Die Welt im Rücken

von Thomas Melle 
4,2 Sterne bei52 Bewertungen
Die Welt im Rücken
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Radikal ehrlich, schonungslos, mitreißend. Ergriffen stehe ich vor Melles Welt und seinem Versuch, sich sein Leben "zurückzuschreiben".

M

Achterbahn eines Lebens.

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Inhaltsangabe zu "Die Welt im Rücken"

'Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz aufleuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund, und was Sie jahrelang von sich wussten, wird innerhalb kürzester Zeit ungültig. Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts mehr ist mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden.'

Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an der manisch-depressiven Erkrankung, auch bipolare Störung genannt. Er erzählt schonungslos und sprachlich brillant von seinem Umgang mit der Krankheit, von persönlichen Dramen und langsamer Besserung – und gibt so einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten vorgeht. Die fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiografisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft.

Das Buch stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016 und hat Presse und Leser gleichermaßen begeistert.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783499272943
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:352 Seiten
Verlag:ROWOHLT Taschenbuch
Erscheinungsdatum:20.02.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 26.01.2017 bei tacheles! erschienen.

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    leseleas avatar
    leseleavor 22 Tagen
    Kurzmeinung: Radikal ehrlich, schonungslos, mitreißend. Ergriffen stehe ich vor Melles Welt und seinem Versuch, sich sein Leben "zurückzuschreiben".
    "Wie erzählt man von sich als einem Idioten?" (S. 279)

    Die Welt im Rücken ist zwar mein erstes Buch von Thomas Melle gewesen, der Autor war mir aber schon vorher ein Begriff. Las oder hörte ich seinen Namen irgendwo dachte ich an die Nominierungen seiner Bücher Sickster und 3000 Euro für den Deutschen Buchpreis und an seine Theaterstücke, die in der gesamten Bundesrepublik gespielt werden. Kurzum dachte ich schlagwortartig an: Literaturbetrieb, Autor, intellektuelles Bürgertum, Erfolg, Preise, Geld. Wie falsch ich damit in gewisser Weise lag! Sicherlich, sein schriftstellerisches Talent, seine Erfolge beim Feuilleton und beim Publikum sind nicht zu leugnen und machen ihn zum Teil des literarischen Lebens in Deutschland. Und doch wird dies alles von einem einzigen Wort überstülpt: bipolar. Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an der manisch-depressiven Erkrankung. Und das dies mehr ist, als eine bloße Diagnose, sondern vielmehr eine lebenslange Erschütterung, die nicht nur das Leben des Betroffenen bestimmt, sondern weitergehend: dem Betroffenen jegliche Gewissheit über die eigene Identität, den eigenen Alltag, die Wirklichkeit um einen herum raubt, schildert Melle im vorliegenden Roman.

    Die bipolare Störung hat sich zwischen mich und alles gestellt, was ich sein wollte. Sie hat das Leben verunmöglicht, das ich leben wollte, selbst wenn ich von diesem kaum einen Begriff hatte. (S. 298)

    Thomas Melle geht bei der Schilderung seiner Krankheit weitgehend chronologisch vor. Das Buch teilt sich in die drei manisch-depressiven Episoden ein, die Melle 1999, 2006 und 2010 erlitt. Es entsteht somit eine „Geschichte des Wahns“, beginnend mit den ersten Anzeichen der Krankheit bis zum gegenwärtigen Umgang mit ihr. Melle versucht nah an die eigenen Krankheit zu gehen und vor allem die Manie, dieses Unbegreifliche, dem Leser, dem Nicht-Betroffenen halbwegs nachvollziehbar, halbwegs erlebbar zu machen. Dazwischen finden sich immer wieder Kapitel der Erläuterung, die medizinisches Fachwissen erhalten und es Melle erlauben, aus der Vogelperspektive heraus auf die eigene Erkrankung und das eigene erkrankte Ich zu blicken.

    Melles Intention beim Schreiben ist dabei so simpel wie in der Literaturgeschichte bekannt: das Schreiben dient ihm als Verarbeitung der Erkrankung sowie als Rückeroberung der eigenen Geschichte – vor allem da letztere ihm vom manischen und depressiven Ich in den letzten Jahren immer wieder gestohlen wurde. Alles andere als simpel ist jedoch seine Art des Schreibens: Melle traut sich etwas und zwar nicht allein weil er ein Tabuthema zur Sprache bringt, sondern weil er sich mit einer Intensität und Schonungslosigkeit in die eigene Krankheitsgeschichte stürzt. Eindringlich, manchmal beinahe erschreckend rauschhaft erzählt er von Paranoia, Selbstmordversuchen, selbstzerstörerischen Tendenzen und den Verlusten von Freunden, Alltag und Bewusstsein. Mein Mitleid – obwohl vom Autor in keiner Weise intendiert – wuchs von Seite zu Seite, bis ich am Ende einfach nur tief erschütternd vor diesem Schicksal stand. Dass Melle nicht nur über diese Krankheit schreibt, sondern gegenwärtig mit der Überzeugung leben kann „Dann werde ich dennoch weiterleben.“ (S. 348), flößt mit der größten Respekt ein!

    Wenn ich nicht wirklich versuche, meine Geschichte einzusammeln, die Stimme in eigener Sache unverstellt zu erheben, bleibe ich, auch und gerade im Leben, ein Zombie, ein Wiedergänger meiner selbst, genau wie meine Figuren. (S. 227)

    Daneben wurde es für mich fast unmöglich, den Text objektiv hinsichtlich Erzählweise und Schreibstil zu beurteilen. Tatsächlich hat mir die Machart von Die Welt im Rücken nicht immer zugesagt: Melle schreibt mir manchmal zu anspruchsvoll und intellektualisierend, gerade bei der Thematik hätte ich mir einen „volksnahen“ Stil gewünscht, mit dem viele Leute erreicht und über die Krankheit aufgeklärt werden. Auch hat die Geschichte, ja eigentlich die Krankheit, etwas sehr Wiederholendes und damit auch für den Nicht-Betroffenen/den Leser Ermüdendes. Doch letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen: Das ist Melles Buch! Er stellt seine bekannte Stimme nicht in den Dienst aller Erkrankten, er will nicht aufklären und sensibilisieren. Er will – ganz egoistisch – die Hoheit über das eigene Selbst zurück. Die Welt im Rücken wurde so geschrieben wie es geschrieben wurde, weil das die einzige Möglichkeit für den Autor darstellt, sein Leben wiederzuerlangen. Um mich als Leser geht es hier nicht. Diese Erkenntnis – gepaart mit der restlichen Lektüreerfahrung – hat mich einfach nur ergriffen. Dafür bewundernde, staunende und ergriffene 5 Sterne!

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    Babschas avatar
    Babschavor 2 Jahren
    Leben auf dem Drahtseil


    Der 1975 geborene und in Berlin lebende Schriftsteller und Übersetzer schreibt sich hier sein Leben von der Seele. In einer Autobiographie der besonderen Art. Denn Kernthema des Buches ist seine schwere bipolare Störung, genetisches Erbe mütterlicherseits, die seinen Geist nach einer sowieso schon schwierigen Kindheit erstmalig 1999 und nachfolgend dann nochmals 2006 und 2010 mit sich immer weiter verstärkender Tendenz überwältigt. Melle versinkt in den manischen Eröffnungsphasen über Monate hinweg, später dann länger als ein Jahr, in einem Strudel aus Realitätsverzerrungen, Fehl- und Überinterpretationen in Verbindung mit einem messianischen Empfinden der eigenen Person, und hinterlässt dabei eine Schneise verbaler wie tatsächlicher Verwüstungen an Menschen und Umwelt. Anfangs noch von Freunden unterstützt und finanziell wie praktisch über Wasser gehalten, wird sein Leben zuletzt nur noch beherrscht von Visionen und Ausfällen jeder Art, die ihn immer wieder in die geschlossene Psychiatrie führen. Und immer schließen sich nach der abklingenden Manie Phasen tiefer Depression mit akuter Suizidgefährdung an, in denen er erkennen muss, was er vorher alles im wahrsten Sinne "angerichtet" hat und vor Verzweiflung und Scham dann nicht mehr weiter weiß. Dazwischen dann wieder Abschnitte geistiger Klarheit mit so etwas wie einem "normalen" Leben, in die er jedoch immer schwerer zurück findet, erschwert nicht zuletzt dadurch, dass sein bisher letztes großes Desaster 2010 ihn auch finanziell ruiniert. 
     
    2016, das Jahr, in dem er das vorliegende Buch schreibt, hinterlässt einen weitgehend desillusionierten, nachvollziehbar gebrochenen Menschen mit einem kleinen Hoffnungsschimmer Richtung Zukunft, der aber genau weiß, dass ihn das Schicksal eines weiteren Anfalls trotz medikamentöser Eindämmung des Leidens aufgrund der lebenslangen Disposition für die Krankheit jederzeit wieder ereilen kann, und der sich dem trotz allem mit der noch vorhandenen Restkraft so gut es geht entgegen stemmt.

    Ein schonungsloses Buch, in dem der Autor keinerlei Rücksichten nimmt, schon gar nicht auf sich selbst, und in dem er verdammt ehrlich und offen den Leser an seinem krankheitsbedingt mittlerweile ziemlich verpfuschten Leben hautnah teilhaben lässt, dieses hier rigoros aufarbeitet. Er tut dies sowohl für sich wie für alle anderen, mal bewusst distanziert und sarkastisch, so als ob er von einem Dritten berichtet, dann wieder intensiv und direkt. Packend vor allem die Passagen, in denen er reale Entwicklungen ausbreitet, erzählt, was die Krankheit im wahren Leben für Auswirkungen hat. Schwächer allerdings, auf die Dauer fast schon ermüdend, die wiederholten ziemlich vergeistigten Berichte über die manischen Abschnitte, in denen er in gottgleicher Verklärung und am Rande des Wahnsinns nur so um sich tritt und brüllt, mit seiner gesamten Umwelt die offene Konfrontation sucht und sich in philosophisch-theologische Sphären aufschwingt, in die der Leser ihm dann tatsächlich kaum mehr folgen kann oder mag. Am besten und stärksten sind tatsächlich die Kapitel, in denen er aus Zeiten klaren Verstandes sein Leben selbst reflektiert und bewertet, quasi ein Akt von Schuld und Sühne im Versuch einer mentalen Selbstheilung, die natürlich nicht gelingen kann.

    Insgesamt ein außergewöhnliches, ehrliches, mitnehmendes, aber streckenweise auch ermüdendes Buch, bei dessen Lektüre man sich allerdings auch immer bewusst sein muss, von wem es mit welcher Intention und aus welchem Kontext geschrieben wurde. Davor Hut ab!

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    U
    UWEDUISvor 2 Jahren
    Die Zerbrechlichkeit der menschlichen Psyche


    Die Zerbrechlichkeit der menschlichen Psyche


    Thomas Melle „Die Welt im Rücken“


    Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz aufleuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund, und was Sie jahrelang von sich wussten, wird innerhalb kürzester Zeit ungültig. Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts mehr ist mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden.
     

    Thomas Melle wurde 1975 in Bonn geboren und wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Wie er sagt, wohnte er in einem „Haribo Slum“.
    Seine Romane „Sickster“ und „3000 Euro“ standen auf der Long- bzw. Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Auch „Die Welt lm Rücken“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zusätzlich schreibt Thomas Melle Theaterstücke.
    Thomas Melle leidet an einer manischen Depression, und dieses Buch ist eine Autobiografie seiner persönlichen Bipolarität. Die Symptome zeigten sich erstmalig während des Studiums 1999 in Tübingen. Der moderne Begriff für diese Krankheit lautet Bipolarität. Thomas Melle bevorzugt die ältere Bezeichnung. Für ihn klingt der Terminus Bipolarität zu technisch und verharmlost die Krankheit.


    Das Buch beginnt mit drei Prologen, die die drei Phasen der Krankheit beschreiben. Die Erzählung ist chronologisch aufgebaut, mit drei großen Kapiteln, 1999, 2006, und 2010. In diesen Jahren kam es zu manischen Schüben, die sich jedesmal steigerten. Und ein Kapitel 2016, das die Gegenwart schildert.
    Der manisch-depressive führt drei Leben: Die manische Phase:Die Phase der Euphorie, Aktivität und Selbstüberschätzung, die der Depression: Zustand der absoluten Passivität, selbst einfache Alltagstätigkeiten werden zu einer großen Herausforderung. Zwischen diesen beiden Phasen steht dann der Gesundete, um das entstandene Chaos in den beiden anderen Phasen zu beseitigen und zu verstehen. Da Ursachen für die bipolare Störung schwer zu ermitteln sind, versucht Melle mit der Beschreibung der Ereignisse seine Krankheit für ihn und damit auch den Leser begreifbarer zu machen.


    Im ersten Prolog beschreibt er eine depressive Phase, in der er sich von seiner Bibliothek trennt. Auch die Bibliothek kann Teil der Identität eines Menschen sein. Mit dem Verkauf der Bibliothek verliert Thomas Melle einen weiteren Teil seiner Identität. Jeder der eine Bibliothek besitzt, kann verstehen wie bitter es ist, seine Bücher zu verlieren.

    Der zweite Prolog behandelt die manische Phase. Bei Melle drückt sich dies in einer Fixiertheit auf prominente Menschen aus. So schildert er Sex mit Madonna und den Kontakt mit Björk, die ihm inzwischen auf die Nerven geht. 
    Der dritte Prolog, die Phase der Gesundung, ist eine sachliche Auseinandersetzung, mit der Krankheit. Die Suche nach Ursachen, medizinische und biochemische Erklärungen der Krankheit. Da die Krankheit jederzeit ausbrechen kann, fällt es ihm schwer die Krankheit als Teil seiner Persönlickeit zu akzeptieren. 
    So ist der Aufbau des gesamten Buches:Beschreibung der Depression, manische Phase und Analyse der Krankheit. Die Beschreibung der manischen Phasen nehmen den größten Teil ein.


    Er schreibt E-Mails mit zum Teil wenig sinnvollen Inhalten und wird zum Internet Troll. Terrorisiert seine Umgebung und geht seinen Freunden auf die Nerven, die sich von ihm trennen. Er leidet unter einer Paranoia, einem Verfolgungswahn, und sieht in allem an ihn gerichtete Botschaften, das können Schilder, Ampeln, Menschengruppen oder Texte in Popsongs sein. Die Umwelt wird intensiv wahrgenommen.


    „Man lebt in der Überzeugung, jeglichen und alles in seinen Bann ziehen zu können, ist bis in die letzte Nervenfasern von Kraft, Können, Allmacht, Glück und dann wieder von Panik, Wut und Schuld durchdrungen.“


    Diese Krankheit führt zu einem intensiven Leben, während der Manie einem Rauschzustand ähnlich. Er beschreibt schonungslos seinen Krankheitsverlauf und die Folgen: Verlust der Wohnung und Freunde, Suizidversuch. hoch verschuldet und Einlieferung in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie. Er spart peinliche und beschämende Tatsachen nicht aus. Er hat seinen Ruf ruiniert und es bleibt ein Gefühl von Scham zurück.


    Nach einer Aussage von Thomas Melle war er die Vorlage für die fiktiven Figuren in seinen Romanen und Theaterstücken, und hofft, er kann er sich nach dem Schreiben dieses Buches auch anderen Figuren widmen. 
    Diese Krankheit führte zu einer größeren Sensibilisierung gegenüber Menschen und der Gesellschaft und zu einer neuen Selbstwahrnehmung.


    „Ich kann nur sagen, dass ich nun Dinge kenne, die mir fremd geblieben wären, dass es da einen intuitiven Wissensschatz gibt, der mir zur Verfügung steht. Ich weiß, dass mein eigenes Leiden meine Empathie für andere verstärkt und verfeinert hat. Die Krankheit hat mich an Orte geführt, die furchtbar und erkenntnisreich zugleich waren, und kenne nun das ganze Spektrum der Gesellschaft, in der ich lebe; bin vielleicht, da von ihnen gegängelt, auch für die Repression dieser Gesellschaft noch stärker sensibilisiert. Die Krankheit mag mich auf ewig gebrochen haben. Vielleicht hat sie mich aber auch, gegen meinen Willen, erst zum Schriftsteller gemacht.“
    Die Schilderungen zeigen die Zerbrechlichkeit der menschlichen Psyche. Das Buch ist eine anstrengende Lektüre, aber in einer fesselnden Sprache geschrieben. Ich hätte den Roman gekürzt, denn es kommt zu Wiederholungen.


    Das Buch endet optimistisch. Zum Beginn des Buches schildert Thomas Melle den Verkauf seiner Bibliothek, am Ende des Buches beginnt er mit dem Aufbau einer neuen Bibliothek, und damit holt sich Thomas Melle ein Teil seiner verlorenen Identität zurück.




    Interview im Deutschlandfunk, am 26.August 2016 mit Thomas Melle Eine Videobesprechung des Romans: https://www.youtube.com/watch?v=d0IIaSUJbgE

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    Wordmicroscopevor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Chronik eines an manisch-depressiver Erkrankung leidenden Mannes
    Chronik eines an manisch-depressiver Erkrankung leidenden Mannes

    Die Chronik eines Mannes, der an einer bipolaren Störung leidet. Selbstportrait und Tagebuch zugleich zeigt Melle, wie die Erkrankung sein Umfeld angreift und ohne die Zuhilfenahme von Medikamenten auch ihn selbst.

    --> bipolare Störung ; manisch-depressive Erkrankung ; Kontrollverlust ; Einsamkeit ; Psychopharmaka

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    dominonas avatar
    dominonavor 2 Jahren
    Das Leben zerschossen?

    Ich wusste nicht, wie krass sich eine bipolare Störung äußern kann und zumindest die manischen Phasen sind hier regelrecht beängstigend dargestellt. Die depressiven Phasen sind dagegen schon fast Kindergarten und sind hier auch weniger intensiv dargestellt. 
    Der Schreibstil hat mich manchmal genervt, weil er so schnell-anstrengend sein soll, wie der Schriftsteller in seinen schlimmen Phasen. 
    Was bleibt ist ein furchteinflößender Eindruck einer Krankheit und ein Mensch, den ich nie richtig ernst nehmen könnte, auch wenn ich den Hut vor seiner Offenheit ziehe.

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    Xirxes avatar
    Xirxevor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Was bipolar für Betroffene bedeutet, ist in diesem Buch nachzulesen. Beklemmend, spannend, eindringlich - sehr sehr lesenswert!
    Leben im Ausnahmezustand

    Wie kann mich ein so ungeheuerlich beklemmend machendes Buch derart begeistern? Obwohl das Thema so entsetzlich ist, dass ich immer wieder innehalten musste, konnte ich es trotzdem kaum aus den Händen legen. Thomas Melle berichtet von seiner manisch-depressiven Erkrankung derart eindringlich, dass ich fast meinen konnte, eine Ahnung davon zu spüren, was er erlebte und noch immer erlebt.
    Schonungslos erzählt er von seinem Leben während der drei Schübe, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Darstellung seiner Person. Wie die Krankheit sein bisheriges Leben praktisch zertrümmert, bis von seinem ursprünglichen Selbst nur noch Bruchstücke vorhanden sind; wie er sich daraus wieder hervorkämpft und wieder zu Boden geht, um danach erneut vor den Trümmern dessen steht, was ihm wichtig war; wie er ganz unten landet und ihm dies erst ins Bewusstsein dringt, als es fast endgültig zu spät ist. Unglaublich, dass daraus ein Buch wie dieses entstanden ist in einer Sprache, die gleichermaßen die Kraft wie auch die Schwäche dieses Leidens so überaus intensiv darstellt.
    War Bipolarität bisher eine Krankheit, über die ich gelegentlich in der Zeitung etwas gelesen habe und dann entsetzt den Kopf schüttelte ("schon schlimm"), ist sie durch diese Lektüre etwas sehr Konkretes geworden. Allen die mehr über diese Erkrankung wissen wollen als 'nur' sachliche Informationen, empfehle ich dieses Buch wärmstens.
    Ich wünsche Herrn Melle von ganzem Herzen, dass er nie wieder solche Phasen durchleben muss. Und stattdessen den Roman schreibt, 'der das ganze Spektrum abdeckt'. Ich freue mich schon darauf!

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    leserattebremens avatar
    leserattebremenvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Thomas Melle nimmt einen mit auf einen regelrechten Trip durch das Leben eines manisch depressiven - verstörend, mitreißend, eindringlich!
    Großartige Literatur

    Der Erzähler in Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“ beschreibt sein Leben mit bipolarer Störung. Bekannter ist die Krankheit als manische Depression und so empfindet es auch der Erzähler als den passenderen Begriff. Manische Phasen, die bei ihm bis zu einem Jahr oder länger dauern könne, wechseln sich ab mit tiefen Depressionen ab, die ihn quasi handlungsunfähig machen. Immer tiefer rutscht er ab und kann Hilfe nur schwer akzeptieren.
    Der Autor Thomas Melle leidet selbst an der bipolaren Störung und auch wenn das Buch als Roman veröffentlicht wird, ist wohl vieles davon schlicht eigene Erfahrung. Dennoch habe ich das Buch als Roman, als -zumindest teilweise- Fiktion gelesen und mich hat es wirklich begeistert. Melle begeistert mit seiner Sprache, er reißt einen als Leser vollkommen mit, man kann sich von den Erfahrungen des Erzählers nicht mehr lösen und ist unmittelbar mit betroffen. All dies schafft er, ohne auf die simple Sensationslust zu setzen, es hat vielmehr etwas geradezu therapeutisches, dem Krankheitsverlauf zu folgen. Ob es für diese Geschichte und für diesen beschriebenen Menschen ein wirklich gutes Ende geben kann, lässt sich für mich nicht sagen. Es ist auch nicht unbedingt Sympathie für den Erzähler, die die Geschichte so nahe an einen heranbringt, es ist vielmehr die direkte und teilweise verstörende Sprache des Autors Melle, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt.
    Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ ist ein herausragendes Stück Literatur, das es meiner Meinung nach vollkommen zu Recht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Es ist so nah und unmittelbar, dass es einen auch nach Ende der Lektüre nicht loslassen will, es muss etwas sacken und man braucht etwas Zeit, das Gelesene zu verarbeiten und zu verstehen. Doch meiner Meinung nach ist dieses Buch einfach großartig, bewegend, mitreißend und sollte unbedingt viele Leser finden. 

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    Bommerlindas avatar
    Bommerlindavor 2 Jahren
    Leider überhaupt nicht das, was ich erhofft habe ...

    Gern hätte ich diese Rezension bereits vor der Verleihung des diesjährigen Deutschen Buchpreises veröffentlich, nur leider habe ich keine Zeit gefunden. Jetzt, einen Tag nach der Verleihung, meine Rezension, die ...... na, lest selbst.
    Der Autor Thomas Melle erkrankt Ende der 90er Jahre an einer Manischen Depressionen. Eine Erkrankung, die alles aus den Angeln hebt. Eine Erkrankung von der man am Rande vielleicht schon einmal gehört hat, sich aber nicht weiter damit beschäftigen möchte, sind psychische Erkrankungen doch noch immer ein Tabuthema. Wenn es sich dann noch um eine Bipolare Störung dreht, dann lässt man erst recht die Finger davon; zu verrückt die Menschen, die mit so einer Diagnose gestraft sind.
    Thomas Melle erzählt also in seinem Roman von seiner Erkrankung und will, so vermute ich zumindest, reinen Tisch machen. Endlich die Gesellschaft aufklären, was es mit dieser Erkrankung auf sich hat. Ja, der Leser soll all die Höhen und Tiefen erleben, denen er immer wieder ausgesetzt ist. Endlich jemand, der sagt, was es mit dieser Erkrankung auf sich hat. Jemand, der keine Scheu hat, sich zu outen. Jemand, dem es egal ist, was der Rest der Welt nach der Veröffentlichung des Buches noch von ihm hält - soweit schon der Inhalt.
    Für mich ist dieses Buch leider eine absolute Enttäuschung. Selbst unter den schlimmsten Depressionen leidend, wenn auch mit Medikamenten mittlerweile nach vielen Jahren des Leidens den Tiefen entkommen, erlese ich aus dem Roman keinen wirklichen Leidensdruck. Gut, Manische Depressionen sind keine reinen Depressionen, aber dennoch stellen die tiefen Depressionen das gleiche Krankheitsbild dar. Von einem Buch, das aufklären will, habe ich etwas anderes erwartet und vor allem auch einen anderen Ausdruck und eine vollig andere Schreibweise.  Kurze, prägnante Sätze hätten die Manie viel besser zur Geltung bringen können. Schnelligkeit ist hier gefragt. Alles rauscht vorbei. Nichts bleibt, alles ist schon wieder vorüber, was für nicht einmal eine Sekunde eben noch da war. Anstatt dessen ellenlange Sätze, die nicht mehr enden wollen und so dahinplätschern und beinahe einschläfernd sind, Tristesse aller Orten. Und was bitte ist an dieser Erkrankung humorvoll. Okay, man kann es rückblickend mit Humor nehmen, aber was will Melle bitte mit humorvollen Umschreibungen bezwecken? Zu keinem Zeitpunkt kann ich verstehen, was Melle mit diesem Roman wirklich aussagen will. Will er mit zwei Selbstmordversuchen die Dramatik der Depression wiedergeben oder was ist seine Intention?  Zumindest ist er nicht der große Aufklärer, für den er sich hält. Meines Erachtens ein Buch, das nichtssagend ist, ein Buch, das hätte nie geschrieben werden müssen, da es zumindest, was die Depression angeht, nur verhamlost und eine Manie in keinsterweise wiedergibt.
    Natürlich gibt es Unterschiede, jeder verspürt einen anderen Leidensdruck, jeder empfindet anders. Dennoch, wer wirklich etwas über die Erkrankung erfahren will, der darf nicht zu dieser Lektüre greifen, es sei denn, der Leser hat nicht andeutungsweise eine Ahnung, was diese Thematik angeht. Um langsam an diese Materie herangeführt zu werden, kann man diesen Roman vielleicht lesen, aber es gibt nicht das wieder, was diese Erkrankung ausmacht. Eine Manische Depression hat nichts humorvolles, wer so empfindet, der leidet meines Erachtens an etwas anderem, aber nicht an einer bipolaren Störung.
    Abschließend: Ich bin froh, dass Thomas Melle den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen hat. Ich frage mich auch wirklich, welche Kriterien angesetzt werden, damit man eben auf diese Longlist, bzw. im weiteren Verlauf auf die Shortlist kommt. Ich bitte da die Verantwortlichen, mir diese Frage zu beantworten.

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    MaLaPevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Achterbahn eines Lebens.
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    alascavor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Erschütternd. Chapeau für diese ebenso ehrliche wie literarische Aufarbeitung einer fortlaufenden Tragödie.
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    Ein erschütterndes, komisches, großartiges Buch.

    Ein fesselndes Buch. Melle hat sein Lebensbuch geschrieben.

    Hier haben wir es ohne Zweifel mit großer Literatur zu tun.

    Die Leistung eines Thomas Melle liegt darin, dass er nicht wegen, sondern trotz des Wahnsinns ein Genie ist.

    Melles Sprache hat es in sich. Wie sie mit furioser Energie und doch zärtlich die menschliche Existenz erfasst, das packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los.

    Eine enorme literarische Kraft.

    Schonungslos und wortgewaltig. Ein mutiges Buch.

    Ein Sprachwunder. Ein großes erzählerisches Werk.

    Das eindringlichste Leseerlebnis des Herbstes.

    Der Weltliteratur nahe. Plastischer war Depression höchstens mal bei David Foster Wallace.

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