Inhalt:
In den Wirren des Zweiten Weltkrieges verliert der junge Hannibal Lecter unter dramatischen Umständen seine ganze Familie. Bei seinem Onkel findet er schließlich ein neues Zuhause, aber die schlimmen Erlebnisse lassen ihn nicht los und in ihm wächst der Wunsch nach Rache. Hannibal setzt alles dran die Mörder seiner kleinen Schwester Mischa ausfindig zu machen und sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen…
„Hannibal starb als Junge 1945 da draußen im Schnee bei dem Versuch, seine Schwester zu retten. Sein Herz ist mit Mischa gestorben. Sie wollen wissen, was er jetzt ist? Ich würde sagen, dafür gibt es noch kein Wort. In Ermangelung einer besseren Bezeichnung werden wir ihn ein Monster nennen.“ (S. 305)
Meine Meinung:
Auf dieses Buch war ich sehr gespannt, weil Hannibal Lecter darin erstmals der Protagonist ist und nicht wie in „Roter Drache“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ nur als Nebencharakter in Erscheinung tritt. Hannibal ist ein sehr spezieller und außergewöhnlicher Charakter und gerade deshalb fand ich in den anderen Büchern der Reihe die Szenen mit ihm immer sehr interessant und spannend. Hannibal ist ein unberechenbarer und schwer durchschaubarer Soziopath und Serienmörder, der über eine ausgezeichnete Menschenkenntnis, umfangreiche psychologische Kenntnisse und eine hohe Intelligenz verfügt. Ich war neugierig durch dieses Buch ein paar Antworten auf die Frage zu bekommen wie aus ihm der werden konnte, der er später ist.
Man findet schnell in das Buch hinein. Gleich zu Beginn wird man in das Litauen zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges zurückversetzt. Es ist traurig und berührend mitzuerleben wie Hannibals bis dahin unbeschwerte Kindheit ein jähes Ende findet und wie er letztlich seine ganze Familie verliert. Vor allem die extrem grausame Ermordung seiner Schwester Mischa geht einem nahe und Hannibals Schmerz über ihren Verlust wird sehr eindringlich beschrieben. Es ist absolut verständlich, dass es ihm in den folgenden Jahren nicht gelingt diese Geschehnisse so einfach zu vergessen und man verspürt Mitgefühl.
Es hat mir gefallen, dass der Autor die Geschichte so angelegt hat, dass Hannibal seinen ersten Mord aus einem zutiefst persönlichen Motiv heraus begeht: Er will nämlich durch seinen ersten Mord die grausame Ermordung seiner Schwester rächen. Dieses durchaus nachvollziehbare Mordmotiv sorgt dafür, dass man verstehen kann, warum Hannibal überhaupt zum Mörder geworden ist. Anders wäre es gewesen, wenn Hannibal sein erstes Opfer zufällig ausgewählt hätte, denn dann hätte man ihn viel unmenschlicher gefunden und eine viel größere Distanz zu ihm verspürt.
Meine Kritikpunkte:
Obwohl Hannibal in diesem Buch der Protagonist ist bekommt man nicht wirklich einen tieferen Einblick in seine Psyche als es in den anderen Bänden der Fall war. Ich hätte erwartet, dass man viel stärker in seine Gefühls- und Gedankenwelt eintaucht. Das kann der Autor eigentlich viel besser: In „Roter Drache“ konnte ich mich weitaus besser in den Serienmörder Francis hineinversetzen und dass obwohl dieser zuweilen sehr psychopathische Gedanken hatte. Im vorliegenden Buch verspürte ich hingegen eine vergleichsweise große Distanz zu Hannibal und ich fand ihn nicht so greifbar wie ich es von den Protagonisten aus den meisten anderen Büchern gewohnt bin. Verstärkt wurde dieses Problem auch noch dadurch, dass Hannibal nach dem Verlust seiner Familie über Monate hinweg mit niemandem ein Wort spricht, aber man erfährt währenddessen auch fast nichts darüber was in dieser Zeit in seinem Inneren vorgeht. Ich konnte es auch nicht zu 100% nachvollziehen, warum er später von ein Tag auf den anderen plötzlich doch wieder gesprochen hat.
Das Buch fand ich vorrangig interessant, weil ich mehr über Hannibal Lecter erfahren wollte. Auf dieser Neugier des Lesers hat sich das Buch meiner Meinung nach zu sehr ausgeruht. Es gab deutlich weniger spannende Momente als z. B. in „Roter Drache“ und das Erzähltempo war zudem langsamer. Selbst Hannibals Morde aus Rache werden vergleichsweise unaufgeregt und nicht besonders packend geschildert. Hinzu kommt, dass der Verlust von seiner Schwester Mischa im Vorgängerband „Hannibal“ bereits grob geschildert wurden, weshalb es diesbezüglich natürlich keine Überraschungen geben konnte und es einfach „nur“ etwas detaillierter und eindringlicher geschildert wurde.
Außerdem gab es romantische Momente, die ich sehr unpassend fand. Hannibal fühlt sich zur Ehefrau seines verstorbenen Onkels hingezogen und es kommt zu einem Kuss zwischen den beiden, denn sie erwidert seine Gefühle. Das fand ich extrem überflüssig und zudem auch unpassend. Sie ist immerhin mit Hannibals Onkel verheiratet gewesen und war für Hannibal zu einer Ersatzmutter geworden. Zudem dürfte der Altersunterschied der beiden sehr groß sein, denn Hannibal ist zu diesem Zeitpunkt noch keine 20 Jahre alt. Es hat mich gestört, dass die Verbundenheit zwischen den beiden noch auf eine romantische Ebene gehoben werden musste. Warum bloß hat man es nicht bei einer Freundschaft oder einer Art Mutter-Sohn-Beziehung belassen? Ein ähnliches Problem hatte ich leider auch schon beim Vorgängerband „Hannibal“ wo ich die romantischen Gefühle zwischen Clarice und Hannibal sehr unpassend und nicht wirklich nachvollziehbar gefunden habe.
Vergleich mit der gleichnamigen Verfilmung:
Wer den Film bereits kennt und überlegt das Buch zu lesen: Man bekommt leider durch das Buch auch nicht sehr viel mehr Einblick in Hannibals Gedanken und Gefühle. Wie beim Film verspürt man eine relativ große Distanz zum Protagonisten. Der Film hält sich ziemlich genau an die Buchvorlage und ich muss leider sagen, dass man eigentlich nichts verpasst, wenn man nur den Film kennt, denn das Buch liefert weit weniger Details und Tiefe als erhofft.
Fazit:
Leider konnte dieses Buch meine Erwartungen nicht vollständig erfüllen. Vieles blieb mir zu oberflächlich und ich hatte am Ende nicht das Gefühl einen tieferen Einblick in Hannibals Psyche bekommen zu haben. Das Buch ruht sich meiner Meinung nach zu sehr darauf aus, dass man den jungen Hannibal Lecter als Protagonisten hat. In den anderen Bänden wird deutlich mehr Spannung aufgebaut und aufrechterhalten.
Nachdem ich nun alle vier Hannibal-Lecter-Bände gelesen habe steht für mich fest, dass „Roter Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ die Highlights sind. „Hannibal“ und „Hannibal Rising“ lassen sich zwar auch gut lesen, aber ich fand sie längst nicht so mitreißend und toll wie die anderen beiden.
Zum Schluss noch zwei Zitate aus dem Buch, die mir besonders gefallen haben. Es sind zwei Dinge, die Hannibals Lehrer Herr Jakov diesem mit auf den Weg gibt:
„Jeder verdient es, dass man sich mit ihm beschäftigt, Hannibal. Wenn jemand auf den ersten Blick langweilig erscheint, musst du nur genauer hinsehen, du musst in ihn hineinsehen.“ (S. 35)
[Herr Jakov:] „Sich erinnern zu können ist nicht immer ein Segen.“ [Hannibal:] „Ich würde mich aber gern an alles erinnern.“ [Herr Jakov:] „Dann wirst du einen Gedächtnispalast brauchen, um alles darin zu speichern. Einen Palast in deinem Kopf.“ [Hannibal:] „Muss es denn unbedingt ein Palast sein?“ [Herr Jakov:] „Jedenfalls wird dieser Ort immer größer werden, bis er irgendwann so riesig ist wie ein Palast.“ (S. 39)













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