„Haus zur Sonne“ erzählt von Menschen, deren Leben durch Krankheit und Erschöpfung aus den eigenen Bahnen geraten ist. Der Ich-Erzähler ist einer von ihnen. Er hat seine Arbeit verloren, die Liebe ist zerbrochen und sein Freundeskreis hat sich aufgelöst. Die bipolare Erkrankung hat ihm jede Kraft genommen, bis er nur noch den Wunsch hat, endlich zur Ruhe zu kommen. In dieser ausweglosen Lage lässt er sich in eine staatlich finanzierte Einrichtung einliefern, die allen Ankommenden jeden Wunsch erfüllt und gleichzeitig den letzten Schritt am Ende des Aufenthalts organisiert. Das Haus wirkt freundlich, fast tröstlich, und doch liegt über allem ein stilles Wissen darum, dass hier das endgültige Verschwinden vorbereitet wird.
Wann ist eine Krankheit tödlich?
Klingt seltsam, aber letztendlich ist die Antwort erschütternd einfach. Eine Krankheit ist dann tödlich, wenn der Mensch, der unter ihr leidet, nicht überlebt. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland laut Deutscher Depressionshilfe ca. 10000 Menschen durch Suizid und trotzdem verbindet man mit einer tödlichen Krankheit selten diesen Gedanken.
Thomas Melle nimmt sich genau diesem Thema an. Gnadenlos und schonungslos in Sprache und Darstellung. Selten habe ich psychische Erkrankungen, besonders Depression, so präzise in Worte gefasst erlebt. Gefühle werden so punktgenau ausgedrückt, dass ich es kaum für möglich gehalten habe.
Trotzdem habe ich unglaublich lange gebraucht, um dieses Buch zu lesen. Mir fehlte die Emotionalität, die dieses Thema für mich automatisch mit sich bringt. Das Mitgefühl für den Ich-Erzähler, die anderen Klienten. Die Passagen, in denen der Ich-Erzähler im „Haus zur Sonne“ an eine Maschine angeschlossen wird und in Simulationen all seine Wünsche erfüllt bekommt, waren für mich zu lang und zu fern von jeder Realität.
Ganz anders seine Reflexionen über die Institution selbst und über seine Zweifel an seinem Vorhaben, sein Leben zu beenden. Diese Teile sind mit einer wahnsinnig sprachlichen Wucht erzählt. Auch die zwischenmenschlichen Begegnungen innerhalb der Einrichtung werden eindrucksvoll und glaubwürdig beschrieben.
Richtig gepackt hat mich, dass es dem Ich-Erzähler vor allem darum geht, dass seine Familie und seine Freunde erkennen, dass seine Erkrankung nicht sein Charakter war. Dass viele seiner Handlungen nicht aus Bosheit oder Gleichgültigkeit entstanden sind, sondern aus Krankheit. Und nur deshalb
Während des Lesens habe ich mir so viele Fragen gestellt. Über die reine Wirtschaftlichkeit eines Ortes wie das „Haus zur Sonne“. Wer hätte am Ende die Macht, wirklich zu entscheiden, ob der letzte Schritt vollzogen wird? Wer dürfte überhaupt über eine Aufnahme bestimmen?
Ihr merkt schon, dieses Buch schenkt unzählige Denkanstöße über den WERT eines Lebens und zeigt, wie viele Blickrichtungen es darauf geben kann.