Auslöschung

von Thomas Bernhard 
4,5 Sterne bei54 Bewertungen
Auslöschung
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Positiv (46):
LeifTewess avatar

Der dickste Bernhard mit den schönsten Beschimpfungen.

Kritisch (2):
Aliras avatar

Durchgehende Misanthropie und konstanter Kulturpessimismus

Alle 54 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Auslöschung"

»Auslöschung« ist der Titel einer Niederschrift, die Franz-Josef Murau in seinem letzten Lebensjahr in Rom verfaßt hat und die Thomas Bernhard zugänglich macht. Diese Aufzeichnungen waren für Murau unumgänglich geworden, da in ihnen ein Thema im Zentrum steht, das seine ganze Existenz zerstört hat, nämlich seine Herkunft. Dieser »Herkunftskomplex« läßt sich mit dem Namen eines Ortes bezeichnen: Wolfsegg. Hier ist Murau aufgewachsen, hat er den Entschluß gefaßt, daß er, will er sich, seine geistige Existenz retten, Wolfsegg verlassen muß. Obwohl er deshalb beabsichtigt, Wolfsegg zu meiden, muß er dennoch dorthin reisen: seine Eltern und sein Bruder sind bei einem Autounfall ums Eeben gekommen. Dieser erneute Wolfsegg-Aufenthalt macht Murau deutlich, daß er sich von Wolfsegg endgültig lösen muß. Er faßt den Entschluß, über Wolfsegg zu schreiben, und zwar mit dem Ziel, das in diesem Bericht »Beschriebene auszulöschen, alles auszulöschen, das ich unter Wolfsegg verstehe, und alles, das Wolfsegg ist«.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518380635
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:651 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:28.08.1988

Rezensionen und Bewertungen

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    Aliras avatar
    Aliravor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Durchgehende Misanthropie und konstanter Kulturpessimismus
    Die Kunst ist das Höchste und das Widerwärtigste gleichzeitig.*)

    Die ersten hundert Seiten ziehen sich ermüdend in die Länge: Der Protagonist Franz-Josef Murau, ein Literaturprofesser, erzählt seinem Schüler Gambetti von sich und den Mitgliedern seiner Familie - und geht bei jedem Vergleich haushoch als Sieger hervor.

    Interessant liest sich Seite 112 des bereits 1986 geschriebenen Romans, wo der Autor hellseherische Fähigkeiten beweist:

    „Was für scheußliche Kreaturen in diesem Österreich heute die Macht haben! Die Niedrigsten sitzen jetzt oben. Die Widerwärtigsten und die Gemeinsten haben alles in der Hand und sind drauf und daran, alles, das etwas ist, zu zerstören….. Die Regierung betreibt eine ungeheuerliche Vernichtungsmaschine, in welcher tagtäglich alles vernichtet wird, das mir lieb ist.“

    Oder auf Seite 118:
    „Wir haben heute keinen tatsächlichen Sozialismus, nirgendwo auf der Welt, nur diesen verlogenen, geheuchelten, vorgetäuschten, das sollten Sie wissen. Wie diese heutigen Sozialisten keine tatsächlichen sind, sondern geheuchelte, verlogene, vorgetäuschte. Dieses Jahrhundert hat es zustande gebracht, das Ehrenwort Sozialismus in einer Weise in den Schmutz zu ziehen, daß es geradezu zum Erbrechen ist….“

    Trotzdem bin ich diesmal von Thomas Bernhard – den ich nach wie vor sehr schätze – enttäuscht und habe die durchgehende Misanthropie und den konstanten Kulturpessimismus auf Seite 166 beendet. Den zweiten Stern vergebe ich für den Fleiß des Schriftstellers bzw. für die insgesamt 650 Seiten dieses Romans.

    *) Zitat Thomas Bernhard


    Kommentare: 1
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    WalterBurscheidts avatar
    WalterBurscheidtvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Besser als "Holzfällen" oder "Untergeher". Und das will was heißen.
    Die Krönung.

    Bernhard ist nichts für Jedermann - und vielen Leuten noch immer unbekannt, obwohl er sich längst zur "Weltliteratur" zählen darf. Das liegt natürlich in seinem oftmals sperrigen, inhaltlich sehr misanthropischen Stil begründet. Einem Wüterich 300 Seiten oder mehr zuzuschauen - und dabei nicht immer folgen zu können, tja, erfordert halt ein wenig mehr an Hingabe als andere Bücher. "Auslöschung", ich vermute einmal Bernhards umfangreichstes Buch, sollte dennoch als Einstiegsdroge in das Schaffen des 1989 verstorbenen Österreichers herhalten. Soviel Aufarbeitung in "unter Verschluss gehaltene Zeiten" war selten, selten ätzte Bernhard so aufopferungsvoll, aber eben ehrlich, nachvollziehbar.

    Kommentare: 1
    1
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    HeikeGs avatar
    HeikeGvor 7 Jahren
    Rezension zu "Auslöschung" von Thomas Bernhard

    Eine Art literarische Realitätenvermittlung
    .
    "Auslöschung - Ein Zerfall"... ein vernichtender, ein destruktiver Titel, den sich Thomas Bernhard für seinen letzten Roman einfallen lassen hat. Doch wie er selbst gegen Ende des großartigen Buches schreibt, denkt er nicht an etwas Ungeheuerliches, "auch nicht an etwas Einmaliges, aber doch an etwas mehr als nur eine Skizze, mehr als eine Existenzskizze, an etwas, das sich sehen lassen kann und dessen ich mich nicht zu schämen habe." Schämen braucht er sich mit Sicherheit nicht. Denn der österreichische Autor hat mit diesen 650 Seiten wohl sein substantiellstes, bestes und tiefgreifendstes Werk vorgelegt.
    .
    "Auslöschung" offenbart sich als ein Abtauchen ins tiefste Innere eines Menschen, ein Wühlen und Zerren an Verletzungen, Demütigungen und traumatischen Kindheitserlebnissen: eine Abrechnung mit dem Begriff Heimat im engeren genauso wie im weiteren Sinn, ein angestrebtes Zur-Ruhe-Finden in der Konfrontation mit dem Unruhigen, ein Hineinschauen in die berühmt-berüchtigte gähnende Leere seiner Kindheit. Das Enge kommt dabei Wolfsegg zu, dem eigentlich weitläufigen, ja herrschaftlichen "Besitzklumpen" der Familie des Erzählers Franz-Josef Murau. Dieser hat seit Jahren dem elterlichen Anwesen den Rücken gekehrt. In Rom lebend, wird er von einem Telegramm seiner Schwestern zu einer unfreiwilligen Rückkehr in heimische Gefilde gezwungen. Seine Eltern und der ältere Bruder sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Murau avanciert zum alleinigen Erben des verhassten Ortes seiner Kindheit. "Sie mussten tödlich verunglücken und zu diesem lächerlichen Papierfetzen, der sich Fotografie nennt, zusammenschrumpfen, um dir nicht mehr schaden zu können. Der Verfolgungswahn ist zu Ende."
    .
    Alles Angestaute, Vergrabene, unter Schichten gelebten Lebens Versteckte bricht nach der tragischen Nachricht und einer kurzen Starre mit ungeheurer Kraft aus ihm heraus: "... ich muss diesen Bericht über Wolfsegg schreiben, über die Wolfsegger Menschen, über die Wolfsegger Verhältnisse, über ihr Unglück und über ihre Gemeinheit, über ihre Hinfälligkeit und ihre Charakterlosigkeit, über alles, das sie mir vorgeführt haben und das mir, solange ich lebe, mehr oder weniger die Nächte meines Lebens schlaflos gemacht und ruiniert hat...". Gleichzeitig schlägt Bernhard, ganz wie man es von ihm gewohnt ist, im Großen um sich: gegen seine und die deutsche Nation. Er verteufelt die "gemeine und ungeistige, niederträchtige katholisch-nationalistische Gesinnung in Österreich" sowie sein Volk, das zwar Mozart, Haydn und Schubert, jedoch "das Denken verlernt und beinahe zur Gänze aufgegeben" hat.
    .
    Als einziger Lichtpunkt im Grauschleier seiner Familie sticht dessen schwarzes Schaf - sein weltoffener Onkel Georg, von jenen als "nichtsnutziger Schurke" bezeichnet - hervor. Er führt den Jungen in die Literatur, die Welt der Musik und Kunst ein und eröffnet ihm dadurch "das Paradies ohne Ende". "Erst wenn wir einen ordentlichen Kunstbegriff haben, haben wir auch einen ordentlichen Naturbegriff, sagte er. Erst wenn wir den Kunstbegriff richtig anwenden und also genießen können, können wir auch die Natur richtig anwenden und genießen." Alle anderen Protagonisten schrammen mal mehr, mal weniger als parodistische Karikaturen, ja menschliche Wracks durchs gezeichnete Bild des Widersprechers, Verweigerers und Abtrünnigen.
    .
    Als Übertreibungsfanatismus, der zur Übertreibungskunst stilisiert wird, versucht sich der Erzähler "aus der Armseligkeit [seiner] Verfassung zu retten, aus [seinem] Geistesüberdruss". Da ist zum einem der Vater, der wirkt, als wäre er bei sich selbst angestellt, zum anderen der Bruder, der als Kaspar und "Ersatzhampelmann" seiner kaltherzigen, opportunistischen Mutter fungiert sowie die beiden altjüngferlichen Schwestern, von denen der einen letztendlich noch ein tumber Ehemann widerfährt: ein Weinflaschenstöpselfabrikant aus dem Allgäu.
    .
    Thomas Bernhards Roman lässt sich wohl allgemeingültig über viele Personen stülpen, denn wir "tragen alle ein Wolfsegg mit uns herum und haben den Willen, es auszulöschen zu unserer Errettung...". "Auslöschung" ist ein allgemeingültiges, grübelnd-philosophierendes, ironisch-bitteres Gedankenbuch. Ein Lesevergnügen auf allerhöchstem Niveau und par excellence. Der "österreichische Nestbeschmutzer" schreibt selbst in seinem Werk: "Ich halte mich für befähigt und zuständig, das aufzuschreiben, das mir des Aufschreibens wert erscheint, weil es mir wichtig ist und dazu auch noch ein großes Vergnügen macht, wie ich denke. Ich bin ja nicht eigentlich Schriftsteller, (...), nur ein Vermittler von Literatur und zwar der deutschen, das ist alles." Hier gibt es schlussendlich nur einen Satz hinzuzufügen: Und was für einer!

    Kommentare: 4
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    erwins avatar
    erwinvor 8 Jahren
    Rezension zu "Auslöschung" von Thomas Bernhard

    "Es gibt Schriftsteller, hatte ich zu Gambetti gesagt, die begeistern den Leser, wenn er sie zum zweiten Mal liest, in noch viel höherem Maße als das erste Mal, mit Kafka geht es mir jedesmal so. Ich habe Kafka als einen großen Schriftsteller in Erinnerung, hatte ich zu Gambetti gesagt, aber ich hatte beim Wiederlesen absolut den Eindruck, einen noch viel größeren gelesen zu haben. Nicht viele Schriftsteller werden beim zweiten Lesen wichtiger, großartiger, die meisten lesen wir zum zweiten Mal und schämen uns dabei, daß wir sie überhaupt einmal gelesen haben, mit Hunderten von Schriftstellern geht es uns so, nicht mit Kafka und nicht mit den großen Russen Dostojewski, Tolstoi, Turgenjew, Lermontow, nicht mit Proust, mit Flaubert, mit Sartre, welche ich zu den allergrößten zähle."
    Wovon ich vor der zweiten Lektüre der Auslöschung überzeugt gewesen bin, hat sich während und nach eben dieser bestätigt, dachte ich mir zuerst aus dem Fenster blickend, dann hier niederschreibend, Thomas Bernhard ist zweifellos mit in diese Riege zweitlesenswerter Autoren aufzunehmen.

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    Geisterhoernchens avatar
    Geisterhoernchenvor 10 Jahren
    Rezension zu "Auslöschung" von Thomas Bernhard

    Toll! Aber nur für Fans!

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    LeifTewess avatar
    LeifTewesvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Der dickste Bernhard mit den schönsten Beschimpfungen.
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    andrea1978s avatar
    andrea1978vor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Wahrlich,....Thomas Bernhards bedingungsloses Geschenk an die Weltliteratur,-)
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    Lysanders avatar
    Lysander
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    emil
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