Der schon im Februar 1987 verstorbene Autor Georgi Demidow wusste sehr gut, von was er bei der vorliegenden Erzählung schrieb: er selbst war 1938 dem russischen Justizsystem der Stalinzeit ausgeliefert. Der Grund, dass er schrieb (allerdings erst ab 1958) war, dass ihm als Physiker die Forschung verwehrt blieb und er ohne Grund und Urteil ‚fünf Jahre Straflager für konterrevolutionäre Propaganda‘ erleben musste. Verlängerte Haft und Verbannung schlossen sich noch an.
Dass wir seine Texte lesen können, verdanken wir Demidows Tochter, denn am 20. August 1980 hatten Tschekisten die Papiere und vom Autor selbst seine Schreibmaschine mitgenommen. Er konnte die restlichen 6 ½ Jahre seines Lebens nicht mehr schreiben und starb im Glauben, dass sein Werk unwiderruflich verloren sei.
Mit der Erzählung ‚Zwei Staatsanwälte‘ erfahren wir sehr viel über die Willkür des ‚Rechtssystems‘ der 30er Jahre in Russland und über Andrej Wyschinski, Generalstaatsanwalt, Stalins Inquisitor und von 1949 – 1953 russischer Außenminister. An ihn erinnert eine Inschrift auf der grauen Marmorplatte, die gleich am Lenin-Mausoleum in die Kremlmauer eingelassen ist.
Aber wie schreibt Demidow so schön in seiner Erzählung: "Es ist seit Langem bekannt, dass demjenigen, der einen einzigen Menschen tötet, die allgemeine Verurteilung, die gesellschaftliche Ablehnung, der Galgen oder bestenfalls Gefängnis droht. Der Mörder von Millionen dagegen wird, da er immer im Namen einer Idee handelt, mit der dankbaren Anerkennung seiner Mitmenschen mit lebenslangem und posthumem Ruhm und mit stiller Anerkennung selbst durch seine Feinde belohnt. Und es ist besonders leicht für einen sogenannten Schreibtischtäter, wie es der ‚Theoretiker‘ Wyschinski war, sich vor sich selbst zu rechtfertigen."
Die Geschichte selbst handelt von dem jungen, ideal denkenden frischen Staatsanwalt Kornew Michail Alexejewitsch, dem über abenteuerliche Wege ein Streifen grauer Pappe mit Blut beschrieben von Stepnjak, I.S., aus der Zelle Nr. 83 im ‚Sonderblock‘ zugespielt wird. Er lässt sich auch von Schwierigkeiten nicht von einem Besuch bei dem Gefangenen abhalten. (Besonders diesen Teil empfand ich als sehr heftig!) Anschließend fährt er nach Moskau zum Generalstaatsanwalt Wyschinski, dem er von diesen Behandlungen und Ungerechtigkeiten im Gefängnis berichtet, im Glauben, damit das Richtige zu tun.
Am 19. Februar kommt wohl die Verfilmung dieses Kurzromans in die Kinos, ich weiß aber, dass ich mir das nicht antue - mir reichten schon die Beschreibungen im Buch! Diese Ohnmacht vor dem Regime, vor dem Rechtssystem, vor dem allmächtigen NKWD hat mich sehr, sehr aufgewühlt.
Ja, diese Lektüre war anstrengend, allein schon wegen der Menge der erklärenden Fußnoten, die jedoch nötig sind, um die Hintergründe zu verstehen. Als sehr wertvoll empfand ich auch den anschließenden Aufsatz ‚Das fremde Wort Freiheit’ von Thomas Martin! Leider ist dieser Kurzroman in der heutigen Zeit in Russland immer noch (oder wieder?!) aktuell wie nie! Sinnvoll wäre es, wenn Putinfreunde und -versteher diesen Roman lesen würden, aber ich bezweifle stark, dass diese daran Interesse hätten. Fünf Sterne bekommt dieses Meisterwerk von mir!






