internationalen Festivals in New York, Buenos Aires und Kiew eingeladen und waren u. a. bei den Wiener Festwochen, am Wiener Volkstheater, am Theater in der Josefstadt, am Schauspielhaus Graz, am Theater Heidelberg und am Deutschen Theater in Berlin zu sehen. Essays und Erzählungen erschienen in den letzten Jahren u. a. in „Lichtungen“, „Kolik“ und „Edit“ sowie am politischliterarischen Blog „Nazis & Goldmund“. „Die Gegenstimme“ ist sein erster Roman.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Thomas Arzt

Cover des Buches Die Gegenstimme (ISBN: 9783701717361)

Die Gegenstimme

(6)
Erschienen am 23.02.2021
Cover des Buches Das Unbehagen (ISBN: 9783701747412)

Das Unbehagen

(3)
Erschienen am 10.02.2025
Cover des Buches Das Unbehagen (ISBN: 9783701717989)

Das Unbehagen

(1)
Erschienen am 10.02.2025

Neue Rezensionen zu Thomas Arzt

Cover des Buches Die Gegenstimme (ISBN: 9783701717361)

Rezension zu "Die Gegenstimme" von Thomas Arzt

Ein LovelyBooks-Nutzer
»Wer hat mich gelehrt, so im Takt zu gehen?«

April, 1938: In einem kleinen Dorf in Österreich wird abgestimmt über den Anschluss ans Deutsche Reich. Das Ergebnis steht vorher schon fest, jeder erwartet ein einstimmiges „Ja“; schließlich ist man ja eine harmonische geschlossene Dorfgemeinschaft. Oder? Es wird gefeiert, der Alkohol fließt in Strömen, nicht nur die Jugend feiert Hitler als Lichtgestalt. Doch in die hysterische Fröhlichkeit mischt sich auch die Angst, die Resignation, die stille Verzweiflung.


»Nimmer wie früher, wiederholt die Mutter und setzt fort, weil wichtig ist, egal was kommt, die Familie. Schaut in die Runde, mit Mutteraugen,war da eine Angst? Angstmutteraugen schauen in Angstvateraugen, in Angstschwesterhänden blitzt ein Messer, willst ein Brot, Karl?«

(ZITAT)


Nein, nicht jeder ist einverstanden mit der Ideologie des Naziregimes. So mancher sieht den lauernden Abgrund, den drohenden Tod der eigenen Moral und Menschlichkeit, und verrät doch die eigenen Prinzipien mit seinem Kreuz im „richtigen“ bzw. falschen Kreis. Es ist ohnehin schon zu spät, der Anschluss ist längst passiert, meine Stimme kann nichts mehr ändern – von jetzt an werden sich viele Dorfbewohner an diesen Gedanken klammern, für den Rest ihres Lebens. Es war nicht meine Schuld. Ich habe doch nie an die Nazis geglaubt. Ich war nicht so einer.


Die Volksabstimmung ist eine Farce, die Wahl ist alles andere als frei oder geheim. Nur der Student Karl Bleimfeldner, der für die Wahl extra heimgekehrt ist, ist entschlossen, ein Zeichen zu setzen. Er ist vielen der fanatischeren Dörfler ohnehin schon verdächtig. Hat ja das Dorf schon lange hinter sich gelassen, lebt jetzt in der Großstadt. Hält sich für was Besseres. Warum will der wohl in die Wahlkabine, statt sein Kreuz in aller Öffentlichkeit stolz ins richtige Kreuz zu setzen? Der Verräter. Die Gesinnungssau. Ruiniert es für uns alle. Da müsste man doch … Dem sollte man mal …


Karl Bleimfeldner gab es wirklich; er war der Großonkel des Autors. Thomas Arzt macht aus Karls Geschichte dennoch kein reines Heldenepos, sondern zeichnet das vielschichtige Bild eines jungen Mannes, der sich über seine eigene Motivation nicht vollends im Klaren ist.


»Wo war die Gegenwehr? Das hat er seine jüngere Schwester gestern vorm Schlafen gefragt, die Friedl, bei einem Schnaps vor dem Haus, und die Friedlschwester hat nur gemeint, verbrenn dir nicht dir Zung. Er hat sich in einen Wahn geredet, heißt es später, hat da wohl die Welt retten wollen, hat halt gedacht, er tue was Gutes. Aber das Gute, Karl? Ist das nicht manchmal fehl am Platz? Bist 22, Karl. Willst auch ein Leben noch haben.«

(ZITAT)


Er will ein Zeichen setzen, ja. Aber tut er es aus Überzeugung, oder aus dem Drang heraus, sich zu beweisen, sich aus der dörflichen Enge zu befreien? Will er seiner Freundin imponieren, die älter ist als er, lebenserfahrener? Oder liegt’s nur daran, dass er in der Stadt eine Ahnung bekommen hat, dass es mehr gibt in der Welt, dass man nicht alles glauben muss oder darf? Er setzt sein Kreuz nicht mit stolzgeschwellter Brust, sondern verspürt dabei eine so schreckliche Angst, dass er sich einnässt. Dennoch tut er es – und das ist sicher nicht das Heldentum der klassischen Sage, aber vielleicht die wahrhaftigste Art von Mut.


Interessanterweise gibt es in der Geschichte noch einen anderen Charakter, der eine ähnliche Art von Mut zeigt, obwohl ihm das niemand zutrauen würde. Der Seppl, den alle für deppert, für beschränkt halten, und dessen Gedanken doch zeigen, dass er die Situation und die moralischen Implikationen auf seine eigene Art durchaus erfasst.


»Der Seppl sieht’s. Er erkennt in einem jeden Jetzt das Morgen, das bitterschwarz gefärbt.«

(ZITAT)


Obwohl der ein oder andere Charakter sicher überspitzt dargestellt wird – als Verkörperung einer bestimmten Facette der Anpassung, der stillen Kapitulation, des Mitläufertums oder der fanatischen Hingabe an das Naziregime –, gelingt Thomas Arzt dennoch ein sehr nuanciertes, schlüssiges Bild. „Die Gegenstimme“ ist ein Mosaik der Menschlichkeit im Rahmen einer moralischen Extremsituation, und das ist meines Erachtens ungemein ausdrucksstark.


Ja, und auch spannend. Denn als Leser:in weißt du ja nicht, was geworden ist aus dem Karl Bleimfeldner. Ob die Kern Cilli, die unter der Bluse ein Bild Hitlers auf dem nackten Busen trägt, ihren verblendeten Gewaltfantasien auch Taten folgen lassen wird. Wird die Frau des Arztes sich auflehnen gegen die politische Anbiederung ihres Mannes? Die Auswahl an Persönlichkeiten und Lebenssituationen ermöglicht einen erstaunlich klaren Blick in die Vergangenheit, auf unterhaltsame Weise und durchaus mit ein wenig (Galgen-)Humor.


Erzählt wird das alles in einer Sprache, die gerade nahe genug dran ist am österreichischen Dialekt, um die Geschichte zu verorten und eine gewisse Atmosphäre zu erzeugen, ohne sie für den Nicht-Österreicher unlesbar zu machen. Ja, sie holpert und stolpert, manchmal fehlt ein Verb, dann ist der Satz wieder verdreht. Das ist wohldosiert und wirkt eher wie gesprochene Sprache, aber daraus ergibt sich ein stimmiger Klang mit enormer Sogwirkung. Da kann Thomas Arzt seinen Hintergrund als Theaterautor wohl nicht verleugnen! Gerade das Rohe, Unpolierte der Sprache zieht dich als Leser:in rein in die Situation, du stehst nicht mehr nur teilnahmslos daneben.


Fazit


Wir befinden uns im April 1938. In Österreich soll eine Volksabstimmung nachträglich den Anschluss ans Nazi-Regime legitimieren – inszeniert, durchgeplant, mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Eine Welle der Propaganda und Verblendung überflutet das Land; wer dagegen ist, hält aus Angst meist den Mund. In einem kleinen Dorf herrscht am Wahltag eine perverse Festtagsstimmung: Die eine jubelt im Hitler-Wahn, der andere ersäuft sein Gewissen im Schnaps. Nur Karl, der Sohn des Schusters, kehrt extra heim aus Innsbruck, wo er studiert, um seine Gegenstimme abzugeben.


Das kleine Dorf wird zum Brennglas für diesen Teil der deutsch-österreichischen Geschichte. In kleinem Rahmen zeigt sich die gesamte Bandbreite der menschlichen Fehlbarkeit, der menschlichen Hoffnung, des menschlichen Mutes – auch wenn letzterer eher durch ein verzweifeltes Aufbäumen als durch strahlende Heldentaten Ausdruck findet. Das ist schlüssig und spannend, regt zum Nachdenken an und überzeugt auch sprachlich durch eine gekonnte Mischung aus Hochdeutsch und Dialekt.


Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:

https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-thomas-arzt-die-gegenstimme/

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