Apropos Gassenhauer der Lyrik: Einer, der seit Jahren in diesen Gefilden zugange ist, heißt Thomas Gsella; seine Gedichte zierten immerhin schon so manche Zeitungsseite (in taz, FAZ, SZ, FR, u. a.).
Ich muss zugeben, dass ich Gsellas Poesie, wenn ich auch einzelne Gedichte hier und da gefeiert habe, nie besonders sympathisch fand. Bemühte, sogar teilweise krampfhafte Satire – so konnte man, was mich anging, einen Großteil seines dichterischen Werks zusammenfassen.
Umso erstaunter war ich, als ich diese neuen politischen Gedichte las, die nicht nur bissig und mitunter sogar pointiert (statt mit aufgelegter Pointe am Schluss) sind, sondern auch andere Qualitäten haben: offene Empathie, feines Gespür, kluge Einsichten und Analogien.
Natürlich ist Gsella immernoch ein Haudrauf – so mancher Vers ist etwas grober gestrickt als nötig und mancher Witz sitzt nicht ganz so sicher und fest im Sattel auf den schwankenden Reimgebilden.
Dennoch, Chapeau, da ist viel Menschlichkeit, viel wache und bedenkenswerte Wut, viel doppelbödiger Humor am Start.
Thomas Gsella
Lebenslauf
Alle Bücher von Thomas Gsella
Urlaub mit Punkt Punkt Punkt
Warte nur, balde dichtest du auch!
Nennt mich Gott
Achtung, Achtung, hier spricht der Weihnachtsmann!
Die Leiden des jungen Schiller
Ich zahl's euch reim
Kinder, so was tut man nicht
Blau unter Schwarzen
Neue Rezensionen zu Thomas Gsella
"Hereimspaziert"? Ja gerne, denn kaum hat man sich von dem originellen Buchtitel anlocken lassen, ist man bereits (schon wieder) dem Dichterfürst auf den Reim gegangen. Gerne erinnert man sich an "Ich zahl's euch reim" (2021), "Personenkontrolle" (2019) oder "Saukopf Natur" (2016), sowie die unterstellende Vermutung, jene Titel würden keine Nachfolger mehr dulden oder gar von einem weiteren übertroffen werden können.
Weit gefehlt und selten macht es so einen großen Spaß, sich geirrt zu haben. Was der Ex-Chefredakteur der "Titanic" hier wieder aus dem Ärmel schüttelt, dürfte ein weiteres Mal seinesgleichen suchen. Geflunkert wird auf dem Cover allerdings schon ein wenig, denn so neu sind die Sachen teilweise gar nicht, sondern zwischen 2016 und 2024 erschienen. Sich in Buchform zu präsentieren ist aber eine Premiere.
Lustig wird es bereits, bevor es richtig losgeht. Im Inhaltsverzeichnis lesen wir von einem Vorwort. Auf Seite sieben lesen wird dann, dass es gar keines ist. Verfasser Max Uthoff hat sich eher für eine "Huldigung" entschieden, am Ende verbunden mit einer unmissverständlichen "handfesten Drohung".
Hat sich Thomas Gsella im zuletzt erschienenen Band zu einem politischen Rundumschlag entschlossen, zeigt er hier ein sehr privates Gesicht. Detailverliebt spannt sich der Bogen dieses Mal von profanem Alltagsgerät bis hin zu den großen menschlichen Katastrophen, wie beispielsweise Fußball oder gar Liebe.
Hierbei geht er mit aller Sorgfalt und dichterischer Präzision vor, was jedoch nicht bedeutet, dass er hier und da an der Orthografie herumschraubt, also frei nach dem Motto "Reim komm raus, du bist umzingelt" handelt. Give Reim a chance! Das besonders schräge Exemplar eines erweiterten Substantivs finden wir am Ende von "Weg mit den Brückentagen!" auf Seite 69.
Apropos schräg. Potentielle Leserinnen und Leser aufgepasst. Mit Gedichten kennt ihr euch alle sicherlich bestens aus. Aber wie viele Dichterinnen und Dichter kennt ihr, die eine Handvoll ihrer wohldosierten und fein abgewogenen lyrischen Wortwahl zu den Themen rund um Tee, Brillen, Altglas, Flaschenöffner oder gar Tischkerzen formuliert haben? Na? Keine? Ja, auf was wartet ihr dann?
Selbstverständlich gibt es auch Indirektuelleres für jene Klientel, welche sich einen fundamentaleren Tiefgang erwarten. Das wäre dann das weite Feld der "Klassenjustiz", ein Freispruch an die letzte Generation, eine literarische Ohrfeige für Herrn Musk, ebensolche für die "Ampel", Trump und Raser, oder klare Worte an die leider allzu bekannten "Hetzer & Schwätzer", und ihre Galionsfiguren:
"Doch aus dem, der Tag und Nacht unflätigt,
Fallen Fladen wie aus einer Kuh."
Von bitterböse bis saulustig ist also alles vorhanden. Auf den Tag folgt die Nacht. Auf die Nacht folgt der Tag. Auf das Licht wieder die Dunkelheit und so weiter. Manchmal könnte man meinen, es wäre alles verloren. Aber:
"Welt, ich würde dich vermissen,
Wenn du morgen untergehst."
Der legitime Nachfolger von Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt und Konsorten ist wieder da!
Nach "ICH ZAHL’S EUCH REIM. Neue politische Gedichte" steht er nun abermals hinter dem Bar-Tresen, kreiert lyrische Cocktails zu allerlei menschlichen Absonderlichkeiten und kredenzt seine Martinis nicht nur gereimt sondern auch noch geschüttelt – mit ein wenig Satire statt der Olive.
Diesmal präsentiert sich Thomas Gsella „ganz privat“, politisches wird tunlichst vermieden (Wer’s glaubt!). Da wird hemmungslos in Vers-Form über Lust und Liebe – gerne auch incl. Orgasmus, sowie passenderweise über Schuld und Sühne schwadroniert. Er thematisiert in Versen Fußball und Zölibat (oder: Zölibat im Fußball?). Allgemein scheint im Leben des Thomas Gsella der Fußball eine feste Größe zu sein, dem er gerne in mannigfachen Facetten – von der WM in Katar über Spielerfrauen bis Frauenfußball – seine Aufmerksamkeit schenkt.
Doch auch mit ganz pragmatischen Alltags-Tipps zu Brückentagen, Grabinschriften und Gehaltsverhandlungen kann er aufwarten und kennt sich nur allzu gut mit so mancher Tücke des Objekts aus, sei es bei Partnerbörsen, dem Schlüsseldienst oder der Post.
Natürlich geht´s nicht gänzlich ohne Politik (s.a. „Vermutungen zu Alice Weidel u.a.“), aber auch hier ist Gsella ganz der innovative Aufklärer, der mit überraschenden Denkanstößen Verständnis beim Gegenüber generiert (ACHTUNG: Ironie). Selbst anlässlich des Todes der Queen findet er tröstende Verse für das trauernde Volk und lotst uns sicher durch das Kalenderjahr mit seinen mannigfaltigen Feiertagen und dem Wechsel der Jahreszeiten.
So manches Mal fordert mich seine Kunst heraus – weniger mit der persönlichen Haltung des Dichters, die zwischen den Zeilen stets sehr deutlich erkennbar bleibt: Da finde ich mich durchaus wieder. Vielmehr reimt er manchmal etwas unorthodox, variiert den Rhythmus und weicht vom erwarteten Reim-Schema ab. Doch mit großer Freude stelle ich mich dieser Herausforderung: Rückt er doch nur allzu gerne auch mit seiner Themenauswahl vom Erwarteten ab.
Jedes, wirklich und wahrhaftig jedes Thema scheint ihm würdig, in Lyrik gebettet zu werden – getreu dem Motto „Wenn es sich reimt, tut es gar nicht mehr so weh!“. Doch es kam durchaus nicht selten vor, dass mir das Lachen beim Lesen einer seiner gereimten Ergüsse spontan im Halse hängen blieb. Mit Thomas Gsella verlasse ich als Leser die gefälligen Pfade und begebe mich auf einen holprigen Untergrund, was es umso aufregender macht, ihn Schritt für Schritt zu erkunden.
Böse, ja, böse sind sie auch, seine Verse, herrlich böse – und so wahr!
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Zusätzliche Informationen
Thomas Gsella wurde am 19. Januar 1958 in Essen (Deutschland) geboren.
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