Thomas Keul Unwürdige Lektüren

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Inhaltsangabe zu „Unwürdige Lektüren“ von Thomas Keul

Ein besonderes Who’s who der deutschen Gegenwartsliteratur. Thomas Keul, Herausgeber der Literaturzeitschrift VOLLTEXT, befragte Autoren der Gegenwart nach ihren geheimen Leselastern. Vom Ikea-Katalog (Annette Pehnt) über Carl Sagan (Radek Knapp), von Fotoromanzi (Sabine Gruber) über Yellow Press (Silke Scheuermann), von Vicki Baum (Judith Kuckart) bis Daniel Kehlmann (Daniel Kehlmann) – hier erhalten wir ungeahnte Einblicke in die Lesegewohnheiten der tonangebenden Autoren unserer Zeit.
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  • Rezension zu "Unwürdige Lektüren" von Thomas Keul

    Unwürdige Lektüren
    HeikeG

    HeikeG

    12. August 2008 um 12:47

    Madame Bovary, die dumme Gans oder Ulysses' furchtbares Wortgeklingel - 29 Autoren berichten über ihre Lesevorlieben oder diskutieren einfach nur über "würdige" und "unwürdige" Literatur - "Ein gut erzogener Mensch kann alles sehen, alles hören und jedenfalls alles lesen. Ein gut erzogener Mensch wird bestimmt nicht verderben, wenn er versehentlich einen Erotikfilm sieht, einen Kriminalroman liest oder eine Folge der Schlagerparade hört.", so eröffnet der österreichische Autor Thomas Glavinic das kleine Büchlein "Unwürdige Lektüren. Was Autoren heimlich lesen". Ein großartiger Einstieg, der den Leser sofort zwingt, zu hinterfragen: Ist man selbst gut erzogen? Welche Lesevorlieben hat man? Sollte man Hera Lind, Susanne Fröhlich und die "GALA"-Ausgaben ganz schnell in die hinterste Ecke seines Bücherregals verbannen, dort wo sie kein Besucher sofort sieht? Goethe und Thomas Mann, Hegel, Sartre, Schiller, Kleist oder Heine machen sich eindeutig besser in vorderster Front. Warum ist man nur nicht gleich darauf gekommen? Da war die eigene Entwicklung wohl doch nicht ganz so mustergültig. Und überhaupt, das Fernsehen: da wurde eben noch das neueste Plasma TV-Gerät erworben und nun liest man, das dieses Medium Kluge klüger und Dumme dümmer macht. Welcher Klassifizierung ordnet man sich selbst zu? Wo fängt Klugheit an? "Manchmal braucht man dieses Gefühl der geistigen Leere" Man ist etwas verwirrt. Und diese Verwirrtheit wird beim Lesen von intellektuellen, manchmal wirklich glänzend geschriebenen Essays, auf Grund der gehäuft auftretenden - sich dem normalen Verständnis entziehenden - Fremdwörtern noch verstärkt und verlagert sich beinahe ins Frustrierende. Man fühlt sich ein wenig unterprivilegiert, da man meint, den Rückstand von derart prägenden Leseerlebnissen nie aufholen zu können. Liegt doch auf dem eigenen Nachttischchen nur die sogenannte Trivialliteratur mit ihren vereinfachenden, klischeehaften und oft eine "heile Welt" vorspiegelnden Themen wie Liebe, Tod oder Abenteuer. "Trotzdem macht das nichts.", meint Thomas Glavinic. "Der Konsum des Trivialen ist in gewissen Situationen notwendig. Vermutlich gibt es niemanden, der nicht manchmal am Abend so müde ist, dass er keine Kraft mehr hat für Komplexität und Hintersinn. Manchmal ist nur eines gefragt: Klarheit. Einfachheit. Unaufgeregtes Betrachten des Vorhersehbaren. Ob es ein Fernsehkrimi ist oder unwürdige Lektüre, manchmal muss man sich den einfachen Antworten ergeben. Solange es die Ausnahme bleibt, nicht zur Regel wird, ist es erlaubt." Danke, Thomas, Du rettest vor beginnenden Depressionen. "Manchmal braucht man dieses Gefühl der geistigen Leere eben auch.", pflichtet die österreichische Schriftstellerin Lisa Stift bei. Auch andere junge und nicht mehr ganz so junge deutschsprachige Autoren - darunter u. a. Daniel Kehlmann, Sabine Gruber, Alex Capus, Annette Pehnt, Julia Franck, Franzobel oder Martin Amanshauser - outen sich hinsichtlich ihrer nichtkanongemäßen Lesevorlieben. Die österreichische Literaturzeitung "Volltext" befragt regelmäßig deutschsprachige Literaten über ihre heimlichen Leselaster. Herausgeber Thomas Keul hat sie in diesem unterhaltsamen Bändchen zusammengetragen. In kurzen Essays verraten die Wortkünstler, was sie gerne lesen oder sie diskutieren einfach nur über den Begriff einer "unwürdigen Lektüre". Entstanden ist eine mal witzige, dann wieder tiefsinnige, ja auch intellektuelle Lektüre, die man getrost in einem Ruck durchlesen kann, besser jedoch immer wieder in kleinen Häppchen genießen sollte. ULYSSES vs. INSTYLE So erfährt der Leser zum Beispiel, dass der Schweizer Autor Alex Capus immer wieder versuche, sich mit den allergrößten Werken der Weltliteratur aufs Sofa zu setzen, "beseelt vom besten Willen ordnungsgemäß begeistert zu sein von der ersten bis zur letzten Seite - und dann finde ich's leider den größten Schmarren." "Der Mann ohne Eigenschaften" gab ihm genauso wenig wie "Ulysses" von James Joyce, bei denen er (wie bestimmt viele andere Leser auch) bis jetzt nie über Seite 232 bzw. bei letzterem gar nie über Seite 15 hinauskam. Oder Daniel Kehlmann, der am liebsten seine eigenen Texte liest. Für Felicitas Hoppe sind Bücher aller Couleur wie Brot und wenn sie von deren Lektüre nicht mehr satt wird, dann fängt sie selbst an zu schreiben. Was sonst? Ziemlich oft werden Krimis genannt - Steven King scheint dabei Favorit zu sein -, Karl May gehört bei vielen ebenfalls dazu. Aber auch der IKEA-Katalog scheint sich hoher Beliebtheit zu erfreuen. Oder hie und da eine Dosis Tratsch und Klatsch aus "Instyle", "In Touch" oder -oh la la - die erotischen Angebote der Hamburger Morgenpost. All diese fast durchweg großartigen Kolumnen über Literatur - unwürdig oder nicht - sind Gedankensplitter, die allein schon wegen ihrer ironischen, manchmal sarkastischen, ab und an leidenschaftlichen Bekenntnisse und ihren kreativen Begründungen lesenswert sind. Im Endeffekt jedoch ist "die hohe Kunst einer geheimen, zumal unwürdigen Lektüre (...) natürlich, sie geheim zu halten und kein Wort darüber zu verlieren.", meint die "Deutsche Buchpreis 2007"-Gewinnerin Julia Franck. Und so wird man am Ende den Gedanken nicht los, dass uns die Autoren doch nicht die ganze Wahrheit verraten haben. Doch egal, sie haben wunderbar unterhalten und machen das Buch äußerst lesens- wie liebenswert. Fazit: Keiner braucht sich zu genieren, wenn er sogenannte "unwürdige Lektüren" liest, denn auch die, die tagtäglich um die schönsten und klügsten Worte ringen - Schriftstellerinnen und Schriftsteller -, lesen auch nicht immer nur Goethe, Handke, James Joyce oder Kleist.

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