Thomas Galli Die Gefährlichkeit des Täters

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Inhaltsangabe zu „Die Gefährlichkeit des Täters“ von Thomas Galli

Schon das erste Buch von Gefängnisdirektor Thomas Galli sorgte für Aufsehen: Seine Geschichten über den Gefängnisalltag thematisierten den Problemkreis von Schuld, Strafe und Rehabilitation und stellten dezidiert die Frage: Wie sinnvoll, wie effektiv, wie menschenwürdig ist der Strafvollzug in seiner heute praktizierten Form? In seinem neuen Buch stehen Einzelschicksale von Straftätern im Mittelpunkt, bei denen nach schweren Taten und langer Haftstrafe über eine Sicherungsverwahrung entschieden werden muss. Wann gilt ein Täter als »höchst gefährlich«? Worauf gründen Justiz, Gefängnisverwaltung und Psychologen ihr Urteil über seine Gefährlichkeit? Wie lassen sich Gefahren für die Allgemeinheit abwenden oder begrenzen?

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    Die Gefährlichkeit des Täters

    Gwhynwhyfar

    09. October 2017 um 16:25

    Der Anfang: »Es gibt verschiedene Gründe, aus denen der Staat Menschen einsperrt. Vor Allem sind dies Vergeltung, Abschreckung, Resozialisierung und Sicherung der Allgemeinheit.«Thomas Galli hat in verschiedenen Bundesländern Haftanstalten geleitet und berichtet in Kurzgeschichten über Täter und den Strafvollzug. Was bedeutet Schuld und Strafe, ist Rehabilitation möglich, wie menschlich bzw. ist unser Strafsystem. Wie gefährlich sind Menschen, die in die Sicherheitsverwahrung kommen?»Wenn einem Gefangenen die Sicherheitsverwahrung vorbehalten ist, dann schwebt während der Haft ein Damoklesschwert über der Anstalt und dem Gefangenen. Versäumt es die Anstalt, dem Inhaftieren genügend Behandlungsmaßnahmen zu offerieren, um an seiner Gefährlichkeit zu arbeiten, kann es passieren, dass später die Sicherheitsverwahrung aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht angeordnet wird, obwohl der Gefangene weiterhin als hochgefährlich einzustufen ist.«In kurzen Lebensläufen und Zusammenfassung der Straftaten erzählt jede Kurzgeschichte von Einzelschicksalen. § 2 Absatz 1 des 1977 reformierten Strafvollzugsgesetzes besagt, das im Vollzug der Gefangene befähigt fähig werden soll, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Die Vollzugsanstalten sind weder baulich, strukturell noch personell darauf ausgerichtet. Galli berichtet in einer Geschichte von einem Vollzugbeamten, der mit großem Engagement seine Ausbildung begann, in der gelehrt wird, wie wichtig die Betreuung der Gefangenen ist und muss mit Entsetzen feststellen, dass in der Realität nicht eine Minute für die Einzelbetreuung übrigbleibt. Seine Großherzigkeit bringt ihm nur Ärger, führt zum Verlust seines Jobs. Eigentlich wollte er menschlich sein, brachte dem Türken, der sich in Sicherheitsverwahrung befindet, ein netter Kerl ist, Baklava mit. Seit Jahren wünschte der sich ein Essen aus der Heimat. In seinem unendlichen Glück berichtet dieser den anderen Gefangen von der Großherzigkeit des Schließers. Und bei dem steht nun ein Russe, verlangt, der Wärter möge ihm ein Handy hereinschmuggeln, ansonsten gäbe es eine Anzeige wegen dem Baklava … Da kommt ein Direktor daher, findet es unmenschlich, dass die Gefangenen nur zum Essen und zum Hofgang Aufschluss haben, ordnet an, viele Stunden des Tages die Zellen zu öffnen. Hier fällt mir gerade das Buch von Steffen Schroeder über einen Langzeithäftling ein, der da sagte, er fühle sich nur sicher, wenn die Tür geschlossen ist. Es wäre gefährlich, bei Aufschluss einzuschlafen … Und genau in dieser Situation der »Menschlichkeit« stößt das Personal an Grenzen, die Anweisung des Direktors erweist sich als kontraproduktiv. Pergament unterbesetzt bekommen die Vollzugsbeamten es nicht in den Griff: Schlägereien, Drogenhandel usw. steigen an, es gibt keine Zeit, die Zellen ordentlich zu durchzusuchen, vieles wird übersehen, schon gar keine Zeit verbleibt, für ein vernünftiges Wort.»Die Therapeutin tat doch nur ihren Job. Sie sprach ja nicht mit ihm, weil sie ihn mochte oder ihm helfen wollte. Nein, sie tat das, weil sie ihr Geld verdienen musste.«Der Zirkusdirektor ist ein Schlawiner, weiß, wie man zu besseren Haftbedingungen durch Verlegung kommt, zieht alle Register. Wie schon in Steffen Schroeders Buch, erfahren wir etwas über den Irrsinn der Regeln und Reglementarien, damit jemand eine Ausbildung machen darf, Freigang erhält, sich auf die Welt draußen vorbereiten kann. Aber Thomas Galli erzählt auch eine tragische Geschichte, über einen, der das System verarscht, einen Soziopathen oder Psychopathen, der weiß, was er sagen muss, wie er sich benehmen muss, um Ausgang zu erhalten. Der Gefangene hat nichts Besseres beim Ausgang zu tun, als wieder eine Frau zu vergewaltigen, zu ermorden. Ein Jugendlicher ohne Selbstbewusstsein wird erst im Jugendknast zum Gewalttäter geformt. Jede Geschichte hat ihre Sicht, ihre Dynamik, gibt Einblick in das System.»Wenn der Abteilungsleiter eine Anzeige stellte, würde er wochenlang Berichte schreiben müssen. Für den Anstaltsleiter, für Rechtsanwälte, für die Staatsanwaltschaft, für den Petitionsausschuss im Landtag. An die öffentliche Empörung mochte er gar nicht denken. Ein Gefangener wird unter staatlicher Aufsicht sexuell missbraucht? … Alle legen nämlich scheinbar, allergrößten Wert darauf, dass im Gefängnis alles nach Recht und Gesetz läuft und das vor allem, um Gottes Willen, den Gefangenen kein Leid geschehe.«Thomas Galli berichtet, wie sich Angestellte aus der Affäre stehlen, selbst der Direktor: dokumentieren, bloß keinen falschen Satz schreiben, Aktenvermerke und Berichte werden so formuliert, dass man von oben nicht angreifbar wird. Psychologen, Sozialarbeiter bekommen Gehalt für ihren Job, ziemliches gutes Gehalt. Darum arbeiten sie hier, entscheiden vorsichtig, dokumentieren, um bloß nichts falsch zu machen, gehen kein Risiko ein, um Schuld zu sein an einem Debakel, besonderes Engagement ist nicht zu erkennen. Es gibt auch keine Solidarität und den Kollegen, abstreiten, Verantwortung auf andere schieben.»Jeder Hafttag kostet den Steuerzahler zwischen 100 – 150 Euro, also bis zu 4500 Euro im Monat. Da sind allerdings die Kosten von Gerichten und Staatsanwaltschaften noch gar nicht eingerechnet. … Die Gefangenen, die wegen Schwarzfahren und anderer kleiner Delikte ihre Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen, werden in regulären Gefängnissen mit Straftätern aller Art untergebracht.«Im Stil von Ferdinand Schrierach, der aus der Sicht des Anwalts schreibt, erzählt uns der JVA-Leiter Galli aus dem Gefängnisleben. Sachlich erzählt, distanziert, mit einem Häppchen Humor skizziert er Einzelschicksale und den Umgang der Gesellschaft mit Bösewichten. Ist Käfighaltung förderlich für die Resozialisierung? Ist Strafvollzug ein Racheakt an denen, die sich nicht an die Regel halten? Wird man kriminell, wenn man eine schlechte Kindheit hatte? Nein. Aber eher. Wird man keinesfalls straffällig, wenn man eine gute Kindheit hatte? Nein. »Warum soll der Steuerzahler etwa für den Freiheitsentzug eines Ulli Hoeneß noch 4000 Euro jeden Monat zahlen, wenn dieser stattdessen (wie etwa Silvio Berlusconi in Italien) gemeinnützige Arbeit leisten könnte, um den Schaden wiedergutzumachen, den er der Allgemeinheit durch seine Steuerhinterziehung zugefügt hat?«Schon lange ist Fachleuten bewusst, dass jede Art von Zwangstherapie nutzlos ist, Gefangene streben sie oft nur an, um Hafterleichterung zu erhalten. Aber die Fachleute verdienen eben ziemlich gut daran. Therapie in Käfighaltung weckt eher das Tier im Gefangenen. Dies Buch plädiert für eine Reform des Strafrechts, die auch meiner Meinung nach dringend nötig ist. Ich würde nicht so weit gehen wie Galli, Gefängnisse abzuschaffen, die Langzeitverwahrung gibt bei dem ein oder anderen Täter einen Sinn. Zwanzig, dreißig Jahre und mehr inhaftiert, vor die Tür gestellt, das ist so, als führe man einen Menschen auf den Mars, ausgesetzt, kommt nicht klar. Welchen Sinn gibt das? Es gäbe sicher integrative Möglichkeiten mit guter Betreuung, bei der der Bestrafte zu einer Wiedergutmachung per Arbeit gezwungen wird, sich mit der Straftat auseinandersetzen muss, Maßnahmen, die günstiger sind als das heutige System. Ein interessantes Buch über das Strafsystem in Form von feinen Erzählungen. 

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